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Freitag, 24.11.2017

Kriminalhörspiel / Archiv | Beitrag vom 23.02.2015

UrsendungHäuserkampf

Von Ulrich Land

Duisburg Bruckhausen 2013  (imago/wrongside pictures)
Duisburg Bruckhausen (imago/wrongside pictures)

Im Duisburger Stadtteil Bruckhausen laufen Abrissarbeiten. Auch das Haus von Bülent Arslan soll weg. Er engagiert sich in einer Bürgerinitiative gegen das Vorhaben - vergeblich. Ein Hörspiel nach einer wahren Begebenheit.

Als die alte Frau Hoffmann, von der Stadtverwaltung bereits umgesiedelt, immer wieder in ihre alte Wohnung zurückkehrt und dort stirbt, nimmt der Türke den Stadteilmanager Schröder als Geisel und fordert die sofortige Einstellung der Abrissarbeiten. Entführungsspezialistin Bose und ein Aufsichtsratsmitglied von ThyssenKrupp Steel kommen im Rathaus zusammen, denn für die Stadtteilprojektierung wurden Subventionen in Millionenhöhe gezahlt. Während das SEK versucht, den Geiselnehmer zu finden, interessiert sich Kommissar Thalhammer für den Tod der alten Frau Hoffmann.

Regie: Sven Stricker
Mit: Mürtüz Yolcu, Tanja Wedhorn, Ulf Schmitt, Franziska Troegner, Stephan Szász, Jörg Hartmann, Gerd Grasse, Hüseyin Ekici
Ton: Alexander Brennecke
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2015
Länge: ca. 42'14

Ulrich Land, geboren 1956 in Köln, schreibt Lyrik, Prosa, Essays und ist Autor von über 100 Hörspielen und Radio- Features, lebt in Freiburg. Zuletzt: "Ambrose Bierce verschwindet" (WDR 2014).

Notizen des Autors

Das Kriminalhörspiel "Häuserkampf" hat einen realen Hintergrund: Im traditionell "armen" Nordwesten des Ruhrgebiets, in Duisburg-Bruckhausen wurden 2013/14 circa 170 gründerzeitliche, zum Teil denkmalgeschützte Wohnhäuser in Schutt und Asche gelegt. Etwa 1500 Personen mussten ihre Wohnungen bzw. Häuser verlassen, vor allem Migranten, alteingesessene Bruckhauser, Hartz-IV-Empfänger. Bis auf den heutigen Tag harren einige Bürger mitten in ihrem Viertel aus, während um sie herum die Planierraupen ihr Handwerk verrichten.

"Entmietung" Hunderter Wohnungen

Hinter dem beamtendeutsch-euphemistisch "Rückbau" genannten Projekt steckt ein skandalöser Deal zwischen ThyssenKrupp Steel und der Stadt Duisburg, die finanziell seit Jahren mit dem Rücken an der Wand steht. Der Stahlkonzern – seines Zeichens größter Arbeitgeber in Duisburg – spendete der Stadt 35 Millionen Euro, unter der Maßgabe, dass man mit diesen Geldern das sogenannte "Problemviertel" Bruckhausen direkt vor der Werksmauer durch eine Grünanlange ersetze.

Für ThyssenKrupp zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen lässt sich so die Werkszufahrt beträchtlich aufhübschen, da man ohnedies das Image des schmutzigen Stahlkonzerns im abgewrackten Ruhrpott loswerden möchte. Und zum anderen kann man so dem inzwischen gesetzlich vorgeschriebenen Abstand zwischen Schwerindustrie und Wohngebieten wenigstens näher kommen. In Bruckhausen also wurde im Interesse eines Großkonzerns und einer notorisch klammen Kommune die "Entmietung" von Hunderten von Wohnungen betrieben, anderthalbtausend Einzelschicksale standen zur Disposition.

Ein Verbrechen an den Ruhrpott-Leuten

Was man für eine Posse aus dem Bilderbuch des Meltingpots Duisburg zwischen Hochöfen, Abrissbirnen und stadtplanerischer Hilflosigkeit halten könnte, ist doch bittere Realität. Und so sind auch die Personen dieses Hörspiels durchaus nicht frei erfunden – wenn auch mit fiktiven Namen ausstaffiert: Die hochbetagte "Frau Hoffmann" etwa hat nach ihrer Umsiedlung noch wochenlang in ihrer leergeräumten Wohnung gehaust, die sie nicht im Stich lassen wollte und konnte. Von den letzten noch verbliebenen türkischen Nachbarn wurde sie mit warmem Essen versorgt, nachdem das Entrümplungskommando die Möbel unten auf dem Bürgersteig aufgetürmt hatte.

Der Abriss Bruckhausens: Ein Verbrechen an den Ruhrpott-Leuten das nur so nach einem Verbrechen schreit. Zumal dann, wenn es exakt vor der Kulisse stattfindet, wo etliche Schimanski-Streifen gedreht wurden. Nicht nur der alte Hochofen ist jetzt verschwunden, sondern auch die Wohnstraßen davor und die Menschen, die sie bevölkerten!

Insofern setzt dieses Krimihörspiel Bruckhausen und seinen Bewohnern ein Denkmal.

Mehr zum Thema:

Duisburg 3.0
(Deutschlandradio Kultur, Freispiel, 20.10.2014)

Ruhrgebiet - Und sie bleiben doch!
(Deutschlandradio Kultur, Deutschlandrundfahrt, 14.06.2014)

Wo kaum einer hinwill
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 29.05.2011)

Kriminalhörspiel

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