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Sonntag, 19.11.2017

Religionen | Beitrag vom 29.10.2017

Verändert sich die Feiertagskultur?"Feiertage sind Symbole"

Religionssoziologe Gert Pickel im Gespräch mit Kirsten Dietrich

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Ein Vater liest mit seinen zwei Kindern auf dem Schoß in einem Buch. Hinter ihnen steht der Weihnachtsbaum. (imago/Mint Images)
Nicht jeder weiß, wofür Weihnachten steht,m aber wenigstens wissen viele, wofür Weihnachten steht. (imago/Mint Images)

Wie sinnvoll sind religiöse Feiertage, wenn fast keiner mehr die Religion dazu praktiziert? Das gilt auch für den Reformationstag. Der Religionssoziologe Gert Pickel erklärt den gesellschaftlichen Zweck solcher Tage und, ob es bundesweite muslimische Feiertage geben sollte.

Kirsten Dietrich: 500 Jahre Reformation in Deutschland – wenn das Jubiläum am Dienstag zu Ende geht, dann werden das alle merken, egal, ob der Name Luther ihnen etwas sagt oder nicht. Denn der 31. Oktober, Reformationstag, zur Erinnerung an den Beginn der Umwälzung mit Luthers Thesenanschlag, ist wegen des Jubiläums in diesem Jahr gesetzlicher Feiertag für alle. Arbeitsfrei, aber auch: kein Shopping in Berlin für Brandenburger, weil auch in Berlin die Geschäfte geschlossen sind, was gleich zur Debatte um den Sinn und Zweck religiöser Feiertage führt. Wie sinnvoll sind religiöse Feiertage, wenn keiner mehr die Religion dazu praktiziert, das ist die eine Frage, gerichtet an kirchliche Feiertage wie Fronleichnam, Christi Himmelfahrt oder auch Karfreitag. Die andere, wild diskutiert in den letzten Wochen: brauchen nicht Religionen, deren Zahl an Gläubigen wächst, auch Anerkennung dadurch, dass zentrale Feste zu Feiertagen für die gesamte Gesellschaft werden? Ich habe über Feiertage und ihren Wandel mit Gert Pickel gesprochen, Professor für Religionssoziologie an der Universität Leipzig. Unser Ausgangspunkt war der Reformationstag: Hätten sich die Kirchen mehr dafür einsetzen sollen – das war immer mal wieder zu hören –, dass es nicht beim einmaligen gesetzlichen Feiertag für alle bleibt?

Gert Pickel: Ja, das war ja letztendlich auch so ein bisschen das Ziel. Man hat das immer wieder so vor Augen, das als einen gesetzlichen Feiertag zu etablieren, natürlich auch gerade seitens der evangelischen Kirche. Das hat man auch versucht, ist aber, glaube ich, vor dem Hintergrund der Debatten, die wir haben, was kirchliche Feiertage angeht, und dass wir vor ein paar Jahren ja auch einige her abgeschafft haben als Feiertage, ein relativ erfolgloses Unterfangen. Man muss sich natürlich auch vor Augen führen, dass wir eine gewisse Staffelung in den Feiertagen haben, in ihrer Wichtigkeit in den Köpfen der Bevölkerung. Also Weihnachten, Ostern und solche sind da sehr zentral. Reformationstag, muss man leider mal so sagen, gehört jetzt nicht an die Spitze der in der Bevölkerung tief verbreiteten und tief verinnerlichten Feiertage.

Dietrich: Einen von diesen abgeschafften Feiertagen haben ein paar katholische Bischöfe gleich wieder in Erinnerung gerufen in der Debatte um diesen Reformationstag, als sie sagten, der Reformationstag ist eigentlich doch ein sehr evangelischer Feiertag, Katholiken haben nicht so viel zu feiern, man könnte stattdessen doch lieber den zwar eigentlich auch evangelischen, aber irgendwie allgemeinen Buß- und Bettag wiederbeleben, der vor gut 20 Jahren der Finanzierung der Pflegeversicherung zum Opfer gefallen ist.

Was genau ist der Buß- und Bettag?

