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Mittwoch, 13.12.2017

Studio 9 | Beitrag vom 27.03.2017

Verein "Gefangene helfen Jugendlichen"So geht Knast!

Von Catalina Schröder

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Ein Mann schaut aus einer Zelle der Strafanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel.  (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Ein Mann schaut aus einer Zelle der Strafanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Knapp 65.000 Menschen sitzen in Deutschland im Gefängnis, viele von ihnen sind schon als Jugendliche kriminell geworden - so wie Volkert Ruhe. Heute nimmt er junge Menschen für einen Tag mit in den Knast. Jugendliche sollen so davor abgeschreckt werden, auf die schiefe Bahn zu geraten.

Es ist Donnerstagmorgen, kurz nach acht in einem stillgelegten Gebäude der Hamburger Justizvollzugsanstalt "Santa Fu". Die acht Jungs, die hier gerade in Einzelzellen eingeschlossen werden, sind Schüler. Für einen Tag sind sie zu Besuch im Knast.

Volker Ruhe erklärt das Ziel: "Wir wollen sensibilisieren. Aber uns ist natürlich klar, wenn man an so ne Örtlichkeit kommt, son altes Gefängnis sieht mit Mauern und Stacheldraht, das hat schon n bisschen was Abschreckendes."

Ruhe hat knapp acht Jahre wegen Drogenschmuggels im Knast verbracht und noch hinter Gittern den Verein "Gefangene helfen Jugendlichen" gegründet. Das war 1998. Seitdem haben Ruhe und seine Kollegen allein in Hamburg mehr als 5.000 Jungs einen Besuch im Knast ermöglicht. 

Gerne kommt Ruhe nicht hierher: "Es ist jetzt so ein bisschen Gewohnheit geworden, jetzt im Laufe der Jahre. Das erste Jahr, nachdem ich entlassen wurde, war es auch ganz schwierig alle 14 Tage hierher zu kommen und die Türen wieder hinter sich zuschließen zu lassen, also ich tu' das wirklich nur den Jugendlichen."

Einsitzen auf Probe

Die Zellen, in denen die Jungs an diesem Morgen zur Probe einsitzen, liegen hinter dicken Holztüren. Von den weiß verputzten Wänden des langen, dunklen Ganges blättert Farbe ab, es riecht muffig. Aus ihren Zellen blicken die Jungs auf meterhohe rote Backsteinmauern, auf denen dicke Stacheldrahtrollen befestigt sind. Nach zehn Minuten dürfen die Jungen wieder raus.

"Darf ich dich fragen, wie’s war?"

"Schrecklich", lautet die knappe Antwort.

"Was war schrecklich?"

"Die Zelle, die zehn Minuten da zu sein, das war für mich wie zwei, drei Stunden da drinne."

"An was hast du da gedacht?"

"An gar nix, erstmal gar nix. Erstmal einwirken lassen."

"Wie ist das für dich, die Vorstellung, dass man da länger drin sitzt – ein paar Monate oder ein paar Jahre?"

"Das könnte ich nicht. Ich hab' mir jetzt so vorgestellt, ich wär' so einen Monat da drin und dürfte meine Freunde nicht sehen. Das wär' schlimm."

Die Jugendlichen kommen aus sozial schwachen Familien

Zusammen mit zwei Lehrern und einem Sozialarbeiter sind die acht Jungs an diesem Morgen aus Elmshorn in Schleswig-Holstein angereist. Fast alle haben die Regelschule ohne einen Abschluss verlassen und besuchen jetzt eine Berufsvorbereitungsklasse. Viele kommen aus sozial schwachen Familien. Einige erzählen von alkoholabhängigen Eltern, andere von Geldproblemen.

Ein Polizist erklärt: "Um 18 Uhr gehen die Türen zu und das Licht aus. Da geht man hier ins Bett. Um sechs gehen die Türen alle auf morgens. Da geht man in der Regel zur Schule oder zur Arbeit. Dann kommt man um 16 Uhr wieder rein. Dann sind von 16 bis 18 Uhr zwei Stunden Zeit."

Nach dem Probe-Einsitzen besuchen die Jugendlichen zusammen mit einem Polizeibeamten jetzt eines der Häuser, in denen die echten Häftlinge einsitzen. Auf drei Stockwerken jeweils vier lange Flure, auf jedem wohnen 25 Häftlinge. Alle paar Meter gibt es eine dicke, verschlossene Gittertür. Einige Jugendliche haben vom Leben hier falsche Vorstellungen.

"Gibt es hier auch nen Raum, dass die mal auf Facebook dürfen oder so?", fragt ein Jugendlicher.

"Nee. Internet ist verboten", antwortet der Polizist. "Kein Internet, kein Handy."

Obdachlosigkeit, Einbrüche, Drückerkolonne

Auch für Volkert Ruhe, den Gründer des Vereins "Gefangene helfen Jugendlichen", war es ein Schock, als ein Richter ihn Mitte der 90er zu 13 Jahren Haft verurteilte. "Der erste Gedanke: Kannst jetzt auf deine Zelle gehen und dir die Bettlaken zusammenknoten und dein Leben beenden. Was ist das eigentlich noch wert, das Leben – 13 Jahre …"

Ruhes Kriminellen-Karriere geht in Kurzform so: Mit 15 zuhause rausgeflogen. Mehrere Jahre obdachlos mit vielen Einbrüchen in Supermärkten. Nach dem Hauptschulabschluss unter anderem Mitglied einer Drückerkolonne. Mit einem Freund nach Kolumbien ausgewandert und von dort Kokain-Transporte für ein Kartell nach Europa durchgeführt. Mitte der 90er von Interpol geschnappt, zu 13 Jahren Haft verurteilt und nach knapp acht wegen guter Führung entlassen.

Volkert Ruhe ist mit den Jungs in einen Seminarraum gegangen. Sie sitzen im Stuhlkreis. "Wer hat schon mal auf der Polizeiwache gesessen? Einfach mal melden", fragt er in die Runde. "Einer, Zweie, Dreie… "

Ein Junge erzählt von Brandstiftung, zwei andere, dass sie Mitschüler verprügelt und zum Teil schwer verletzt haben. Im Radio wollen die Jungs mit ihren Geschichten nicht zu hören sein. Volkert Ruhe zieht nach dem Gespräch Bilanz: "Ich denke wir ham richtig positive Erlebnisse heute gehabt. Dass sich Jugendliche dann ... vor der gesamten Gruppe so öffnen und so viel aus ihrem Leben erzählen. Und ich denke das hilft den Jugendlichen unwahrscheinlich weiter."

Regelmäßig lässt Ruhes Verein "Gefangene helfen Jugendlichen" die Knastbesuche bewerten. Etwa die Hälfte der Jugendlichen gab dabei zuletzt an, dass der Gefängnisbesuch sie von einer Straftat abgehalten hätte. Was nehmen die Jugendlichen heute mit? "Ja also, auf jeden Fall den Gedanken, auf jeden Fall nicht hier rein zukommen. Weil jetzt, wo man jetzt alles gesehen hat. Man weiß wie’s hier abläuft. Man hat’s n bisschen geahnt, dass es hier so ist, aber, was mal hier so zu sehen und so, so zu erleben, das ist schon was anderes."

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