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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.02.2016

Wachsende ArmutHartz IV im Harz

Von Christoph Richter

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Hartz IV als Graffiti in roter Schrift, nach der dünne, zittrige Hände greifen (picture alliance / Wolfram Steinberg)
Besonders die Altersarmut wächst rasant im Harz. (picture alliance / Wolfram Steinberg)

Der Harz ist bundesweit eine der ärmsten Regionen. Hartz IV im Harz - das Wortspiel wurde seit 2002 oft bemüht. Doch hat die staatliche Finanzhilfe den Menschen vor Ort tatsächlich eine Perspektive geben können?

"Arbeitslosigkeit ist ziemlich hoch, wenn, da kann man nur etwas für Montage kriegen, was anderes nicht."

Nüchtern schildert der 26-Jährige aus Eisleben stammende Marko die Realität. In Sachsen-Anhalt stagniert zwar die Zahl der Hartz IV-Empfänger, auch – Achtung Wortspiel – im Harz. Dennoch gehört die Region – bundesweit - zu den großen Sorgenkindern.

"Wenn wir hier nur auf die Harzer Tafeln schauen, da merkt man das doch. Ist doch natürlich, klar." 

Allein die Tafel in Quedlinburg am nördlichen Harz-Rand nehmen monatlich 1800 Menschen in Anspruch, so Kai-Gerrit Bädje. Sozialwissenschaftler und Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt im Harz. Das sei schon eine ganz schön hohe Konzentration von Armut. Und Bädje ergänzt, dass im Harz mehr als die Hälfte aller Hartz IV-Empfänger vier Jahre oder länger von staatlichen Hilfen leben.

"Insofern verdichtet sich, verhärtet sich der Teil der Langzeitarbeitslosen, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt mehr haben."

Marlies Röbbeling. Früher war sie Verkäuferin, jetzt ist die Anfang 60-Jährige die Leiterin der Tafel in der UNESCO Weltkulturerbe-Stadt Quedlinburg. Großer Reichtum an Baudenkmälern, viel Armut unter Hartz IV-Empfängern.

"Wir sind schon fast an unserer Grenze. Es gibt ja auch Tafeln, die keine Kunden mehr aufnehmen können, weil sie ja auch nur mit der Ware handeln können, die sie haben. Und was nützt es, wenn ich nur für 50 was habe und es kommen 100."

Schnell wachsende Altersarmut

Die Quedlinburger Tafel befindet sich in einem ehemaligen festungsartigen Gefängnis, vor den Fenstern befinden sich dicke Gitter. Es gibt eine Kleiderkammer, einen Möbelmarkt und das Restaurant mit Herz, ein Sozial-Restaurant. Hier können Hartz IV-Empfänger für kleines Geld jeden Tag ein warmes Essen bekommen.

Bei der Quedlinburger Tafel arbeiten etwa 60 Mitarbeiter. Fast alle machen das ehrenamtlich.

Besonders prekär aber sieht die Situation allerdings am Südrand des Harzes aus. Hier beziehen knapp zwei Drittel aller Erwerbslosen Hartz IV. Damit ist die Heimat Martin Luthers sowas wie ein Hartz IV-Notstandsgebiet.

Großes Kopfzerbrechen bereitet Tafel-Organisatorin Marlies Röbbeling aber die schnell wachsende Altersarmut.

"Das berührt mich ganz doll …"

Nach Angaben der Arbeitsagentur ist die Zahl der Arbeitslosen, die älter als 50 sind, innerhalb nur eines Monats in Sachsen-Anhalt um 4300 auf jetzt knapp 50.000 Menschen angestiegen.

"Was hat eine DDR-Frau verdient? 400, 450 Mark. Und dann können sie sich ja ausrechnen, wie die Rente aussieht."

Studien zufolge werde die Zahl der Rentner, die künftig auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind, bis 2020 auf fast 30.000 Senioren ansteigen. Also um mehr als das Vierfache. Einer der Gründe, warum das Wortspiel "Hartz IV im Harz" gar nicht lustig sei, sagt Tafel-Organisatorin Marlies Röbbeling.

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