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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 17.12.2017

Verein für KrebspatientenSchritt für Schritt ins neue Leben wandern

Von Anja Schrum

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Eine Frau wandert im Siebengebirge (Nordrhein-Westfalen) (imago / JOKER)
Wegweiser im Bergischen Land (imago / JOKER)

Nach einer Krebstherapie hilft regelmäßige Bewegung gegen die Nebenwirkungen der Behandlung. Der Verein "Über den Berg" bietet Krebspatienten genau das: Wanderungen durchs Bergische Land oder den Rhein entlang unter Gleichgesinnten. Für Fortgeschrittene geht es auf den Jakobsweg.

Monika wühlt im Kofferraum ihres Autos, zieht ein Paar Wanderstiefel aus einer Plastiktüte und schlüpft hinein. Sie greift zur petrolblauen Outdoor-Jacke, stülpt einen Regenschutz über ihren Rucksack und stapft hinüber zu Brigitte und den anderen. Brigitte begrüßt die neunköpfige Wandergruppe.

"Herzlich willkommen zur Wanderung, die Monika freundlicherweise ausgearbeitet hat."

Los geht’s hier am Nationalparktor Rurberg in der Eifel. Außer der kleinen Gruppe ist an diesem wolkenverhangenen Morgen kaum jemand unterwegs. Monika hat den Treffpunkt vorgeschlagen, die Route ausgearbeitet:

"Ich sag' noch ein bisschen was zur Tour: Wir gehen jetzt gleich hier über die Stauanlage, am See entlang, ca. 4,6 Kilometer, brauchen eine gute Stunde, dann sind wir an einem Ausflugslokal an der Urftsee-Staumauer. Dort gibt es auch eine Toilette, wer dann nochmal möchte."

Nicken in der Runde. Der Wanderweg verläuft weitgehend eben, erklärt Monika. Und auf dem Rückweg besteht die Möglichkeit, ein Stück mit dem Ausflugsschiff abzukürzen.

"Es ist ein kleiner Abstieg und am Anfang ein kleiner Aufstieg, aber Minimal."

Brigitte: "Denkt an meine Lunge."

"Ich hechel dann hinterher", sagt Brigitte und lacht. Schonen will sich heute keine der Teilnehmerinnen, obwohl alle an Krebs erkrankt sind. "Über den Berg" heißt ihr Wanderverein und das Motto lautet: "Bewegung ist Leben".

"Also die Gesamtstrecke wäre dann 16,6 Kilometer. Dann würde ich sagen: Gehen wir los."

1.000 Kilometer Jakobsweg nach Brustkrebs

Mit kräftigen, ausholenden Schritten geht Monika voran. Erst über die Stauanlage Eiserbach, dann weiter den Urftseerandweg entlang. Rechts fließt die Urft, links ziehen sich herbstlich-rote Laubbäume die Hänge hinauf. Zu zweit oder dritt, munter plaudernd wandert die Gruppe voran.

Regelmäßige Wanderungen im Großraum Köln, aber auch Nordic Walking und ein Entspannungs- und Ausdauertraining in der Halle – all das bietet der kleine Verein von und für Krebspatienten. Und natürlich: Die Vorbereitung auf den Jakobsweg im Norden Spaniens. Monika ist den Pilgerpfad 2010 zum ersten Mal gegangen. Da war sie Mitte 50, hatte gerade ihre Brustkrebs-Operation und die anschließende Bestrahlung überstanden. Zufällig stößt sie damals auf eine Anzeige der Sporthochschule Köln:

"Sie suchten Leute, die den Camino gehen wollten, also brustkrebskranke Frauen und ich hatte vorher das Buch von Harpe Kerkeling gelesen und gedacht: Das möchtest du mal gerne machen, aber ich hab nie alleine Urlaub gemacht, ich hatte ja drei Kinder, noch ziemlich klein damals und naja, wäre ein schöner Traum, kannste vergessen. Und dann kam diese Anzeige und dann hab ich mich direkt gemeldet, ich möchte das machen, am selben Tag noch… lacht…Ich möchte das machen."

