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Samstag, 20.01.2018

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.03.2006

Warnung vor einer nordamerikanischen Hegemonie

Jean-Noël Jeanneney: "Googles Herausforderung"

Rezensiert von Jörg Plath

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Hauptgebäude des Suchmaschinen- unternehmens Google in Mountain View im US-Bundestaat Kalifornien (AP)
Hauptgebäude des Suchmaschinen- unternehmens Google in Mountain View im US-Bundestaat Kalifornien (AP)

Der Autor Jean-Noël Jeanneney warnt in seinem Buch "Googles Herausforderung" vor einer nordamerikanischen Hegemonie, weil das Unternehmen in den nächsten Jahren rund 15 Millionen Bücher von US-Universitätsbibliotheken im Internet durchsuchbar machen will. Die für das Selbstverständnis der Nationen so wichtige kulturelle Überlieferung mag er nicht in den Händen der Privatwirtschaft sehen.

Eine "kleine Kampfschrift" annonciert Jean-Noël Jeanneney im Vorwort seines Buches "Googles Herausforderung". Schließlich ist der Präsident der Französischen Nationalbibliothek genuiner Erbe einer revolutionären Tradition.

Er warnt in "Googles Herausforderung" vor einer nordamerikanischen Hegemonie, weil das Suchmaschinenunternehmen in den nächsten sechs Jahren 15 Millionen Bücher der Universitätsbibliotheken von Stanford, Michigan, Harvard und Oxford sowie der New York Public Library einscannen und im Internet durchsuchbar machen will:

"Im kulturellen Bereich, aber auch in allen anderen Bereichen würde das Ungleichgewicht der Welt zunehmen, und eine dominante Kultur würde den Status einer Hypermacht bekommen."

Jeanneney will Europa gegen die USA mobilisieren. Der Bibliothekspräsident hatte Googles Vorhaben und die ähnlichen, wenn auch kleiner dimensionierten Pläne von Yahoo, Microsoft und Adobe zunächst als Verwirklichung eines alten Menschheitstraums begrüßt: Sämtliches Wissen der Menschheit zugänglich zu machen. Doch die für das Selbstverständnis der Nationen so wichtige kulturelle Überlieferung mag er nicht in den Händen der Privatwirtschaft sehen.

Jeanneney schlug Alarm und motivierte sechs europäische Staatsoberhäupter im letzten Jahr zu einer Digitalisierungsgegenoffensive. In den nächsten Monaten müssen die nationalen und europäischen Entscheidungen für eine "digitale europäische Bibliothek" fallen. Noch ist deren Finanzierung fraglich.

In "Googles Herausforderung", vor einem Jahr in Frankreich erschienen, legt Jeanneney seine Bedenken gegen das Vorgehen der Amerikaner dar. Gefährlich sei die "Firmenphilosophie des schnellen Profits". Zwar biete Google die Suche in den digitalisierten Büchern kostenlos an, verdiene aber Geld mit Werbung, die neben den Trefferlisten erscheint. Es bestehe die Gefahr, dass jene Bücher oben platziert würden, die die größten Werbeeinnahmen brächten - anstelle des vielleicht wichtigsten Titels möglicherweise in einer zu der Werbung passenden Sprache.

In kultureller Hinsicht warnt Jeanneney vor zusammenhanglosen Wissensbrocken, vor der Bevorzugung und der Dominanz der englischen Sprache, vor der Konzentration auf die Massenkultur sowie der Vernachlässigung des Neuen, Unbekannten und Minoritären. Er befürchtet gar ein Erstarken der Privatwirtschaft gegenüber dem öffentlichen Sektor. Ungeklärt sei angesichts des rapiden Veraltens von Computerprogrammen die Haltbarkeit der Daten und was mit ihnen geschehe, falls Google Bankrott gehe.

Wichtige und streitbare Einwände stehen in diesem Pamphlet neben den zumindest hierzulande skurril wirkenden: Jeanneney zitiert niemand anderen als Charles de Gaulle mit der Warnung, wer sich dem Markt unterwerfe, werde von den Amerikanern kolonisiert.

Dass von einem Mann, der sich um "die künftigen globalen Machtverhältnisse" sorgt, keine Details über so kleinliche Fragen wie Kosten, Urheberrecht oder Digitalisierungstechnik zu erwarten sind, versteht sich von selbst.

Über diese Quantités negligeables schreibt der Bibliothekspräsident einige bürokratisch anmutende Seiten, die zusammenzufassen nur alten Hasen der Parlamentsberichterstattung gelingen dürfte.

Und wie klingt es, wenn der Mann, der zwei nationalen Rundfunksendern vorstand und ebenso vielen nationalen Regierungen als Minister und Staatssekretär angehörte, in seiner Kampfschrift zu den Barrikaden ruft? "Unsere Entscheidungsträger in Paris, Berlin, Rom, Madrid und anderswo, vor allem aber in Brüssel, täten gut daran, das (die vorteilhafte ökonomische Dynamik kultureller Aktivitäten) nicht aus den Augen zu verlieren."

Übernehmen Sie, Exzellenzen!


Jean-Noël Jeanneney, Googles Herausforderung.
Für eine europäische Bibliothek.
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger und Sonja Fink.
Mit einem Nachwort von Klaus-Dieter Lehmann.
Klaus Wagenbach Verlag. Berlin 2006.
116 Seiten, 9,90 Euro.

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