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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 24.07.2011

Warum die Pille für den Mann nicht kommt

Über Marktprinzipien, Rollenbilder und Testergebnisse

Von Sigrun Damas

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Die erste Antibabypille für Frauen auf dem deutschen Markt hörte auf den Namen "Anovlar". Die erste Pille für Männer lässt auf sich warten. (AP)
Die erste Antibabypille für Frauen auf dem deutschen Markt hörte auf den Namen "Anovlar". Die erste Pille für Männer lässt auf sich warten. (AP)

Angekündigt wird sie schon seit Jahrzehnten. Auf dem Markt ist sie immer noch nicht. Die Pille für den Mann - eine Art Mediengespenst.

"Und nun endlich scheint ein akzeptables hormonelles Verhütungsmittel für den Mann gefunden zu sein","

hieß es Ende der 80er-Jahre in einem Fernsehbericht. Aber die Pille kam nicht. Mitte der 90er war im WDR zu hören:

""Die Wissenschaft hat die Gleichberechtigung von Mann und Frau einen großen Schritt voran gebracht. Nach über 20-jähriger internationaler Forschung ist die Pille für den Mann theoretisch fertig."

Theoretisch - in der Praxis blieb die Pille für den Mann eine Luftnummer. Im Jahr 2001 wurde dann wieder verkündet:

"In fünf Jahren soll die Pille für den Mann auf den Markt kommen."

Heute, zehn Jahre später, ist es immer noch nicht soweit. Die Pille für den Mann lässt auf sich warten. Warum ist das so? - Eine kniffelige Frage, und sie ist nicht nur medizinisch zu beantworten. Aber die Spurensuche beginnt erst einmal hier: im Herzen der Verhütungsforschung.

Institut für Reproduktionsmedizin der Universität Münster. Hier kennt man sich gut aus mit der Forschung an der Fruchtbarkeit des Mannes. Generationen von Wissenschaftlern haben sich mit dem Thema schon beschäftigt. Aktuell leitet der Facharzt Michael Zitzmann die Forschungen, ein freundlicher ruhiger Mann. Aber auch ihn haben die Jahre des Wartens auf die Männer-Pille inzwischen etwas zermürbt:

"Seit über 40 Jahren ist das Prinzip bekannt. Und man weiß auch, dass das funktioniert. Es gibt immer wieder Studien, die das auch testen. Aber auf den Markt eingeführt wurde es immer noch nicht. Richtig verstehen kann ich das auch nicht."

Wie es geht, wissen Mediziner schon lange. Das Prinzip ist auf den ersten Blick etwas paradox. Der Mann muss Testosteron bekommen, damit er unfruchtbar wird.

"Letztlich produziert der Körper in den Hoden Testosteron und Spermien. Und wenn man Testosteron von außen zuführt, denkt der Regelmechanismus: Es ist genug da – und stellt die Steuerhormone ein. Das heißt, der Hoden wird schlafen gelegt. Es wird kein Testosteron mehr produziert und auch keine Spermien."

Um deren Produktion ganz sicher auszuschalten, verabreichen die Mediziner den Männern außerdem noch ein zweites Hormon, Gestagen. Und es funktioniert: Die Spermienproduktion sinkt. Von 40 Millionen auf Null. Eine sichere Sache, das haben inzwischen Studien an über 2000 Männern weltweit gezeigt, sagt der Reproduktionsmediziner.

"Wir wissen, wenn keine Spermien da sind, ist die Sicherheit im Vergleich zur Pille für die Frau deutlich höher. Es ist so sicher, als wären die Samenleiter unterbunden worden. Es gibt weltweit keinen Fall von einer Schwangerschaft bei Männern, die keine Spermien haben."

Machbar und sicher. Kling doch ganz gut. Ein paar kleine Unannehmlichkeiten gibt es dann aber doch. Bis die Spermienzahl komplett heruntergefahren ist, dauert es nämlich ein paar Monate, bei den meisten Männern zwei bis drei. Außerdem schrumpfen die Hoden. Und Langzeiterfahrungen mit der Hormongabe gibt es auch noch nicht, denn die meisten Studien dauerten bisher nur etwa zwei Jahre. Vor allem aber: Der Mann kann seine Hormone nicht als Tablette schlucken. Die Leber würde sie gleich in Östrogene umwandeln – Brustwachstum wäre die Folge. Also bekommt der Mann eine Spritze, alle zwei Monate, in die Gesäßmuskulatur.

