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Zeitfragen | Beitrag vom 21.02.2017

Völkische Siedler im ländlichen RaumDer Bio-Nazi von nebenan

Von Peter Podjavorsek

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Eine Malerei an einer Hauswand in Jamel (Mecklenburg-Vorpommern). Hier sollen viele Menschen mit rechter Gesinnung leben. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)
Eine Malerei an einer Hauswand in Jamel in Mecklenburg-Vorpommern: Der Ort ist eine Hochburg völkischer Siedler. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Sie wirken zunächst wie typische Ökos: Hunderte von Biobauern, Züchter alter Nutztierrassen oder auch Verleger, die in dünn besiedelten Gebieten Immobilien und Höfe kaufen. Harmlos sind diese rechten, völkischen Siedler in der Öko-Nische jedoch nicht.

Manuskript zur Sendung:

AFD-Politiker Björn Höcke: "Unser einst intakter Staat befindet sich in Auflösung, seine Außengrenzen werden nicht mehr geschützt, er kann die innere Sicherheit nicht mehr garantieren."

Nationale, völkische Ansichten haben wieder Konjunktur: Seit Pegida und dem Aufstieg der AfD tauchen neben der Kritik am "Establishment" auch Konzepte und Ideen auf, die als überwunden galten.

In vielen Orten Deutschlands haben sich in den letzten zehn Jahren stille Rechtsaktivisten eingerichtet: so genannte völkische Siedler.

Nach außen hin fallen sie kaum auf, sie wirken eher wie klassische Aussteiger. Die Männer tragen Bärte und Zimmermannshosen, die Frauen langes Haar und Röcke. Sie betreiben Biolandwirtschaft, sind Ökobaustoffhändler oder Schmie­de. Andere arbeiten als Erzieher, Hebammen oder Gärtner.

In von Landflucht betroffenen Gegenden kaufen sie Häuser und Höfe

Vorzugsweise kaufen sie Häuser und Höfe in Regionen, die von Landflucht betroffen sind. Dort können sie ungestörter agieren und wirtschaftlich unabhängiger von den von ihnen abgelehnten modernen und städtischen Versor­gungsstrukturen sein.

Bauerntum spielt eine zentrale Rolle. Arbeit auf und mit dem deutschen Boden gilt ihnen als Grundlage für die Selbstverwirklichung - der Selbstverwirklichung des deutschen Volkes. Eine Idee, die trotz des ganzen Wikinger- und Germanenkitsches der Bewegung ein Produkt der Moderne ist.

"Da ging es auch darum, die Entfremdung, die die Industrialisierung mit sich gebracht hat, ein Stück weit zurückzudrängen. Sich wieder der 'Scholle' zuzuwenden."

Daniel Trepsdorf ist Leiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Ludwigslust und Kenner der Szene.

"Das war nicht immer unbedingt politisch gewesen. Aber gerade dann bei den Artamanen in den frühen 1920ern oder bei den Ludendorffern waren sie relativ stark. Oder bei der Sturmvogelbewegung hat ein starker ideologischer Einschlag eingesetzt. Schon in der Vorzeit der NS-Zeit, zum Beispiel Willibald Henschel. Der hat schon in den frühen 1920ern eine ritterliche, kämpferische Rasse auf deutschem Boden gefordert. Die Urdeutschen. Er nannte sie Artamanen."

Die Artamanen hatten die bäuerliche Besiedlung der ländlichen Gegend im Osten des Deutschen Reiches zum Ziel. Sie standen für eine völkische, agrarromantische Blut-und-Boden-Ideologie. Die Gruppierung war zwar nicht sehr groß, auf dem Höhepunkt der Bewegung waren es rund 2000 Mitglieder, sie hatte aber einflussreiche Anhänger, zum Beispiel den SS-Chef Heinrich Himmler und den Ausschwitz-Kommandanten Rudolf Höß.

1934 ging der Verein in der Hitlerjugend auf und dann im Gefolge der Niederlage Nazideutschlands ganz unter. Anfang der 90er-Jahre wurde er jedoch wiederbelebt, als einige Familien die alten Artamanen-Höfe im Mecklenburg-Vor­pommer­schen Koppelow renovierten und wieder bezogen. Die sich Neo-Artamanen nennende Gruppe berief sich auf die Ideologie der historischen Vorgänger.

Ihr erklärtes Ziel: eine Keimzelle für weitere Ansiedlungen rechter Gruppierungen im Nordosten Deutsch­lands zu werden und der Region "ihren Stempel aufzudrücken".

Rund 1000 völkische Siedler haben das Bauerntum zur Grundlage ihrer Existenz gemacht

Eine Strategie, die durchaus erfolgreich ist. Deutschlandweit gibt es heute schätzungsweise 1000 völkische Siedler. Genaue Zahlen existieren nicht, denn die Szene schirmt sich nach außen ab.

Die völkische Szene ist nicht fest organisiert. Sie besteht aus mehreren Gruppierungen und einem mit ihr assoziierten Umfeld.

Daniel Trepsdorf hat ihre regionale Verteilung auf einer Landkarte eingetragen:

"Ich wollte Ihnen mal zeigen, wie es hier in Mecklenburg-Vorpommern bestellt ist mit völkischen Siedlungen und Aktivitäten. Es gibt auf der einen Seite religiös, esoterische Organisationen. Wie die Ludendorffer, die sich eher strengem Antisemitismus unterziehen. Wenn wir uns mit der Region Güstrow auseinandersetzen, da tritt die 'Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung' in Szene. Die werden dann sehr stark politisch und wirken auch indoktrinierend.

Wir haben dann auch die NPD-nahen Organisationen wie die 'Jungen Nationaldemokraten'. Aber auch die 'Gemeinschaft deutscher Frauen'. Aber es finden sich auch die freie Kameradschaftsszene, die rund um Anklam relativ stark ist, im Kreis Vorpommern-Greifswald. Aber eben auch die völkischen Jugendbünde, die dazugehören und durchaus starke Affinitäten zur völkischen Siedlungsbewegung haben."

Alle Gruppierungen eint der Glaube an die Überlegenheit des deutschen Volkes, ein rassistisch-antisemitisches Weltbild und die Ablehnung einer weltoffenen und demokratischen Gesellschaft.  

Eine wichtige Rolle für das Selbstverständnis vieler völkischer Siedler und Rechtsextremer spielen nordische, vorchristliche Glaubensvorstellungen. Im Gegensatz zum Christentum, das sie als verweichlicht ansehen, gilt ihnen die nordische Mythologie als kämpferisch und hart.

Viele Siedler sehen sich in der Zeit nach dem Ragnarök, dem Weltenbrand, in dem die Asen und Götter um Odin in einem apokalyptischen Kampf besiegt wurden. In dessen Folge entstand schließlich – wie in der Völuspa, der Weissagung einer Seherin beschrieben – eine neue Welt, die durch eine rassische Elite neu besiedelt wurde.

Glaube an die Überlegenheit des deutschen Volkes

Trepsdorf: "Es ist sehr wichtig für eine relativ kleine Gemeinschaft, sich rückzuversichern, identitätsbildende Maßnahmen zu ergreifen. Das auch weiterzugeben an die nächste Generation. Und sich über diese Chiffren sich zu verständigen und auch als straffe Abgrenzung in der Darstellung gegenüber einem demokratischen Mehrheitswillen deutlich zu machen."

Diese Glaubenswelt voller mythischer Geschichten und Figuren findet ihren Ausdruck in der Verwendung verschiedenster Symbole. Ein wichtige Rolle spielt zum Beispiel der Thorshammer, mit dem Thor die Midgard-Schlange erschlug. Oder Irminsul, der Weltenbaum, der in der Mythologie die Verbindung zwischen Himmel und Erde darstellt. Viele Völkische-Nationale tragen auch das Symbol eines nordischen Adlers, der einen christlichen Fisch in den Klauen hält.

Das völkisch-germanische Brauchtum wird darüber hinaus zelebriert - in Festen wie der Winter- und Sommersonnenwendfeier, der Julfeier oder der Eheleite, die an Stelle der christlichen Hochzeit gefeiert wird.

"Wenn Sie so ein Sommerlager besuchen, das wird Ihnen natürlich schwerfallen, weil sie gar nicht reingelassen werden, oder Maifeste besuchen, die eine starke rituelle, religiöse Ausrichtung haben, dann finden Sie die Symbolik stark verortet, die Sie auch in den Orten starker Siedlungskativität vorfinden.

Dann finden sich diese Irminsul, dieses Yggdrasil, den Weltenbaum, im Zentrum eines solchen Zeltlagers. Die Zelte sind nach unterschiedlichen Reichen in der alten Mythologie benannt. Da gibt es ein Zwergenzelt, wie es ein Asgardzelt oder ein Midgardzelt gibt."

Güstrow, eine Kleinstadt in der Mitte Mecklenburg-Vorpommerns. Im Zentrum des Ortes befindet sich die Freie Schule Güstrow. Rund 200 Schüler werden hier nach reformpädagogischen Konzepten von der ersten Klasse bis zum Abitur unterrichtet. Die Schule legt großen Wert auf das Vermitteln eines toleranten und offenen Weltbildes. Am Haupteingang hängt ein Schild: Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Damit gehört sie zu einem bundesweiten Netzwerk von Schulen, die sich aktiv gegen Diskriminierung, Mobbing und Gewalt einsetzen.

Gleichwohl melden auch Eltern, die andere Ideen vertreten, ihre Kinder hier an.

Boldt: "In einem Jahr haben wir das gar nicht gemerkt. Das hängt auch ein bisschen mit der Historie hier zusammen. Es gibt viele Bauern, die versuchen, biologisch, ökologisch zu arbeiten. Und in dem Bereich sind auch die völkischen Siedler aktiv. Und da gibt es manchmal eine Vermischung, die nicht einfach auseinanderzuhalten ist."

Eine Herausforderung für den Schulleiter Ralf Boldt. Wie umgehen mit völkischen Siedlern?

Denn die bemühen sich, nicht negativ auffallen. Und nicht nur das: Sie treten als nette, soziale und überdurchschnittlich engagierte Mitbürger in Erscheinung. Sie lassen sich für den Elternbeirat aufstellen oder bieten bei Ausflügen ihre Unterstützung als Begleitperson an. Auch außerhalb der Schulen engagieren sie sich: in Kindertagesstätten, Vereinen, Bürgerinitiativen oder bei der Feuerwehr. In Gegenden, die von Landflucht gekennzeichnet sind und das Gemeinwesen erodiert, findet dieses Engagement vielfach Sympathie bei der ansässigen Bevölkerung.   

"Es gibt Leute, die sagen: Die sind doch sehr nett. Die produzieren doch Biogemüse. Liefern ihr Gemüse in Bioläden ab. Damit ist für viele auch die Sache erledigt."

Kinder der Siedler an der Freien Schule - das schafft Konflikte

So einfach ist es aber nicht.

Ralf Boldt und der Elternschaft ist durchaus bekannt, welch dogmatisches Weltbild hinter dem unscheinbaren Auftreten der Siedler steht. Die "Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung" zum Beispiel versteht sich als Gruppierung ausschließlich für nordisch-germanische Menschen. Die Mitglieder haben ein so genanntes Sittengesetz zu befolgen, das die gleichgeartete Gattenwahl, die Gewähr für gleichgeartete Kinder sowie Härte und Hass gegen Feinde vorschreibt. In einer Selbstdarstellung der Organisation heißt es:

"Wir wollen uns nicht irgendwelchen Vorschriften und Zwängen unterwerfen, die seit den christlichen Jahrhunderten ständig auf uns einwirken, und die uns gegen unsere innere Überzeugung aufbringen sollen, dabei aber selbst aus der Vorstellungswelt völlig fremder Völker stammen. Wir sind dabei, uns frei zu machen von der orientalischen Bevormundung, die uns seit 1000 Jahren gefangen hält.

Wir sollten sehr auf unsere Kinder achten, denn die Kollaborateure unserer Feinde sitzen nicht nur in den Kirchen, Funkhäusern und Parteizentralen, sondern auch in den Schulen. Wir dürfen nicht dulden, dass sie sich der Gehirne unserer Kinder bemächtigen."

So erstaunt es nicht, dass es in der Schulkonferenz der Freien Schule mehrfach zu kontroversen Auseinandersetzungen kam. Zwei Lager standen sich gegenüber.

