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Montag, 22.01.2018

Tacheles | Beitrag vom 23.09.2017

Von der Kunst des RegierensPastorentöchter und gute Hirten

Ulrich Bröckling im Gespräch mit Thorsten Jantschek

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Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kanzlerkandidat Martin Schulz (SPD) in einer Bildkombo (AFP Photo / Odd Andersen / Fred Tanneau)
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kanzlerkandidat Martin Schulz (SPD) (AFP Photo / Odd Andersen / Fred Tanneau)

Bis zum letzten Moment kämpfen die Parteien um die Wähler. Programme, Themen und Personen sollen noch schnell in den Köpfen der Bürger verankert werden. Aber was bedeutet es eigentlich genau, gut zu regieren? Wir fragen den Soziologe Ulrich Bröckling.

Deutschlandfunk Kultur: Ein Wahlkampf ist zu Ende, der vielfach den Eindruck erweckte, er habe so richtig gar nicht stattgefunden. Morgen um diese Zeit schließen bald die Wahllokale. Prognosen und Hochrechnungen werden erscheinen. Und dann wissen wir ganz sicher, was wir heute schon ahnen, nämlich wer künftig regiert. Doch was heißt heutzutage eigentlich "Regieren"? Und was ist "gutes Regieren"?

Das möchte ich mit dem Kultursoziologen Ulrich Bröckling besprechen, der gerade ein Buch veröffentlicht hat über die Menschenregierungskünste und den ich nun im Studio in Friedrichshafen begrüße. Guten Abend, Herr Bröckling.

Ulrich Bröckling: Guten Abend, Herr Jantschek.

Deutschlandfunk Kultur: Wie haben Sie denn diesen Wahlkampf erlebt und wahrgenommen?

Ulrich Bröckling: Ich habe nicht den Anspruch an einem Wahlkampf, von ihm gut unterhalten zu werden. Insofern hat mich dieser Vorwurf der Langeweile auch nicht sonderlich getroffen oder ist nicht ein Vorwurf, den ich machen würde. Es ist eher die Beobachtung einer Art von Ruhe vor dem Sturm, eine Angespanntheit bezogen auf etwas, von dem man noch gar nicht ahnt, von dem man auch nicht weiß, was es werden will, das einem aber schon im Vorhinein Sorge bereitet. Das betrifft natürlich insbesondere den zu erwartenden Einzug der AfD in den Bundestag.

Deutschlandfunk Kultur: Diese Sorge hat natürlich dann bestimmte Folgen, über die wir noch sprechen werden. Aber eigentlich wird ja ein Parlament gewählt. Und man hatte doch den Eindruck, dass es weniger um die Wahlprogramme im Einzelnen geht. Manchmal wurden Themen diskutiert und schlaglichtartig beleuchtet, aber man hatte doch den Eindruck, dass es mehr um die Person des künftigen Regierungschefs oder besser der Chefin geht, ein Prozess, den der französische Demokratietheoretiker Pierre Rosanvallon durchaus kritisch als "Präsidialisierung" beschrieben hat, also als Entwertung der demokratischen Wahl.

Nun könnte man natürlich sagen, es kommt in diesen Zeiten, wo man mit Sorge auf alle möglichen Weltläufte blickt, ja viel eher auf das Regieren als solches an und auf die Regierenden.

Ulrich Bröckling: Natürlich ist Personalisierung, das, was Rosanvallon Präsidialisierung nennt, auch eine bestimmte Form, eine bestimmte Technologie des Regierens, dass man nämlich diese komplexen Entscheidungsprozesse, die vielseitigen Verflechtungen von Akteuren, die da im Spiel sind und ihre Interessen ins Spiel bringen, radikal reduziert, indem man das auf eine Person oder einige wenige Personen reduziert, denen man dann zuspricht, dass sie es sind, die regieren. Wenn auch bei genauerem Nachdenken ein jeder weiß, dass es nicht so einfach ist, aber es macht es doch einfacher darüber zu reden, darüber zu streiten, sich dazu zu positionieren.

Deutschlandfunk Kultur: Nun ist ja gutes Regieren, eigentlich das Regieren überhaupt als Begriff etwas, was im Gegensatz steht zum Herrschen, also zu den autokratischen, den diktatorischen oder auch den absolutistischen Herrschern. – Was zeichnet Regieren als Machttypus denn wirklich aus?

