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Studio 9 | Beitrag vom 21.12.2016

Utopien nach '68Die bunte Republik der Gegenkulturen

Von Laf Überland

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Jugendliche beim Tanz im Berliner Tanzlokal Cheetah, aufgenommen am 06.12.1968. (picture alliance / dpa / Joachim Barfknecht)
Jugend 1968 (picture alliance / dpa / Joachim Barfknecht)

Knapp 20 Jahre nach Kriegsende befand sich die Bundesrepublik in einer Umbruchphase, die begleitet war vom Aufblühen bunter Utopien. Die sogenannten 68er revoltierten gegen die Elterngeneration und das bleierne System. Spätestens mit dem Deutschen Herbst und dem No Future der Punks war es vorbei mit den Utopien.

Natürlich war das keine Revolution, was erst viel später schlicht "68" genannt wurde. Es war eine lose zusammenhängende Revolte unterschiedlichster Interessensgruppen, die sich zur Außerparlamentarischen Opposition vereint hatten: aus der Ostermarschbewegung der Atomwaffengegner, den Vietnamkriegsgegnern, den Sympathisanten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Im Zentrum standen aber verschiedene Gruppierungen, die die falsche Verteilung der Produktionsmittel aufheben wollten und dafür auf die Straße gingen; was unerhört und unerprobt war im Nachkriegsdeutschland.

Reporter:" Viele Polizisten haben schon die Mützen verloren, die die Demonstranten ihnen von den Köpfen geschlagen haben..."

Kampf um Freiheit

Aber es ging, bei aller weltanschaulichen Strenge, auch meist um Freiheit, so viel war klar: Freiheit von Ausbeutung! Freiheit von sexueller Unterdrückung! Freiheit von falschen Autoritäten und überkommenen Regeln!

Also banden die Studenten die Krawatten ab, hörten auf sich zu siezen und hinterfragten stattdessen die Zustände. Und ihre Sprache verdeutlichte den Ernst ihrer Anliegen.

Rudi Dutschke: "Die Große Koalition als der hoffnungslose Versuch der herrschenden Oligarchien, die strukturellen Schwierigkeiten des Systems zu lösen, stößt immer deutlicher auf objektive Schranken."

Theorie und Praxis zur Systemveränderung unterschieden sich von Gruppierung zu Gruppierung und differenzierten sich immer weiter: Zu Marcuse, Horkheimer, Adorno, zu Marx und Engels gesellten sich die Marx Brothers als Identifikationsfiguren, zum ernsten Kampf die Spaßguerilla.

Mit großem Trara wurde 1967 die Kommune I gegründet - als öffentlich gelebtes Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie, die den Faschismus ausbrüte. 1968 dann gebar die APO den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, der gegen "die patriarchalen Strukturen der maskulin dominierten Bewegung" protestierte.

Frau: "Es stinkt mir einfach irgendwo, dass ich so funktionieren soll, wie Männer generell mich gerne haben wollen."

Bürger gegen Berufsrevoluzzer

Am bürgerlichen Stammtisch wurde währenddessen die Weltlage erörtert: Rübe ab war eine konsensfähige Einschätzung der Ereignisse rund um die Revoluzzer. Und die drei Schüsse, die der Neonazi Bachmann Gründonnerstag '68 auf Rudi Dutschke abgab, entzündeten endgültig das Benzin, das bereits seit dem Mord an Benno Ohnesorg im Juni '67 aus den Tanks der umgekippten Autos, Bauwagen und Molotow Cocktails gelaufen war.

Reporter: "Die kriminellen Randalierer haben den Wagen eines amerikanischen Fernsehteams umgekippt und angezündet."
Polizei: "Wasserwerfer Marsch!"

Die Konfrontation wurde härter. Doch fast noch mehr als der Systemsturz, so schien es manchmal, ängstigte die braven Bundesbürger, wie unordentlich diese neuen jungen Leute waren!

Reporter: "Mit Wasser, Besen und Desinfektionsmitteln rückt Hannover seinen Gammlern auf den Pelz."
Passant: "Die gehören ins Arbeitshaus bzw mit Knüppel hier runter jagen! Bei Adolf hät's so was nicht gegeben!"

Gammler, das waren eigentlich Aussteiger, die nichts verändern wollten; ihre Utopie bestand darin, in Ruhe gelassen zu werden. Oft wurden sie verwechselt mit den Hippies; die versuchten sich tatsächlich an einer antiautoritären Weltordnung ohne Hierarchien und Leistungsnormen, Unterdrückung und Kriege. Und sie waren ganz friedlich und ganz lieb, manche mit Blümchen im Haar – weshalb die neuerdings ganz jugendliche Unterhaltungsindustrie diese Utopie schnell aufsaugte.

Flower Power und Drogen

Bald gab es das indische Flatterhemd und die bunte LSD-Brille in den Boutiquen der bundesdeutschen Kreisstädte und 20 Räucherstäbchensorten mindestens. 1972 erschien Flower Power als Klebebildchen für die Küche mit den Prilblumen.

Aber das war alles zu ertragen, denn eine weitere Utopie, die Realität zu verändern, bestand schließlich darin, die Sicht von ihr zu verändern; genug Drogen waren inzwischen auf dem Markt!

Sternenmädchen Gille Lettmann: "Jeder macht sich seine eigene Realität. Wenn Sie sagen, dass die Arbeitswelt Ihre Realität ist, dann ist das Ihre – für viele Leute sind andere Sachen real. Es gibt einfach kein Wort dafür, was wirklich real ist in unserer Welt."

Und die Veränderung der Produktionsverhältnisse ließ tatsächlich auf sich warten. Teile der Bewegung hatten sich längst radikalisiert, aber das verbindende Element der Zuversicht, dass man beim Umsetzen der Utopie einer ganz, ganz tollen Gesellschaft allen trauen könne, zersplitterte endgültig angesichts der toten Manager, die die RAF ermordet hatte, 1977.

No Future und Rückzug ins Private

Die Punks, die bald überall zu sehen waren, entsagten dann sogar jeglicher Utopie: No Future rotzten ihre Graffiti. Und die Veteranen der jetzt so genannten 68er verloren entweder ihr Interesse an der Umwertung aller Werte oder traten ein in die Friedensbewegung und marschierten einmal im Jahr gegen Atomkraftwerke und Ausländerfeindlichkeit.

Und einige stiegen ganz aus und zogen in die Landkommune - nach Ökotopia und zu naturbelassener Handarbeit.

Landkommunardin: "Na ja, die Waschmaschinen, die haben uns immer recht genervt, weil die Strahlungen von so 'ner Maschine, die machen einen so kaputt – wenn man dann am Abend gewaschen gehabt hat, dann war man kaputt, gell..."

Ausschnitt aus "Paradies", dem Mittelportal des Triptychons "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch (um 1450−1516) (Bild: Imago)"Paradies" von Hieronymus Bosch (Bild: Imago)Was ist aus den Utopien und Visionen von Thomas Morus geworden? Der Schwerpunkt "Zukunft denken. 500 Jahre 'Utopia'" in Deutschlandradio Kultur sucht nach Antworten vom 18. bis 27. Dezember. Die Übersicht der Themen und alle bereits gesendeten Beiträge gibt es hier zu lesen und zu hören: Utopien in Politik, Gesellschaft und Kunst − Welche anderen Welten sind möglich?



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