Pickel: Das ist natürlich dann so der Versuch, eine Art ökumenischen Feiertag zu finden. Das sind auch Aushandlungsprozesse. Jetzt muss man sagen, der Reformationstag ist vielleicht so bei knapp 50 Prozent der Bevölkerung etwas, was man sich vielleicht so wünscht als bundesweiter Feiertag. Da kommt ja noch dazu, dass man natürlich damit impliziert, dass man da frei hat. Das darf man ja auch nicht vergessen. Das sind ja nicht nur religiöse Gründe, die dafür sprechen. Beim Buß- und Bettag sind das sogar nur 40 Prozent, und ich fürchte, dass die Kenntnis drüber, was das eigentlich ist, noch ein bisschen niedriger liegt als beim Reformationstag. Da hat man zumindest dieses Jahr etwas gelernt. Man vergisst das aber natürlich auch relativ schnell wieder.

Dietrich: Der Feiertagskalender in Deutschland ist ja trotz aller Entwicklungen, was jetzt Kirchenmitgliedschaft und ähnliches angeht, immer noch in weiten Teilen religiös-kirchlich geprägt. Passt das eigentlich noch?

Pickel: Also man kann sagen, es ist kulturell entstanden, und erstaunlich ist es eigentlich, dass die meisten Leute, auch wenn sie mit Kirche gar nicht mehr so viel zu tun haben – wir haben es ja mit sehr tiefgreifenden Säkularisierungsprozessen seit 40, 50 Jahren zu tun –, doch kulturell gesehen sich an diese Feiertage auch gewöhnt haben. Da kommt natürlich eine Mischung hinzu, dass man einerseits sagt, das ist so kulturell so, ich weiß, was das ist, auch wenn natürlich manche Umdeutungen vorgenommen werden, wenn man zu Christi Himmelfahrt eher Bier trinken geht, da ist eine andere Praxis hineingekommen, aber man hat sich daran gewöhnt und möchte sie eigentlich auch nicht missen. Also da gibt es sozusagen Interessenkoalitionen, wenn man das mal so sagen darf, und das findet man dann eigentlich auch soweit ganz gut, ohne dass man sie aber natürlich christlich feiert. Was für die Kirchen häufig auch ein bisschen ein Problem darstellt, wenn jetzt gerade der Reformationstag uns vor Augen ist, dann wissen wir natürlich, dass 25 Prozent der Menschen damit eher Halloween verbinden und 50 Prozent zu diesem Zeitpunkt auch Halloweenbräuche auf irgendeine Art und Weise umsetzen. Das ist jetzt nicht ein unbedingt gewachsener christlicher, kultureller Feiertag bei uns. Nichtsdestotrotz haben wir es mit einer Umdeutung zu tun, und das zeigt eben eine gewisse Pragmatik im Umgang.

Religionen sind etwas sozial Ausgerichtetes

Dietrich: Es ist ja sogar eher die Frage danach, wie weit die religiösen Hintergründe von Feiertagen überhaupt noch betont werden dürfen. Also zum Beispiel das Tanzverbot, das sogenannte stille Feiertage haben, also Allerheiligen, der am 1. November, am kommenden Mittwoch gefeiert wird, oder auch der Karfreitag. Da dürfen keine Tanzveranstaltungen, heißt es dann immer, sein. Also die Disco muss die Musik leiser drehen. Gerade die organisiert-konfessionsfreien Menschen protestieren zunehmend dagegen, an diesem Feiertag wirklich das Religiöse, das eigentlich der Grund für den Feiertag ist, auch zu betonen und zu leben und zu praktizieren.