Boldt: "Die einen sagen: Wenn man tolerant ist, muss man auch andere Tendenzen gelten lassen. Man kann genauso sagen, man würde sich gegen linksradikale Tendenzen wehren. Aber wo ist die Grenze? Die anderen Eltern sagen: Das könnt ihr nicht machen! Ihr könnt nicht an unserer Schule Eltern, die dem rechtsradikalen Spektrum zuzuordnen sind, hier an dieser Schule lassen."

Der Schulleiter glaubt nicht, dass es sinnvoll ist, Kinder von Eltern aus der völkischen Bewegung kategorisch von der Schule auszuschließen. Da es sich um eine Freie Schule handelt, kann sie sich ihre Schüler selbst aussuchen.

"Das Problem ist ja nicht damit gelöst, dass man diese Kinder nicht aufnimmt. Die Kinder können ja nichts dafür, in welchem Haushalt sie geboren werden. Unter Umständen nehmen wir diese Kinder auf, weil wir der Meinung sind, dass sie auch die Möglichkeit haben sollen, sich nach unseren Idealen zu entwickeln. Dass man solidarisch ist, dass man sich einsetzt, dass man sich nicht abgrenzt. Das jemand, der eine andere Religion hat, nicht einfach abgekanzelt wird. Dass man versucht, Demokratie zu leben."

Überwiegend disziplinierte und fleißige, fast vorbildliche Schüler

Ralf Boldt ist davon überzeugt, dass die Kinder etwas davon ins spätere Leben mitnehmen – auch wenn sich bislang keiner seiner Schüler vom völkischen Lebensumfeld losgesagt hat. Zu größeren Problemen mit Siedlern oder ihren Kindern ist es jedenfalls nie gekommen. Die Eltern halten ihre gesellschaftlichen und politischen Meinungen zurück. Die Kinder verplappern sich im Schulalltag zwar manchmal, sind ansonsten aber überwiegend disziplinierte und fleißige, fast vorbildliche Schüler. 

Boldt: "Am besten ist die offene Auseinandersetzung. Aber es ist eben so, dass die oft vermieden wird. Wenn man sagt: Der und der ist in der Artgemeinschaft. Das sind die und die, die bei euch im Ort leben. Mit denen ihr zusammen seid. Ja, wir kennen die ja nur. Das ist ja nicht verboten, jemanden zu kennen, der sich in irgendwelchen Organisationen befindet."

Es war ein längerer Prozess, einen adäquaten Umgang mit völkischen Siedlern zu finden. Die Schule suchte dazu Hilfe bei einem Regionalzentrum für demokratische Kultur. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es mehrere davon. Sie beraten Schulen, Vereine, Bürgerinitiativen und Behörden im Umgang mit rechten Gruppierungen. Gleichzeitig leisten sie Präventionsarbeit gegen demokratiefeindliche Tendenzen.

Ein Patentrezept, so zeigte sich, gibt es nicht.

Sollten Kinder aus völkischen Gruppierungen grundsätzlich abgelehnt werden? Wie dann aber verfahren mit Familien, die mit deren Gedankengut nur sympathisieren? Und wie damit umgehen, wenn im Schulalltag dann doch einmal rechtsextremes Gedankengut vertreten wird? Immer konfrontieren – oder doch eher den Dialog suchen?

Die Freie Schule kam zu dem Schluss, dass sie nun jeden Einzelfall prüfen und demokratisch entscheiden will, was zu tun ist.

Gutsche: "Unsere Erfahrung ist, dass je näher Menschen ihre eigenen Lebensmittelpunkte an der Herausforderung haben, sei es in der Schule, sei es in der Nachbarschaft, sei es im Verein, der Kirchengemeinde, wie auch immer, also je näher sie an diesen Menschen sind und sich konkret mit diesen Menschen auch verhalten müssen – das heißt die Frage: Gebe ich ihm die Hand? Selbst solche Fragen stellen sich ja manche Menschen – desto differenzierter wird der Blick."

Hartmut Gutsche ist Leiter des Regionalzentrums Stralsund der Evangelischen Akademie der Nordkirche und hat die Freie Schule Güstrow beraten.

