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Sonntag, 17.12.2017

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 18.05.2017

Vor 100 Jahren uraufgeführtSkandal um das Ballett "Parade" in Paris

Von Friederike Kenneweg

Ein Porträt des französischen Komponisten Erik Satie (1866-1925) (imago / Leemage)
Erik Satie war für die musikalische Gestaltung von "Parade" zuständig (imago / Leemage)

Mitten im Ersten Weltkrieg feierte das Ballett "Parade" in Paris Premiere - eine Zusammenarbeit zwischen den Avantgardisten Jean Cocteau, Pablo Picasso und Erik Satie. Die Uraufführung löste Tumulte aus, die Presse zürnte. Der Skandal hatte nicht nur künstlerische Ursachen.

Paris, Théâtre du Châtelet, 18. Mai 1917. Im Zuschauerraum hat sich ein erlesenes Publikum versammelt. Wer etwas auf seinen Kunstverstand hält, ist hergekommen, um der Premiere des Balletts "Parade" beizuwohnen.

Das Bühnenbild zeigt eine Häuserfront in kubistischem Stil. Tänzer auf der Bühne stellen Schausteller eines Wandertheaters dar, einen chinesischen Zauberer, Akrobaten und ein kleines amerikanisches Mädchen. Mit Kostproben ihres Könnens versuchen sie, Publikum für die folgende Vorstellung anzulocken.

Zwei Manager in überdimensionalen, aus verschiedensten Materialien collagierten Kostümen werben ebenfalls für die Show. Doch niemand geht in den Zirkus hinein. Nach der letzten Nummer dieser Parade brechen die Manager erschöpft zusammen. 

Satie, Picasso und Cocteau vereint

"Die Handlung kommt von Jean Cocteau und das Bühnenbild ist von Picasso und Satie hat die Musik komponiert. Satie war damals ein Idol der Dadabewegung, ohne ihr irgendwie anzugehören..."

...erklärt der Pianist Tomas Bächli, der im Jahr 2016 eine Biografie von Erik Satie veröffentlicht hat. Über ein Jahr lang hatten der schrullig-verschrobene Komponist Satie, der dadaistische Schriftsteller Cocteau und der kubistische Maler Picasso gemeinsam an dem Ballett gearbeitet, während um sie herum der Erste Weltkrieg tobte.

Die Initiative dafür ging von Jean Cocteau aus, der unbedingt etwas für die berühmten, von Sergei Djagilew geleiteten "Ballets Russes" machen wollte und sich besonders von der Zusammenarbeit mit Satie die notwendige Aufmerksamkeit für sein Projekt versprach.

Bächli: "Cocteau brauchte den absoluten Außenseiter, der absolute Außenseiter brauchte ein bisschen Anerkennung, also ich denke mir, das war halt auch 'ne Zweckbeziehung."

Konflikte zwischen Egozentrikern

Die gemeinsame Arbeit der drei egozentrischen und zugleich überempfindlichen Künstler war von allerlei Konflikten begleitet, die das Projekt mehrmals fast zum Scheitern gebracht hätten.

"Das hat auch mit der Persönlichkeit von Satie zu tun. Satie war maßlos, war schnell beleidigt, war aber auch ganz extrem im Austeilen."

Der Tag der Uraufführung fällt in eine Zeit äußerster gesellschaftlicher Anspannung. Die Deutschen stehen nicht mehr weit vor Paris. Schon muss man sich auch hier vor ihren Bomben fürchten. An der Westfront starten die Franzosen gerade eine neue Großoffensive. Überall sind Lebensmittel knapp. Und in Russland, wie man hört, ist die Revolution in vollem Gange.

Tumult bei der Premiere

Das kaum zwanzig Minuten dauernde Ballett ist noch nicht zu Ende, da bricht ein heftiger Tumult aus. Der russische Schriftsteller Ilja Ehrenburg schreibt in seinen Memoiren:

"Die Parterregäste rannten zur Bühne und schrien markdurchdringend: ‚Vorhang!‘ In diesem Augenblick betrat ein Pferd mit kubistischer Schnauze die Bühne und begann Zirkusnummern vorzuführen – es ging in die Knie, tänzelte, machte Verbeugungen. Die Zuschauer glaubten offenbar, dass sich die Schauspieler über ihre Proteste lustig machen, und verloren endgültig die Nerven. Sie schrien: ‚Tod den Russen!‘, ‚Picasso ist ein Boche!‘, ‚Die Russen sind Boches!‘"

Auch die Presse verriss die Aufführung auf das Heftigste, beschimpfte Satie als "unharmonischen Clown" und Picasso als "Stümper". Wie sich bei "Parade" Kunstrezeption und politische Ereignisse vermischten, zeigt die Kritik des "Matin", der schrieb, die Russen sollten statt schlechter Choreografie lieber eine gute Offensive irgendwo in Galizien machen.

Kein Kriegspathos

Dass sich die Künstler mit ihrem unterhaltsamen, im Zirkusmilieu angesiedelten Ballett jeglichem patriotischen Kriegspathos verweigerten, ist für Tomas Bächli der eigentlich Grund für den Skandal:

"Die Verweigerung ist ja politisch sehr ein heikles Instrument, wenn einfach einer sagt, ich mache nicht mit, weil dann eben alle anderen, die doch irgendwo mitmachen und vielleicht auch mit Bedenken mitmachen - weil die dann sehen, es gibt auch was anderes. Und ich glaub, das ist ja eigentlich das Zentrum von jedem Skandal..."

"Wir waren davon überzeugt, dass unser Ballett allen gefallen würde, weil uns die Arbeit daran Spaß machte und es uns normal erschien, dass die anderen unser Vergnügen teilen würden", schrieb Jean Cocteau rückblickend. "Nicht im Geringsten ahnten wir, dass ‚Parade‘ 1917 ein großes Ereignis und ein großer Skandal im Theaterleben werden könnte."

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