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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.06.2014

US-Außenpolitik"Bild der Schwäche"

Historiker: Präsident Obama agiert widersprüchlich

Wilfried Mausbach im Gespräch mit Julius Stucke

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Der polnische Präsident Branislaw Komorowski begrüßt US-Präsident Barack Obama in Warschau. (dpa / picture alliance / Radek Pietruszka)
Der polnische Präsident Branislaw Komorowski begrüßt US-Präsident Barack Obama in Warschau. (dpa / picture alliance / Radek Pietruszka)

Nach Ansicht des Historikers Wilfried Mausbach verfolgt Barack Obama keine konsequente Außenpolitik. Der US-Präsident sei in seiner Rhetorik häufig dem voraus, was er wirklich bereit ist zu tun.

Julius Stucke: Das Meer konnte man vor Schiffen kaum mehr sehen, der Himmel war voller Flugzeuge. So erinnern sich Veteranen an den 6. Juni 1944, den D-Day, den Tag, an dem alliierte Streitkräfte, vor allem Amerikaner, Briten und Franzosen in der Normandie landeten. Der Anfang der Befreiung Europas von den Nazis.

Freitag ist das 70 Jahre her, und das heißt auch, 70 Jahre, in denen die USA immer wieder eine internationale Rolle beanspruchten: militärische Supermacht, Führungsanspruch, Stichwort Weltpolizei. Aber die Rolle hat sich gewandelt, und wenn es nach dem derzeitigen Präsidenten Barack Obama geht, dann wandelt sie sich auch weiter. Darüber spreche ich mit Wilfried Mausbach, Historiker am Heidelberg Center for American Studies. Schönen guten Morgen!

Wilfried Mausbach: Guten Morgen, Herr Stucke!

Stucke: 70 Jahre D-Day, 70 Jahre Führungsrolle der Amerikaner - wie entscheidend war denn dieser Einsatz der Amerikaner im zweiten Weltkrieg für die folgende Rolle als Supermacht?

Mausbach: Ja, man kann fast sagen, dass hier tatsächlich die USA mit der Verantwortung für Europa erstmals sozusagen eingetreten und aufgetreten sind. Ohne die Amerikaner hätte sozusagen die Westfront während des Zweiten Weltkrieges natürlich nicht die Stärke, die entscheidende Stärke erreichen können. Das heißt auch, ohne amerikanische Soldaten auf dem europäischen Kontinent.

Und wenn man sich überlegt, dass einige der Isolationisten während der Zwischenkriegszeit argumentiert haben, dass die Amerikaner, selbst wenn sie es wollten, es gar nicht könnten, nach Europa überzusetzen und mit einem Millionenheer gegen die damals stärkste Armee der Welt vorzugehen. Das war so 1941, und drei Jahre später hatte sich das völlig umgekehrt und die USA, unter der Führung natürlich auch von Franklin Roosevelt hatten diese Aufgabe im Grunde übernommen, sozusagen das Zeughaus der Demokratie zu sein und eben auch in Europa entscheidend einzugreifen. Und damit haben sie im Grunde durchaus auch ihre Rolle als sozusagen Supermacht begonnen, könnte man sagen.

Stucke: Und jetzt hat Barack Obama gerade von einem Wandel gesprochen, nicht zum ersten Mal. Er hat gesagt, mit Weltpolizei sei Schluss, keine einsamen Einsätze mehr. Er will Führung, aber nicht militärisch, also Kampf gegen Klimawandel statt Kampf im Krieg. Ist das ein Widerspruch, Führung, aber nicht militärisch?

Mausbach: Nein, das muss kein Widerspruch sein, und es ist ja auch nicht so, dass Barack Obama eine militärische Rolle völlig ausschließt. Wenn man in der Rede, die er ja vor einer Woche in West Point gehalten hat, wenn man sich die ansieht und wollte da irgendwas finden, was in irgendeiner Weise neu wäre, dann ist es vielleicht am ehesten diese Unterscheidung zwischen Kernanliegen der USA, also das, was eigentlich normalerweise jedes Land für sich in Anspruch nimmt, sich militärisch zu verteidigen, wenn es angegriffen wird, um seine sozusagen Souveränität zu bewahren.

