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Lesart | Beitrag vom 03.01.2018

Verlagssterben und UmsatzrückgangKulturgut Buch - bröckelt der Mythos?

Jörg Sundermeier im Gespräch mit Andrea Gerk

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(picture alliance / Wolfram Steinberg)
Gebrauchte Bücher in einem Antiquariat in Berlin-Steglitz (picture alliance / Wolfram Steinberg)

Was ist los auf dem Buchmarkt? Quer durch alle Genres und Verlage sinken die Umsätze. Und zwischen 2011 und 2016 sind den Verlagen sechs Millionen Leser verloren gegangen. Was können die Verlage tun, um sie zurückzugewinnen? Das haben wir Verleger Jörg Sundermeier gefragt.

Andrea Gerk: Lesen stärkt die Seele, sagte Voltaire, aber es scheint immer weniger Menschen zu geben, die auf dieses Stärkungsmittel bauen. Die Umsatzzahlen des Buchmarkts sinken, ein Minus von 1,7 Prozent ist zu erwarten, wenn der Börsenverein morgen die aktuellen Zahlen durchgibt. Sogar das Weihnachtsgeschäft, von dem ja viele Buchhandlungen den Rest des Jahres zehren, lief schlechter als im Vorjahr.

Woran das liegt und was Verlage und Buchhändler und wir Leser tun sollten, darüber wollen wir heute sprechen. Bei mir ist Jörg Sundermeier, der Chef des Verbrecher-Verlags. Guten Morgen, herzlich willkommen, Herr Sundermeier!

Jörg Sundermeier: Guten Morgen!

"Wir hatten ein relativ gutes Jahr"

Gerk: Wenn man die Zahl 1,7 hört, das klingt eigentlich gar nicht so viel. Was bedeutet denn das konkret für einen Verlag wie Ihren?

Sundermeier: Das ist sicherlich von Verlag zu Verlag unterschiedlich. Wir hatten – ich habe noch nicht alle Zahlen natürlich, wir haben noch nicht alle Zahlen ausgewertet, aber wir hatten, glaube ich, ein relativ gutes Jahr. Das hängt aber immer auch sehr davon natürlich ab, wie laufen die jeweils einzelnen Bücher, und es gibt dann immer ein, zwei, drei, die herausragen, die den ganzen Verlag mitnehmen. Da hatten wir dieses Jahr Glück. Wir hatten aber auch schon Jahre, in denen man Pech hatte. Für die gesamte Branche bedeutet das aber schon relativ viel, und das Verlagssterben und das Buchhandelssterben hat zu einem gewissen Grad schon eingesetzt.

Verleger Jörg Sundermeier auf dem Podium des Deutschlandfunk auf der Frankfurter Buchmesse 2016. (Deutschlandradio / Jelina Berzkalns)Verleger Jörg Sundermeier auf dem Podium des Deutschlandfunk auf der Frankfurter Buchmesse 2016. (Deutschlandradio / Jelina Berzkalns)

Gerk: Aber es wird ja immer wieder von der Stabilität des Buchmarkts – das klingt wie eine Beschwörungsformeln, die da auch gerade vom Börsenverein gebetsmühlenartig von sich gegeben wird. Glauben Sie auch an diese Stabilität, sind Sie trotzdem optimistisch?

Sundermeier: Ich bin optimistisch, aber ich glaube, wir müssen etwas tun auf jeden Fall. Es gibt eine Statistik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die besagt, dass wir zwischen 2011 und 2016 bis zu sechs Millionen Leserinnen und Leser verloren haben könnten. Statistiken muss man natürlich jetzt immer vorsichtig betrachten. Das ist eine eklatante Zahl, und die Frage ist dann auch immer, kann man sie zurückgewinnen beziehungsweise kann man neue Leser gewinnen. Und da finde ich, tut es auf jeden Fall Not, jetzt etwas zu tun, und nicht zu sagen, es wird immer so weitergehen.

Netflix ist nicht das neue Lesen

Gerk: Was denken Sie denn, warum die Leute weniger Bücher kaufen? Nur an der Digitalisierung scheint es ja nicht zu liegen. Die Journalistin Sandra Kegel schrieb im Herbst zu diesem Thema einen sehr engagierten Artikel, und da fragte sie sich, ob die Leute vielleicht die Einsamkeit des Lesens nicht mehr ertragen. Glauben Sie auch an solche Gründe?

Sundermeier: Es kann sicherlich so sein. Gerade heute war wieder im "Tagesspiegel" ein Artikel, der Ähnliches gesagt hat, der gesagt hat, die Serien auf Netflix sind die neuen Romane, oder Maxdome oder vergleichbare Anbieter. Ich glaube das aber nicht. Wir hatten mal eine – also, wir haben immer wieder Praktikantinnen und Praktikanten. Wir haben das große Glück, dass das alles sehr kluge Leute sind gerade, ich bin ganz begeistert.

Gerk: Und junge Leute sind das ja.

Sundermeier: Sehr junge Leute, genau. Das sind natürlich alles Leute Anfang, Mitte 20 maximal. Und da hat mir mal, weil ich eben auch mit ihr gesprochen habe über dieses Thema, hat mir eine Praktikantin gesagt, nein, es ist so: Auf gewisse gesellschaftliche und politische Probleme hat eine Netflix-Serie keine Antwort. Gewisse Romane und natürlich sowieso Sachbücher aber eben schon, und viel vertiefender.

Sie kennen das vielleicht von sich selbst: Wenn Sie Serien schauen, können Sie gleichzeitig noch andere Dinge machen. Sie können Ihren Facebook-Account checken, Sie können stricken, Sie können auch zwischendurch mal schlafen oder die Augen zumachen. Ein Roman lässt das nicht zu, ein Sachbuch lässt das auch nicht zu. Und gleichzeitig haben Sie eben diesen anderen Rückspulfaktor, den Sie natürlich bei Serien auch haben, aber nie benutzen. Sie können in diesen Büchern immer wieder zurückgehen, Sie können immer wieder schauen, welche Figur ist das denn, oder von welchem – ich sag es jetzt ganz blöd – Bismarck ist denn hier die Rede, wer ist das noch mal. Und kann sich dann Ergänzendes holen, ohne dass sozusagen das Tempo abnimmt. Und ich glaube, dass die Leute immer mehr sich dahin auch zurücksehnen werden. Denn wenn wir jetzt auch die ganze Zeit von der Krise der Informationsgesellschaft, von der Krise der Medien, von der Krise des Buches reden – gerade erleben wir, das im Iran Leute bereit sind, sich dafür totschießen zu lassen, dass sie das endlich erkämpfen können, eine Freiheit des Lesens und eine Freiheit der Information.

Das ist schon sehr auffällig, und ich glaube, das ist hier eigentlich nicht anders, auch wenn vielleicht sich der Eindruck gebildet hat und manchmal man eben, auch wenn man Feuilletons liest, in denen dann immer steht, es ist eben vorbei mit dem Leitmedium Buch, es ist vorbei mit der Informationsgesellschaft, eigentlich ist es vorbei mit uns, dann muss man sich die Frage stellen: Selbst wenn dem so wäre, muss man dann trotzdem den Kopf in den Sand stecken, oder kann man nicht einfach, solange es noch geht, gute Sachen machen. Und ich glaube, das geht.

Vielleicht müssen wir das Lesen langer Texte wieder einüben

Gerk: Jetzt nimmt ja diese Fähigkeit, sich in etwas zu vertiefen, wie Sie das gerade so schön beschrieben haben, offenbar ab. Wir hatten, ich glaube, letztes Jahr mal einen Beitrag über Initiativen in Neuseeland, wo es "Slow Reading"-Cafés gibt, weil die Leute eben sagen, ich kann mich alleine gar nicht mehr so konzentrieren, auf so ein Buch. Bis ich da reinkomme, lenkt mich wieder was ab. Die treffen sich im Café, und jeder guckt in seine dicke Schwarte und freut sich dran, dass er wieder lesen kann. Müssen wir so Lesekompetenzen – nicht mehr, dass die in der Schule quasi nur das Lesen an sich lernen, sondern auch, dass man sich überhaupt auf so etwas einlässt?

Sundermeier: All diese Sachen begrüße ich, und die können gern gemacht werden. Ich glaube aber, das kann jeder für sich selbst. Lesen ist nichts anderes als Übung, und wir alle können sozusagen das Smartphone beiseite legen und andere Dinge lesen. Wir lesen ja auch relativ viel im Internet, so ist es ja nicht, nur größtenteils natürlich eben nicht lange Texte, Sachbücher, Romane et cetera, und ich habe da ein bisschen die Befürchtung, dass man das vielleicht dann doch wieder auf diese Art und Weise einüben muss, wenn es sein muss, halt auch mit Wellness-Formeln. Ich mag das nicht so gern, aber wenn es hilft, ist es auch gut.

Gerk: Was hilft denn Ihnen als Verlag? Was müssen Sie denn konkret tun, um die Leute fürs Buch zu begeistern, oder was versuchen Sie da?

Sundermeier: Wir arbeiten auch schon viel mit den sozialen Medien. Wir sind sehr aktiv auf Facebook, auf Twitter, auf Instagram. Wir machen natürlich auch viel klassische Medienarbeit – unter anderem bin ich ja heute hier. Aber man hat schon den Eindruck, und das ist auch, was die Bewerbung des Buches auch buchhandelsintern angeht, also, bis es erst mal in der Buchhandlung angeboten wird, und das sagen mir wirklich Leute in großen Verlagen, Leute in kleineren Verlagen, überall, man muss sozusagen gefühlt den doppelten Aufwand dessen betreiben, um ein Buch zu bewerben, den man früher betreiben musste.

