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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 08.04.2012

Vom Osterlämmchen zum Opferlamm

Welche Rolle die Tiere beim Osterfest spielen

Von Theresia Kraienhorst, Pfingstberg

Unsere Autorin hat mit einer nordfriesischen Schäferin gesprochen. (Stock.XCHNG / Sam Veres)
Unsere Autorin hat mit einer nordfriesischen Schäferin gesprochen. (Stock.XCHNG / Sam Veres)

Das christliche Ostersymbol ist nicht der Hase, sondern das Lamm: Im Frühjahr springen die kleinen Vierbeiner auf dem frischen Gras und sind ein lebendiges Symbol für den Frühling und die Lebensfreude. Aber sie haben auch eine theologische Bedeutung.

Der Osterhase mag ja den Kindern die Ostereier bringen. Aber das eigentliche Symbol dieses Festes sind die Osterlämmchen. Und sie tragen ihren Namen zu Recht: Wer jetzt zu Ostern zum Beispiel nach Nordfriesland kommt, kann dort auf den Deichen und Wiesen Tausende kleiner Lämmer sehen; manche sind schon um Weihnachten zur Welt gekommen, andere sind gerade erst geboren. Jetzt hüpfen und springen sie auf dem frischen Gras, liegen in der Sonne, schlafen im Schutz ihrer Mütter. Und genauso sieht es jetzt im Frühjahr in allen Schafherden aus: Die Lämmer sind ein lebendiges Symbol für den Frühling und die Lebensfreude.

Schon vor ein paar Wochen bin ich nach Nordfriesland gefahren und habe Dorothee Olle besucht. Sie wohnt auf Eiderstedt gleich hinterm Deich und ist Schäferin. Wir haben uns in ihrer Küche unterhalten. Und auf ihrem Schoß hatte sie ein kleines Lamm, das mit der Flasche großgezogen werden muss.

Dorothee Olle: "Die Mutter ist gestorben, die ist kurz nach der Geburt gestorben. Und weil das so kalt war, da hab ich gedacht, du lässt sie nicht so allein hier draußen; da hat sie niemanden, wo sie sich ankuscheln kann. Das ist ja nicht schön: neugeboren und dann gleich ganz allein auf dieser Welt. Da habe ich sie mit reingenommen. Eigentlich habe ich in jedem Winter so ein "Küchenbaby". Und dann ist sie in die Kiste gekommen, mit Heu und Stroh. Jetzt bekommt sie alle zwei Stunden ihr Fläschchen; jetzt hält sie schon vier Stunden durch. Wenn sie Hunger hat, dann trinkt sie das ganze Fläschchen leer. Aber heute Morgen hat sie nur ein halbes genommen."

Dorothee Olle hat reichlich Erfahrung mit ihren Küchenlämmern.

"Das letzte Lämmchen, das ich hatte, ist sogar im Auto mitgefahren. Die sind dann auf den Menschen fixiert, weil man Mutter-Ersatz ist. Und das wollte immer bei mir sein. Wenn ich aus dem Stall rausgegangen bin, als ich es im Stall hatte - das war aber auch acht Wochen im Haus, weil es so winzig klein war - da hat es sich die Seele aus dem Leib geschrien. Dann habe ich es einfach mitgenommen zu den anderen Schafen, da ist es immer hinter mir her getippelt. Das ist sogar mit ins Haus gekommen. Es ist auch Auto gefahren. Einmal habe ich es mit in Garding gehabt, da ist es mit in die Volksbank gegangen! Ich hatte das erzählt, weil die mich gefragt hatten: Haben Sie wieder ein Küchenlamm? Bringen Sie das doch mal mit! Und da habe ich es auch mitgenommen."

Doch normalerweise werden die kleinen Lämmer im Stall geboren und verbringen die erste Zeit dort. Ein Mutterschaf hat normalerweise ein oder zwei Lämmer. Eigentlich braucht es bei der Geburt keine Unterstützung. Aber ein verantwortungsbewusster Schäfer wird seine Schafe in dieser Situation trotzdem nicht allein lassen.

"Das Köpfchen liegt auf den Vorderbeinchen. Und wenn es eine normale Geburt ist, dann kommen die Vorderfüßchen und irgendwann sieht man das Näschen. Und wenn das Schaf es alleine schafft - was bei einer Normallage der Fall sein sollte. Es sei denn, es hat so ein großes Köpfchen, dass sie das alleine nicht schafft, dann muss man ein bisschen nachhelfen - das ist die Normallage. Wenn es aber falsch rum liegt, also rückwärts, dann kann es von alleine nicht rauskommen, dann muss man helfen. Wenn das Schaf dann allein ist, dann stirbt das Lamm und das Muttertier auch."

Mit etwas Glück und guter Fürsorge durch den Schäfer wird das Schaf aber mit seinen Lämmern draußen auf der Weide oder auf dem Deich sein, sobald die Temperaturen es zulassen. Aber nur die weiblichen Tiere sind auf Dauer in der Herde. Die kleinen Böckchen werden schon nach wenigen Monaten geschlechtsreif und müssen von der Herde getrennt werden. Etwa ein Jahr lang werden sie gemästet.

