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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.03.2013

Vergiftete Geschenke

Uraufführung "Gabe/Gift – Stück für Musik" von Händl Klaus im Schauspiel Köln

Von Michael Laages

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Blick auf die Fassade des Kölner Schauspielhauses. (Schauspiel Köln)
Blick auf die Fassade des Kölner Schauspielhauses. (Schauspiel Köln)

Viel und schnell geredet wird in Händl Klaus' Stück "Gabe/Gift" - man hat den Eindruck, dass in den 70 Minuten drei Stücke gezeigt werden. Als Kontrast verlangsamt Regisseurin Anna Viebrock in ihrer Inszenierung konsequent. Ein bedeutender Theaterabend wird dennoch nicht draus.

Der Autor selbst beschwört "die Polizei" als Kernmotiv der jüngsten Stücke, die er für’s Theater schrieb; nach Uraufführungen in München ("Furcht und Zittern") und Salzburg ("Eine Schneise") sei, so sagt er, "Gabe/Gift" das Schlussstück für die "Trilogie der Polizei". Und der Autor raunt zur Begründung ein wenig unreflektiert daher, wie gefährlich es doch sei, Ordnungskräften ins Visier zu geraten; und dass es doch wohl "ganz unheimlich" sein müsse, sich die Wirkungen des Polizist- oder Polizistin-Seins (und also der Berechtigung zur Ausübung staatlich sanktionierter Macht) auf die Psyche des jeweiligen Alltagswesens vorzustellen.

Aber die Ambition ist viel zu steil – denn zwar tragen mindestens drei Figuren den Schriftzug hinten auf den Jacken im neuen Stück von Händl Klaus, uraufgeführt von Anna Viebrock in Köln, doch eine Art Psychopathologie der Polizei wird darum noch lange nicht draus.

Klar – Herr Müllert lädt noch mal schnell die Pistole durch zu Beginn; aber dann legt er sich halt doch müde, womöglich sterbensmüde unter den wackeligen Gartentisch in jenem Kellerraum, der gerade hergerichtet werden soll zum Erfrischungsraum. Aller Krempel, alles Gerümpel ist schon raus geräumt (und lagert links der Bühne, bei den beiden Musikern, die das kurze Stück begleiten), und jetzt kommt auch schon der Sohn und beginnt, die Wände weiter zu weißeln. Mutter Müllert sitzt auch da, rund wie der Papa, und will den bewegen, auch den Tisch noch zu entsorgen – aber Papa ist ja so müde. Noch einmal und wie zum letzten Mal will er dem Sohn die Vaterliebe erklären, und dazu legt der Sohn sich –wie in Babyzeiten- auf Vatis Bauch. Dann wälzt sich Vati auf den Sohn – und erdrückt ihn fast: mit einer dieser Gaben, die vergiftet sind.

Familienmenschen stehen im Zentrum der 70 Theater-Minuten von Händl Klaus; Job und Uniform sind dabei nicht wirklich entscheidend. Hass und Missgunst gibt’s auch so genug – erst will Mutter Lore Sohn Bert mit intimen Versprechungen zum Messermord am Vater überreden, dann greift Berts Frau Barbara (die auch Polizistin ist, aber offenbar den Mädchennamen behielt und Fürst heißt, nicht Müllert) am Rande der Stadt ein Schlafsack-Pärchen auf, das (angeblich) harmlose Landschaftsfotos aufnehmen will, tatsächlich aber eine geheimnisvolle Schatzkarte dabei hat.

Zum Graben brechen alle zusammen auf, auch die Müllerts; und die Nachbarfamilie Zilcher stößt dazu, deren Mitglieder immer schon mal mit im Erfrischungsraum herum lagen und jetzt Teile der Beute in der Stahlkassette fordern, die aus dem Bühnenboden gehackt wird. Was drin ist und wer was kriegt am Ende, bleibt leidlich ungeklärt. Auch, ob der Erfrischungsraum nur sich selbst erfrischen und die Menschen, wie Untote, schlussendlich lieber loswerden möchte.

Die Fabel ist wirklich dünn; Zauber gibt nur die Sprache. Die treibt die dialogische Struktur des Theaters (einer sagt was, dann ein anderer…) auf die Spitze und über sich selber hinaus. Hier wechselt von Wort zu Wort, manchmal gar von Silbe zu Silbe die SprecherInnen-Rolle; schon wer also was zu wem sagt, wird bewusst verunklart. Figurenzeichnung ist unter diesen Bedingungen von niemandem ernstlich zu erwarten: nicht von Josef Ostendorfs Papa, nicht von Marion Breckwoldts Mama, nicht von Julia Wienigers Schwiegertochter, und auch von sonst niemandem. Sie alle sind wie Klappmaulpuppen, denen Worte aus den Mündern fallen. Gleichzeitig aber suggeriert die Methode halt rasendes Tempo – als würden in 70 Minuten wenigstens drei Stücke gespielt, nicht nur dreieinhalb Szenen.

Aber so ein Tempo ist natürlich überhaupt nicht drin bei Anna Viebrock, die für Inszenierung, Raum und Kostüme verantwortlich ist – das beginnt mit einem (wie immer) gefundenen Raum als Initiation, diesmal einem leer stehenden Hotel in Gerolstein, an deren oberen Rand hier "Griech. Spezialitäten" locken; vergeblichst. Denn nicht griechische, eher Spezialitäten aus der Marthaler-Schule sind im Angebot – Viebrock verlangsamt konsequent und verlässt sich lieber auf herrliche Details wie die quietschende Malerrolle; sie markiert mit Macht den Kontrast zu Händls Rasereien.

Ein bedeutender Theaterabend wird dennoch nicht draus – zumal die launigen Intermezzi, die Ernst Surberg am zielstrebig verstimmten E-Klavier mit Simon Strasser an Oboe und Sopransaxophon zelebriert, kaum den Untertitel "Stück für Musik" rechtfertigen. "Stück mit Musik" dürfte angehen – aber für die eigentliche Komposition, womöglich gar eine Art von Partitur, ist die zerhäckselte Händl-Sprache zuständig. Wer weiß, wie weit er deren Fragmentierung wohl noch treiben will.

Das Kölner Publikum jedenfalls war schon nach so kurzer Spielzeit recht erschöpft; die Prominenz von Stab und Ensemble reichten bloß für kleinen Jubel. Aber für kein starkes Stück.

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