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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.01.2010

Was ist Glück?

Michael Hampe: "Das vollkommene Leben", Hanser Verlag, 304 Seiten

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Drei Mädchen hüpfen vor Glück und Freude. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Drei Mädchen hüpfen vor Glück und Freude. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Unsere Vorstellung vom Glück ist in sich bereits schillernd und vielstimmig, doch selten hat sich ihr jemand so elegant und tiefgründig genähert wie der Philosoph Michael Hampe in seinem Buch "Das vollkommene Leben".

Was ist Glück? Und wie können wir es erlangen? Diese Frage ist fast so alt wie die Menschheit. Und hat im Lauf der Jahrtausende ebenso überzeugende wie widersprüchliche Antworten produziert. Glück durch Entsagung oder Glück durch Verwirklichung? Glück durch Individualität oder Glück durch Partizipation? Glück durch Haben oder Glück durch Sein?

Unsere Vorstellung vom Glück ist in sich bereits schillernd und vielstimmig, doch selten hat sich ihr jemand so elegant und tiefgründig genähert wie der Philosoph Michael Hampe in seinem Buch "Das vollkommene Leben". Hampe beginnt mit einem erzählerischen Trick. In etwas holpriger Sprache erzählt der verbitterte Philosoph Stanley Low von seinem gescheiterten Leben. Er hat nur einen Freund, Kolk, Gärtner der Calenberger Akademie, deren Schließung Low in den Vorruhestand versetzte.

Eines Tages berichtet Kolk von einigen vergessenen Manuskripten, die zur Beantwortung der "Calenberger Preisfrage - Wie finden die Menschen das Glück" eingesandt worden seien. Lows Ehrgeiz erwacht, und, unterstützt von Kolk, präsentiert er nun die vier überzeugendsten Texte.

Der erste beschreibt Glück als Abkehr von Aberglauben. Die Vernunft und ihre Umsetzung in der Wissenschaft sollen den Menschen von seiner Angst vor dem Tod befreien. Dazu bedarf es der Vervollkommnung der Dinge, der technischen Verfahren. Die zweite Abhandlung hingegen widmet sich der Vervollkommnung des Geistes. Glücklich ist, wer sich von allen Abhängigkeiten befreien kann, also dem Streben nach Lust, dem Streben nach Ehre, dem Streben nach Reichtum.

Denn Seelenruhe findet nur, wer es schafft, achtsam in der Gegenwart zu leben. Spätestens hier ist man beim Lesen in Hampes fein gesponnenes Netz geraten. Denn die beiden Texte sind jeweils für sich genommen vollkommen überzeugend, mit je eigener, der Sache kunstvoll angemessener Sprache. Und doch schließen sich die beiden Positionen auf den ersten Blick aus.

Der dritte Text ist eine düstere, vom freudianischen Denken beeinflusste Meditation über die Unmöglichkeit irdischen Glücks. Der zivilisierte Mensch kann nicht glücklich sein, da er seine Triebe und Instinkte niemals ausleben kann. Der Gegensatz zwischen Kultur und Natur ist unaufhebbar.

Auch dieser Denkansatz ist in sich stimmig, ebenso wie der des vierten Aufsatzes, der eine soziologische Perspektive vertritt und Glück als richtiges Verhältnis zwischen Dingen und Geistern beschreibt.

Dann entlässt uns der Autor wieder in die Rahmenhandlung, wo Kolk von Stanley Lows plötzlichem Tod berichtet. Hier wird klar, dass auch das Leben der beiden Männer zwei gegensätzliche Antworten auf die Frage nach dem gelungenen Leben darstellt: einerseits der engstirnige, selbstmitleidige Low, anderseits Kolk, der sich gelassen und selbstbewusst dem Werden der Welt anzupassen weiß.

Diese überaus raffinierte Erzählkonstruktion funktioniert als eindringliches Plädoyer für Toleranz und Lebensbejahung. Hampes Buch ist ein betörender vielstimmiger Kanon über die unterschiedlichen Möglichkeiten des Menschseins und den daraus entstehenden Reichtum an Perspektiven und Seinsweisen.

Die Anerkennung unserer Unterschiedlichkeit ist seiner Meinung nach die Grundvoraussetzung für Zufriedenheit. Und für das höchste Glück hält er es, in der Welt vorzukommen als der, der man selbst ist. Im Dasein geborgen. So lange es währt.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Michael Hampe: Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück
Hanser Verlag, 304 Seiten, 21,50 Euro

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