"Die Spritze ist leider ein schmerzhaftes Erlebnis. Wie die meisten Schmerzen in den Muskeln","

gesteht Clemens, 29 Jahre alt. Er ist einer von rund 50 Männern, die die Spritze für den Mann zurzeit testen, hier am Institut für Reproduktionsmedizin in Münster und im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO. Für Clemens und seine Partnerin war die Entscheidung klar:

""Weil meine Frau sehr schlecht die Pille verträgt, haben wir gesagt, dass wir das mal so rum ausprobieren. Letztlich ist es das Praktischste. Alles andere ist ja schnell relativ Lust tötend oder mit diesen Nebenwirkungen verbunden. Aber die Pille fand ich schon sehr extrem bei meiner Frau. Richtig Depressionen gekriegt und sich körperlich unwohl gefühlt."

Aber die Spritze für den Mann hat auch Nebenwirkungen:

"Mir geht das so, dass ich in der Woche danach mich ziemlich fit fühle, ein bisschen hengstisch in der ersten Woche und dann erstmal in ein Loch falle. Und dann ist alles ausgeglichen."

Nachtschweiß, Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme. Aufwallende oder abflauende Lust – immerhin jeder zehnte Versuchsteilnehmer klagt über Nebenwirkungen. Das ist auch ein psychisches Phänomen, wie sich zeigen wird. Und es ist ein Grund dafür, dass es die Spritze für den Mann noch nicht gibt.

Um das genau zu verstehen, begeben wir uns ins Reich der Pharmaindustrie. Hier wartet die erste Überraschung: Denn es gibt derzeit kein großes Pharmaunternehmen, das an der hormonellen Empfängnisverhütung für den Mann forscht. Bayer Schering, weltweit Marktführer bei der Pille für die Frau, hat sich vor fünf Jahren mit einer letzten Studie aus der Forschung verabschiedet. Ein regelmäßiger Pieks in den Po, das komme beim Mann einfach nicht so gut an, sagt Unternehmenssprecherin Friederike Lorenzen

"Männer gehen nicht gerne zum Arzt und Männer bekommen nicht gerne Spritzen."

Auch die sensible Psyche des Mannes war in den Studien aufgefallen. Denn selbst diejenigen, die nur ein Scheinpräparat bekommen hatten, klagten über Stimmungsschwankungen und andere Nebenwirkungen. Immerhin fast jeder Zehnte.

"Ja, kann man nicht erklären. Das ist der sogenannte Placeboeffekt. Wenn Leute meinen, sie nehmen etwas ein, dass sie dann sowohl den Effekt als auch die Nebenwirkungen haben können. Das ist, glaub ich, ein psychologischer Effekt."

Ist die Angst des Mannes vor den Hormonen so groß? Für die Pharmabranche jedenfalls war klar: Finanziell lohnt es sich nicht. Die Spritze würde kein Verkaufsschlager werden.

"Nach der Studie hat man festgestellt, dass die Darreichungsform letztlich nicht so markttauglich ist, also letztlich nicht auf eine breite Akzeptanz stoßen würden. Und man hätte quasi wieder von vorne anfangen müssen mit einer neuen Darreichungsform. Und von daher hat sich Bayer Schering entschlossen, dieses Geld lieber in die Forschung für Frauengesundheit zu investieren."

Denn auf diesem Markt lassen sich jährlich Milliarden verdienen. Verhütung ist eben Frauensache. Eine lang gehegte Tradition. Dass der Mann noch immer nicht hormonell verhüten kann, hat also auch gesellschaftliche Gründe

"Die Idee, dass Frauen für die Verhütung zuständig sind, hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer mehr verfestigt","

schreibt die niederländische Technologie- und Genderforscherin Nelly Oudshoorn in ihrem Buch "The male pill" - Die Pille für den Mann. Das Thema Verhütung sei feminisiert, meint die Autorin. Insofern ist es auch kein Wunder, dass an der Pille oder Spritze für den Mann nur wenig geforscht wird. Die Budgets sind verschwindend gering.

