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Studio 9 | Beitrag vom 07.09.2016

WahlkampfberatungDie verknappte Welt des Frank Stauss

Von Wolf-Sören Treusch

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Ein Porträt von Berlins Regierendem Bürgermeister Müller vor einem Wahlplakat der SPD (picture alliance / dpa / Sophia Kembowski)
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller wird im Wahlkampf von Frank Stauss in Szene gesetzt (picture alliance / dpa / Sophia Kembowski)

In elf Tagen wird in Berlin gewählt, die Wahlkämpfe der Parteien laufen auf Hochtouren. Für die SPD-Kampagne ist der Politikberater Frank Stauss verantwortlich. Wie er denkt und arbeitet, hat Wolf-Sören Treusch recherchiert.

"Hier in der Agentur werden wir mit so vielen Bildern, visuellen Eindrücken jeden Tag bombardiert, das brauche ich dann nicht auch noch an der Wand."

Frank Stauss mag es schlicht. Ein einziges riesiges Schwarz-weiß-Foto hängt in seinem Büro im sanierten Industriebau an der Wand. Es zeigt die Eingangshalle des Kanzleramts - zu einem Zeitpunkt, als Gerhard Schröder noch an der Macht war.

"Ich habe damals schon gesagt, als wir da 2005 rausgeflogen sind, so schnell kommen wir hier nicht mehr rein’, aber so langsam wäre es mal wieder an der Zeit."

Bittere Niederlagen und große Siege

Seit über zwanzig Jahren macht Frank Stauss Wahlkampf. Vor allem für die Sozialdemokraten. Es gab bittere Niederlagen: mit Gerhard Schröder oder Peer Steinbrück. Aber auch großartige Siege: mit Hannelore Kraft, Klaus Wowereit, Olaf Scholz.

Im Frühjahr verhalf er der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer zu einem überraschenden Erfolg. Aus einem Zehn-Punkte-Rückstand in den Umfragen wurde innerhalb weniger Wochen ein Vier-Punkte-Vorsprung am Wahlabend. Das hat seinen Ruf als Troubleshooter gestärkt.

"Wahlkämpfe sind am Ende auch Vereinfachung, Verknappung, und gerade in der Situation, in der wir heute sind, in der sich die Leute immer später entscheiden und in der sie sich immer weniger informieren, dann müssen Sie umso klarer werden in den Aussagen."

Klare Kante zeigen, nennt das Frank Stauss. Nur so blieben Spitzenkandidat und Partei glaubwürdig.

Die Parteien müssen klare Kante zeigen

"Wenn die SPD nicht 'ne klare Kante beweist, dann dringt sie medial auch gar nicht mehr durch. Eine Partei ist ja auch Orientierungsanker. Die muss ja wie ein Leuchtturm rausragen, wo die Leute sagen können: Hier sind die zwei, drei Punkte, das ist für mich eindeutig SPD, dafür steht die, und das kann mir jetzt gefallen oder nicht."

Aktuelles Beispiel Berlin. Eines der Wahlplakate zeigt eine Muslima mit Kopftuch und langem Mantel, die auf einer Rolltreppe dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller entgegenfährt. Die Botschaft ist klar: Kulturelle Offenheit gehört zum Berliner Alltag. Frank Stauss ist auch für diese Wahlkampagne verantwortlich.

"Wir haben vor fünf Jahren im Wahlkampf für Klaus Wowereit eigentlich auch ein Motiv gehabt mit einer Muslima und 'nem Kopftuch, hat keinen Menschen interessiert, insofern zeigt das, was sich in den fünf Jahren oder vielleicht erst im letzten Jahr verändert hat in der Wahrnehmung. Und genau deshalb haben wir das Motiv ja auch geschaltet, um die Leute ein bisschen zum Nachdenken zu bringen: Was hat sich jetzt eigentlich tatsächlich in deinem Leben verändert? In deinem Alltag? Oder schaust du nur anders hin?"

In den vielen Gesprächen, die er vorher mit Michael Müller hatte, stellte der Wahlkampfprofi fest: Das ist ein Thema, das den Regierenden Bürgermeister am stärksten aus der Reserve lockt.

"Wenn ich suche nach Ansatzpunkten: Was elektrisiert diesen Menschen, für den ich da Wahlkampf mache, dann habe ich jetzt gerade in Zeiten der Flüchtlingsdebatte immer mitbekommen, das treibt ihn wirklich um: dieser Zusammenhalt in der Stadt, und so entsteht dann auch so ein Plakat. Tatsächlich ist es so, dass ich mithelfe, das herauszukitzeln, was am Ende den Unterschied macht."

Wer nicht für uns ist, ist gegen uns

Und: Er spitzt gerne zu. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Gelernt hat er das in den USA, 1992, als er in der Kampagne von Bill Clinton und Al Gore um die Präsidentschaft mitarbeitete. Die Amis seien einfach unschlagbar in ihrem radikalen Optimierungsprozess, sagt er. Körbe voll mit Post gab es damals, und die einzigen Briefe, die die Kampagnenmitglieder beantwortet haben, waren die der Unentschlossenen.

"Den hat man die Argumente gegeben, warum sie jetzt für Clinton/Gore abstimmen sollten, und ich habe das vorher bei uns in Wahlkämpfen, natürlich auf kleiner Ebene, in Deutschland mitgemacht, und da saßen wir immer und haben uns bei jedem Brief, und sei er noch so unverschämt, einen abgebrochen, um den zu beantworten, und der wanderte da halt einfach in den Müll. Und ich habe das gesehen und gesagt: 'Ja, ihr habt völlig Recht, in den Müll damit, was soll ich mich damit aufhalten, der Mensch wird nie SPD wählen, oder Clinton/Gore in dem Fall, wirf es einfach weg'."

Knallharte Wahrheiten mit sanfter Stimme

Die Radikalität hat er sich bewahrt. Sie passt zwar nicht ganz zu seiner sanften Tonlage und den Petit fours, die auf dem Besprechungstisch darauf warten, verzehrt zu werden. Aber vielleicht ist das genau das Erfolgsrezept: knallharte Wahrheiten mit sanfter Stimme zu kommunizieren. Gern würde Frank Stauss die SPD auch 2017 im Bundestagswahlkampf beraten.

"Wir sind schon in genug Schlachten gezogen, wo alle gesagt haben: 'Ihr seid ja komplett wahnsinnig', wir haben auch welche verloren, das gehört zur Wahrheit dazu, wir haben aber auch einige gewonnen, wo es keiner erwartet hat, insofern habe ich jetzt keine großartigen Bedenken, gegen Angela Merkel in den Wahlkampf zu ziehen, sie ist jetzt seit 2005 dran, ich finde: Das reicht dann auch."

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