Obwohl sie unsicher ist, ob ihr Körper mitmacht.

"Ich konnte mir das nicht vorstellen: 1.000 Kilometer zu Fuß zu gehen. Das war für mich zuerst – als ich das gehört hab, schon toll, aber – mmh so viele Kilometer, kann man die zu Fuß gehen, schafft man so etwas?"

Auch Monikas Mann hat Bedenken.

"Da hat er gesagt: Ach, nach der Erkrankung, kannst du das nicht. Wie willst du das schaffen? Er hat gesehen: Ich hab‘s geschafft, lacht. Ich hab gesagt, ich könnte jederzeit auch abbrechen, wenn‘s wirklich nicht geht, ich versuche es zumindest. Und ich habe mich nie so wohl gefühlt wie in diesen sechs Wochen."

Sechs Wochen lang Wandern, Essen, Schlafen – sonst nichts. Keine Verpflichtungen, keine Aufgaben, sich um nichts und niemanden kümmern zu müssen. Nur um das eigene Vorwärtskommen, Schritt für Schritt. Monika hat die strapaziöse 1000-Kilometer-Wanderung genossen:

"Ich hab mehr gelernt an mich zu denken. Meine Belange auch wichtig zu nehmen. Während ich vorher gesehen habe: Meine Kinder, meine Familie, mein Mann – dass alles funktioniert und wenn dann noch Zeit bliebt, hab ich an mich gedacht. Und jetzt stelle ich mich auch mal an erster Stelle, dass ich sage: So, das tut mir gut, das mache ich jetzt – was ihr macht, ist mir egal. Die Einstellung hatte ich vorher nicht."

Heute wandert die 62-Jährige regelmäßig, auch in anderen Vereinen. Sie braucht die Bewegung, um abzuschalten.

"Bist du auch außer Atem?"

Monika: "Nein, eigentlich nicht, es geht."

Andere: "Zu schnell gelaufen."

Kurze Pause an einem Wegweiser, bis alle aufgeschlossen haben. Die hölzernen Schilder zeigen in alle Himmelsrichtungen: Etoscha-Nationalpark 7.792 Kilometer ist da zu lesen. Oder: Yellowstone 7.839 Kilometer. Monika saugt an einem kleinen Plastikschlauch, der aus ihrem Rucksack ragt. Trinken ohne abzusatteln quasi, Monika findet das einfach bequem. Lachend fährt sich durch die kurzen Haare. Brigitte steht daneben und mustert die graue Locken:

"Aber wieder anders, nicht? Krauser jetzt…"

Monika: "Ja,ja."

Brigitte: "Ganz anders jetzt als beim ersten Mal."

Monika: "Hauptsache sie sind gekommen."

Brigitte: "Hauptsache sie kommen wieder."

Monika: "Denn diese Perücke, die hab ich ja auch gehasst…"

Verein ist keine klassische Selbsthilfegruppe

2016 wird wieder ein Knoten bei Monika entdeckt. Sechs Jahre nach der ersten Operation. Wieder Krebs. Diesmal muss sie sich einer Chemotherapie unterziehen.

"Die hat mich richtig runtergehauen. Dezember, Januar hatte ich wirklich meinen Tiefpunkt… Und dann geht’s wieder aufwärts…"

Dabei war vor gut einem Jahr an Wandern nicht zu denken:

"Da ging gar nichts. Wenn ich die Straße einmal auf und ab gegangen bin, da war ich platt. Das war so heftig, fand ich. Ich hab danach kam die Operation und die Reha und in der Reha habe ich wieder angefangen – das war im März über Ostern, da bin ich wieder gewandert, erst kurze Strecken, so fünf Kilometer und hab das dann langsam gesteigert."

"Jetzt bin ich wieder über den Berg", sagt sie, lacht und läuft zügig voran, eine leichte Steigung hinauf. Oben wartet ein flaches Gebäude aus Glas, Holz und Stein, davor Tische und Bänke in langen Reihen. Eine Gruppe holländischer Wanderer genießt den weiten Blick vom Ausflugslokal über die Urftseetalsperre:

"Viertelstunde Pause, ist das okay? Man kann sich auch hier hinsetzen."

"Was sagt der Zeh oder der Ballen?"

Eine Teilnehmerin sitzt auf der Feldsteinmauer vor dem Lokal, hat einen Wanderstiefel ausgezogen und reibt sich den schmerzenden Fußballen. Ohne viele Worte wissen Cilly und Brigitte, was los ist: Manche Chemotherapien greifen die Hand- und Fußnerven an. Sensibilitätsstörungen sind die Folge. Brigitte weiß, was helfen könnte: Vibrationsplatten, wie man sie aus dem Sportstudio kennt. Das zeige eine Untersuchung der Sporthochschule Köln.

"Also, das soll die Nerven wieder anregen. Und soll eben diese Begleiterscheinungen lindern, wenn auch nicht wegnehmen, so doch sehr stark lindern."

Immer wieder werden Tipps ausgetauscht – trotzdem sieht sich der Verein "Über den Berg" nicht als klassische Selbsthilfegruppe, betont Brigitte. Längst nicht alle Gespräche kreisen um die Erkrankung:

"Das sind schon Menschen, die raus wollen aus der Krankheit. Ich glaube, jemand, der nur auf dem Sofa sitzt und einfach auch nicht mehr will, auch mit der Außenwelt nichts mehr zu tun haben, ich glaube, den erreichen wir auch kaum. Das sind Leute in den Startschuhen stehen und sagen: Ich möchte irgendwas tun, aber was?"

Seit drei Jahren ist Brigitte beim Verein. Sie ist Schatzmeisterin und leitet die sonntägliche Nordic Walking-Gruppe. Der Sport hilft, nach der Krankheit eine neue Balance zu finden, sagt sie.

"Dann erstmal wieder in den Job zurückkommen, man sieht dann ja auch wieder normal aus, die Haare sind wieder gewachsen, jeder meint ja: Es ist ja alles gut. Es ist und wird nie wieder 100prozentig. Aber ich sehe es auch bei denen, die wieder im Job sind, das ist auch so ein Ausgleich, nach dem Motto: Die Ehrke wartet am Sonntag um zehn am Geißbockheim und die können wir jetzt doch nicht hängen lassen."

Dem Krebs den Schrecken nehmen

Brigitte blickt hinauf zu den bedrohlich dunklen Wolken. Doch bis jetzt hat es nicht einmal getropft. Ob Wandern oder Walken – auch Angehörige können mitlaufen. Lebenspartner sind öfter dabei, so wie heute Johann. Aber auch für Kinder von Erkrankten wäre es gut, die sportlichen Aktivitäten zu begleiten, findet Brigitte. Um dem Krebs den Schrecken zu nehmen:

"Um auch zu sehen: Aha, da sind noch andere Mütter, den geht’s auch wieder gut. Meine Mama hat jetzt vielleicht keine Haare mehr, aber egal… Und deswegen öffnen wir uns auch, deswegen können auch Nicht-Mitglieder immer mitgehen."

Susanne kommt aus dem Ausflugslokal, beißt herzhaft in ein Gebäckteilchen.

Monika: "Susanne hat sich was Süßes gekauft…"

Susanne: "Lecker!"

Brigitte: "Nach dem Motto, jetzt noch das Toilettengeld umgetauscht…"

Monika blickt kurz in die Runde, nickt: "So, wenn alle wieder da sind, können wir uns ja wieder langsam auf den Weg machen."

Das Haus "Lebenswert" liegt etwas versteckt auf dem Campus der Uniklinik Köln. Hier hat der Sportwissenschaftler Dr. Freerk Baumann sein Büro. Gleich links neben der Tür hängt ein auf Leinwand gezogenes Foto. Darauf stecken ein Paar Wanderstiefel plus Stöcke im Sand, dahinter brandet das Meer. Am Bild baumelt eine riffelige, handtellergroße Muschel.

"Das haben die Patienten mir von vor zehn Jahren haben die mir das geschenkt, also die zum ersten Mal an diesem Projekt mitgemacht haben. Und haben mir die Jakobsmuschel mitgebracht, ich selber war ja nicht vor Ort – leider."

Der Sportwissenschaftler zuckt lächelnd mit den Schultern. Vor rund zehn Jahren hat er den Verein "Über den Berg" ins Leben gerufen. Damals war Baumann noch Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Deutschen Sporthochschule Köln und brachte eine ganz Reihe vergleichbarer Projekte auf den Weg: Eine Radtour von Köln nach Marseille mit Prostatakrebs-Patienten, eine 14-tägige Schneeschuhwanderung in Norwegen, eine Alpenüberquerung, 520 Kilometer zu Fuß:

"Alle Projekte haben das Ziel, dass eine zu bewältigende Herausforderung angenommen wird, diese dann umgesetzt wird, um dann eben mit diesem Gefühl des Glücks, der erfolgreichen Bewältigung eben diese Herausforderung ein Selbstwertgefühl gesteigert wird, um damit ein Signal an sich zu senden: Hey, ich kann ja doch noch etwas. Ich schaffe ja doch noch etwas. Weil viele onkologische Patienten insbesondere in der Nachsorge verunsichert sind. Wissen nicht so richtig sich zu bewegen, wissen auch ihren Körper nicht mehr einzuschätzen, weil er mich ja schon einmal durch die Diagnose im Stich gelassen hat – das hat eine unmittelbare Auswirkung auf unser Bewegungsverhalten und deswegen bewegen sich onkologische Patienten weniger als die bundesdeutsche Bevölkerung, die jetzt nicht unbedingt die Weltmeister in der Bewegung sind."

Positiver Einfluss der Bewegung auf Therapiefolgen belegt

Freerk Baumann hat an der Sporthochschule Köln bei Professor Klaus Schüle studiert. Der rief 1981 die weltweit erste Krebs-Sportgruppe ins Leben. Seit über 15 Jahren kann jeder onkologische Patient auf Kassenkosten eine solche Sportgruppe besuchen. Allerdings – auch das musste Baumann feststellen - wissenschaftlich aussagekräftige Studien zum Thema Krebs und Sport waren lange Zeit Mangelware.

"Zwar viele Praxisprojekte und Therapie-Ideen, aber keine echte Wissenschaft dazu und die hab ich dann auch geholfen mit aufzubauen."

Seitdem hat Baumann Dutzende Untersuchungen und Studien geplant und durchgeführt. Heute gilt auch wissenschaftlich als belegt, dass gezielte Bewegungstherapie bei der Krebsnachsorge hilft:

"Gesichert weiß man, dass man positive Effekte hat auf bestimmte Nebenwirkungen der Krebstherapie. Das insbesondere die Fatigue-Problematik – Fatigue ist die Erschöpfung und die Müdigkeit und es gilt als wissenschaftlich belegt, dass körperliche Aktivität, gezielte Bewegungstherapie die Fatigue-Problematik reduzieren kann und positiv beeinflussen kann und Bewegung hier die beste Methode ist in der gesamten Medizin."

Untersuchungen zeigen: Mit gezielter Bewegung lassen sich die Therapiefolgen günstig beeinflussen. Das Lymphödem nach Brustkrebs-Operation oder die Harninkontinenz nach Prostata-OP sind nur zwei Beispiele aus einer Vielzahl. Und auch auf die Tumorerkrankung selbst wirkt sich der Sport vermutlich positiv aus:

"Das ist aber noch nicht zu 100 Prozent sicher, dass wahrscheinlich auch damit das Überleben der onkologischen Patienten, zumindest bei manchen Entitäten, damit auch verlängert wird. Dazu – wie gesagt – bedarf es noch weiterer Studien."

Doch schon heute steht fest, so Sportwissenschaftler Baumann:

"Die Bewegungstherapie wird eine Standardsäule werden in der Behandlung onkologischer Patienten, genauso wichtig wie es eben die Operation ist, die Bestrahlung, die Antikörper-Therapie usw. wird sich die Bewegungstherapie gleichermaßen dazu gesellen. Und sie soll nichts ersetzen, sondern sie soll die medizinische Therapie ergänzen."

Intensive Vorbereitung für den Jakobsweg

"Wir gehen jetzt hier durch und dann geht’s bisschen runter rund dann müssen wir rechts rum."

Monika führt die Wandergruppe über die Staumauer der Urfttalsperre. Links liegt der von Bäumen begrenzte Stausee, rechts geht es rund 50 Meter in die Tiefe. Am Ende der Staumauer schlängelt sich ein schmaler Pfad einige Meter nach oben, um dann lang und steil abzufallen. Das schwierigste Stück der Strecke.

"Das ist das einzige Stück, wo man ein bisschen aufpassen muss."

Johann: "Um Gottes willen, was ist denn das hier?"

Der steinige Pfad windet sich nach unten, vorbei an einem Wegweiser: "Einruhr 7,3 Kilometer".

"Hier muss man ein bisschen vorsichtig sein, auch weil das Laub die Steine verdeckt… aber dann kann man ja langsam gehen und gehen… und dann die Augen nach unten…"

Vorsichtig, mit kleinen, tastenden Schritten geht es Meter für Meter bergab. Keine aus der Gruppe hat Wanderstöcke dabei. Alle bewältigen den schwierigen Abschnitt ohne Hilfen. Das ist bei der langen Vorbereitungswanderung auf den Jakobsweg anders, erzählt Brigitte:

"Wenn wir diese zwei Tages-Tour machen, dann empfehlen wir schon die Stöcke, weil es dann schon häufig richtig steil bergauf-bergab geht. Und über die Pyrenäen sollte man sie wirklich haben."

Im April kann es im Norden Spaniens noch sehr kalt sein. Trotzdem startet jedes Jahr um die Zeit eine vom Verein betreute Wandergruppe auf dem Pilgerpfad, erzählt Brigitte. Vor dem Start sollten allerdings alle mit ihrem behandelnden Arzt gesprochen haben.

"Was wir als Voraussetzung sagen, ist, die Akuttherapie muss abgeschlossen sein, weil jetzt noch mit Bestrahlung und Chemotherapie können wir auf dem Jakobsweg nicht bieten. Und man sollte sich eben internistisch und gegebenenfalls auch nochmal knochenmäßig durchchecken lassen, dass das alles in Ordnung ist."

Der Verein "Über den Berg" hilft bei der Vorbereitung, informiert über die nötige Ausrüstung, schickt sogenannte "Wanderpaten" die erste Zeit mit auf dem Jakobsweg.

"Das ist das Sicherheitspaket, dass wir diese Informationsveranstaltungen machen, dass wir Probewanderungen machen, (…) dass wir Tipps geben, dass wir einen Paten oder eine Patin grundsätzlich mitschicken über die ersten Tage oder die ersten Wochen. Dass wir ein SOS-Nottelefon über 24 Stunden haben, wenn irgendwas sein sollte, ich habe Not, was mach ich jetzt."

Brigitte weiß selbst, wie wichtig das ist. 2015 hat sie sich nach Überquerung der Pyrenäen den Fuß gebrochen. Susanne nickt. Die zierliche Frau in der orangenen Outdoor-Jacke erinnert sich gut, denn sie war damals als Wanderpatin dabei:

"An einer Stelle, wo es eigentlich gar nicht gefährlich war, sondern es war an der Straße, so eine unglückliche Kante und da wars leider passiert."

