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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 02.11.2006

Warum das "abgehängte Prekariat" keinen Anschluss findet

Von Dieter Rulff

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Dieter Rulff (privat)
Dieter Rulff (privat)

Das Fortschrittsgefühl der postmodernen Gesellschaft hat der Philosoph Peter Sloterdijk einmal als die Empfindung von Passanten auf einer Rolltreppe beschrieben, auf der man automatisch voran kommt. Es ist ein Fortschritt im Stillstand, der jedem seinen Aufstieg garantiert und bei dem jedes individuelle Vorwärtsdrängeln, das darüber hinaus geht, als eine Störung der gesellschaftlichen Choreografie angesehen werden muss.

Die Rolltreppe ist schon vor einiger Zeit ins Stocken geraten. Der Schaden wird als irreparabel angesehen. Das gemeinsame Gleiten ist einem drängelnden Stolpern gewichen. Die hohen Stufen, die zuvor noch dem Fortschritt seine soziale Ordnung gaben, erweisen sich nun als hinderliche Barrieren, an deren Überwindung der Einzelne seine Stärke erweist.

Bei vielen hat sich das Gefühl breit gemacht, dass ohne Rolltreppe das Vorwärtskommen einfacher wäre. Aber einige sind auf ihrer Stufe einfach stehen geblieben und nicht wenige im allgemeinen Gedrängel zurück gefallen. Dort harren sie nun darauf, dass es noch einmal vorwärts geht und hadern mit sich und der Mechanik. Doch sie sind abgehängt, weil es den Fortschritt für alle nicht mehr gibt.

Als der SPD-Vorsitzende Kurt Beck vor zwei Wochen seine Sorge bekundete, dass in weiten Teilen der Bevölkerung das Streben nach sozialem Aufstieg nachlasse, dass diese Teile sich mit ihrer Situation materiell und kulturell arrangiert hätten, da blendete er für einen Augenblick den Scheinwerfer der öffentlichen Aufmerksamkeit auf diesen Pulk am unteren Ende der gesellschaftlichen Rolltreppe.

Und als ein paar Tage später die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie über die sozialdemokratischen Wählermilieus verbreitete und jeden zwölften zum "abgehängten Prekariat" zählte, da staunte diese Öffentlichkeit, wie groß das Unten der Gesellschaft mittlerweile geworden ist. Und fing sogleich an, darüber zu streiten, ob dieses Unten auch Unterschicht genannt werden dürfe. Ganz so, als bürge ein anderer Name bereits für eine bessere Lage.

Nun ist das Unterschichten-Problem, von dem Kurt Beck sprach, nicht neu. Wer die Daten des Statistischen Bundesamtes aufmerksam studiert, konnte es Jahr für Jahr wachsen sehen. Bezeichnenderweise rückten die Armen und Ausgeschlossenen zunächst nicht um ihrer selbst willen in den Fokus allgemeiner Aufmerksamkeit, sondern weil die Kosten, die sie verursachen, den Faktor Arbeit verteuern. Schon bevor sich mit Hartz VI das wahre Ausmaß an zwar Erwerbsfähigen aber nicht -tätigen offenbarte, richteten sich die Blicke auf jene Fälle eklatanten Missbrauchs, welche das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden verletzten.

Man machte die Bekanntschaft von Florida-Rolf und wurde mit den Alkoholiker-Karrieren in Hamburg Mümmelmannsberg und den Parallelwelten von Berlin-Neukölln konfrontiert. Man lernte den Zusammenhang von Unterschicht und Fernsehen ebenso kennen, wie den von Unterschicht und Übergewicht. Das alles wurde als Symptom eines fehlgeleiteten und fehlleitenden Fürsorgestaates genommen.

Doch in dem Maße wie dieser umgebaut wird, in dem Maße wie Fürsorge mit Fördern und vor allem Fordern übersetzt wird, offenbaren sich auch die Grenzen staatlicher Mobilisierung und die Hilflosigkeit der Beckschen Appelle.

Es gibt durchaus Sozialhilfekarrieren, die sich mit Stütze, Bier und Burger- King eingerichtet haben. Deren Kinder muss man mit einem umfassenden Bildungs- und Betreuungsangebot vor dem Schicksal ihrer Eltern bewahren. Aber es ist eine Minderheit, die das verfestigte Bild von der Unterschicht prägt. Interventionen bleiben so lange fruchtlos, so lange sich den Aufstiegsmotivierten, und das ist die Überzahl in der Unterschicht, keine Aussicht auf Arbeit bietet.

Die ihnen von Hartz IV abverlangte Mobilität ist die eines Hamsters in seinem Rad. Und die Beckschen Appelle an ihren Aufstiegswillen greifen zu kurz, weil sie die materiellen Bedingungen dieses Aufstieges nicht ins Auge nehmen. Doch sie können nicht weiter greifen, weil sie diese Bedingungen nicht ohne erhebliche staatliche Leistungen verbessern können. Die würden zu Lasten der Schichten in der Mitte der Gesellschaft gehen, welche in der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung als eigentliche Zielgruppen sozial- aber auch christdemokratischer Politik ausgemacht werden.

Deren Zustimmung zur Regierungspolitik hängt großteils davon ab, dass sie nicht zusätzlich belastet werden. Denn sie fühlen sich zunehmend von der Aussicht bedroht, selbst einmal zum Kreis der Ausgeschlossenen zu gehören. Die Angst vor Abstieg ist längst in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Doch sowenig dagegen ein System kollektiver Sicherheit schützen kann, sowenig erwächst aus dieser Bedrohung bereits eine Bereitschaft zur Hilfe.

Die Gesellschaft richtet sich damit ein, dass sie einem großen Teil ihrer Mitglieder keine Erwerbsarbeit bieten kann. Auch die Politik verabschiedet sich allmählich von der Lebenslüge Vollbeschäftigung. Den Betroffenen kann sie häufig keine Perspektive mehr bieten. Doch sollte sie ihnen nicht auch noch den Rest an sozialer Anerkennung versagen und sie allein für ihre Lage verantwortlich machen. Auch wer nichts verdient, verdient Respekt.


Dieter Rulff, Journalist, Jahrgang 1953, studierte Politikwissenschaft in Berlin und arbeitete zunächst in der Heroinberatung in Berlin. Danach wurde er freier Journalist und arbeitete im Hörfunk. Weitere Stationen waren die "taz" und die Ressortleitung Innenpolitik bei der Hamburger "Woche". Vom März 2002 bis Ende 2005 arbeitete Rulff als freier Journalist in Berlin. Er schreibt für überregionale Zeitungen und die "Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte". Ab 1. Januar 2006 Redakteur der Zeitschrift "Vorgänge".

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