"Wenn man in einer Stadt wie Berlin der Meinung ist, sich aufregen zu müssen über eine ganz bestimmte Geschichte, dann ist es relativ einfach, Freitagabend in die S-Bahn oder aufs Fahrrad zu steigen, drei Kieze weiter zu fahren, sich an einer Demo zu beteiligen. Vielleicht sich noch für eine Blockade auf die Straße zu setzen, danach wieder in seinen Kiez zurückzufahren, sich mit seinen Nachbarn darüber zu freuen, was man alles gemacht hat. Dann ist die Sache erledigt.

Je kleiner aber der Sozialraum ist, desto weniger geht das. Da muss man nämlich mit Menschen umgehen, konkret. Und das ist ein anderer Umgang, als wenn man sich mit einem politischen Phänomen auseinandersetzt."

Völkische Sippen in Mecklenburg-Vorpommern, im Wendland oder der Lüneburger Heide

Der Nordosten der Republik hat sich in den letzten Jahren zu einer Art Modellregion für Rechtsextreme entwickelt. Doch auch in anderen Bundesländern existieren national-völkische Strukturen, und das meist schon viel länger als in Mecklenburg-Vorpommern.

Während sich im Osten nach der Wende viele westdeutsche Rechte angesiedelt haben, gibt es in westdeutschen Dörfern völkische Sippen, die bereits über mehrere Generationen gewachsen sind. Einige von ihnen, etwa in Schleswig-Holstein und in der Lüneburger Heide, bestehen schon seit der Zeit des Nationalsozialismus und besitzen daher erheblichen Einfluss in der rechten Szene. 

Die Amadeu Antonio Stiftung hat sich diesem Thema 2014 mit einer umfangreichen Broschüre gewidmet. Marius Hellwig ist bei der Organisation für völkische Gruppierungen zuständig.

Hellwig: "Es gibt im gesamten deutschen Bundesgebiet verschiedene Sitzungshäuser, wo immer wieder Treffen stattfinden. Die Gedenkstätte Wudmannshausen in Thüringen ist so ein Ort. In Hessen gibt es das Thule-Seminar. Im Raum südlich von Oldenburg gibt es Ahnenstätten. Als Gegenstück zu christlichen Friedhöfen liegen da die Toten aus der völkischen Szene unter Findlingen, nicht unter Grabsteinen. Und auf diesen Findlingen sind Runen eingeritzt. Und diese Ahnenstätten werden zum Beispiel vom Bund Deutscher Unitarier betrieben."

Auch im Wendland, eher bekannt durch Proteste gegen die Endlagerung von Atommüll, haben sich Akteure der völkischen Bewegung niedergelassen. Dort kommt es mitunter zu abstrusen Begegnungen von rechten und linken Protestlern.

"Das kann dann zum Beispiel auch dazu kommen, dass im Wendland auf einer Demo gegen die Castortransporte jemand neben einem steht, der auch gegen die Castortransporte ist. Und auch gegen Gentechnik. Aber eben weil er meint, es käme von den Juden. Und ist deshalb abzulehnen. Weil die Pharmaindustrie eben 'verjudet' sei. Dass die Atomenergie ein Mittel der Juden sei, um das deutsche Volk auszurotten."

Wie problematisch oder gar bedrohlich sind nun aber die völkischen Siedler?

Man kann sie ja auch als eine kleine Gruppe von schrägen Vögeln betrachten, die vielleicht spezielle Vorstellungen von Gesellschaft und Leben haben, ansonsten aber – im Gegensatz zu vielen anderen Neonazis - keiner Fliege etwas zu Leide tun.

Hinter der Lebensweise verbirgt sich "eine Menschen verachtende Logik"

Marius Hellwig sieht das anders: "Man darf nicht vergessen, dass da eine Menschen verachtende Logik dahintersteckt. Die schon per se ein Gewaltpotenzial hat, das sich nicht zwangsläufig nach außen manifestieren muss in Gewalt. Aber wenn man den Antisemitismus vertritt, und überhaupt eine Konzeption von Volk hat, in der es klar ist: Da gehört niemand dazu, der Jude ist. Da gehört niemand dazu, dessen Eltern nicht in Deutschland geboren sind. Da gehören keine Homosexuellen dazu, keine emanzipierten Frauen. Dann ist da eben schon eine Problematik dahinter."