Ulrich Bröckling: Geherrscht wird im Prinzip über ein Land. Bei Herrschen geht es aber immer auch um Fragen von Leben und Tod, um Fragen von Souveränität, während es beim Regieren um Führen geht. Michel Foucault, der französische Philosoph, hat es einmal so gesagt: Geführt werden Menschen, die in Bewegung sind. Es klingt angesichts von sich bewegenden Flüchtlingsscharen höchst aktuell, dass Regieren sich auf Menschen bezieht, nicht auf ein Territorium bezieht, dass es beim Regieren darum geht, Sorge für die Menschen zu tragen. Die Rede vom guten Regieren weist darauf hin, dass es darum geht, die Lebensverhältnisse zu verbessern, darum, dass niemand derjenigen, die da regierte werden, verloren geht. Also, da sind wir ganz stark auch in einem Metaphernfeld vom Hirten und seiner Herde, in dem biblischen Motiv vom guten Hirten, das mit der Praxis des Regierens assoziiert wird.

Gute Hirten führen sanft – und machtvoll

Deutschlandfunk Kultur: Dieses Metaphernfeld haben Sie gründlich untersucht. Irgendwie scheint die Pastorentochter Angela Merkel auf dieses Bild geradezu exemplarisch zu passen. – Was zeichnet denn den guten Hirten aus, der sich um seine Herde kümmert, um vielleicht auch jedes einzelne Schaf in dieser Herde?

Ulrich Bröckling: Das ist schon mal ein ganz wichtiger Punkt, dass der Hirte oder in dem Fall vielleicht die Hirtin sich um alle, um die gesamte Herde kümmert, aber auch um jedes einzelne Schaf. Sie kennen dieses biblische Gleichnis vom Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht und dafür sogar die Herde für die Zeit des Suchens im Stich lassen muss, also, ein sehr weitreichender Begriff von Sorge.

Das ist natürlich weit weg von dem, was heute eine Kanzlerin zu tun hat. Das bewegt sich in einem Modell wie der Vater oder die Mutter für ihre Kinder sich sorgt oder wie vielleicht im christlichen Modell der Abt eines Klosters sich um seine Mönche kümmert. Das ist aber gewissermaßen das imaginäre Bild, auf das sich die moderneren Formen des Regierens auch aufgebaut haben, darüber gelegt haben, es weiterentwickelt haben, losgelöst haben natürlich von diesem religiösen Kontext. Aber die Sorge um die Bevölkerung ist sicher etwas, das ein Kern des Regierens ausmacht.

Und dann ist Regieren etwas, was nicht in souveränen Akten des Entscheidens sich auflöst, sondern in einer Vielzahl von konkreten Handlungen, wo man sich um Details kümmern muss. Man muss sich dann kümmern, dass genügend zu Essen da ist, dass Sicherheit herrscht usw. Also, Regieren ist eine Praxis des Details, nicht nur der großen Fragen, wo es um Krieg und Frieden und ähnliche weitreichende Fragen geht.

Deutschlandfunk Kultur: Dieses Um-jedes-einzelne-Schaf-Kümmern: Also, ich hatte fast die Assoziation als ich Ihre Thesen dazu las und zeitgleich mehr oder weniger diese ganzen Wahlkampfarenen im Fernsehen mir anschaute, dass da natürlich einzelne Bürger herausgepickt wurden mit ihren ganz spezifischen Anliegen und die potenziell Regierenden, also Martin Schulz genauso wie Angela Merkel, dann mit konkreten Einzelfällen befasst waren.

Bei mir schlich sich immer der Gedanke ein: Das ist doch eigentlich nicht das Ziel des Politischen, Einzelfälle zu behandeln. Aber zugleich hatte man natürlich den Eindruck, da kümmert sich wer um den Einzelnen.

Ulrich Bröckling: Wenn ich von Regieren spreche, geht das auch weit über das staatliche Handeln, das Handeln von Kabinetten und Kanzlern und Kanzlerinnen hinaus, sondern es meint in einem ganz umfassenden Sinne das Führen von Menschen. Das tun auch Familienväter und Familienmütter. Das tun Beamte in ihren Behörden. Das tun Unternehmer in ihren Unternehmen usw. Regieren ist in diesem weiten Sinne, der im Deutschen etwas verloren gegangen ist und im französischen Begriff des "gouverne", deutsche Übersetzung regieren, oder des englischen "govern" klingt das noch eher an, das wird auch weit über staatliche Prozesse angewendet.