"Die Republikaner identifizieren schon länger außenpolitische Schwäche"

Und dafür, sagt Obama, werden die USA auch weiterhin und auch weiterhin alleine, ohne jemand anderen zu fragen, Militär einsetzen. Und dann sagt er, es gibt aber sozusagen, praktisch eine Stufe darunter, gibt es Krisen in der Welt, die zwar uns sehr betreffen und die uns auch moralisch betreffen - Beispiel natürlich jetzt zum Beispiel Syrien -, die aber nicht den Kern unserer nationalen Sicherheit betreffen. Und da, sagt Obama, werden wir nicht allein, unilateral eingreifen, sondern da werden wir im Grunde militärisch nur eingreifen, wenn wir es zusammen mit unseren Alliierten tun können.

Stucke: Aber genau das, Sie haben Syrien als Beispiel genannt, das werfen ihm viele ja als Schwäche vor, dass er in Syrien eben nicht gehandelt hat, dass er jetzt in der Krim-Krise, was die Krim-Annexion angeht, nicht handlungsfähig war. Die Republikaner sehen darin außenpolitische Schwäche.

Mausbach: Ja, das ist natürlich die politische Diskussion in den USA. Die Republikaner identifizieren schon länger außenpolitische Schwäche dieser Regierung. Man muss dazu natürlich sagen, dass Obama es sich auch nicht wirklich leicht gemacht hat, indem er in seiner Rhetorik häufig dem voraus eilt, was er dann wirklich bereit ist zu tun. Syrien ist ein klassisches Beispiel, wo er den berühmten Ausspruch von der roten Linie getan hat, die überschritten sei, wenn Chemiewaffen eingesetzt wurden.

Und dann waren Chemiewaffen eingesetzt worden, und es ist im Grunde nichts passiert. Das ist das, was viele Leute, nicht nur Republikaner, Obama vorwerfen, dass eigentlich nicht ganz klar ist, was ist denn nun seine Außenpolitik. Und bei den Republikanern kommt natürlich hinzu, dass sie ein allgemeines Interesse daran haben, diese Regierung als schwach erscheinen zu lassen, und dass sie eher sozusagen eine stärkere, härtere Linie fahren und sagen, dieses Image, das Bild, das die USA jetzt abgeben, sei ein Bild der Schwäche, und das würde im Grunde Politiker wie Putin und andere geradezu dazu einladen, sozusagen aggressiv vorzugehen.

Stucke: Und man weiß nicht genau, was man von ihm halten will, was er genau will, sagen Sie. Ist dieser Widerspruch auch wieder zu sehen, gerade gestern, als er in Polen eine Milliarde Dollar für militärische Unterstützung Osteuropas ankündigt?

Mausbach: Ja, also, man darf das nicht zu sehr als Widerspruch sehen. Wenn Sie überlegen, das, was ich eben gesagt habe, diese Unterscheidung, wann man militärisch eintritt und wann nicht, das ist sozusagen auf die ganze Welt natürlich bezogen. Obama hat natürlich jetzt bei seinem Besuch in Europa die Aufgabe auch, die Europäer so ein bisschen zu beruhigen, natürlich auch vor dem Hintergrund der Frage, dass viele auch in Europa sich fragen, was ist eigentlich seine wirkliche Außenpolitik.

Und da kommt die alte Frage wieder auf, die wir aber sozusagen seit dem D-Day praktisch fast immer hatten: Können wir uns praktisch auf die Amerikaner verlassen, wenn irgendwas passiert. Und sie ist natürlich für ein Land wie Polen mittlerweile - die war während des Kalten Krieges vor allen Dingen für Deutschland sehr wichtig. Sie ist jetzt für Polen sehr wichtig. Aber Sie können zurückgehen - wenn Sie sich zum Beispiel ansehen, 1984, da hat man den 40. Jahrestag des D-Day gefeiert, und Ronald Reagan ist in die Normandie gefahren, und auch damals waren die Blätter voll davon zu sagen, Reagan muss jetzt nach Europa fahren, um den Europäern zu versichern, dass wir im Grunde noch bereit sind, auch für sie praktisch in den Krieg zu ziehen.

Stucke: Sagt der Historiker am Heidelberg Center for American Studies, Wilfried Mausbach. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Mausbach: Ich danke Ihnen, Herr Stucke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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