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Echtzeit | Beitrag vom 27.01.2018

Was ich Dir noch sagen wollte (10)"Ich bin so böse auf Dich"

Von Anka

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Eine Axt steckt in einem Baumstamm (Michael Aleo / Unsplash)
Lange hielt diese große Wut auf die Mutter: "Ich denke jeden Tag: Ich lieb' dich nicht." (Michael Aleo / Unsplash)

Die krasse Bevorzugung ihres Bruders verletzt sie heute noch. Sie sagt: "Ich weiß, dass eine Mutter nicht automatisch ihr Kind liebt, aber sie kann doch wenigstens so tun."

Liebe Mama, du bist jetzt elf Jahre tot. Als du gestorben bist, da habʼ ich gedacht, dass meine Welt aufhört, und ich habʼ nicht verstanden, wie sie sich für andere weiter drehen kann und wie das überhaupt weitergehen soll. Weil man sagt ja immer, alles geht vorbei und der Schmerz geht vorbei und das Leben geht weiter. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass mein Leben weitergeht. Nur für alle anderen. Alle anderen sind weiter auf Arbeit gegangen und sind früh aufgestanden und sind zur Straßenbahn gehetzt ...

… und ich wollte einfach immer nur schlafen. Weil, in meinen Träumen warst immer du. Und dann warst du nicht tot. Wenn ich in der Stadt unterwegs war, dann hab' ich dich gesehen und gegrüßt, obwohl ich wusste, dass du gar nicht mehr lebst. Ich hab' völlig fremden Frauen zugewunken und hab' mich 'nen Moment lang, 'ne Sekunde lang gefreut. Und irgendwann da konnte ich nichts mehr hören. Ich hab' nichts mehr hören können und bin zum Ohrenarzt gegangen und der sagte: Du kannst tatsächlich nicht hören, aber es liegt nicht an deinen Ohren. Ich hab' dann eine Therapie gemacht und in dieser Therapie wurde mir auf einmal bewusst, dass meine Kindheit ... ja, die war nicht gut, das wusste ich ... aber dass das alles noch viel schlechter war, als ich das eigentlich bewertet hatte. Du hattest maßgeblich Anteil daran, dass mein Bruder und ich keine gute Kindheit hatten und dass wir auch immer noch damit zu kämpfen haben.

Bis ich 30 war, habe ich dich betrauert

Das ist mir klar geworden, mit ungefähr 30. Bis dahin habʼ ich dich betrauert. Das hat sich nach und nach abgeschwächt, bis ich dann wütend wurde. Und dann wurde ich so wütend und hab' gehofft, es geht irgendwann vorbei. Und ehrlich gesagt hoffe ich das immer noch. Ich hoffe immer noch, dass ich dich irgendwann als die charmante, lustige, kluge Frau sehen kann, als die dich alle anderen wahrgenommen haben − und nicht als Mutter, die mehr auf sich fixiert war als auf ihre Kinder.

Nachdem du gegangen bist, waren wir drei Menschen. Wir hatten einander nichts zu sagen. Überhaupt nichts. Mein Vater, mein Bruder und ich, wir waren uns völlig fremd. Das hab' ich schon gemerkt, als wir das halbe Jahr immer im Auto zu dir ins Krankenhaus gefahren sind, dass wir uns nichts zu sagen hatten. Wie Fremde auf der Straße. Und ich hab' mich gefragt, wie kann das sein? Dann hab' ich gemerkt, dass der Grund dafür du warst! Das war ein Schock für mich.

Ich hab' immer gedacht, dass Papa der ist in der Familie, der uns alle terrorisiert, und dass du die bist, die uns beschützt. Dann habʼ ich gemerkt, dass das eben nicht so ist. Nicht du hast uns beschützt. Du hast dich beschützt. Das mache ich dir zum Vorwurf.

Aus unserer Serie "Was ich Dir noch sagen wollte". Hier alle Folgen im Überblick

Wir hatten diese Vier-Raum-Wohnung und wir hatten zwei Kinderzimmer. Eins war für meinen Bruder, und eins war für Dich. Und ich hab' im Bett des Vaters geschlafen. Das kannst du doch nicht in Ordnung gefunden haben. Mein Bruder hatte dieses Zimmer und da quollen die Schränke über vor Spielzeug − und ich hatte keins? Es ist mit diesem Abstand der ganzen Zeit für mich immer unglaublicher, wie wir eigentlich aufgewachsen sind und was du in Ordnung fandest, weil ich finde es heute nicht mehr in Ordnung. Diese krasse Bevorzugung meines Bruders, die verletzt mich heute noch.

Ich weiß, dass eine Mutter nicht automatisch ihr Kind liebt, aber sie kann doch wenigstens so tun. Ich habʼ das runtergeschluckt, weil immer, wenn ich protestiert habe, wurde mein Protest gleich klein gemacht und gesagt: "Spiel dich nicht so auf, hab dich nicht so wichtig und sei ruhig!" Und das war ich dann auch. Später, als ich dann mit 20 immer noch diese Probleme ansprach, da wurde mir dann gesagt: "Du hast ja nie was gesagt!" Das war schon sehr unfair.

Wenn ich heute an Frauenzeitschriften vorbeigehe, dann kommt da mindestens einmal im Jahr das Thema "Die besondere Beziehung − Mutter Tochter". Ich finde unsere auch besonders. Ich finde die ganz besonders schlecht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich meiner Tochter meine abgetragene Unterwäsche gebe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Tochter sich selber aufklärt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich meiner Tochter in 25 Jahren nicht einmal sage: "Ich hab' dich lieb."

Mich gab's erst mit deinem Tod

Wenn ich andere sehe, andere Familien, andere Mütter, andere Töchter, wie die miteinander umgehen, dann zeigt mir das immer, was bei uns gefehlt hat − und das tut immer noch weh. Mich gab's da einfach gar nicht. Mich gab's erst mit deinem Tod. Da hab ich gemerkt, dass ich ja doch noch 'ne Familie habe. Ich dachte, mit deinem Tod, das war's jetzt. Aber wir haben's geschafft ohne dich. Und wir haben's gut geschafft.

Ich mag heute gar nicht mehr auf den Friedhof gehen und dir Blumen hinstellen, weil ich so böse auf dich bin. Ich weiß nicht, wie das weitergeht. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann an den Punkt komme, dass ich Dich als Mensch sehe und nicht als Mutter. Und du warst ein guter Mensch. Du warst eine ganz starke Frau, die sich durchgekämpft hat. Vielleicht überwiegt dieses Gefühl irgendwann mal, wenn ich über dich spreche oder an dich denk'. Aber im Moment ist es so, dass ich jeden Tag im Schlechten an dich denke. Ich denke jeden Tag: Ich lieb' dich nicht. So wie andere vielleicht sagen: Ich liebe dich. Jeden Tag.

"Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich leb' in euch und geh' durch eure Träume" (Michelangelo)

In dieser Serie sprechen Menschen zu Verstorbenen. Zu ihren Eltern, Geschwistern, Kindern oder Freunden. Sie sagen ihnen die Dinge, die sie ihnen zu Lebzeiten nicht sagen konnten − aus den verschiedensten Gründen.

Die Autorin Margot Litten sprach zunächst Menschen auf Friedhöfen an. Doch schon bald meldeten sich die ersten Hörer, die selbst sehr bewegende Geschichten zu erzählen hatten. Es sind zu einem großen Teil ihre Botschaften, die in dieser Serie zu hören sind.

Hilfsangebote zur Suizidprophylaxe und bundesweite Beratungsmöglichkeiten finden Sie hier

Fazit

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