Regieren in einem politischen Sinne hat damit insofern zu tun, als es häufig ein Regieren auf Distanz ist. Es wird nicht mehr unmittelbar dem Einzelnen gesagt, du musst dieses tun und darfst jenes nicht tun, sondern da werden Bedingungen geschaffen, werden Anreizstrukturen geschaffen, also eine Form der indirekten Steuerung. Regieren heißt, zum Beispiel durch bestimmte gesetzliche Vorgaben, durch Schaffen bestimmter Institutionen, denken Sie an so etwas wie gesetzliche Versicherungen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die bestimmtes Verhalten, erwünschtes Verhalten wahrscheinlicher machen sollen und die unerwünschtes Verhalten unwahrscheinlicher machen sollen, also eine Form des indirekten Regierens auf Distanz. Das unterscheidet es von solchen ja eher im psychologisch-pädagogischen Bereich verorteten Formen der Führung im Nahbereich.

Entpolitisiert Euch! – Angela Merkels Regieren

Deutschlandfunk Kultur: Nun ist Führung ja für einen Kanzler dann eben eine sehr indirekte Sache. Aber es ist auch ein Führungsstil, der hier in Anschlag zu bringen ist, nämlich ein Führungsstil, den Sie mit dem guten Hirten beschrieben haben.

Wenn man mal sich den Führungsstil von Angela Merkel anschaut, so könnte man ja auf die Idee kommen, wie zum Beispiels Nils Minkmar vor zwei Jahren im "Spiegel". Da schreibt er nämlich: "Merkels netter und verbindlicher Führungsstil ist auf Konsens bedacht, aber er narkotisiert das Land."

Das finde man heute noch. Immer wieder wird geschrieben, Deutschland eine Nation im Dämmerzustand. Beim "Economist" zum Beispiel konnte man das kürzlich lesen.

Führt denn dieser Führungsstil auch zu einer bestimmten Prägekraft in einem Land dann?

Ulrich Bröckling: Man muss dann sagen, dass dieser Regierungsstil zumindest in einem gewissen Widerspruch zu dem steht, was man das Politische nennen könnte. Das Politische ist immer geprägt durch Dissens, durch Streit, durch Konflikt. Da treten unterschiedliche Vorstellungen, wie das Soziale organisiert sein soll, da treten unterschiedliche Interessen gegeneinander. Und Politik ist das Austragen dieser Gegensätze, das Austragen dieses Konflikts, dieses Dissens.

Und ein Führungsstil, für den exemplarisch jetzt vielleicht Angela Merkel stehen kann, der sehr stark moderiert, der suggeriert, dass Probleme, Konflikte, Dissens sich kommunikativ, indem man drüber redet, indem man manche Sachen vielleicht aussitzt, sich auflösen lässt, ein solcher Führungsstil, eine solche Form des Regierens wirkt in einem starken Maße, das würde ich schon auch sagen, entpolitisierend, wenn man das Politische als dieses Austragen von Dissens versteht.

Deutschlandfunk Kultur: Zugleich hat man da aber doch auch das Gefühl, dass die Politik sehr bemüht ist, um Partizipationsmöglichkeiten für Bürger zu schaffen – also, von den Volksbegehren bis hin zu den Bürgerdialogen und all diesen Formen, in denen Bürger sich selbst artikulieren können, gerade vor dem Hintergrund jetzt auch der sogenannten Zornpolitik, die wir erlebt haben bei Wahlkampfauftritten usw.

Ulrich Bröckling: Aber genau diese Formen der Partizipation, Mediationsverfahren, wie wir es etwa bei Stuttgart21 erlebt haben, leben ja auch von der Suggestion, dass sich die Konflikte, die da dann zum Teil ja auch eskaliert sind, befrieden lassen, indem man sich um einen runden Tisch versammelt, in Ruhe miteinander redet, vielleicht einen neutralen Dritten als Mediator, als Moderator, der den Gesprächsprozess organisiert und vermittelt, heranzieht, dass sich das da schon auflösen lässt, dass es letztlich auf einem Missverständnis oder einer Folge von Missverständnissen beruhe dieser Konflikt. Das ist natürlich eine Illusion, die genau diese Dynamik der Entpolitisierung verstärkt, von der ich gerade gesprochen habe.

Deutschlandfunk Kultur: Aber ist denn das wirklich so eine schlimme Angelegenheit? Denn die Logik des Bildes des guten Hirten passt doch eigentlich ganz gut in die Zeit, weil, Sie haben es eben schon angesprochen, er will ja auch Sicherheit stiften und angesichts anderer, sagen wir, politischen Formen oder politischer Führer. Also, man muss nicht gerade den Basta-Kanzler Schröder heranziehen, aber man könnte eben auch über Trump, Erdogan und Orban zum Beispiel sprechen.

