Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton
 
 

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.08.2016

VertriebeneAblehnung und Verachtung für Landsleute aus dem Osten

Von Margot Litten

Podcast abonnieren
Sudetendeutsche werden am 1. Januar 1946 aus der Tschechoslowakei in Richtung Bayern geschickt. (picture-alliance/ dpa / CTK)
Sudetendeutsche werden am 1. Januar 1946 aus der Tschechoslowakei in Richtung Bayern geschickt. (picture-alliance/ dpa / CTK)

Nach Kriegsende strömten Millionen Menschen aus Ostpreußen, Schlesien, Pommern und dem Sudetenland gen Westen. Dort waren sie jedoch oft höchst unwillkommen und stießen auf Vorurteile.

Im Januar 1945 beginnt der Sturm der Roten Armee auf Hitlers Reich, bald ist Königsberg von 3 Seiten eingekesselt, nur noch zwei Wege führen nach Westen, in die Freiheit ... entweder über die Ostsee oder über das zugefrorene Haff auf die Frische Nehrung, jenen schmalen Streifen Land vor der ostpreußischen Küste. Mehr als eine Million Menschen versuchen zu fliehen, ein Elendszug ohne Anfang und Ende.

Renate Zadow: "Wir sind aus Königsberg nicht mehr herausgekommen sondern nur noch bis Pillau und haben es nicht mehr geschafft, mit einem Schiff auszureisen, weil am Tag vorher die Gustloff versenkt wurde … Da ist meine Mutter mit mir zu Fuß zurückgegangen nach Königsberg, eine verflixt harte Zeit, ich weiß, dass sie da immer nach toten Soldaten Ausschau gehalten hat, die am Straßenrand lagen, weil sie glaubte, da ihren Mann zu finden, der an der Ostfront war. In Königsberg zurückgekommen wollte sie natürlich zu unserem Haus, das stand noch, aber wir konnten nicht rein, da saß Militär drin. Ich kann mich erinnern, das sehe ich heute noch, dass ich meinen Tretroller im Garten hab liegen sehn, den durfte ich dann auch mitnehmen in die neue Unterkunft, die uns zugewiesen wurde."

Erst ein Jahr später kann die damals neunjährige Renate Zadow das Inferno von Königsberg verlassen und sich mit ihrer Mutter nach Berlin durchschlagen.

"Meine Mutter hat immer gesagt: Wenn wir Brennessel und Melde nicht gehabt hätten! Davon wurde etwas Suppe gekocht und ab und zu fand man noch einen Apfel, und Pferdehafer, der piekte, wenn man ihn aß und auch wenn er wieder rauskam. Das weiß ich noch sehr genau."

Nicht nur aus Ostpreußen, auch aus Schlesien, Pommern und dem Sudetenland drängen Flüchtlingsströme gen Westen. Hinzu kommen Millionen Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Der Hass, den Hitlers Vernichtungsfeldzug ausgelöst hat, schlägt jetzt auf die Deutschen zurück. Vor allem Frauen gelten den Soldaten der Roten Armee als legitime Beute. Schätzungsweise 1,4 Millionen Frauen wurden in den Nachkriegsjahren vergewaltigt. In den Flüchtlingslagern des Westens, so berichten Zeugen, hieß ein beliebtes Kinderspiel "Frau, komm!"

Charlotte Kaufmann: "Wir versteckten uns im Heu, aber wir wurden mit Mistgabeln herausgeholt und wurden mitgeschleppt in ein Haus, in dem der ganze Stab der russischen Soldaten untergebracht war. Und wenn wir am Morgen von diesen russischen Soldaten entlassen wurden, dann sagten die, wenn ihr weglauft und euch versteckt, dann erschießen wir eure Eltern, also mussten wir ausharren."

