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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.01.2006

Vergangenheitsbewältigung in Krimi-Form

"Das Kindermädchen" thematisiert Zwangsarbeiter

Rezensiert von Andrea Fischer

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Aufräumen nach dem Krieg. Mit den Verbrechen der Vergangenheit an Menschen beschäftigten sich nur wenige. (AP Archiv)
Aufräumen nach dem Krieg. Mit den Verbrechen der Vergangenheit an Menschen beschäftigten sich nur wenige. (AP Archiv)

Elisabeth Herrmann nimmt sich in ihrem Roman "Das Kindermädchen" eines heiklen Themas in Krimi-Form an: Die Ausbeutung von Menschen als Zwangsarbeiter im II. Weltkrieg. Dabei gelingt Herrmann ein leichter, unterhaltsamer Ton, ohne ihr Thema zu verraten, welches sie sehr ernst nimmt.

Der Anwalt Joachim Vernau hat es geschafft, er wird Sigrid Zernikow heiraten, aus alter Berliner Familie und erfolgreiche Politikerin, die gerade in den nächsten Wahlkampf geht. Er kann seine brotlose kleine Kanzlei gegen eine der größten und wichtigsten der Stadt tauschen.

Da taucht plötzlich eine sehr alte Frau auf, die den alten Familienpatriarchen sprechen will. Der wehrt ab, er wisse nichts von dieser Frau. Wenig später ist sie tot, eines gewaltsamen Todes gestorben. Dafür taucht eine junge Frau auf, die die Familie in Bedrängnis bringt. Und für Vernau beginnt eine dramatische Jagd, in der er immer mehr über die deutsche Geschichte des Faschismus und ihre spezielle Ausprägung in seiner künftig angeheirateten Familie erfährt.

Anwalt Vernau lernt im Lauf seiner Recherche, dass bei der Berliner Familie Zernikow während des II. Weltkriegs ein ukrainisches Mädchen als Zwangsarbeiterin war. Heute braucht sie dafür eine Bescheinigung, damit sie ganz am Ende ihres Lebens wenigstens noch die kärgliche späte Entschädigung bekommen kann.

"Das Kindermädchen" ist ein Roman über ein besonders dunkles und wenig bekanntes Kapitel des Faschismus sowie die lange Zeit, in der den Opfern eine Entschädigung verweigert wurde. Das hat immer noch keinen guten Abschluss gefunden, denn viele der damaligen Zwangskindermädchen haben Schwierigkeiten, von ihren ehemaligen privaten "Arbeitgebern" die notwendigen Bescheinigungen zu erhalten.

Elisabeth Hermann, die als Journalistin beim Berliner Sender rbb arbeitet, ist zufällig durch einen Zeitungsartikel auf ihr Thema gestoßen. Ihre Recherche hat zu vielen Informationen über die beschämende Vernachlässigung der Zwangsarbeiterinnen in der deutschen Nachkriegsgeschichte geführt.

Es ist ihr gelungen, aus diesem Thema einen wirklich guten Kriminalroman zu machen. Er fällt auf wegen seiner Qualität, nicht aber, weil er sich eines schwierigen Themas annimmt. Denn Kriminalromane sind heutzutage längst Gesellschaftsromane, die weit über eine schlichte Whodunnit-Geschichte hinausgehen. So auch Elisabeth Hermanns Buch, einer der gelungensten Krimis des vergangenen Jahres.

"Das Kindermädchen" ist ein im besten Sinne politisches Buch. Sein Thema ist ein Verbrechen, das vor siebzig und mehr Jahren begangen wurde. Es waren nicht nur die Individuen, die die jungen Mädchen ausgenutzt haben, sie handelten in einer Gesellschaft, die diesen Umgang mit anderen Menschen erst möglich machte und unterstützte.

Sich einer individuellen Verantwortung zu stellen, ist auch viele lange Jahre später schmerzhaft und schwierig. Aber die Autorin denunziert ihre Figuren nicht. Sie beschreibt einen sehr menschlichen Konflikt, der aus dem Impuls entsteht, sich nicht zu früheren Fehlern bekennen zu wollen.

"Das Kindermädchen" geht mit seinem schweren Thema souverän um. Elisabeth Hermann beschreibt scharfsinnig und ironisch die aktuelle Berliner Gesellschaft, sie findet einen leichten Ton und unterhält bestens. Dies alles, ohne ihr schwieriges Thema zu verraten, das nimmt sie ganz ernst. Dass diese Mischung gelingt - das ist hohe Krimikunst.


Elisabeth Herrmann: Das Kindermädchen
Krimi, Rotbuch Verlag, 19,90 €

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