Angesichts der Krisenszenarien, die wir erleben von der Globalisierung über die Klimapolitik, Terrorangst, Flüchtlingsproblematik bis hin zum Populismus, könnte man ja sagen, ja, dieses Sicherheit stiftende Politikmodell oder Führungsmodell ist doch eigentlich für diese Zeit genau das richtige. Und vielleicht ist es deshalb so attraktiv für eine Bevölkerung wie der deutschen.

Ulrich Bröckling: Wenn ich das kritisch betrachte, wenn ich es eben als eine Dynamik der Entpolitisierung beschreibe, dann heißt das nicht, dass das rundherum falsch und abzulehnen ist, aber es hat seinen Preis. Umgekehrt haben, was Sie jetzt Basta-Politik genannt haben, Formen eines autoritären Durchregierens möglicherweise einen viel höheren Preis. Mir scheint das so ein bisschen die Wahl zwischen Pest und Cholera:

Auf der einen Seite steht diese Dynamik, die überhaupt keine Konflikte mehr sichtbar macht, immer mit der Gefahr, dass diese damit verdrängten, unter dem Tisch gehaltenen Konflikte dann um so eruptiver, umso destruktiver irgendwann hervorbrechen, und den Aufstieg der AfD könnte man durchaus auch in dieser Logik begreifen, und auf der anderen Seite stehen autoritäre Politiken des Durchregierens, wie wir sie bei den genannten Regierungschefs Orban, Erdogan usw. beschreiben, die die demokratischen Institutionen frontal angreifen, die mit Militarisierung spielen und in jedem Fall ein hochgefährliches Spiel spielen.

Das eine ist so negativ wie das andere und gewissermaßen bringt das eine auch das andere hervor. Das ist so ein Spiegelspiel, so würde ich es beschreiben.

Das brüchige Versprechen der Sicherheit

Deutschlandfunk Kultur: Sie schreiben: "Gute Hirten führen sanft. Vielleicht liegt darin das Geheimnis der pastoralen Macht. Die Autorität der Führenden wächst mit der Sicherheit, die sie den Geführten garantieren." – Zum Bild Hirte und Herde gehört natürlich sozusagen eben eine Asymmetrie. Nämlich der Hirte ist der, der die Richtung vorgibt. Und die Herde läuft hinterher oder lässt sich einfangen, einzäunen und ist eigentlich ganz friedlich. Das ist natürlich die entpolitisierte Variante. – Aber was stiftet denn genau diese Sicherheit?

Ulrich Bröckling: Zunächst mal gibt es einen großen Hunger, ein Bedürfnis nach so etwas wie Sicherheit in einer Zeit, in der Katastrophen, Ängste zunehmen, in der die Zukunftserwartungen insgesamt eher pessimistisch geworden sind. Ich denke, man kann davon ausgehen, dass heute kaum jemand noch an so etwas wie Fortschritt, an eine bessere Zukunft glaubt – vielleicht im Nahbereich noch, aber in globaler Perspektive neigen wir doch dazu und haben gute Gründe dafür, das so zu tun, dass wir eher damit rechnen, dass das Beste, was uns passieren kann, ist, dass es nicht ganz so schlimm kommen wird mit Umweltzerstörung, mit möglicherweise kriegerischen Konflikten, mit den sozialen Konflikten, die sich aus der wirtschaftlichen globalen Ungleichheit ergeben usw.

Daraus entsteht ein hohes Maß an Verunsicherung. Und Verunsicherung hat zu tun mit, oder artikuliert sich dann auch in einem Bedürfnis nach Sicherheit. Und wer Sicherheit verspricht, kann damit rechnen, Zustimmung zu erlangen, politische Zustimmung zu erlangen, gewählt zu werden.

Gleichzeitig kann er oder sie aber gar nicht dieses Versprechen einlösen, weil die Gründe, die diese Unsicherheit produzieren, jenseits dessen liegen, was man nun mit einem Handstreich oder mit einigen Entscheidungen vom Tisch bringen kann. Also bleibt die Unsicherheit bestehen. Die Sicherheitsversprechen werden artikuliert. Sie haben aber ein großes Glaubwürdigkeitsproblem. Und in dieser Spannung steht die zeitgenössische Politik in ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Da gibt es dann eben auch unterschiedliche Strategien, mit genau diesem Dilemma umzugehen.