Pickel: Ja, das sind natürlich sehr bewusste Gegenbewegungen, die sich auf die Feiertage konzentrieren, weil das quasi Symbole sind. Deswegen sind natürlich auch Kirchen sehr daran interessiert, in irgendeiner Art und Weise das Christliche oder das Religiöse an dem Feiertag auch noch sichtbar zu machen. Am besten ist es, wenn man es mit irgendwelchen Demonstrationen, mit Sichtbarkeit, auch im Fernsehen mittlerweile, belegen kann, damit die Leute dann sozusagen die Symbolik sehen, die übertragen wird auf die Kirchen. Und umgekehrt sehen das natürlich manche genau umgekehrt und nehmen das als Bezugspunkt, sich wieder abzugrenzen. Jetzt muss man ganz klar allerdings auch sagen, die Gruppe derer, die sich hier massiert, ist natürlich politisch sehr sichtbar, aber ist auch umgekehrt sehr klein. Die meisten Leute haben sich damit relativ gut arrangiert und finden das in der Regel so: können sie gerne machen, aber wenn es abgeschafft würde, wäre es eigentlich auch nicht gut, das würde man denjenigen nicht danken.

Dietrich: Wäre es nicht vielleicht sogar besser zu betonen, dass die Feiertage vielleicht sowas wie ein Geschenk der Religionen an die Gesellschaft sind, als ein Rasttag oder so? Der religiöse Gehalt von Ostermontag oder Pfingstmontag ist ja so hoch auch nicht.

Pickel: Man könnte das eigentlich ganz gut als Argument nehmen und zeigen, schau her, hier hast du auch was von den Religionen mal bekommen. Man kann es mit einem zweiten Punkt noch verbinden: Religionen sind ja etwas relativ stark auch sozial Ausgerichtetes, und da sind sie ja auch meist recht erfolgreich. Und man kann Feiertage natürlich auch dahingehend sehen, dass es etwas ist, was für das Soziale nicht nur in der Familie, sondern auch in einer erweiterten Familie – unter Freunden – Möglichkeiten, Gelegenheitsstrukturen, wie man das so ein bisschen unschön soziologisch nennt, anbietet. Sehr erfolgreich ist das ja zum Beispiel zu Weihnachten. Es gibt keinen Zeitraum im Jahr, wo so viele Menschen in die Kirche gehen, und manchmal hat man das Gefühl, zu Weihnachten sind alle in der Kirche, und dann über den Rest des Jahres geht jeder von denen noch einmal vielleicht. Also der Kontrast ist da sehr deutlich, in dem Moment, wo halt was Soziales hinzukommt. Ich glaube, das könnte eine der Stärken sein, die man sichtbar macht dann auch.

Dietrich: Der Auslöser der Debatte um Feiertage war ja die Äußerung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, dass eine Diskussion über einen muslimischen Feiertag sinnvoll sei, vor allem in Gegenden mit hohem Anteil von Muslimen in der Bevölkerung. Unterstützt wurde das dann vom Vorsitzenden der katholischen Laienorganisation ZdK, Thomas Sternberg. Nach harscher Kritik sind beide zurückgerudert: Nein, es gehe nicht um einen gesetzlichen muslimischen Feiertag für alle, sondern nur um bessere Möglichkeiten für Muslime, ihre Feiertage zu feiern. Warum funktioniert dieses "ich habe zwar keine Ahnung, was die Gläubigen da feiern, aber den Feiertag nehme ich gerne mit" bei Christi Himmelfahrt, aber warum funktioniert das nicht beim muslimischen Opferfest?

Pickel: Das ist wahrscheinlich jetzt auch ein Problem, dass wir hier eine sehr, sehr tiefgehende, auch kontroverse Debatte haben. An der Stelle kommt es eben auf der einen Seite zu dieser kulturellen Erfahrung, von der ich gesprochen hatte. Also es ist so verinnerlicht, ohne dass man vielleicht sogar einen stark religiösen Bezug hat, aber es ist verinnerlicht. Muslimische Feiertage werden als fremd wahrgenommen. Das wäre für buddhistische Feiertage genau dasselbe. Jetzt ist natürlich so, dass der Anteil der Muslime sich erhöht hat und man sagen kann, die haben durchaus das Recht, auch von ihrer Gruppengröße in bestimmten Regionen, unter bestimmten Bedingungen, auf Feiertage zurückgreifen zu dürfen. Hier kommen wir natürlich in eine sehr scharfe Debatte, die wir gerade bei der Sicht auf den Islam haben, die sich ja politisch sehr, sehr stark angereichert hat. Wie ich vorhin sagte, Feiertage sind natürlich Symbole. Und das wäre symbolisch quasi etwas, was für Personen, die auch herausstellen, jetzt werden wir sozusagen von Islamisierung überwältigt – das Beispiel schlechthin, dass dies passiert. Knapp 70 Prozent von Befragten in zwei, drei Umfragen, die ich vor Kurzem und vor Längerem gesehen habe, das ist sehr, sehr stabil, sind ziemlich explizit gegen muslimische Feiertage. Umgekehrt wäre es natürlich auch wiederum ein Symbol, wenn man sich dazu durchringen würde, zumindest in einer begrenzten Form muslimische Feiertage als etwas Normales zu installieren. Man kann sich ja auch daran vielleicht gewöhnen. Das ist aber wahrscheinlich momentan eine sehr schwierige Sache vor dem politischen Hintergrund, in dem wir momentan in sehr breiten Debatten über religiöse Pluralisierung und den Umgang natürlich mit dem Islam stehen.

Dietrich: Ist denn diese Hoffnung begründet, über so etwas wie einen muslimischen Feiertag auch einen Beitrag zur besseren Integration zu leisten?

Warum es keinen Welthumanistentag gibt

Pickel: Genau genommen ist es so, dass man dadurch zeigt, dass eine Gruppe integriert ist. Wir haben es ja nicht mit Einzelpersonen zu tun, die integrieren sich eher auf andere Art und Weise – die einen, die anderen nicht vielleicht –, aber was wir momentan haben, ist ja so eine Gruppenzuschreibung, die sehr, sehr stark durch Ablehnung, also durch Fremdheit gekennzeichnet ist. Natürlich ist es so, wenn man sagt, ich nehme das auf, wird man zwar am Anfang sehr viel Streit haben. Wenn es dann aber installiert ist, und man stellt fest, das ist ja gar nicht so schlimm, es ist vielleicht ein Tag, an dem man sich auch mit Muslimen trifft, an dem man Möglichkeiten schafft. Dann gäbe es so etwas wie Normalität. In dem Moment, wo, was allerdings einen längeren Zeitraum braucht, Normalität von etwas einsetzt, bedeutet das auch, dass Gefährlichkeit, Differenz, Distanz zumindest mal überdacht wird. Vielleicht nicht von allen, aber doch von einigen. Also eine Möglichkeit wäre es schon, aber man muss vorsichtig damit umgehen, und dies auch nicht gegen den Willen aller irgendwie unterbringen und auch nicht in einer kontroversen Art und Weise, aber natürlich schon mal durchdenken und zeigen, das gehört zu unserer Normalität auch dazu.

Dietrich: Brauchen wir überhaupt neue Feiertage, vielleicht auch einen konfessionslosen Feiertag? Es gibt ja den Vorschlag des Welthumanistentags oder einen anderen Feiertag?

Pickel: Also wenn wir bedenken, dass mancher christlicher Feiertag ja auch schon entwurzelt wurde, was den Inhalt angeht, dann ist die Frage, ob man neue Feiertage einfach so erfinden kann, relativ schwer. Wir tun uns ja auch gar nicht mal so einfach bei nationalen Feiertagen, die jetzt nicht religiös sind. Wenn wir den Tag der deutschen Einheit nehmen, so haben wir auch nicht das Gefühl, dass der bei allen durchschlägt, manche wissen noch nicht mal, wann der jetzt ist. Man sieht also, dass es gar nicht so einfach ist, Feiertage zu installieren, denn sie brauchen eben genauso diese traditionelle Normalität, dass man sich dran gewöhnt hat und damit etwas verbindet. Sie können natürlich auch Umdeutungen unterliegen. Das ist bei Symbolen immer so. Ich würde sagen, man sollte vielleicht an denen festhalten, die man hat, aber überlegen, wie man diese gestaltet und für was man sie dann auch nutzt, und da sind ja durchaus Möglichkeiten gegeben, und die sollte man nutzen

Dietrich: Feiertage und ihre Anlässe verändern sich – ich sprach mit dem Religionssoziologen Gert Pickel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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