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Tonart | Beitrag vom 08.03.2018

Verschollene Studioaufnahmen von Jimi HendrixDer Meister und sein Mischer

Von Robert Rotifier

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Gitarrist und Sänger Jimi Hendrix beim Isle of Wight-Festival am 30. August 1970. (imago)
Gitarrist und Sänger Jimi Hendrix beim Isle of Wight-Festival am 30. August 1970. (imago)

Eddie Kramer war in den 1960er- und 1970er-Jahren ein sehr gefragter Tontechniker. Besonders Jimi Hendrix arbeitete gern mit ihm zusammen. Kramer hat alte Bänder in seinem Studio durchstöbert und daraus ein drittes Album mit bisher unbekannten Hendrix-Aufnahmen kompiliert.

New York 1969, im Scene Club an der 46. Straße, auf der kleinen Bühne rockt eine Band, im Publikum sitzt der größte Rockstar seiner Zeit, Jimi Hendrix, unter seinem Gefolge ein 26-jähriger Eddie Kramer.

"Ich kann mich erinnern, wie ich Jimi dort traf, als die Band NRBQ dort spielte, mit der ich damals arbeitete. Ich habe noch klar vor Augen, wie er auf einem Tisch stand und sich dabei an einem von der Decke hängenden Rohr festhielt und rief: 'Ja, Mann, das ist cool'.

In den Scene Club zu gehen, gehörte für uns dazu. Danach gingen wir ins Studio zum Arbeiten bis um fünf oder sechs Uhr morgens. Und zu Mittag musste ich wieder aufstehen."

Spannungsgeladene Aufnahmen

Jenes Studio war die Record Plant gleich ums Eck in der 44. Straße, dort entstand auch diese nun von Eddie Kramer für das Album "Both Sides of the Sky" neu gemischte Version von "Hear My Train A-Comin": Die Jimi Hendrix Experience in Originalbesetzung mit Mitch Mitchell am Schlagzeug und Noel Redding am Bass, festgehalten am 9. April 1969.

"Es war eine Übergangsperiode für die Experience. Noel wusste, dass er rausfliegen würde, und ich glaube, er wollte das auch, denn nachdem Jimi die Bass-Parts am liebsten selbst aufnahm, fühlte er sich hinausgedrängt. Er bekam einen Minderwertigkeitskomplex. Das war schade, denn er war ein wunderbarer Bassist.

Das war die letzte Aufnahme-Session der Originalbesetzung der Experience, eine enorme Spannung lag in der Luft. Das spürte man. Noel spielte mit großer Aggression, er trieb Jimi und die Band vor sich her."

Ein Archivfund wie dieser trägt kaum Unverzichtbares zu Jimi Hendrix' Nachlass bei, aber er verrät uns einiges über seine Weiterentwicklung; vor allem im Kontrast zum leichtfüßigen Soul-Groove dieser nur 13 Tage später mit dem neuen Line-Up, Schlagzeuger Buddy Miles und Bassist Billy Cox eingespielten Version des Rhythm & Blues-Standards "Mannish Boy".

Die Studio-Archive sind nun erschöpft

Eddie Kramer saß an jenem Tag nicht in der Record Plant hinterm Pult. Er arbeitete am technischen Design von Electric Lady, Jimi Hendrix' eigenem Studio in Greenwich Village mit Baukosten von einer Million Dollar. Kurz nachdem das edle Studio im Sommer 1970 endlich in Betrieb ging, flog Hendrix nach London und kehrte nie wieder zurück.

Knapp fünf Jahrzehnte später sitzt Eddie Kramer immer noch über den einst im Schwindel der Ereignisse vollgespielten Bändern des abwesenden Meisters. Die Studio-Archive sind nun erschöpft, aber einige Live-Mitschnitte warten noch auf Verwertung.

"Wir haben noch einen Weg vor uns. Und vielleicht findet noch jemand ein Band unterm Bett oder im Dachboden. Die Zukunft strahlt hell."

Eddie Kramer, er ist zurecht berühmt für seine guten Ohren. Aber auch denen entgehen manchmal die allergrößten Ironien.

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