Donnerstag, 24.05.2018
 

Fazit | Beitrag vom 17.05.2018

Uraufführung von "#minaret" in DresdenTanz die Zerstörung einer Stadt

Elisabeth Nehring im Gespräch mit Andrea Gerk

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Eine Szene aus den Proben zu "#minaret", einem Tanzstück des libanesischen Regisseurs Omar Rajeh. (Stephan Floss)
Die Gruppe der Tänzer ist körperlich und ethnisch heterogen, wirkt aber später wie ein Kollektiv. (Stephan Floss)

Omar Rajeh ist der bekannteste Choreograf aus dem arabischen Raum. Seine Uraufführung von "#minaret" in Dresden vereint seine Stärken: kraftvolle Bewegungen und ein politischer Bezug. Es geht – prototypisch – um die Zerstörung von Aleppo.

Der Libanese Omar Rajeh hat in den vergangenen Jahren die arabische Tanzszene maßgeblich geprägt. Er veranstaltet jedes Jahr ein großes Festival in Beirut, zu dem auch viele Programmmacher aus Europa reisen. Umgekehrt ist er auch immer wieder Gast auf europäischen Bühnen – so wie jetzt in Hellerau, dem Europäischen Zentrum der Künste Dresden.

In dem neuen Stück "#minaret" setzt sich Rajeh mit der Zerstörung der syrischen Stadt Aleppo auseinander. Kann eine Stadt sterben? Und mit ihr die Werte, Ideale, Prinzipien, Geschichte und Kultur, die sie ausmachten?

Die Inszenierung sei sehr abstrakt, die Zusammensetzung der Tänzer und Musiker stark gemischt, sagt die Tanztheater-Kritikerin Elisabeth Nehring im Deutschlandfunk Kultur. Es tanzen Menschen arabischer, europäischer und asiatischer Herkunft mit sehr unterschiedlichen Körpern. Auch die Musik verbindet völlig gegensätzliche Elemente, etwa traditionelle arabische Instrumente und Klänge, die vom klassischen Musikerbe Aleppos inspiriert sind, und elektronische Geräusche. Ein blauer Kreis bildet die Spielfläche, später kommt Lehm zum Einsatz, der als Schmutz an der Kleidung der Tänzer klebt. Eine entscheidende Rolle spielt die über dem Ensemble kreisende Drohne.

Über allen kreist eine große Drohne

"Und irgendwann legt diese Drohne los. Die fängt an zu fliegen und das ist ein ziemlich großes Gerät. Man merkt richtig, wie das eine Bedrohlichkeit entfaltet auf der Bühne in Bezug auf den menschlichen Körper."

Die Drohne nimmt Bilder von oben auf und projiziert sie an die Wand. Darunter sind auch Aufnahmen, die aussehen, als seien die Tänzer verletzt. Immer wieder bewegen sich die Teilnehmer zurück an ihre Computer, um dann vom Arbeitsplatz wieder versehrt auf den Boden zu fallen.

Eine Szene aus den Proben zu "#minaret", einem Tanzstück des libanesischen Regisseurs Omar Rajeh. (Stephan Floss )Auch der Titel "#minaret" bezieht sich auf den arabischen Raum und insbesondere auf die Stadt Aleppo. (Stephan Floss )

Mit "#minaret" bezieht sich Omar Rajeh auf die Zerstörung von Aleppo, ohne die syrische Stadt ausdrücklich zu nennen. Das Stück nehme den Zuschauer emotional zwar nicht so stark mit, sagt Elisabeth Nehring, "aber es hat wirklich den Moment von Zerstörung ganz interessant entwickelt".

Fast 1000 Jahre lang erhob sich das Minarett der Omajjaden-Moschee von Aleppo über die gesamte Stadt. Jetzt liegt es in Trümmern. #minaret ist eine Begegnung zwischen zeitgenössischem Tanz, bildender Kunst und Livemusik, inspiriert vom klassischen Musikerbe Aleppos. Das Stück nimmt uns mit auf eine Reise in das Herz der Stadt und stellt Fragen nach Zerstörung und Erinnerung.

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