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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 22.03.2018

Von der Kraft des KonsensEinigkeit macht stark

Von Tillmann Bendikowski

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Zwei Geschäftsmänner auf einer Wippe versuchen die Hände zu schütteln. (imago/Ikon Images)
Am besten wird so lange miteinander gesprochen und gerungen, bis sich alle einig sind. (imago/Ikon Images)

Die Europäische Union gründet auf Konsens. Bei wichtigen Entscheidungen müssen alle 28 Mitglieder zustimmen. Damit stehe sie in bester Tradition, meint der Historiker Tillmann Bendikowski: Einigkeit nach langem Ringen habe schon die Hanse im Mittelalter stark gemacht.

Der Konsens gehört derzeit fraglos zu den unbeliebtesten Begriffen der politischen Kultur. Er versprüht keine Leidenschaft. Sperrig und angestaubt steht er in der Ecke. Kaum einer reicht ihm anerkennend die Hand, seine Kritiker verspotten ihn. So wie hierzulande FDP-Chef Christian Lindner. Der nannte den Konsens unlängst eine vordemokratische Form politischer Romantik. Also ab mit ihm auf den Misthaufen der Geschichte?

Eben nicht, denn gerade die Geschichte erzählt vom Nutzen dieses Entscheidungsprinzips. Und sie lehrt: Konsens war immer schon mehr als nur das Gegenteil von Dissens. Er prägte im Mittelalter die herrschende Idee von einer guten Ordnung der Gesellschaft, der "Gemeinheit". Von "Eintracht" war die Rede, wenn dies gelang. Und der Konsens wurde zu einem zentralen Instrument mittelalterlichen Rechts: "Nil de nobis sine nobis" – "Nichts über uns ohne uns".

Wo immer sich Gleichgesinnte zusammentaten: Am besten, so die Vorstellung, wird so lange miteinander gesprochen und gerungen, bis sich alle einig sind. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die mächtige Hanse, die über Jahrhunderte hinweg ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen erfolgreich durchsetzen konnte – und bei den Hansetagen als den zentralen Treffen stets im Konsens entschied.

Der Konsens gilt als gerecht

Denn auch die Hansekaufleute wussten schon um die guten Gründe für die Eintracht: Jede Gruppe geht gestärkt aus solchen Entscheidungen hervor, sie gelten als besonders legitimiert und gerecht. Außerdem müssen die Großen auf die Kleinen Rücksicht nehmen – ohne ihre Zustimmung geht es nicht! Also ist Gesprächsfähigkeit und Kompromissbereitschaft gefragt. Bis sich alle einig sind? Bis sie alle einig sind!

In dieser Tradition steht heute besonders die Europäische Union, allen voran der Europäische Rat, in dem sich die 28 Staats- und Regierungschefs zusammenfinden: Wenn es beispielsweise um die Außen- und Sicherheitspolitik geht oder um die Aufnahme neuer Mitglieder, müssen alle zustimmen. Dass die EU gerade wegen dieses Vorgehens immer wieder in die Kritik gerät, muss sie aushalten. Sie sei zu schwerfällig, heißt es, und oft genug öffne der Wunsch nach einem Konsens doch nur faulen Kompromissen Tür und Tor. Dabei übersehen die Kritiker allerdings, dass viele Entscheidungen in der EU längst im Mehrheitsverfahren entschieden werden, und dass das aktuelle Problem der Union vielmehr die nationalen Egoismen oder Demokratiedefizite einzelner Mitgliedsstaaten sind.

Konsens ist unmöglich, wenn es am Willen fehlt

In zukunftsweisenden Fragen auch mit diesen Ländern einträchtig zu Entscheidungen zu kommen, ist da eher Teil der Lösung denn Teil des Problems. Dafür braucht es allerdings Zeit: zum Reden und Zuhören, zum Nachdenken und klugen Abwägen der Argumente. Es braucht also genau das, was in unserer beschleunigten Zeit zur Mangelware geworden ist!

Zugegeben: Ein Konsens ist unmöglich, wenn es am Willen fehlt. Wer sich als Karrierist politisch profilieren will, für den ist der Konsens als Beute viel zu schmucklos; sämtliche Ideologen, Gotteskrieger oder Diktatoren verweigern sich jeder Debatte, weil sie ja ohnehin im Besitz der Wahrheit sind; und die Dilettanten, die aus Versehen auf Abgeordnetenstühlen oder Präsidentensesseln gelandet sind, kennen nur die vermeintlich "einfachen" Lösungen, die Gespräche mit anderen ebenfalls überflüssig machen. Gegen diese Konsens-Verächter die alte Idee als ein europäisches Kulturerbe zu verteidigen – das ist weder vormodern noch irgendwie romantisch, das ist vernünftig. In der Demokratie gehören die Fähigkeit zum Konsens und die Bereitschaft zum Konflikt zusammen. Also: Komm heraus aus deiner Ecke, Konsens! Es gibt Arbeit!

Tillmann Bendikowski  (C.Bertelsmann)Tillmann Bendikowski (C.Bertelsmann)Tillmann Bendikowski, geboren 1965, Historiker und Journalist, ist Leiter der Medienagentur Geschichte in Hamburg. Er verfasst Beiträge für Printmedien und Hörfunk und betreut die wissenschaftliche Realisierung von Forschungsprojekten und historischen Ausstellungen. Für das Museum »Varusschlacht im Osnabrücker Land« realisierte er die Sonderausstellungen »Theodor Mommsen« (2003) sowie »Gesprochen, geschrieben, gedruckt. Wie die Rede auf die Varusschlacht kam« (2007). Er verfasste u.a. »Der Tag, an dem Deutschland entstand. Geschichte der Varusschlacht« (2008), »Friedrich der Große« (2011) und »Sommer 1914« (2014). 2016 veröffentlichte ein Buch über "Helfen. Warum wir für andere da sind", das ein großes Medienecho fand.

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