"Wildschweine, Kartoffelkäfer, Flüchtlinge"

Mehr als zehn Millionen entwurzelter Menschen irren durch das zerstörte Deutschland, auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Mindestens eine halbe Million überlebt die Strapazen nicht. Vielerorts schlägt den Flüchtlingen Ablehnung, ja Verachtung entgegen. Sie gelten als "Dreckszeug aus dem Osten", mit denen man das Wenige, was man selber hat, auf keinen Fall teilen möchte. Mancherorts heißt es, die drei großen Übel der Zeit seien "die Wildschweine, die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge".

"Man muss natürlich verstehen, der Westen war ja überfüllt von Leuten die aus dem Osten kamen."

Barbara Kraft war mit ihrer Familie im Herbst 1946 aus Schlesien geflohen:

"Wir kamen in dieses Zimmer, meine Mutter knipste das Licht an - keine Birne. Wir Kinder freuten uns aber über die Eisblumen, die das ganze Fenster bedeckten. Wunderschön. Das war unser Beginn. Es war dann auch so, es war ein Junge im Hof, und wir Kinder wollten natürlich auch im Hof spielen, der sagte, jetzt kommen die dreckigen Polacken an, und er schoss mit einer Zwille auf uns, und ich sagte, wir sind doch keine dreckigen Polacken. Es war bis auf eine Person wenig Sympathie."

Otfried Pustojowski: "Ich hatte als Kind das Gefühl, man war plötzlich nicht mehr jemand, sondern man war vogelfreies Vieh, muss man sagen. Es kamen immer wieder Jugendliche, die sagten, wenn du uns das nicht gibst, dann schlagen wir dich tot und es passiert uns nichts."

Frau: "Ich bin zu einem Bauern gekommen, und die Bäuerin war eine sehr resolute Frau. Dann hat der Sohn geheiratet, da hatte sie Wochen vorher in so Steinguttöpfen Buttergebäck, und ich musste dann immer Schüsseln runtertragen zu den Gästen, und da hat sie mir an der Treppe unten jedes Mal in den Mund gekuckt, ob ich etwa eins gegessen hab."

In der Rhein-Neckar-Zeitung ist im April 1948 zu lesen:

"Die Flüchtlinge sind grundsätzlich schmutzig. Sie sind grundsätzlich primitiv, ja sind sogar grundsätzlich unehrlich. Dass sie faul sind, versteht sich am Rande. … Und einen Dank für das, was man ihnen tut, kennen sie nicht. Das ist es, was man in 90 von 100 Unterhaltungen über Flüchtlinge zu hören bekommt."

Die amerikanische Besatzungsmacht ist überrascht von der mangelnden Solidarität der Besiegten gegenüber ihren vertriebenen Landsleuten. Dennoch: Flüchtlingen und Heimatvertriebenen gelingt in den 50er-Jahren vielfach ein radikaler Neuanfang. Sie tragen wesentlich zum Wirtschaftswunder jener Jahre bei. 

Mehr zum Thema:

Direktorin Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung - Im Dickicht geschichtspolitischer Kontroversen
(Deutschlandradio Kultur, Tacheles, 9.4.2016)

Grenzdurchgangslager - Deutsche Migrationsgeschichte in Friedland
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 8.4.2016)

Vor 70 Jahren - Die organisierte Vertreibung der Sudetendeutschen
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 25.1.2016)

Zeitfragen

Wie umgehen mit Hetze im Netz?Löschen, aushalten, gegenhalten
Belgium, Brussels, 18 february 2016, Illustration about the haressment on social networks Reporters / STG PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY MariexVanxdenxMeersschaut Belgium Brussels 18 February 2016 Illustration About The ON Social Networks Reporters Stg PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY MariexVanxdenxMeersschaut (imago stock&people)

Beschimpfungen, Verleumdungen, Gewaltfantasien: Hasskommentare sind inzwischen allgegenwärtig im Internet. Doch wie viel Sanktion ist erlaubt? Wie viel Aushalten erfordert die Meinungsfreiheit? Muss sich unsere Gesellschaft im Internet erst noch zivilisieren – und wenn ja: wie?Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur