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Tonart | Beitrag vom 19.12.2016

Utopien in der PopmusikDie Tanzfläche als letzte Utopie

Roger Behrens im Gespräch mit Andreas Müller

Menschen auf der Tanzfläche einer Disco (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Menschen auf der Tanzfläche einer Disco (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

"Musik ist die utopische Kunst schlechthin", sagt der Philosoph Roger Behrens. Auch die Popmusik biete Utopien an, allerdings weniger im Sinne von Gesellschaftsentwürfen als privaten Fluchten. Ab den 70er-Jahren sieht er in der Disco als die letzte Bastion für Utopien.

Vor 500 Jahren erschien Thomas Morus' Roman "Utopia" - ein Werk so bedeutend und prägend, dass Geschichten und Ideen einer besseren Gesellschaft, einer besseren Welt als Utopie bezeichnet werden. Aus diesen Anlass beschäftigen wir uns in der "Tonart" mit Utopien in der Popmusik bzw. der Popmusik als Utopie. 

"Die Musik ist die utopische Kunst schlechthin", sagt Roger Behrens, der als Philosoph und Sozialwissenschaftler in Hamburg zu Utopien in der Popmusik forscht. Doch was beim Pop geboten werde - etwa bei Frank Sinatra, Elvis, im Rock oder Soul - seien Privatutopien. "Das ist die Möglichkeit sich sozusagen in einem eigentlich trostlosen Alltag ein bisschen privates Glück einzurichten." Diese Traumwelten, die da entworfen würden, seien keine Utopien im strengen Sinne, sondern eher Fluchten. Etwa bei Thomas Morus seien Utopien in erster Linie Sozialutopien, Entwürfe einer anderen Gesellschaft.

"Fluchtraum für die letzten Utopien" 

Im Hinblick auf die Zeit der 70er-Jahre, den Übergang zu den 80er-Jahren, vielleicht auch im Ausblick auf die 90er-Jahre erscheine ihm "sehr lax gesagt, die Tanzfläche, der Dancefloor, als die dann erschlossene okkupierte letzte Utopie, die noch möglich ist". Dort sei es auch möglich, Zeitutopien zu realisieren, also über mehrere Tage.

"Den Höhepunkt hat es mit 'Saturday Night Fever' - also diese Beschwörung des Saturdays, des Tag des Saturns, findet man allenthalben wieder; nicht nur weil Wochenende ist, sondern weil das Saturnische offenbar eine große Rolle spielt. Das ist jetzt natürlich sehr plakativ und fast schon ein bisschen zynisch, das zu sagen angesichts all der gesellschaftlichen Probleme, die kommen. Aber das scheint wirklich im ernsten Sinne Fluchtraum zu sein für die letzten Utopien. Was das Glücksversprechen angeht, das der Pop liefert, ist wirklich, dass die Utopie zum Schein verwirklicht ist, in dem Moment, wo ich tanze."

Ausschnitt aus "Paradies", dem Mittelportal des Triptychons "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch (um 1450−1516) (Bild: Imago)"Paradies" von Hieronymus Bosch (Bild: Imago)Was ist aus den Utopien und Visionen von Thomas Morus geworden? Der Schwerpunkt "Zukunft denken. 500 Jahre 'Utopia'" in Deutschlandradio Kultur sucht nach Antworten vom 18. bis 27. Dezember. Die Übersicht der Themen und alle bereits gesendeten Beiträge gibt es hier zu lesen und zu hören: Utopien in Politik, Gesellschaft und Kunst − Welche anderen Welten sind möglich?

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 19.12.2016)

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