"Am liebsten würde ich sie natürlich alle behalten. Es tut mir in meiner Seele weh, wenn ich sie dann wegbringen muss. Aber das geht ja nicht anders. Ich kann sie nicht alle behalten, denn sonst würden es ja immer mehr und immer mehr. Und das sind ja Nutztiere. Aber wenn man dann guten Gewissens sagen kann: Sie haben das bis zum Schluss schön gehabt, sie haben in der Zeit, die sie hier hatten, ein schönes Leben gehabt, dann kann man das relativ guten Gewissens machen, dass man sie zum Schlachter bringt."

Dorothee Olle bringt die Tiere persönlich zum Schlachter im Nachbarort. Ich habe sie gefragt, ob sie beim Schlachten zuschaut.

"Nein, das könnte ich nicht! Um Himmels willen! Wenn ich mir das angucken sollte, dann würde ich sofort aufhören, Schafe zu züchten. Das könnte ich nicht. Ich finde das schon schlimm genug, dass ich sie dort nur hinfahren muss. Das möchte ich auch nicht sehen. Das muss ich nicht haben."

Ich habe den Eindruck, ihre Tiere liegen ihr am Herzen.

"Tiere sind keine Sachgegenstände. Auch wenn sie nach Deutschem Gesetz als Sache gehändelt werden. Es sind Lebewesen, die eine Seele haben. Und die auch einen Anspruch darauf haben, ein schönes Leben zu haben und auch ordentlich behandelt zu werden, fair und ihren Bedürfnissen entsprechend. Tiere haben meines Erachtens einen Anspruch darauf, ein schönes Leben zu haben, die kurze Zeit, die sie dann hier sind."

Als Wirtschaftsfaktor haben Schafe in unserer Zeit und unserem Kulturkreis kaum eine Bedeutung. Baumwolle und Kunstfasern haben die Wolle ersetzt. Lammfleisch ist zwar auf vielen Speisekarten zu finden, aber für die moderne Fleischproduktion durch Massentierhaltung sind Schafe nicht geeignet. Zwar werden Schafsdärme, die sogenannten Saitlinge, für Saiten bestimmter Musikinstrumenten und auch in der Wurstproduktion verwendet. Aber diese Naturdärme kommen aus der Türkei und anderen orientalischen Ländern. Bei uns in Deutschland benötigt man Schafherden heute nur noch im Bereich der Landschaftspflege. Heideflächen können nur mithilfe von Schafen naturgerecht gepflegt werden; und auf den Deichen an Flüssen, vor allem aber an der Nordsee halten die Schafherden die Grasnarbe kurz und treten mit ihren Hufen den Boden fest.

Schafe kommen in unserem Alltag nicht mehr vor. Das war früher anders. Ganz anders. Denn das Schaf ist eines der ersten Wirtschaftstiere, das den Menschen gehörte. Etwa in der Mitte des 9. Jahrtausends vor Chr. begannen die Menschen an Euphrat und Tigris mit der Domestizierung der Wildschafe. Und damit ändert sich etwas Grundlegendes im Leben der Menschen: Sie haben nun ständig Fleisch zur Verfügung. Aus den Jägern werden Viehzüchter. Und die Dankbarkeit, die man dem Göttlichen gegenüber empfand, konnte im Opfer eines kostbaren Schafes seinen Ausdruck finden: Aus den Erstlingen der Schafherden wurden Opferlämmer.

Schafe benötigen viel Weideland; deshalb sind die Hirten mit ihren Herden unterwegs. Das kann aber zu Konflikten mit den sesshaften Bauern führen. Die müssen dafür sorgen, dass ihre Ernte reifen kann; deshalb werden sie alles tun, um sie zum Beispiel vor den Nomaden und ihren Herden zu schützen.

"Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht." (Gen 4, 1-5)

Und dann kommt es zum Brudermord. Der Ackerbauer erschlägt den Schafhirten.

In der Welt des Alten und Neuen Testamentes gehört das Schaf ganz selbstverständlich zum Alltag der Menschen. Jeder weiß um die Bedeutung von Hirt und Herde, kennt deren Lebenszyklen, kennt deren Freuden und Leiden. Und so ist es ganz selbstverständlich, dass die Menschen Gott als ihren Hirten erleben, der sich um das Wohl und Wehe seiner Herde kümmert.

"Der Herr ist mein Hirte, /
nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen /
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Er stillt mein Verlangen; /
er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.
Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, /
ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, /
dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.
Du deckst mir den Tisch /
vor den Augen meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl, /
du füllst mir reichlich den Becher.
Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang /
und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit."
(Psalm 23, 1-6)


Das ist die Bildsprache des Nomadenvolkes von wandernden Hirten. Und auch der Prophet Jesaja kann sich bei seiner Beschreibung des Gottesknechtes darauf verlassen, dass die Menschen seiner Zeit die Verhaltensweisen von Schafen sehr genau kennen.

"Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, /
jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn /
die Schuld von uns allen.
Er wurde misshandelt und niedergedrückt, /
aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, /
und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, /
so tat auch er seinen Mund nicht auf."
(Jes 53, 6-7)


"Der Herr sprach zu Mose und Aaron in Ägypten: Dieser Monat soll die Reihe eurer Monate eröffnen, er soll euch als der erste unter den Monaten des Jahres gelten. Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am Zehnten dieses Monats soll jeder ein Lamm für seine Familie holen, ein Lamm für jedes Haus. Ist die Hausgemeinschaft für ein Lamm zu klein, so nehme er es zusammen mit dem Nachbarn, der seinem Haus am nächsten wohnt, nach der Anzahl der Personen. Bei der Aufteilung des Lammes müsst ihr berücksichtigen, wie viel der Einzelne essen kann. Nur ein fehlerfreies, männliches, einjähriges Lamm darf es sein, das Junge eines Schafes oder einer Ziege müsst ihr nehmen. Ihr sollt es bis zum vierzehnten Tag dieses Monats aufbewahren. Gegen Abend soll die ganze versammelte Gemeinde Israel die Lämmer schlachten. Man nehme etwas von dem Blut und bestreiche damit die beiden Türpfosten und den Türsturz an den Häusern, in denen man das Lamm essen will. Noch in der gleichen Nacht soll man das Fleisch essen. Über dem Feuer gebraten und zusammen mit ungesäuertem Brot und Bitterkräutern soll man es essen. Nichts davon dürft ihr roh oder in Wasser gekocht essen, sondern es muss über dem Feuer gebraten sein. Kopf und Beine dürfen noch nicht vom Rumpf getrennt sein. Ihr dürft nichts bis zum Morgen übrig lassen. Wenn aber am Morgen noch etwas übrig ist, dann verbrennt es im Feuer! So aber sollt ihr es essen: eure Hüften gegürtet, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand. Esst es hastig! Es ist die Paschafeier für den Herrn."
(Exodus 12, 1-11)


Das gemeinsame Essen des Paschalammes ist der Auftakt zum Auszug aus Ägypten. Das Volk, das im Exil lebt, wird den Weg in die Freiheit geführt. Das Paschalamm wird zum Symbol der Freiheit.

Um diese Erinnerung wach zu halten, pilgerten die Gläubigen jedes Jahr zum Tempel nach Jerusalem, um im Tempel die Pessachlämmer zu opfern. Zur Zeit Jesu wurden die Lämmer im Tempel geschlachtet, die Pilger nahmen ihren Teil mit und verzehrten zuhause gemäß der Tradition das Fleisch mit den ungesäuerten Broten und den Kräutern.

Es ist der Apostel Paulus, der das Symbol des Paschalammes auf den auferstandenen Christus überträgt. Paulus war ein frommer Jude, er lebte in den Denkmustern, den Riten und Bräuchen seines Volkes. Die jährliche Feier des Paschafestes war für ihn selbstverständlich. Und so ist es für ihn ein Leichtes, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi in den Bildern des Paschafestes zu verstehen und zu interpretieren.

"Als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden."
(1 Kor 5, 7)


Wie passt das jetzt also alles zusammen: Paschalamm - Opferlamm - Jesu Leben, Sterben und Auferstehung?

"Das deutsche Wort 'Opfer' geht zurück auf das lateinische 'offerre', das bedeutet: darbringen, entgegenbringen, hingeben. In fast allen Religionen bringen Menschen durch Opfer zum Ausdruck, dass sie alles, was sie sind und haben, Gott bzw. den Göttern verdanken. Als Zeichen geben sie einen Teil ihres Besitzes zurück, zum Beispiel durch Verbrennen, also durch Vernichten, oder auch durch Verschenken.

Im Tempel des Alten Testamentes spielten Opfer eine wichtige Rolle. Das Neue Testament kennt nur ein einziges Opfer, das alle anderen aufhebt: Jesus, der am Kreuz sein Leben im Dienst für die Menschen hingibt.

Diese Hingabebereitschaft bis zum Opfer seines Lebens nimmt Jesus in der Feier des Letzten Abendmahles vorweg in den Worten und Gesten des Brotbrechens und des Weinausteilens."


Haben wir Menschen des 21. Jahrhunderts überhaupt ein Chance, die alten Bilder zu verstehen? Opferlamm, Osterlamm - das ist alles so unglaublich weit entfernt von unserem Alltag, in dem Schafe nicht vorkommen.

Und trotzdem: Jedes Kind begreift zumindest die Symbolik des kleinen Lammes. Nicht umsonst finden sich kleine Plüsch- und Stofflämmer in den meisten deutschen Kinderzimmern. Und dann gibt es ja noch die echten Lämmer, die jetzt zu Tausenden auf dem frischen Gras hüpfen und springen. Der Osterhase mag ja den Kindern die Ostereier bringen. Aber das eigentliche Symbol dieses Festes sind die Osterlämmchen.


Musik dieser Sendung
• CD: The Royal Philharmonic Orchestra, Bach, Membran
• CD: Dominikus Trautner, Orgel-Meditation Zum Osterfest, Vier-Türme GmbH Verlag, Münsterschwarzach 2004

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

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