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Tonart | Beitrag vom 05.04.2018

Vor 30 Jahren erschien Tracy Chapmans DebütalbumChronistin von Rassismus, Gewalt und Armut

Von Johanne Burkhardt und Olga Hochweis

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Tracy Chapman (imago/ZUMA Press)
Tracy Chapman bei einem Auftritt im Jahr 1988 (imago/ZUMA Press)

Die junge Tracy Chapman spielt 1988 auf dem Geburtstagskonzert von Nelson Mandela im Wembley-Stadion in London - neben Superstars wie Whitney Houston oder George Michael. Wegen einer Überbrückung technischer Probleme durfte sie noch ein zweites Mal auf die Bühne. Danach wird ihr Debütalbum zum Welterfolg.

Eigentlich wollte Tracy Chapman nie auf die großen Bühnen der Welt. Aber, auch hier wollte es der Zufall anders. Die damals 23-Jährige Studentin spielte in kleinen Cafés und Klubs auf dem Campus ihrer Uni in Boston, als ihr Kommilitone Brian Koppelman, Sohn eines einflussreichen Musikproduzenten, sie dort entdeckte.

Chapman selbst glaubte nicht daran, dass sich viele Menschen für ihre Musik interessieren könnten. Koppelmans Bitte, Demos ihrer Songs aufzunehmen, lehnte sie ab. Doch der begeisterte Mit-Student fand im Archiv des Uni-Radios einige Aufnahmen und spielte sie seinem Vater vor. Kurze Zeit später unterschrieb die bescheidene Chapman ihren ersten Plattenvertrag bei Elektra Records. Innerhalb von acht Wochen nahm sie ihr Debütalbum auf.

Die Musik ist ebenso einfach wie eindringlich. Einige Lieder bestehen nur aus wenigen Akkorden oder einem einzigen Riff. Der Song "Behind The Wall" kommt ganz ohne instrumentale Untermalung aus.


Das Album klingt sehr persönlich und obwohl nicht alle Lieder autobiografisch sind, schreibt Chapman sie aus der Ich-Perspektive. Das schafft eine unmittelbare Nähe und auch die Texte Chapmans sprechen vielen offenbar aus dem Herzen. So singt sie in ihrem wohl berühmtesten Song "Fast Car" vom Streben nach einem besseren Leben. Der bescheidene "American Dream".

Musikkritiker Stephen Thomas Erlewine sah rückblickend in dem Album ein Element, das die Political-Correctness-Bewegung ins Rollen brachte.

Chapman brachte wieder einen ernsthaften Ton in die Popmusik

Tracy Chapman brachte in den hedonistischen 80er-Jahren wieder einen politisch bewussten, ernsthaften, aufrichtigen und persönlichen Ton in die Popmusik. In dem wohl temporeichsten Song der Platte, "Why" hinterfragt Chapman Widersprüche ihrer Zeit. Warum etwa nennen Sie Bomben "Peacemaker" oder warum ist eine Frau selbst dann nicht sicher, wenn sie in ihrem eigenen Zuhause ist?

Das Album gewann drei Grammys, verkaufte sich in Deutschland sogar öfter als Michael Jacksons "Thriller". Dennoch sah Chapman sich nicht als Star, oder Aktivistin. Aus der Öffentlichkeit hat sie sich längst zurückgezogen, ihre Musik aber bleibt zeitlos und ihre Kritik ist auch 30 Jahre später noch aktuell.


Aus dem Rampenlicht hat sich Tracy Chapman zwar zurückgezogen, dennoch ist sie weiterhin als Musikerin und Songwriterin sehr aktiv, sagt Musikkritikerin Olga Hochweis im Deutschlandfunk Kultur. 

"Sie macht weiter Musik, schreibt neue Songs, die Gitarre steht direkt neben dem Bett, hat sie mal verraten. Alle paar Jahr erscheint ein Album, 2015 das letzte, Greatest Hits. Ihre letzte Tournee liegt allerdings schon zehn Jahre zurück. Chapman lebt zurückgezogen in San Francisco, widmet sich humanitären Projekten, vor allem für afro-amerikanische Kinder, geht oft an den Strand oder wandern. Auftritte macht sie nur noch zu ausgewählten Anlässen, und das auch vor allem anderen zuliebe, vor ein paar Jahren für die Obamas, oder in der Letterman Show 2015 mit einem Cover von Stand by me."