Die Andrologie – das Gegenfach zur Gynäkologie – bis heute ein Randgebiet. Die Forschung dümpelt so daher, seit Jahrzehnten. 2000 Männer weltweit haben die Empfängnis verhütenden Hormone bisher am eigenen Leib getestet – gegenüber Millionen von Frauen, die es seit 50 Jahren tun. Woran liegt das? Will der Mann überhaupt hormonell verhüten? Und will die Frau, dass er es tut? Eine kleine Umfrage gibt erste Hinweise:

""Ich halte Hormonbehandlungen allgemein für problematisch, auch die Pille bei der Frau. Ansonsten sehe ich alle Entwicklungen in Richtung Gleichberechtigung positiv, nur hab ich Angst vor der Nadel – also vor der Spritze."

"Ich glaube, dass die Männer zu viel Angst um ihre Potenz hätten, als dass sie zu so einer Chemikalie greifen würden."

"Grundsätzlich ist das ne super Idee. Aber Frauen tragen nun mal die Kinder aus. Und deswegen glaube ich, dass es weiter so bleiben wird, dass die Hauptverantwortung bei den Frauen liegt."

"Ich find's prinzipiell ne gute Idee, aber ich kenn mich mit dem Thema nicht so gut aus. Deswegen weiß ich nicht, ob ich's machen würde oder nicht."

Ganz grundsätzlich finden alle die Spritze für den Mann erst einmal gut. In repräsentativen Umfragen signalisieren über 70 Prozent der Befragten Zustimmung. Das hat nichts zu sagen, meint Katrin Späte, Geschlechterforscherin am Institut für Soziologie der Universität Münster. Sie sieht die Sache nüchtern:

"Umfragen gegenüber bin ich grundsätzlich skeptisch, weil es sich um Selbstauskünfte handelt. Und man eben viel sagen kann. Aber ob man es dann tatsächlich in der Praxis macht, das ist dann eine ganz andere Sache."

Der öffentliche Druck, der Ruf nach männlicher Verhütung mit Hormonen – er ist nicht übermächtig groß. Mal rief die Frauenbewegung danach, mal die Politik, zur Geburtenkontrolle in bevölkerungsreichen Staaten. Die Niederländerin Nelly Oudshoorn schreibt:

"Aber der Ruf nach hormonellen Verhütungsmitteln kam niemals von den potentiellen Nutzern selbst – den Männern."

Die Genderforscherin hat die historische Entwicklung der öffentlichen Meinung gründlich unter die Lupe genommen. - Rein medizinisch gesehen, könnte es die Spritze für den Mann also längst geben. Allein, es fehlt der Nutzer. Das liegt auch am männlichen Selbstverständnis, vermutet der Soziologe und Männerforscher Torsten Wöllmann von der Universität Gießen:

"Es scheint nicht zum Selbstbild von einer Reihe von Männern zu gehören. Männlichkeit ist häufig definiert über Stärke, über Kraft, über Aggression, über Konkurrenz, - aber nicht so sehr über Fürsorglichkeit in einer Partnerschaft und über Verantwortung bezogen auf Sexualität. Und insofern ist das Einnehmen von hormonellen Verhütungsmitteln eine Bedrohung der körperlichen Souveränität."

Und die Frau – will sie es überhaupt? Die Soziologin Katrin Späte ist sich da nicht so sicher.

"Ich denke, das ist grundsätzlich eine Frage von Vertrauen. Das wird sich dann auch in der Praxis so beweisen müssen, ob Frauen ihren Männern so vertrauen, dass sie diese Pille dann auch regelmäßig nehmen. Sie müssten sich ja dann darauf verlassen, dass das auch regelmäßig passiert, und das ist ja als Vorleistung sehr riskant."

Es geht also nur im Team. Die Spritze für den Mann - ein Nischenprodukt für feste Paare. Und deswegen sind für die aktuelle WHO-Studie, die zurzeit an der Universität Münster läuft, auch nur Paare zugelassen. Abgeschlossen wird sie übrigens im nächsten Jahr. Ob die Spritze für den Mann dann endlich auf den Markt kommt? Studienleiter Michael Zitzmann schmunzelt bei dieser Frage.

"Nein, jetzt würde ich keine Prognose mehr wagen. Die Menschen sind auch müde geworden. Wir haben das ja immer wieder gesagt: Die Spritze für den Mann kommt jetzt irgendwann, und wir sind soweit. Und dann stimmte das alles nicht, es kam wieder nicht. Insofern haben viele es auch aufgegeben, darauf zu warten. Und ich selber weiß es auch nicht, ob das jemals auf den Markt kommen wird."

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