Deutschlandfunk Kultur: Und führt dann zu so was wie zu einer – sagen wir – Präventionslogik, also, ein Ereignis, das man gar nicht vorhersehen kann, wird aber imaginiert. Dadurch werden eben bestimmte Maßnahmen ergriffen, die das verhindern sollen. Die Prävention will also nichts erzeugen oder schaffen, sondern sie will etwas verhindern. – Ist denn das eine Wirkung, die man auch in der Gegenwart spürt, obwohl all diese Ereignisse womöglich noch gar nicht eingetreten sind?

Ulrich Bröckling: Prävention zielt ja darauf, künftige Ereignisse, die man nicht haben will, die negativ bewertet sind, zu verhindern, also in der Zukunft etwas nicht geschehen zu lassen, von dem man heute befürchtet, es könnte geschehen. Und wenn das, und das ist meine These, eine Grundbefindlichkeit, eine Grundstimmung unserer Gesellschaft ist, dass wir eben mit negativen Zukünften rechnen, dann führt das dazu, dass sich solche Logiken der Vorbeugung, solche Logiken der Prävention auch in alle möglichen Bereiche des politischen, aber auch weit darüber hinaus ausdehnen.

Nehmen wir mal das Beispiel des Terrors. Wir haben eine Reihe von Terrorangriffen erfahren, schreckliche Ereignisse. Wir wissen trotz aller Sicherheitsanstrengungen und aller geheimdienstlichen und sonstigen Ermittlungen, polizeilichen Ermittlungen, dass es wahrscheinlich ist, höchstwahrscheinlich ist, dass es auch weiterhin solche Anschläge geben wird, dass die Formen, das zu verhindern, begrenzt sind. Es werden Gott sei Dank eine Reihe solcher Anschlagsplanungen vereitelt, aber wir wissen, dass das nicht immer möglich ist. Wie geht man mit dieser Situation um, dass man damit rechnen muss, es wird Angriffe geben? Wir wissen nicht wo, wir wissen nicht wie, wir wissen nicht wann, aber diese Unsicherheit bleibt.

Das kann man auch nicht mit irgendwelchen statistischen Wahrscheinlichkeitskalkülen bearbeiten. In dieser Situation bleibt auf der einen Seite, was die politischen Institutionen angeht, ein Versuch, permanent Sicherheitsversprechen zu geben, die man dann zum Beispiel durch Verstärkung der polizeilichen und geheimdienstlichen Ermittlungen macht. Man kann da aufrüsten. Man kann da mehr Personal einstellen. Man kann Betonpoller in den Innenstädten aufstellen. Man kann überall bewaffnete Polizisten hinstellen. Das sind in einer gewissen Weise nichts anderes als symbolische Sicherheitsversprechen, die aber in sich auch höchst ambivalent sind, weil, die bewaffneten Polizisten in der Stadt sollen nicht nur helfen Anschläge zu verhindern, sondern sie erinnern uns in jedem Augenblick auch daran, dass genau solche Anschläge möglich, ja wahrscheinlich sind. Also, die Angst, die sie beseitigen sollen, die sie dämpfen sollen, schüren sie gleichzeitig.

Und aus dieser Paradoxie, aus dieser Wechselwirkung kommt man schlichtweg nicht heraus. Und das führt dann dazu, dass auf der einen Seite Kräfte laut werden, die immer noch mehr solcher Anstrengungen fordern oder die Schuldige suchen, den Islam oder bestimmte islamische Gruppen, die Feindbilder erzeugen, die dann mit dieser Unsicherheitssituation so umgehen, dass man die Ursache, die vermeintliche Ursache solcher Gefährdungen identifizieren kann und dann in symbolischen Bestrafungsaktionen auch versucht klein zu halten. Das ist die eine Lösung.

Die andere Lösung ist vielleicht etwas schwächer in ihrer Überzeugungskraft. Das ist die, dass dann danach gerufen wird, man müsse eben damit rechnen, dass so etwas passiert. Und man müsse so etwas wie Gelassenheit, manchmal spricht man sogar von einer heroischen Gelassenheit, die da entwickelt werden muss, um mit dieser Gefahrensituation so umzugehen, dass man sie einfach aushält, ohne dafür die demokratischen Institutionen, ohne die Freiheitsrechte aufzugeben, was die andere Seite eben versucht.

Konsens statt Streit

Deutschlandfunk Kultur: Und der gute Hirte nimmt in diesem Spiel so eine moderierende Haltung ein. Mit Konflikten geht er letztendlich kommunikativ um, um nicht wirklich eindeutig immer Stellung zu beziehen.