Arztbesuch und Rücktransport – all das musste organisiert werden. Susanne wird kommenden April wieder eine Gruppe begleiten. Welche Route sie nehmen wird, ist noch nicht ganz klar. Ob den viel begangenen Camino Francés oder die nördliche Variante:

"Ich muss nochmal genau recherchieren auf diese Nordroute, wie weit die Herbergen entfernt sind. Und ob das wirklich auch für die Patienten dann machbar ist. Für die, die dann vielleicht noch nicht so lange aus der Therapie sind, dass die die Möglichkeit haben, das gut zu schaffen und dass man da – dass das Gebiet genügend versorgt ist mit Herbergen. Das ist ja auf dem Camino Frances der Fall, aber auf der Nordroute liegen die ein bisschen weiter auseinander, die Strecken sind ein bisschen weiter. Und da müsste man dann einfach gucken, dass das für jeden der Teilnehmen möchte, auch machbar ist."

"Der Weg hat für mich was ganz Magisches"

Die letzten vier Jahre ist Susanne auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen. Zum ersten Mal gut ein Jahr nach Ende ihrer Chemotherapie. Sie war an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, hatte acht Wochen im Krankenhaus gelegen, 13 Kilo abgenommen.

"Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, weil ich auch nach der Erkrankung, als ich noch in der Therapie war, wahnsinnig abgenommen hatte, ich hatte noch Untergewicht und musste erstmal wieder aufbauen, auch Gewicht aufbauen, Kraft aufbauen."

Susanne hat es geschafft. Mehr noch – der Camino lässt sie nicht mehr los. Sie geht ihn immer wieder:

"Ich muss sagen, dieser Weg hat für mich auch was ganz Magisches auch. Nach der Erkrankung war das für mich so, dass der mir physisch und psychisch ganz, ganz viel Kraft gegeben hat. Und ich merke das immer wieder, auch wenn ich jetzt auf dem Weg bin, wie dankbar ich bin, dass ich leben darf, dass ich so etwas Wunderschönes erleben darf."

Susanne schiebt sich eine Strähne des langen, grauen Haares aus dem schmalen Gesicht. Schon vor ihrer Erkrankung habe sie viel Sport getrieben, erzählt sie. Jetzt wandert sie, macht Yoga, geht zwei Mal die Woche zur Onkologischen Trainings- und Bewegungstherapie an der Uniklinik Köln, absolviert dort ein angepasstes Kraft- und Ausdauertraining für Krebspatienten. Sport tut wahnsinnig gut, sagt sie:

"Erstens Mal bin ich zu Kräften gekommen, ja, Sachen, die vorher – sei es eine Einkaufstasche zu tragen oder so – das hat sich enorm verbessert. Meine Stimmung hat sich enorm verbessert. Die Ängste, die man ja doch oft bei der Krankheit hat, darauf hat es sich positiv ausgewirkt."

In seinem Büro an der Uniklinik Köln deutet Freerk Baumann auf ein paar Rollen in einer Zimmerecke: Die Baupläne für das neue "Zentrum für integrierte Onkologie", das in rund zwei Jahren bezogen werden soll. Prominent im Erdgeschoss wird die Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie, die sogenannte OTT untergebracht sein:

"Das ist auch eine Revolution. Normalerweise verschwindet die Bewegungstherapie in irgendwelchen Kellern, aber jetzt hier – dominant in das Erdgeschoss hinein, wo jeder onkologische Patient zukünftig, der hier an der Uniklinik behandelt wird, die OTT sieht. Das zeigt die Entwicklung dessen, was sich in den letzten Jahren getan hat und damit die steigende Bedeutung der Bewegungstherapie in der Onkologie."