Abgesehen davon kam es in den vergangenen Jahren durchaus auch zu aggressivem Verhalten von Seiten völkisch-nationaler Gruppen. So erlangte zum Beispiel der Fall des Bürgermeister von Lalendorf, einem Dorf in der Nähe von Güstrow, vor einigen Jahren überregionale Bekanntheit. Er hatte sich geweigert, einer der Artgemeinschaft zugehörenden Frau die in Deutschland übliche Ehrenpatenschaft des Bundespräsidenten für das siebte Kind auszuhändigen. In der Folge gab es öffentliche Hetze und Drohungen gegen ihn. Eines Tages marschierte ein Trupp Rechtsextremer durch den Ort und drang auf sein Grundstück vor. Zeitweise stand der Bürgermeister deshalb unter Polizeischutz.

Da sich die völkische Bewegung nach außen hin abschottet, gleicht es einer Puzzlearbeit, Informationen zu ihren Bestrebungen und ihrem konkreten Handeln zu erhalten. Beobachter der Szene schätzen die möglichen Gefahren von Völkischen Siedlern durchaus unterschiedlich ein. Es gibt aber auch klare Indizien, wie bei der Artgemeinschaft, die auf der Webseite ihre Mitglieder auffordert:

"Wir können kleine Gruppen bilden, die wissen, was sie wollen. Persönlich können wir infiltrativ wirken, in Vereine, Gesellschaften, Gruppen gehen und dabei viele Mitmenschen über die erkannten Zusammenhänge nachdenklich machen, sie letztlich zu sich selbst führen."

Die Artgemeinschaft setzt also ganz explizit auf eine Strategie der Infiltration und Expansion. Es geht ihr dabei nicht um schnelle Erfolge - die sie ohnehin nicht erreichen würde.

Daniel Trepsdorf vom Demokratiezentrum Ludwigslust: "Es geht nicht darum, den Kampf um die Köpfe, die deutsche Scholle missionierend voranzutreiben. Aber erstmal die Räume besetzen, und den politischen Willen vor Ort zu gestalten. Gestalte ich mit einer solchen, Pluralismus ablehnenden Ideologie einen Raum, dann wird es auch schwer, ein demokratisches Bewusstsein für Vielfalt, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in naher Zukunft durchzusetzen".

Die völkischen Siedler stehen auch nicht alleine in der völkischen Landschaft. Es gibt zahlreiche Verbindungen und Überschneidungen zu verschiedenen rechtsextremen Gruppierungen, auch zu gewaltbereiten Kameradschaften ­und der Skinheadszene.

Die in der Nähe von Güstrow lebende, der Artgemeinschaft nahe stehende Aktivistin Petra Müller etwa hat im Jahr 2006 den "Ring Nationaler Frauen" mitgegründet, die Frauenorganisation der NPD. Ihr Mann ist Vorsitzender der rassistischen "Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung".

Götz Kubitschek als Vordenker der neuen Rechten

Einer der Vordenker der Neuen Rechten, der Verleger und politische Aktivist Götz Kubitschek, ist unter anderem Mitgründer des rechtsintellektuellen "Instituts für Staatspolitik" und Herausgeber des Magazins "Sezession". Kubitschek steht darüber hinaus der AfD und der Identitären Bewegung nahe.

In einem Artikel stellt er fest: "Noch nie hat die Identitäre Bewegung zu Gewalt aufgerufen, noch nie hat sie jemanden verletzt, noch nie musste die Polizei jemanden vor der IB schützen, noch nie hat sie kriminelle Handlungen vorgenommen oder in Wort und Tat die Verfasstheit der BRD infrage gestellt. Und wir reden nicht über 10.000 Mann, sondern blicken auf ein-, zweihundert Aktivisten und Sympathisanten, die eines tun: an jene Selbstverständlichkeit zu erinnern, mit der wir unser Land und die Zukunft unseres Volkes gegen eine zügellose, experimentelle Veränderung verteidigen dürfen."

An einer anderen Stelle fordert er Gleichgesinnte auf: "Teufel auch! Es wird doch in Deutschland Familien und junge Leute genug geben, die sich die leeren Häuser und die jungen Männer vornehmen und etwas aufbauen."

Und dazu organisiert man sich und tauscht Erfahrungen aus. So finden zum Beispiel in eigenen Zentren Schulungen statt oder Veranstaltungen in Rittergütern und Burgen. Auch der Nachwuchs wird gemeinsam indoktriniert, obwohl man aus verschiedenen rechten Gruppierungen kommt.

