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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.12.2008

Was bekommt Kim Jong Il geschenkt?

Von Malte Herwig

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Kim Jong Il (AP)
Kim Jong Il (AP)

Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, den größten Gabentisch der Welt zu besichtigen: Eine in den Berg gehauene Schatzkammer mit über 180 Räumen voller Geschenke, der Eingang streng von Soldaten bewacht. Es sind Präsente, die Besucher aus aller Welt dem nordkoreanischen Diktator und "ewigen Präsidenten" Kim Il Sung mitbrachten, der eigens zur Aufbewahrung eine "Freundschaftsausstellung" in den Myohyang-Bergen vor Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang bauen ließ.

In einem halben Jahrhundert hatte sich bei Kim Il Sung allerlei angesammelt: 222.522 Geschenke – man hatte genau zählen lassen. Nordkorea ist ein kommunistisches Land, aber der Personenkult um Vater und Sohn Kim trägt quasi-religiöse Züge. Nur hießen die heiligen drei Könige des Kommunismus Mao, Stalin und Ceausescu, und sie brachten nicht Weihrauch, Myrrhe und Gold, sondern gepanzerte Limousinen, Eisenbahnwaggons und Gewehre.

Von den Sandinisten aus Nicaragua ein ausgestopftes Krokodil mit Tablett und Whiskygläsern, ein Lehnsessel von Tito, eine kuriose Kuckucksuhr "von Drillingen aus der DDR" – wie auf jedem Gabentisch gesellt sich hier Nützliches zu Nutzlosem. Umtauschen kommt ja nicht in Frage, das versteht sich bei Gastgeschenken von selbst. Es ist ein Schatz von orientalischen Ausmaßen. Nun ja, vielleicht nur ein Verschnitt aus 1001 Nacht und Quelle-Katalog, oder woher hatte Chinas Präsident Li Peng 1991 die billige Stereoanlage?

Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Für viele Deutsche ist das in der Vorweihnachtszeit trotz Krisenstimmung eine typische Luxusfrage. Für die Staatsgäste, die das bitterarme Nordkorea besuchen, ist es ein Problem. Denn die Menschen im Norden des geteilten Landes leiden unter Hungersnöten und Armut, während die Regierung Geld in die Produktion von Nuklearwaffen steckt. Aber Kim Il Sungs Sohn und Nachfolger Kim Jong Il hat gleich neben dem Vater seine eigene Schatzhöhle, in deren Zentrum eine Digitalanzeige den aktuellen Besitzstand angibt: Bis dato 56.474 Geschenke.

Wie so häufig sagen auch hier die Geschenke mehr über den Spender als über den Empfänger. Das billige Wodka-Set von Putin? Eigentlich eine Frechheit. Der von Michael Jordan signierte Basketball, den die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright Kim Jong Il mitbrachte? Nicht ohne Hintersinn, wenn man bedenkt, dass der etwas kurz geratene Diktator Plateausohlen trägt. Der Computer eines südkoreanischen Unternehmens? Wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl angesichts der Tatsache, dass das Internet in Nordkorea verboten ist.

Ein Geschenk aber war etwas Besonderes: In einer Vitrine lag ein Stück der Berliner Mauer, gewidmet 1990 von einer anonymen Spenderin aus Deutschland. Es war berührend, dieses Symbol friedlich überwundener Teilung zu sehen. Denn Nord- wie Südkoreaner wollen nichts lieber, als wieder vereinigt zu werden.

Im unterdrückten Nordkorea könnte das symbolträchtige Mauerstück aus dem fernen Deutschland die Hoffnung stiften, für die das Weihnachtsfest steht, dachte ich mir. Seit Jahrzehnten isoliert die kommunistische Diktatur das Land völlig von der Außenwelt. Die meisten Nordkoreaner, die durch Kims Schatzhöhle geführt werden, wissen wahrscheinlich nicht einmal, wo die deutsche Mauer stand und wer sie eingerissen hat. Und wenn sie es wüssten, dann käme ihnen das vielleicht wie ein Weihnachtsmärchen vor: Es war das Volk, das da laut protestierend durch die Straßen zog und sich selbst von Diktatur und Teilung befreite.

Für uns Deutsche aber ist es kein Weihnachtsmärchen, wir müssten es besser wissen. Dieses Mauerstück in Nordkorea sollte uns daran erinnern, was wir angesichts unserer Alltagssorgen und - klagen gerne vergessen: Dass wir die Wiedervereinigung unseres nicht ganz armen Landes einer friedlichen Revolution verdanken.

Malte Herwig, Autor und Publizist (privat)Malte Herwig (privat)Malte Herwig ist Journalist, Literaturkritiker und Auslandsreporter. 1972 in Kassel studierte er in Mainz, Oxford und Harvard Literaturwissenschaften, Geschichte und Politik. Nach der Promotion in Oxford wurde er Journalist und schreibt seitdem unter anderem für die New York Times, ZEIT, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine und Vanity Fair. Zuletzt war er mehrere Jahre Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL und lebt nun als freier Autor in Hamburg. Für sein Buch "Bildungsbürger auf Abwegen" (Verlag Vittorio Klostermann) erhielt er 2004 den Thomas-Mann-Förderpreis. Zuletzt erschien "Eliten in einer egalitären Welt" (wjs-Verlag).

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