Ulrich Bröckling: Der gute Hirte in der biblischen Tradition - aus diesem Bild des guten Hirten abgeleitet - ist sicher nicht derjenige, der die massiven Sicherheitsprogramme aufsetzt, der dafür demokratische Freiheiten beschneidet usw., sondern eher derjenige, der versucht, nicht den gordischen Knoten durchzuhauen, sondern langsam aufzudröseln, zu schauen, wie sich in konkreten Situationen sinnvolle Entscheidungen treffen lassen, also zum Beispiel im Bereich der Terrorbekämpfung ganz pragmatisch solche Dinge wie Betonpoller, auf der anderen Seite aber doch auch so etwas wie Gelassenheit predigt, die Zivilgesellschaft zu stärken versucht, auch die Selbstorganisation und die Selbstheilungskräfte der Gesellschaft, der Menschen untereinander zu aktivieren versucht. Die Regierungsform des guten Hirten ist doch eine, die die Schafe, die da regiert werden sollen, dazu anhält, sich selbst zu regieren, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, der nicht alles selbst entscheiden will, sondern weiß, dass eine sehr viel effizientere Form der Steuerung ist, wenn man diejenigen, die man führen will, dazu anhält, sich selbst zu führen.

Dann stubsen wir Euch eben an!

Deutschlandfunk Kultur: Aber sich selbst zu führen heißt ja nicht im starken Sinne Autonomie zu gewinnen, sondern dass im Rücken der eigenen Entscheidung eigentlich die vorgefertigten Entscheidungen stehen. Wir kennen das von einem Begriff, der mittlerweile Konjunktur im Politischen hat, nämlich Nudging, also bestimmte Anreizsysteme zu schaffen. Das sind ja Formen, in denen man selber noch entscheidet.

Also, der klassische Fall, der da immer mobilisiert wird, ist das Organspenden. In Deutschland muss man diesen Ausweis bei sich führen, dass man Organspender ist. In Österreich ist es eine Widerspruchsregelung. Das heißt, man muss sagen, dass man nicht das will. Insofern gibt es in Österreich mehr Organspender als in Deutschland. Das ist doch eigentlich eine gute Sache, denkt man sich.

Ulrich Bröckling: Regieren in dem Sinn ist so etwas wie Rahmen. Man setzt einen Rahmen. Das kann man durchaus wieder in dieser Bildwelt von Hirt und Herde. Man zieht einen Zaun. Und was die Schafe innerhalb dieses Gatters machen, das ist dann ihnen überlassen, aber der Rahmen wird gesetzt.

Bleiben wir bei diesen Beispielen des Nudging, deutsch so etwas wie Anstupsen. Das sind Formen des Regierens, die bis in ganz banale alltägliche Verhalten einzelner Menschen hineinwirken sollen und auch sicher tun, die aber ihnen die Freiheit lassen und die Suggestion lassen, dass sie selber entscheiden können, was sie tun.

Das Beispiel, was in den entsprechenden Aufsätzen und Büchern immer wieder angeführt wird, ist eines, dem man gar nicht widersprechen kann – die Frage der Schulkantine und wo wird da der süße und damit eben dick machende Nachtisch platziert. Der Vorschlag ist dann eben: Wenn man den Nachtisch ganz oben oder weit hinten im Regal platziert und weit vorne in Augenhöhe die gesunden Äpfel, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel größer, dass die Schülerinnen und Schüler zum gesunden Apfel statt zum ungesunden süßen Pudding greifen. Sie haben die Freiheit, den Pudding zu essen weiterhin, aber allein durch die Platzierung im Regal verändert sich statistisch gesehen das Verhalten der vielen.

Solche Formen des Regierens, gestützt inzwischen natürlich auf die Formen der digitalen Technologien, die auch die statistischen Daten dafür überhaupt zugänglich macht, nehmen solche Formen des Regierens zu. Die britische Regierung, noch vor dem Brexit, hatte Anfang der 2010er Jahre eine sogenannte Nudging-Unit, also einen Kreis von Experten, als Berater engagiert. Kanzlerin Merkel hatte vor einigen Jahren auch einige Stellen für solche verhaltenspsychologische Experten ausgeschrieben. Also, da gibt es Formen, die jetzt gar nicht Gegenstand von Wahlkämpfen und großen Entscheidungen sind, aber wo wir mit Formen des Regierens zu tun haben, die für sich genommen auch erstmal harmlos erscheinen, aber doch subtile Formen unseres Verhaltens steuern.

Deutschlandfunk Kultur: Und sie nehmen uns dadurch auch ein Stück Freiheit. Also, man könnte das schon als eine Politik, die in unserem Rücken agiert, bezeichnen. Also das, was wir als Selbststeuerung wahrnehmen, ist im Grunde Fremdsteuerung.

