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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.03.2012

Von Menschen und Tieren

María Sonia Cristoff: "Unbehaust", Berenberg, Berlin 2012, 96 Seiten

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Nach der Lektüre ist man geneigt, in Ruhe die Wimpern einer Giraffe zu betrachten. (picture alliance / dpa)
Nach der Lektüre ist man geneigt, in Ruhe die Wimpern einer Giraffe zu betrachten. (picture alliance / dpa)

Erschöpft von langweiligen Schriftstellerkollegen und sexuell hyperaktiven Nachbarn, flüchtet die Erzählerin des Buches "Unbehaust" in den Zoo. Was sie dort von den Tieren lernt und wie die ihr Leben verändern, beschreibt María Sonia Cristoff mit milder Satire und sprachlicher Eleganz.

"Mein Allheilmittel gegen existenziellen Kater ist der Zoo", schreibt eine Meisterin der literarischen Reportage, die Argentinierin María Sonia Cristoff. In ihrem neuen Buch berichtet sie über den Impuls, sich viele Stunden und Tage an einem Ort aufzuhalten, wo sie sich "nicht als Einzige fehl am Platz" fühlen muss.

Ausgelöst wird ihr Unbehagen an der Welt etwa durch langweilig monologisierende Schriftstellerkollegen und sexuell hyperaktive Nachbarn, die über Monate jede normale Nachtruhe verhindern. Da wirkt der Anblick von schweren, langsam gähnenden Nilpferden tröstlich auf die solchermaßen verstörte Seele. Und auf der Bank im Zoo keimt auch nach und nach eine gewisse Solidarität mit den Tieren, ein Aufbegehren gegen das ihnen vom Menschen auferlegte Schicksal. Mitten im Zivilisationslärm von Buenos Aires wird die Erinnerung wach an die legendären Löwen "Ghost" und "Darkness", die Ende des 19. Jahrhunderts massenhaft eisenbahnbauende Menschen in Afrika fraßen; oder an die Küchenschabe, die in einer Erzählung von Patricia Highsmith unter Protest den Wohnort wechselt.

María Sonia Cristoff ist keine Verteidigerin der Tierrechte: In ihrem Nachdenken über die Tiere und den ihnen auferlegten Zwang zur Anpassung, über ihr Eingesperrtsein, ihre Einsamkeit und ihre Unbegreiflichkeit reflektiert sie sich und ihre Mitmenschen, allerdings mit einer großen Portion Selbstironie. Sehr oft könne sie nicht in den Zoo kommen, meint sie, denn: "Jeder weiß, dass wir Menschen den Anblick des eigenen Spiegelbilds nicht allzu lange ertragen."

Cristoffs Betrachtungen sind, wie alle ihre Reportagen, eben eine Art Selbsterzählung: Da wird nicht nur beschrieben, was zu sehen, zu lernen, zu hören ist, sondern auch detailliert mitgeteilt, was das Erfahrene mit der Reporterin selbst macht. Das könnte egozentrisch oder eitel wirken - wenn es nicht so ironisch wäre, nicht so bereit zur Selbsterkenntnis. Diese flüchtigen Porträts von Zootieren und Stadtmenschen sind mit milder Satire und sprachlicher Eleganz verfasst: punktgenaue Spitzen, mit der Feinfühligkeit einer hochreflektierten Neurotikern gesetzt. Man fühlt sich getroffen, wenn man das liest, und erkannt. Und auch bewegt, zumindest dazu, wieder einmal in Ruhe die Wimpern einer Giraffe zu betrachten.

Besprochen von Katharina Döbler

María Sonia Cristoff: Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Berenberg, Berlin 2012
96 Seiten, 20 Euro

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