Vor wenigen Wochen gab es eine Botschaft an die Fans

Zum 30. Jubiläum ihres Debütalbum ist sie vor ein paar Wochen allerdings an die Öffentlichkeit gegangen, sagt Olga Hochweis. So habe Chapman über Facebook die Fans aufgerufen, persönliche Geschichten rund um dieses Album oder zu einzelnen Songs einzuschicken. Daraus sei ein E-Book zusammengestellt worden, das zum freien Download bereitstehe. 

Aber: "Insgesamt macht sie sich sehr rar. Auch deshalb passt dieses Label 'Black Dylan' ganz gut, das im Zusammenhang mit ihrem Namen hin und wieder fällt", sagt Olga Hochweis.

Immer mal wieder sei Tracy Chapman mit Bob Dylan verglichen worden. So haben die Songs von Bob Dylan sie zwar geprägt, aber auch Joni Mitchell und Simon & Garfunkel seien für sie inspirierend gewesen, wie Tracy Chapman selbst einmal erzählt hat, sagt Olga Hochweis. So habe allgemein das Songwriting des Folk Revival der 60er-Jahre, das stark auf die Kraft und die Poesie der Worte setzt und im Sound eher ruhig, nachdenklich daherkommt, ihr eigenes Songwriting beeinflusst.

"Aber auch Gospel, Jazz, RnB und Soul, was ihre Eltern gehört haben. Dazu diese ganz besondere Stimme, erdig das dunkle, Timbre, so tröstlich wie traurig, die Tiefe – und das nicht nur von der Stimmlage. Auch in der Art, wie sie mit Sprache umgeht, welche Bilder sie benutzt – die Fähigkeit, ein Leben in drei Minuten präzise und bildhaft lebendig werden zu lassen, und zwar aus der unmittelbaren Perspektive derer, denen es nicht gut geht, der Verlierer, der Ausgegrenzten, der Sehnsüchtigen. Man spürt jeden Moment in den Songs, Chapman weiß genau, wovon sie singt, eine Chronistin.

Sie hat Rassismus, auch teilweise Armut am eigenen Leib in ihrer Kindheit und Jugend in Cleveland/Ohio erlebt, auch Todesangst hatte sie als Jugendliche selbst auszustehen bei einem rassistisch motivierten Angriff. Die Musik half ihr, mit solchen Erfahrungen umzugehen und das hat sie in sehr reflektierter Form getan. Chapman konnte ja aufgrund eines Begabten-Stipendiums später Anthropologie und Afro-Amerikanistik studieren, auch das hat sicher die Qualität ihrer Songlyrics mit befördert."

Durchbruch mit Auftritt im Wembley-Stadion

Der große Erfolg ihres Debütalbums "Tracy Chapman" sei wahrscheinlich auch nicht in dem Ausmaß denkbar gewesen ohne den Auftritt zwei Monate nach dem Erscheinen des Albums im Juni 1988 beim Soli-Konzert für Nelson Mandela im Londoner Wembley-Stadion, meint Olga Hochweis.

"Das war so ein besonderer Moment der Popgeschichte, den wahrscheinlich noch sehr viele vor Augen haben. 600 Millionen Zuschauer saßen damals vor den Fernsehern, das Line-up war gespickt mit Superstars wie Whitney Houston, George Michael… und dann kommt diese junge, sehr scheue, sehr ernsthafte Afro-Amerikanerin auf die Bühne und liefert statt dem sonst in den 80ern üblichen aufwändigen Pop eine sehr reduzierte, konzentrierte Performance allein mit der Gitarre. Was den Lauf der Dinge noch beschleunigt hat: sie kam danach noch ein zweites Mal auf die Bühne, weil die technischen Probleme eines Auftritts von Stevie Wonder überbrückt werden mussten. Das war ihre Chance und die hat sie genutzt. Ich hab mir das Album damals danach auch gekauft."

30 Jahre später sei das Album immer noch zeitlos und gleichzeitig hochaktuell, sagt Olga Hochweis. Würde nicht 1988 draufstehen, könnte man dieses Album von den Inhalten her auch für ein Werk unserer Tage halten. Denn es gehe darin um tagtäglichen Rassismus, Gewalt gegen Farbige, Gewalt gegen Frauen und Armut.   

"Gleichzeitig sind da nicht nur soziale, gesellschaftliche Missstände beschrieben, es gibt auch umgekehrt Visionen, Träume – den bescheidenen Traum, ein besseres Leben führen zu können. 'Fast car' ist der Song, der das  exemplarisch erzählt."
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