Ulrich Bröckling: Genau. Also, eine selbstgesteuerte Fremdsteuerung oder fremdgesteuerte Selbststeuerung. Das vielleicht Gefährliche daran ist doch, dass solche Formen der Steuerung gar nicht mehr als Formen der Steuerung erkannt werden und, wenn sie erkannt werden, auch immer das Argument für sich haben: Erstens, sie verbieten nichts, sondern legen bestimmte Sachen nahe. Und irgendwie muss man ja den Nachtisch im Regal platzieren. Das hat dann auch wieder Kostenargumente. Die vielen übergewichtigen Kinder werden in der Zukunft Folgekosten für das Gesundheitssystem erzeugen. Also ist es gewissermaßen eine biopolitische Mission, die Menschen zu gesunder Ernährung anzuhalten. Und man tut das eben nicht autoritär, weil, das wird sich doch kaum jemand gefallen lassen, nicht verbieten…

Deutschlandfunk Kultur: Die Grünen hatten das ja mal probiert.

Ulrich Bröckling: Ja, genau. Die sind damit auf die Nase gefallen. Vielleicht sollen die mal bei diesen Nugding-Experten nachlesen.

Deutschlandfunk Kultur: Den Veggieday haben wir Gott sei Dank nicht bekommen.

Stärker werden: die Resilienz-Illusion

Deutschlandfunk Kultur: Was ich mich frage, ist: Gibt es einen alternativen Führungsstil dazu? Also, man könnte ja auf die Idee kommen zu sagen: Okay, die Herde ist ziemlich autonom. Wir müssen eigentlich eher die Abwehrbereitschaft stärken. Resilienz ist da das Stichwort. Da könnte man ja auf die Idee kommen, man muss nur die einzelnen und auch vielleicht die ganze Herde so stark machen, dass sie eigentlich dieser ganzen Steuerungsmechanismen nicht mehr so bedarf und sich einfach abwehrbereit macht, auch mit Kontingenten und disruptiven Ereignissen umzugehen, wie einem Terroranschlag zum Beispiel.

Ulrich Bröckling: Abwehrbereit zu sein bedeutet ja schon, dass man in einer Logik von Kampf, von Gefährdung sich imaginiert. Also, ich muss nur abwehrbereit sein, wenn es Gefahren gibt, gegen die ich mich auf diese Weise wehren muss. Und wenn ich das in der Logik von Resilienz, von Stärkung von Widerstandskräften, tue, dann ist das in gewisser Weise auch schon ein höchst pessimistisches Programm. Ich glaube, wenn ich darauf setze und meine Programme, meine zum Beispiel auch politischen Programme, pädagogischen Programme, auf Förderung von Resilienz ausrichte, dann glaube ich nicht mehr daran, dass ich an den Wurzeln, an den Ursachen, an den Gründen für diese Gefährdungen etwas ändern lässt. Sondern das Einzige, was mir bleibt, ist, mich und die anderen darin zu bestärken, mit diesen unabänderlichen Gefahren besser umgehen zu können. Also, das wäre in einer Zeit, wo man noch an Fortschritt, an eine bessere Zukunft geglaubt hätte, als Symptomkuriererei mit Recht kritisiert worden.

In einer Zeit, in der unsere Zukunftshoffnungen so zusammengeschnurrt sind, dass wir – wie gesagt – nur noch hoffen können, dass es nicht ganz so schlimm kommt, machen auf einmal solche Logiken von Resilienz Sinn und boomen die entsprechenden Programme.

Regieren in unsicheren Zeichen

Deutschlandfunk Kultur: Wie sähe denn eine Politik aus, die jetzt nicht nach dem Muster Hirte und Herde funktioniert, also, wo man sagen könnte, hier sind Bürger wirklich auf Augenhöhe mit Politikern unterwegs und halten Dissense aus? Das hat ja einen ganz schönen Beiklang. Also, wir brauchen mehr Streitkultur. Das ist im Wahlkampf ja immer wieder gesagt worden. Aber diese Streitkultur wird vielleicht jetzt, Sie haben die AfD schon angesprochen, ins Parlament getragen mit ungewissem Ausgang. Also, das hat ja auch alles Risiken, dass man sagt, ja, wir brauchen mehr Streitkultur. Plötzlich haben wir den Streit und lassen uns von einer Rechtsaußen-Partei die Agenda diktieren.