Viele der braunen Siedler kennen sich aus der 1994 verbotenen "Wiking-Jugend" oder deren Nachfolger, der mittlerweile ebenfalls verbotenen "Heimattreuen Deutschen Jugend". Heute schicken sie ihre Kinder in Zeltlager von rechten Jugendorganisationen wie Sturmvogel, Bund Heimattreuer Jugend oder Jugendbund Pommern. Dort herrscht ein strenger Drill als Vorbereitung auf völkisch-nationalistisches Leben.

Trepsdorf: "Dieses Stiften von Netzwerken, diese Austauschprozesse, diese Selbstvergewisserung, diese Identitätsfindung innerhalb der Szene auch über strittige Fragen hinweg, das verzeichnen wir in den letzten acht bis zehn Jahren wirklich sehr intensiv. Raum schaffen, Rückzugsräume schaffen, sich vernetzen, autarke Beziehungen zueinander aufbauen. Das ist unbesehene Tatsache."

Das Schaffen von Netzwerken erstreckt sich auch auf Dinge des alltäglichen Lebens.

"Das sind natürlich auch knallharte wirtschaftliche Interessen, die da im Hintergrund stehen. Dass da günstig Land zur Verfügung gestellt wird, dass Wohnungen vorgehalten werden. Aber eben auch, wo es ganze Netzwerke gibt: Ich habe einen Handwerker XY, der kommt zu mir. Dafür wird dann in subsistenz-wirtschaftlicher Weise Fleisch oder Biogemüse getauscht. Also man versucht da schon, autarke Wirtschaftskreisläufe zu schaffen, zumindest im kleinen. Als Basis einer späteren politischen Agitation."

Polizisten stehen am 30. August 2014 am Rande des Rockfestivals "Jamel rockt den Förster" in Jamel von einem von rechtsradikalen Dorfbewohnern bemalten Haus. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)Wenn es in Jamel Aktionen gegen Rechts gibt, wie beim jährlichen Rockfestival für Toleranz, müssen Polizisten anrücken, um für die Sicherheit der Teilnehmer zu sorgen. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Wie es ist, wenn ein Dorf fast vollständig in den Händen Rechtsextremer ist, lässt sich in Jamel beobachten. Der kleine Ort in der Nähe von Wismar, knapp zehn Kilometer von der Ostsee entfernt, hat deutschlandweit und teilweise sogar international als Nazi-Dorf Bekanntheit erlangt. Rund um Sven Krüger, dessen Polizeiakte über 50 Vorstrafen zählt und der wegen Gewaltdelikten und Waffenbesitz mehrmals im Gefängnis saß, haben sich im Laufe der Jahre immer mehr Rechtsextreme angesiedelt. Sieben der zehn Häuser sind inzwischen von ihnen bewohnt.

Auf einer Garagenwand prangt der Schriftzug "Dorfgemeinschaft Jamel - frei - sozial – national". Ein paar Meter weiter steht ein Wegweiser, der unter anderem die Entfernung nach Braunau, Adolf Hitlers Geburtsort, anzeigt.

Streng genommen sind es keine völkischen Siedler, die in Jameln wohnen, sondern Menschen, die der extremen, gewaltbereiten Rechten zugeordnet werden. Doch die Grenzen sind fließend.

Lohmeyer: "Da mischt sich durchaus vieles. Wenn die Feierlichkeiten, die Herr Krüger hier anberaumt im Dorf, stattfinden, sehen wir durchaus auch die Rockerszene hier auflaufen. Wir sehen Szenen, die mit ihren völkischen Trachten hier herumspazieren. Also das ist wirklich ein Sammelpunkt, ein Knotenpunkt der rechten Szene, kann man sagen."

Als Birgit und Horst Lohmeyer 2004 nach Jameln zogen, waren Sven Krüger und seine Familie die einzigen rechtsextremen Bewohner. Das Künstlerehepaar dachte, dass es damit schon zurechtkommen würde. Es hat sich getäuscht. Heute sind sie regelrecht umzingelt. Und nicht nur das: Seit Jahren werden sie angefeindet, bekämpft. Man will sie loswerden.