Die Nachfrage nach individuellen Bewegungsangeboten für Krebspatienten ist enorm, sagt Baumann. Und längst nicht überall gibt es entsprechende Angebote. Baumann möchte deswegen die Patienten ermuntern auch selbst aktiv zu werden und – wenn irgend möglich - rauszugehen:

"Da würde ich wirklich jedem Patienten empfehlen, (…) seine eigenen Initiativen draußen durchzuführen. So viel es geht, rauszugehen. Sei es auch nur in Anführungszeichen ein Spaziergang, die tägliche Bewegung. Und tatsächlich auch ins Grüne zu gehen, in den Wald rein, auch wenn's Winter ist oder wenns feucht-nass ist im Herbst – rausgehen, so gut es geht, weil wir dahinter auch bei onkologischen Patienten nochmal verbesserte Regenerationseffekte vermuten, die wir jetzt allerdings noch weiter überprüfen müssen."

Sich darauf konzentrieren, was man kann

Die Wanderer vom Verein "Über den Berg" nähern sich ihrem nächsten Etappenziel: Einruhr. Immer wieder bilden sich Päärchen, die lachend und schwatzend durch den herbstlichen Blätterwald stapfen. Monika, Brigitte und Susanne schwelgen in Erinnerungen an den Jakobsweg. Cilly und die zweite Susanne der Gruppe sind an einem kleinen Anstieg ein Stück zurückgefallen.

"Alles gut Cilly? Cilly: Ja… Sind wir froh, wenn wir oben sind."

Susanne H.: "Ja nicht, zieht sich son bisschen… Ich zieh gleich eine Schicht aus…"

Susannes Wangen glühen, sie wischt sich über die Stirn. Bleibt kurz stehen, um Luft zu holen. Schon vor ihrer Erkrankung ist sie regelmäßig gewandert. Sie will zwar nicht den Jakobsweg gehen, trotzdem hat sie sich dem Verein angeschlossen:

"Das schöne ist ja, sonst, wenn man verabredet ist, dann muss man sich ja groß entschuldigen: Ah, nee, ich konnte nicht, weil so und so. Und wenn man hier sagt: Mir geht das nicht gut. Weiß jeder Bescheid und Ruhe ist."

Susanne ist die einzige in der Gruppe, die noch in Akut-Behandlung ist. Bei ihr sind vor einigen Monaten Lebermetastasen diagnostiziert worden. Deshalb muss sie sich weiterhin einer Chemotherapie unterziehen, allerdings in Tablettenform. Natürlich schränkt das ein:

"Ich sag ganz klar: Bei mir ist also Joggen im Moment definitiv nicht mehr drin. Ja, es gibt dann Leute, die sitzen da und weinen dann: Ja, ich kann jetzt nicht mehr joggen. Dann sag ich immer: Dann konzentrieren sie sich mal darauf, was sie können und machen sie mal eine Liste, was sie noch alles können! Also ich sag immer: Man muss für sich selber auch einen Plan entwickeln."

Susannes Plan heißt ganz klar: Nicht zu Hause sitzen. Auch für den nächsten Morgen hat sie sich zu einer Wanderung verabredet. Mit einer Reha-Kollegin im Sauerland.

Nach gut 11 Kilometern hat die Gruppe das Dörfchen Einruhr erreicht. Zeit für eine Kaffe- und Kuchenpause. Dann wird abgestimmt: Weiter laufen oder zurück mit dem Ausflugsboot fahren. Das Urteil fällt fast einstimmig aus. Monika gibt sich geschlagen:

"Hier wollt ja keiner laufen? Ich lauf auch gerne mit jemanden?"

Zurück am Ausgangspunkt der Wanderung. Die Gruppe verlässt das Schiff, noch ein paar hundert Meter, dann sind alle wieder auf dem Parkplatz am Nationalparktor Rurberg angelangt.

"Ich kann mit den dicken Wanderschuhen nicht so gut Auto fahren…"

Monika verstaut ihre Wanderschuhe wieder im Kofferraum ihres Wagens. Die anderen verteilen sich auf die Autos und verabschieden sich: Bis zur nächsten Wanderung in vier Wochen.

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