Ulrich Bröckling: Ja, Streitkultur heißt ja auch nicht, dass man mit Häme, mit Beschimpfung, mit Beleidigung oder mit Unterstellungen, die jeglicher Grundlage entbehren, arbeitet, also eine Form der Auseinandersetzung, die sicher so etwas wie Dissens an den Tag bringt, aber doch keine Auseinandersetzung mehr bringt.

Also, etwas Agonales, ein kämpferisches Bemühen um die Frage, wie wollen wir leben, wie kann gutes Leben aussehen, tatsächlich miteinander diskutiert. Das ist doch, zumindest wenn man die Äußerungen der Vertreter dieser Partei oder die öffentlichen Auftritte anschaut, genau das, was die nicht wollen.

Ich würde das auch auf diese Logik von negativer Zukunftserwartung beziehen wollen. Also, ich glaube, der Aufstieg einer Partei wie der AfD, und man kann das, glaube ich, durchaus parallel sehen auch zu dem Sieg Trumps in den USA und vergleichbarer Regierungsführer in anderen Ländern, hat auch damit zu tun, dass die Hoffnung darauf, dass man noch ein besseres Leben erreichen kann, dass es vorangeht, dass diese Hoffnung für viele in unserer Gesellschaft nicht mehr glaubhaft ist.

Und in dem Maße, in dem das unglaubwürdig wird, in dem man nicht mehr glaubt, dass es besser wird, in dem man nicht mehr glaubt, dass man tatsächlich eine Chance hat, wenn man sich anstrengt, ist eine Gefahr, eine Möglichkeit, darauf mit Ressentiments zu reagieren. Wenn es mir schon nicht besser geht, dann soll es erstens gefälligst auch anderen nicht besser gehen. Und dann hat man Programme, politische Positionen, die weniger mit Versprechen operieren.

Wenn man sich die Reden der AfD-Leute anguckt, die versprechen ja nichts, sondern deren ganze Aussagelogik ist negativ. Sie sehen Gefahren. Sie arbeiten mit Schuldzuweisungen. Das bietet ihrem Publikum, und darauf beruht auch die Anziehungskraft, nicht irgendwie Hoffnung, dass es besser wird, sondern sie bieten ihrem Publikum die Gelegenheit, diesen Unmut, diese Wut, diese negativen Affekte abzuagieren – sei es gegenüber dem sogenannten Establishment, denen da oben mal den Mittelfinger zu zeigen die ganzen Polemiken gegen Merkel haben genau diese Logik, das war ja auch die Rhetorik von Trump im Wahlkampf, aber natürlich auch diese Wut, die man hat, diese negativen Affekte, die man hat, dann an Schwächeren auszuagieren, an denen, denen es sozial noch schlechter geht, wie etwa den Flüchtlingen. Also, es ist eine Art von Affektpolitik, die auf Ressentiment setzt und daraus auch ihre Zustimmung bezieht. Und dass sie die Zustimmung bezieht, hat, glaube ich, damit zu tun, dass Politiken, die etwas versprechen können, die wirklich bessere Lebensverhältnisse herbeiführen zu können oder befördern zu können glauben, Schwierigkeiten haben, sich noch als glaubwürdig zu erweisen.

Deutschlandfunk Kultur: Was muss denn ein guter Regierender, was muss eine beste Regierung heutzutage tun?

Ulrich Bröckling: Ich glaube, sie muss zum einen die Grenzen des Regierenkönnens, der Regierbarkeit auch sichtbar machen. Also, Regierungsvorstellungen, Phantasmen, dass man die Dinge schon in den Griff kriegt, dass man die großen Lösungen vielleicht sogar im Handstreich erreichen könnte, die sind infrage zu stellen, die sind zu kritisieren. Und man muss seinen Wählerinnen und Wählern auch mitteilen, dass es die Lösungen nicht gibt, dass man mit Unsicherheit zum Beispiel wird leben müssen, dass man damit wird leben müssen, dass in einer globalisierten Ökonomie die Position auch der westlichen Länder nicht unbedingt in globaler Hinsicht stärker werden wird, sondern man mit einer zunehmenden globalen Konkurrenz wird rechnen müssen und die Position eines Landes auch wie der Bundesrepublik möglicherweise – bei aller Stärke, die jetzt da ist – schwächer werden wird.

Deutschlandfunk Kultur: Man muss mit der Unsicherheit leben. Vielen Dank, Herr Bröckling, für das Gespräch.

Buchtipp:
Ulrich Bröckling: "Gute Hirten führen sanft: Über Menschenregierungskünste"
Suhrkamp Verlag Berlin
415 Seiten, 20 Euro

Tacheles

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