Seit 19:07 Uhr Aus der jüdischen Welt mit "Shabbat"
 
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Sein und Streit | Beitrag vom 11.06.2017

Von der phil.cologneWir überschätzen unsere Vernunft

Moderation: Simone Rosa Miller

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phil.cologne-Diskussion "Wo sitzt die Seele? Über Selbsterkenntnis" - David Lauer, Simone Miller, Michael Pauen (von links nach rechts). (Ast / Juergens)
phil.cologne-Diskussion "Wo sitzt die Seele? Über Selbsterkenntnis" - David Lauer, Simone Miller, Michael Pauen (von links nach rechts). (Ast / Juergens)

Vor jeder Erkenntnis steht die Selbsterkenntnis - doch was ist das überhaupt, das Selbst? In welchem Verhältnis steht der Geist zum Körper? Wo sitzt der Geist oder die Seele? Darüber sprechen die Experten David Lauer von der Universität Kiel und Michael Pauen von der Berlin School of Mind and Brain.

Seelenvorstellungen waren in unterschiedlichen Kulturen äußerst verschieden, erläutert Michael Pauen. Viele Wörter, die man früher für die Seele verwendete, wie Psyche oder Spiritus, stünden für den Atem, den Hauch. Man wäre also immer davon ausgegangen, dass die Seele etwas Materielles sein müsse. Man meinte, so Plauen, dass Gott dem Menschen die Seele eingehaucht hat. Erst im 19. Jahrhundert hat man herausgefunden, dass Fähigkeiten, die man der Seele zuschrieb, mit dem Gehirn in Verbindung stehen.

Dem von der aktuellen Neurowissenschaft entworfenen Computermodell des menschlichen Geistes steht David Lauer skeptisch gegenüber. Die Aussagekraft dieses Modells für die Frage, wie Selbsterkenntnis funktioniere, sei gering. Wenn wir uns zum Beispiel fragten, wie wir unser Gefühl interpetieren sollten - ist es schon Verliebtheit, oder nicht? - dann könnten wir uns diesen Erkenntnisprozess nicht vorstellen, wie einen Scan-Prozess, der die in unserem Geist vorliegenen Einstellungen und Überzeugungen durchleuchte und dann zu einem Ergebnis komme. Vielmehr sei Selbsterkenntnis immer mit dem Blick nach außen verbunden, Selbsterkenntnis sei eine praktische Frage.

Michael Pauen hingegen macht stark, dass auch der Abgleich mit früheren Verliebtheitserfahrungen durchaus ein introspektiver Vorgang sei. Die Rolle des Blick nach innen dürfe für unsere Selbsterkenntnis nicht unterschätzt werden.

Das Unbewusste werde unterschätzt

Die beiden Philosophen stimmen darin überein, dass die Interaktion mit anderen für das Selbstbild zentral ist. Wer wir sind, können wir nur durch die Vermittlung und Spiegelung anderer herausfinden. Beide betonen, dass wir durchaus sehr verschiedene Rollen einnehmen können. Und wir können uns auch über uns selbst täuschen, unsere eigene Person gar verfehlen. Wer sich damit zufrieden gebe, bestimmte Schwächen an sich festzustellen - ich breche alle meine Versprechungen - , sich aber nicht zu seiner Verantwortung bekenne - mein nächstes Versprechen werde ich halten - verfehle sich selbst, so Lauer.

Insgesamt neigten wir dazu, da sind sich Pauen und Lauer einig, die Rolle unserer Vernunft zu überschätzen und die Rolle des Unbewussten zu unterschätzen. Zum Problem werde das insbesondere dann, wenn sich aus der Abweichung zwischen Selbstbild und Wirklichkeit moralische und ethische Probleme ergeben, wie zum Beispiel bei unbewussten Vorurteilen oder problematischen Rollenerwartungen. Diesen Effekten des Unbewussten müssten wir mit klugen Sozialtechniken entgegenwirken.

Über die Art und Weise, wie unsere geistigen Vorgänge genau funktionieren, versprechen sich beide von den Neurowissenschaften wegweisende Erkenntnisse. Nichtsdestotrotz sei es wichtig, so Michael Pauen, darauf hinzuweisen, dass die Neurowissenschaft derzeit noch weit davon entfernt sei, das menschliche Hirn tatsächlich erklären zu können.

Aber auch wenn wir irgendwann verstehen werden, wie unser Bewusstsein funktioniert, werde sich uns die Frage: 'Wer wollen wir sein?' weiter stellen. Da sind sich die beiden Philosophen sicher.

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