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Kalenderblatt | Beitrag vom 30.08.2017

Vor 60 JahrenDer Film "Berlin - Ecke Schönhauser" wird uraufgeführt

Von Katja Nicodemus

Straßenschild Schönhauser Allee in Berlin (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Heute wie damals legendär: Die Schönhauser Allee in Berlin-Prenzlauer Berg. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Die 50er-Jahre waren die Zeit von Petticoat, Rock 'n' Roll und sogenannten Halbstarken. Auch in der DDR fand das Lebensgefühl der jungen Nachkriegsgeneration den Weg auf die Leinwand: In dem Film "Berlin - Ecke Schönhauser", der heute vor 60 Jahren uraufgeführt wurde. Das Drehbuch schrieb Wolfgang Kohlhaase.

Ihre Namen sind Dieter, Kohle, Karl-Heinz, Angela. Sie singen, tänzeln und lümmeln herum. Sie scherzen und flirten und sind sich selbst genug. Die Jugendlichen, die sich in Gerhard Kleins Film "Berlin - Ecke Schönhauser" an einer Ostberliner Kreuzung unter der U-Bahnbrücke treffen, sind Halbstarke im wahrsten Sinne des Wortes.

"Du traust Dich doch nicht Kohle." - "Ne Mark ist viel zu wenig."

Nach einer kleinen Provokation landet die Clique auf der Polizeistation. Schnell wird klar: Die jungen Leute haben keine Lust auf Erwachsene und schon gar nicht auf den Staatssozialismus. Der arbeitslose Kohle geht lieber in West-Berlin ins Kino.

"Wie viele Filme hast Du drüben schon gesehen?" - "Mindestens hundert!"

Porträt einer verunsicherten Generation

Als sich der Volkspolizist den gutaussehenden Dieter vornimmt, tritt die Spannung zwischen den Generationen wenigstens offen zutage.

"Was interessiert dich denn überhaupt? Das würde mich interessieren." - "Schwer zu sagen. Motorräder." - "Und sonst?" - "Fußball." - "Und sonst?" - "Sonst nichts, und am besten ist, sie lassen uns überhaupt in Ruhe."

Der Defa-Film "Berlin - Ecke Schönhauser" wurde im Oktober 1956 ohne Genehmigung der DDR-Behörden gedreht und am 30. August 1957 im Ostberliner Kino "Babylon" uraufgeführt. Er zeichnet das Porträt einer haltlosen, verunsicherten Generation. Seine Helden sind zerrissen zwischen dem neuen sozialistischen Menschenideal und der verführerischen Konsumwelt Westberlins. Verloren zwischen den eigenen Sehnsüchten und der Verdrängungssucht der Eltern. Angela wird regelmäßig von ihrer verwitweten Mutter vor die Tür gesetzt, weil diese ihren Vorgesetzten und Liebhaber empfängt.

"Ich strebe die Scheidung an. Ja, aber das ist schwierig." - "Ich will aber nicht mehr warten, verstehste, ich will nicht mehr warten. Ich bin immer alleine gewesen seit dem Krieg. Ich will nichts mehr, was weh tut."

Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. auf den 67. Internationalen Filmfestspielen in Berlin am 16.02.2017 zur Pressekonferenz der Literaturverfilmung "In Zeiten abnehmenden Lichts". (dpa / Jörg Carstensen)Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. auf den 67. Internationalen Filmfestspielen in Berlin 2017 . (dpa / Jörg Carstensen)

Verloren zwischen den politischen Systemen 

Verloren sind die jungen Helden dieses Films auch zwischen den politischen Systemen zweier junger deutscher Staaten und ihren auseinanderdriftenden Wegen.

"Atomwaffen für die Bundeswehr. Milliarden für die Aufrüstung!"

Das Drehbuch zu "Berlin - Ecke Schönhauser" schrieb Wolfgang Kohlhaase. Aus seinen Dialogen spricht Berlin, spricht der Schönhauser Kiez, sprechen Danziger- und Eberswalder Straße, spricht das Tanzlokal "Prater." Da ist die Natürlichkeit und Lebendigkeit, das Alltagsleben der Stadt, eben jenes Berliner Icke-Gefühl, das Kohlhaases Arbeit bis heute ausmacht.

"Die Dialoge sind geschrieben mit Freude an Berliner Sprache, aber mehr als eine soziale Ebene, es geht nicht um modische Ausdrücke, es ist eine erfundene Sprache, aber sie bedeutet die Wirklichkeit."

Und zwar die ganz konkrete Berliner Wirklichkeit vom Ende der Fünfzigerjahre. Kohlhaase macht den Film zu einem deutschen Stimmungs- und Zeitbild. Und er macht spürbar, dass dabei eine wirkliche Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte auf der Strecke bleibt.

"Wenn sich die Filmbilder nicht trafen mit den Wunschbildern der Politik, dann gab es Konflikte."

In Westdeutschland verboten

Schwarzmarkt, eine Jugend auf kriminellen Abwegen, hilflose, ignorante oder auch brutale Erwachsene: Schon vor Beginn der Dreharbeiten hatte die Hauptverwaltung Film die kritische Darstellung der jungen DDR moniert. Doch dann half dem Film das sowjetische Tauwetter, jene kurze Etappe der Fünfzigerjahre, in der auch in der DDR die Auseinandersetzung mit der sozialistischen Wirklichkeit zugelassen wurde. In "Berlin - Ecke Schönhauser" findet sich dieser kritische Geist in der von Ekkehard Schall gespielten Figur des jungen Dieter.

"Warum kann ich nicht leben, wie ich will, warum habt Ihr lauter fertige Vorschriften? Wenn ich an der Ecke stehe, bin ich halbstark, wenn ich Boogie tanze, bin ich amerikanisch. Wenn ich das Hemd über der Hose trage, ist das politisch falsch." - "Und wenn du redest, ist es Quatsch." - "Da hast du‘s."

Drei Monate nach seiner Uraufführung hatte "Berlin - Ecke Schönhauser" in Ostdeutschland 1,5 Millionen Zuschauer erreicht. In Westdeutschland hingegen wurde die Vorführung verboten – vom "Interministeriellen Ausschuss für Ost-West-Filmfragen", einem Gremium, das die eventuelle Verfassungsfeindlichkeit von aus sozialistischen Ländern importierten Filmen prüfte. Weshalb der Film zensiert wurde, ist bis heute unklar. Wohl weil sich in diesem DDR-Film und seinem hilflosen Volkspolizisten auch eine westdeutsche Erwachsenengeneration wiedererkannte, die der Nachkriegsjugend keinen Halt geben konnte.

"Was soll’n  jetzt werd’n?" - "Geh‘ nach Hause!"

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