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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.04.2012

Unverwüstliche Menschen

Javier Sebastián: "Der Radfahrer von Tschernobyl", Verlag Klaus Wagenbach, 220 Seiten

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Ein Schild warnt in der Nähe von Tschernobyl vor dem Verzehr von gesammelten Beeren und Pilzen (AP)
Ein Schild warnt in der Nähe von Tschernobyl vor dem Verzehr von gesammelten Beeren und Pilzen (AP)

Der spanische Autor beschreibt das Leben in der "Todeszone" rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl. Sein Roman ist ein Meisterwerk der unsentimentalen Vergegenwärtigung einer Katastrophe, die viele Betroffene einschließt.

Gegensätzlicher könnte die Paarung kaum sein: "Tschernobyl", der Inbegriff einer Reaktorkatastrophe aus dem 20. Jahrhundert, Sinnbild des Untergangs eines zerrütteten, maroden Systems, Chiffre nicht zuletzt für den manipulativen Umgang einer dekadenten Macht mit einer apokalyptischen Situation, die dann viele Menschen das Leben oder die Gesundheit kosten sollte. Und dazu eine Beschäftigung wie "Radfahren", die in diesem Zusammenhang ganz unpassend, ja geradezu obszön anmutet. Ist es vorstellbar, dass jemand heiter strampelnd durch die Gegend radelt, während sich genau dort eine der denkwürdigsten Katastrophen abspielt oder abgespielt hat? Ja, das ist es, auch wenn von Heiterkeit keine Rede sein kann in diesem Text.

Javier Sebastiáns Roman vereint etliche Elemente, die man auf Anhieb nicht nebeneinander vermuten würde. Am einleuchtendsten für einen Roman ist die Geschichte des Atomphysikers Wassili Nesterenko. Als Koryphäe auf seinem Gebiet wird er zur Bewältigung oder Eindämmung der Folgen des Unglücks herangezogen. Mit großer Sachkenntnis breitet der Autor die Geschehnisse und Entwicklungen vor und nach dem Reaktorunfall aus, bis hin zu abenteuerlichen Theorien, wonach ein westlicher Geheimdienst die Katastrophe ausgelöst haben könnte. Eher ungewöhnlich für einen Roman ist der Umstand, dass der Autor in Fußnoten seine Quellen zitiert, unter denen sowohl gedruckte Publikationen als auch Weblinks sind. Die handelnden Figuren sind in der Mehrzahl authentische Personen, der Roman hat hier deutliche Züge eines Sachbuches.

Abenteuerlicher, geradezu in der Manier eines politischen Thrillers gehalten ist die Schilderung der Umstände, die diesen Wissenschaftler dazu brachten, auch nach der Verheerung durch die atomare Strahlung in der "Todeszone", der gespenstischen und weitgehend entvölkerten weißrussischen Stadt Pripjat, zu bleiben, um als jener Radfahrer den wenigen Verbliebenen Hilfe zu leisten. Nicht die Berufung zum Samariterdasein erklärt diese Wendung, vielmehr sein Wirken als Wissenschaftler, der an Aufklärung, Dokumentation und Untersuchung des Geschehens um die Tschernobyl-Katatstrophe bemüht ist. Auch den postsowjetischen Machthabern ist daran wenig gelegen. Sie setzen ihn zunehmend unter Druck. Als er durch dubiose Verfolger sein Leben bedroht sieht, versteckt er sich in der "Todeszone", wo er auf eine Welt voller Leid, aber auch voller unverwüstlicher Lebensenergie und Aktivität trifft. Schließlich gelingt es ihm, nach Paris zu fliehen.

Hier gerät er durch einen reinen Zufall ins Umfeld des Ich-Erzählers, der die Geschichte dieses rätselhaften und etwas verwirrten älteren Mannes in detektivischer Arbeit rekonstruiert und sie auch dann weiter verfolgt, als dieser Radfahrer fluchtartig zurückkehrt in jene "Todeszone" von Pripjat, die sein Schicksalsort bleiben soll.

Javier Sebastiáns Roman ist ein Meisterwerk der Vergegenwärtigung – einer Katastrophe, eines Schicksals, einer Lebenstragödie, die viele Beteiligte und Betroffene einschließt. Ganz unsentimental und mit gebührender Distanz erzählt, macht dieser Roman mit großer Intensität darauf aufmerksam, dass die Unglücksmeldungen aus den Medien Geschichten aus Fleisch und Blut enthalten und längst nicht vorbei sind, wenn kaum mehr über sie gesprochen wird.

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Javier Sebastián: Der Radfahrer von Tschernobyl
Aus dem Spanischen von Anja Lutter
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012
220 Seiten, 19,90 Euro

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