Vermarktung über Social Media

Gerk: Und es verkaufen sich offenbar dann, zumindest hatte ich das von Buchhändlern im Vorweihnachtsgeschäft gehört, die sagen, wir haben hier immer die gleichen Titel, die wir verkaufen wie geschnitten Brot, und die anderen, na ja. Das ist offenbar auch wirklich so eine Fokussierung. Da müssen Sie ja als ein eher kleiner Verlag, da kämpfen Sie so gegen Goliath, oder?

Sundermeier: Ich weiß es nicht. Es gibt ja immer die Zufallstreffer. Es gibt immer wieder die Sachen, die sich dann trotzdem durchsetzen. Das Allerwichtigste, das immer noch gilt im Buchhandel, ist die Empfehlung von Freundinnen und Freunden, dann die Empfehlungen von der Buchhändlerin oder dem Buchhändler, und dann erst überhaupt alle Werbemaßnahmen, alle Medienmaßnahmen et cetera. Wenn ein Buch sich rumspricht – Sie haben es gesehen bei der Übersetzung von Didier Eribon, selbst der Suhrkamp-Verlag hatte damit nicht gerechnet, dass das so ein Erfolg wird, und hatte im letzten Jahr, also 2016, im Weihnachtsgeschäft sogar Schwierigkeiten, das Buch nachzuliefern, weil es so gekauft wurde. Und das war nun alles andere als ein populärer Text.

Der französische Autor Didier Eribon auf dem blauen Sofa auf der Buchmesse in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)Landete mit "Rückkehr nach Reims" 2016 einen überraschenden Verkaufserfolg für den Suhrkamp-Verlag: der französischen Autor Didier Eribon. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Gerk: Jetzt werden ja auch – Sie haben das schon angedeutet, Sie arbeiten viel mit sozialen Medien, da gibt es diese sogenannten Influencer, also Menschen, die über Onlineäußerungen, dass andere denen folgen. Ist das was, was so die traditionellen Verlage noch ein bisschen verschlafen haben? Haben die da noch Nachholbedarf? Oder unterschätzt, was für eine große Öffentlichkeit diese Meinungsäußerungen haben?

Sundermeier: Nein, das glaube ich nicht. Viele große Verlagshäuser haben inzwischen große Abteilungen für Social Media. Das sind durchaus zehn bis 15 Leute in einigen Verlagen, die sich mit nichts anderem beschäftigen und eben versuchen, es richtig zu machen. Das Interessante bei Social Media ist, wenn Sie einfach nur sagen, ich habe hier ein gutes Buch, das interessiert keinen. Sie müssen schon irgendwie anders das antriggern, das anteasern, und da wird es dann auch interessant, weil dann muss das auch ein interessantes Buch sein. Das klappt aber auch oft.

Die Bibliodiversität schützen

Gerk: Jetzt ist es ja so, dass das Buch eigentlich auch nicht mehr so als alleiniges Leitmedium funktioniert, wie es ja überhaupt gar nicht mehr so eine öffentliche Meinung gibt, die jetzt meinetwegen in der Tagesschau verkündet wird, sondern dann hört man sogar oft etwas dort, und in den sozialen Medien wird es ganz anders diskutiert. Ist das auch ein Problem, dass sich quasi die Öffentlichkeit, die öffentlichen Äußerungen, dass das alles immer diverser wird? Kratzt das am Buch?

Sundermeier: Ich finde das Diverse ja ganz gut, und ich glaube eben, dass die Welt des Buchs auch nur geschützt werden kann, wenn wir – es gibt dafür ein internationales Fachwort inzwischen – die Bibliodiversität schützen. Auf der anderen Seite muss ja noch jeder Christian Lindner sofort seine Memoiren geschrieben haben nach einem Wahlerfolg und vor einem Koalition-platzen-lassen, und alle Politiker wollen auch mit Büchern in die Medien kommen. Ich finde es ganz interessant – Barack Obama hat jetzt gerade zu Weihnachten seine Leseliste veröffentlicht. Ob das deutsche Politiker können, würde mich sehr interessieren. Und wenn ja, frage ich mich, warum sie es nicht machen.

Ich glaube, momentan ist eher das Problem nicht so sehr, dass die Leute nicht lesen wollen oder nicht lesen können, sondern dass es ein bisschen demi mode ist, und ich habe aber den Eindruck, dass es sich ändert und dass das Lesen wieder zurückkommt, weil, wie gesagt, auf gewisse Fragen haben Maxdome oder Netflix keine Antwort.

Gerk: Jörg Sundermeier, vielen Dank, dass Sie hier bei uns waren!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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