Die Brandstifter der Scheune wurden noch nicht gefasst

Lohmeyer: "Es ist die tote Ratte im Briefkasten gewesen. Es sind die verbalen Beschimpfungen gewesen. Die Bedrohungen gewesen. Wir sollten doch bitte das Haus an denjenigen verkaufen – so lange wir noch können. Mittlerweile werden wir gerne von den Nazis aus nichtigen Anlässen angezeigt, um uns mürbe zu machen. Bis dann 2015 unsere Scheune von Brandstiftern in Schutt und Asche gelegt wurde, die leider immer noch nicht gefasst worden sind."

Nachdem es auf die harte Tour nicht geklappt hat, versuchen die Nachbarn es nun mit einer Zermürbungstaktik.

"Sie winken, wenn Sie uns sehen. Es ist so ein pseudofreundliches Winken, was selbst kleine Kinder, die gerade im Kindergartenalter sind, praktizieren, so wie sie uns sehen. Es ist eine völlig bizarre Situation. Und manche Bekannte von uns, die uns besucht haben, waren ganz irritiert und fragten: Sind das Freunde von euch? Und wir dann: Nein, im Gegenteil. Also es ist eine Strategie, nach außen hin scheinbar freundlich mit den Lohmeyers umzugehen. Hat für uns aber auch die Qualität: Wir haben euch im Blick. Wir sehen euch. Wir sehen, wann ihr kommt. Wir sehen, wann ihr geht."

Das Ehepaar Lohmeyer denkt aber nicht daran, zu kapitulieren und den Rechten das Feld zu überlassen. Stattdessen organisieren sie einmal im Jahr das Musik-Festival "Jamel rockt den Förster" als Zeichen für Demokratie und Toleranz. Und sie gehören zu den wenigen Menschen, die bereit sind, über ihre Erfahrungen mit Rechten zu sprechen.

Viele andere Bewohner, aber auch Behörden und Institutionen, scheinen des Themas überdrüssig zu sein, oder sie wollen ihre Region nicht immer mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht sehen.

Lohmeyer: "Das mussten wir erst einmal realisieren. Wer hier auf dem Land lebt, der hat über drei Ecken Kontakte mit der Nazi-Szene. Oftmals auch ungewollt, aber er hat sie. Entweder angeheiratet, oder als Nachbar. Oder Freunde der Kinder gehören irgendwie zur Szene. Es besteht eine riesige Scheu, sich zu positionieren gegen rechts hier in der Bevölkerung. Natürlich nicht alle. Wir sind nicht die einzigen, die eine Speerspitze der Demokratie sind. Aber es gibt doch beobachtbar sehr, sehr viele Menschen, die zögern, sich mit uns zu solidarisieren. Die zögern, etwas gegen Rechts zu sagen, geschweige denn, zu unternehmen."

Eine kleine Begebenheit steht für die Lohmeyers symptomatisch für diese Entwicklung. Vor einiger Zeit haben sie im Nachbarort einen Handwerker bestellt, der ein Angebot abgeben sollte. Der Mann kam morgens an – und war sichtlich erleichtert, dass die Lohmeyers nicht zu den Nazis gehören. Seine Frau hatte ihn nämlich am Morgen gebeten, nicht nach Jamel zu fahren.

Lohmeyer: "Ich meine: Wo leben wir denn? Ist das hier ein gesetzloser Raum? Das ist wirklich schwer zu ertragen. Selbst wenn unser Ministerpräsident davon spricht, klare Kante zu zeigen. Davon spüren wir hier unten nix."

Für die Lohmeyers steht in Jamel mehr auf dem Spiel als das Klima in einem kleinen Dorf am Rande Deutschlands.

Trepsdorf: "Diese Atmosphäre der Angst, diese vergiftete Atmosphäre im demokratischen Nahraum. Die unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle von Staatsschutz und Verfassungsschutz spürbar ist. Das ist ein Alarmsignal, das von der Zivilgesellschaft ausgeht, und das echt auch gehört werden muss auf Seiten der Behörden.

Ich denke, wenn wir gemeinschaftlich und auch politisch soweit im öffentlichen Diskurs sind, dass uns der Quadratmeter Demokratie und demokratische Alltagskultur mindestens ebenso viel wert ist wie der Längenkilometer Autobahn. Dann sind wir schon auf den richtigen Weg."

(huc/abu)

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