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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.03.2010

Von Schönheit, Alter und Tod

Margot Käßmann: "In der Mitte des Lebens", Herder Verlag, Freiburg 2009, 160 Seiten

Von Susanne Mack

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Margot Käßmann: Schön bist Du. Wie keiner unter den Menschen! (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Margot Käßmann: Schön bist Du. Wie keiner unter den Menschen! (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Margot Käßmann ist aus dem Amt geschieden. Ihr jüngstes Buch "In der Mitte des Lebens" ist zum Bestseller geworden, der mittlerweile in die 4. Auflage geht. Einer ihrer Ratschläge darin: Nicht dauernd shoppen, Auto pflegen, Wohnung putzen. Sich mehr um Menschen kümmern als um Dinge.

Denis Scheck: "Aus aktuellem Anlass verdient diese Autorin Schonung, ihr Buch allerdings nicht. Es wimmelt von blumigen, kaum falsifizierbaren Sätzen wie: "Wichtig ist, nicht zu vertrocknen, sondern offen zu sein für das Neue und keimen und aufblühen zu lassen, was blühen will und kann." Wichtig ist aber auch, nicht zu verschwiemeln, denn was da keimt und blüht, kann auch der Schimmel auf einer längst abgelaufenen Eiapopeia-Soße sein, die alles Leben unter ihrem Ratgeberseim ertränkt."

Denis Scheck vor rund vier Wochen über den damals dritten Platz auf der "Spiegel"-Bestsellerliste: Margot Käßmann: "Mitte des Lebens". Wenn Scheck ausgerechnet in den Lebensweisheiten einer christlichen Theologin nach "falsifizierbaren Sätzen" gräbt, dann outet er sich als Jünger von Karl Raimund Popper: Rationalist, Agnostiker. Der jedenfalls hatte mit dem Christentum nichts am Hut.

Nun kann einem Kritiker das Christentum von Margot Käßmann natürlich egal sein, und gerade wenn er mit dem Christentum nichts anfangen kann, wird der die Schwächen dieses Buches nüchtern ins Auge fassen: Es hat nicht nur stilistische Mängel. Es hat auch Längen, die nicht nötig waren und von Allgemeinplätzen ist es nicht frei. Einige Formulierungen sind tatsächlich "fluffig" geraten, da hat Frau Käßmann zu viel Luft in ihre Botschaften gequirlt. Selbst wenn man schwelgerische Töne mag: Stilsicherheit kann man der Ex-Bischöfin nicht bescheinigen.

Aber wer den Geist des Christentums für gesundheitsschädlich hält und Religion für ein Relikt aus der Kinderstube der Menschheit, der wird auch die Stärken des Buches übersehen. Er muss sie übersehen. Denn die große Stärke dieses Buches, das ist die Geisteshaltung der Autorin.
- "50 +. Die Mitte des Lebens überschritten, wie geht's nun weiter?" Die Bücher zum Thema sind Legion und ihre Grundideen ziemlich monoton: "Wenn Sie nur immer tapfer gegen den Tod 'an-joggen' und 'an-cremen' und an Möhren knabbern und sich vor allem nicht mit ihm beschäftigen, dann wird er sich womöglich aus dem Staub machen. Vielleicht ja auch nicht, aber Hauptsache: wir reden nicht drüber."

Margot Käßmann redet drüber. Obwohl auch die Ex-Bischöfin cremt und Möhren mag und Fitnessstudios von innen kennt: Sie gibt sich keinen Illusionen hin.

"Da können wir noch soviel "Bodyforming" machen: das Zahnfleisch geht zurück, der Busen wird schlaffer, die Haare werden grau. Als meine Tochter das erste mal sagte: 'Mama, kann es sein, dass du schwer hörst?' hat es mich doch getroffen."

Dennoch. Käßmann kann das Thema "Altern" und das Thema "Schönheit" mühelos zusammen denken. Auch Hakennasen und Birnen-Busen findet sie attraktiv. - So soll es sein, jeder Mensch ist eine göttliche Einzelanfertigung, ein Original!

"Schön bist Du. Wie keiner unter den Menschen!"

… aus dem Psalm 45, den Käßmann zitiert. Sie streitet denn auch für die biblische Freude am Verschiedenen. Und gegen die "hochglanzmagazin-geschürte" Versuchung, sich das Nasenbein in Einheitsform sägen und die Brüste in selbige polstern zu lassen. Dass Menschen ihre Lebenszeit opfern und unnötig Schmerzen ertragen in den profanen Tempeln der Schönheitschirurgen: Margot Käßmann findet das traurig.

"Wie schade, was für ein Verlust – von Zeit und Energie, aber auch von Individualität!"
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Seine kostbare Zeit nicht verschwenden. Nicht dauernd shoppen, Auto pflegen, Wohnung putzen. Sich mehr um Menschen kümmern als um Dinge, das ist der Rat von Margot Käßmann. Denn unsere gemeinsame Zeit ist begrenzt.

"Wenn wir die Mitte des Lebens erreichen, werden wir Abschied nehmen müssen von lieben Menschen. Manchmal schockierend plötzlich, wie bei meiner Schulfreundin, die nicht wissen wollte, dass wir wissen, wie es um sie steht."

Die Freundin ist an Krebs gestorben. Käßmanns Leser bekommt das Gefühl: Eine Christin wie sie leidet beim Abschiednehmen nicht einen Deut weniger als jeder andere Mensch. Aber eine Christin wie sie scheint doch besser dran zu sein als Menschen, die mit Spiritualität nichts am Hut haben. Für Käßmann gilt schließlich als ausgemacht: Der Tod ist nicht nur das Ende des Lebens. Der Tod ist auch eine Brücke zu einer neuen Form der Existenz für unsere unsterbliche Seele.

"Wer weiß denn, wie es sein wird, wenn Gott alle Tränen abgewischt hat? Wir werden sehn! Bis dahin. - In liebevoller Freundschaft. Deine Margot."

Aus einem Brief, den die Autorin einem todkranken Freund geschrieben hat, kurz bevor er starb. Am Schluss des Buches ist dieser Brief abgedruckt.

Jene geistige Kost, die Margot Käßmann serviert und Denis Scheck als "Eiapopeia-Soße" verschmäht, haben viele andere Leser als "himmlische Speise" ausgemacht, drei Löffel davon genommen - und sich offensichtlich nicht das Hirn verdorben, im Gegenteil: Sie haben sie weiterempfohlen, der Band steht immer noch auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. Vielleicht liegt's ja daran: Käßmanns Buch ist zutiefst menschlich, in seinen Stärken wie in seinen Schwächen. Und darum ein gutes Buch.


Margot Käßmann: In der Mitte des Lebens
Herder Verlag. Freiburg 2009.
160 Seiten, 16,95 Euro.

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