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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.07.2015

Universitäre Sammlungen (5)Die Moulagen-Sammlung der Charité Berlin

Von Marietta Schwarz

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Blick in die Moulagensammlung der Berliner Charité ( Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité / Fotograf: Thomas Bruns)
Blick in die Moulagensammlung der Berliner Charité ( Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité / Fotograf: Thomas Bruns)

Moulagen sind kolorierte Gipsabdrücke vornehmlich von Hautkrankheiten. Ärzte ließen sie anfertigen, als die Fotografie noch schwarz-weiß war. Später gerieten sie in Vergessenheit - doch die Charité in Berlin hat ihre Moulagen neu entdeckt.

Augen sind es vor allem. Immer wieder Augen. Die Lider giftig rot. Ein Augapfel herausgetreten und schwarz verfärbt. Ein zerfressenes Loch, wo ein Auge mal war. Täuschend echt schauen uns diese sanft in Leinen gehüllten Gesichter auf schwarzem Untergrund an. Aber es ist nur Wachs.

"Diese Moulagen emotionalisieren. Weil sie eigentlich wirklich ein fast verwechselbares Bild zum Kranken vor Augen stellen."

Moulagen sind nachkolorierte Wachsabgüsse von Hautkrankheiten im Gesicht. Als Lehrmittel in der Medizin hatten sie um die Jahrhundertwende ihre große Zeit. Im Medizinhistorischen Museum der Berliner Charité kommen sie heute, in Reih und Glied aufgehängt, fast wie Kunst daher: Hier noch ein Säugling mit entsetzlicher Beule. Daneben ein fahles Frauengesicht, von tiefen Wunden perforiert.

"Lupus vulgaris faciae, also der gemeine Wolf des Gesichtes, eine fressende Flechte. Wir wissen heute, dass sich dahinter zumeist eine Hauttuberkulose verborgen hat."

...erklärt Museumsleiter Thomas Schnalke.

"Es ging hier insbesondere für die Hautärzte darum, alles, was sich in der Haut zeigt, an Krankheitsbildern im Wachs festzuhalten."

Berlin war mal das Zentrum der Moulagentradition

Man nahm einen Gipsabdruck vom erkrankten Gesichtsbereich und goss dann in Wachs. Sicher auch das ein unangenehmer Prozess.

"Die Mouleure hatten in den Kliniken noch ihre eigenen Werkstätten, und wenn der Patient mobil war, konnte der zum Mouleur kommen. Wenn nicht, musste der Mouleur ans Krankenbett kommen. Und das konnte schon Tage oder Wochen hinweg ein sehr intensiver Gestaltungsprozess werden."

Die Sammlung der Charité erfasst insgesamt rund 250 Objekte – vergleichsweise klein, so der Medizinhistoriker Thomas Schnalke, wenn man bedenkt, dass Berlin um 1900 im deutschsprachigen Raum das Zentrum der Moulagentradition war. Man baute sich als Arzt eine eigene Sammlung auf, man beschäftigte einen Mouleur. Die Moulage hatte zwei Vorteile: Sie war farbig und 3D.

"Es gab Zeichnungen, es gab Farblithografien, das war das flächige Medium, und schon die Fotografie. Aber die Fotografie ist hauptsächlich schwarz-weiß unterwegs. Das heißt, man gibt sich in der Medizin oft mit der Struktur zufrieden, aber sobald es um die Farbe ging, und die hautständigen klinischen Fächer waren unheimlich an den farblichen Veränderungen interessiert, hat die Fotografie das noch nicht gebracht, was man erhoffte."

Von der Klinik gelangten die Gesichtsmoulagen dann aber auch rasch in die Öffentlichkeit: Als Objekte zur Aufklärung der Bevölkerung, zum Beispiel bei der Hygieneausstellung in Dresden oder bei Vorträgen. Damals noch mehr als heute ein Kabinett des Grauens, das eine magische Anziehung ausübte. Doch nach dem 2. Weltkrieg verlor sich die Tradition in den Sammlungs-Depots. Keiner interessierte sich mehr dafür. Bis Thomas Schnalke und Navena Widulin, Präparatorin an der Charité, die alten Schränke öffneten:

"Als wir die Moulagen das erste Mal gesehen haben, lagen die hier in Schränken übereinander, ohne Kartons, Brett auf Brett, Wachskörper an Wachskörper, und hatten Risse, Löcher, die Stoffe waren vergilbt, alle hatten ne dicke Staubschicht."

Irgendwann werden Moulagen bestimmt mit dem 3D-Drucker hergestellt

Inzwischen restauriert Navena Widulin nicht nur historische Moulagen, sondern stellt auch neue her. Nicht mehr mit Gips, sondern mit Silikon, das geht schneller. Viele Patienten erfülle es mit einem gewissen Stolz, in Wachs verewigt zu werden, sagt sie. In Material und Farbe muss sie sich immer wieder neu hineinfuchsen. Und mit den wenigen anderen Mouleuren, die es gibt, austauschen.

"Das ist ja auch ein Beruf, den man nicht lernen kann, eher ein Weitergeben von Technik und Rezeptur, so ein bisschen wie Geheimwissen, das über die Jahre an bestimmte Personen weitergegeben wurde."

Gerade in Zeiten der Digitalisierung gebe es eine Rückbesinnung auf das echte Objekt, meint Museumsleiter Thomas Schnalke, und schlägt den Bogen von der Medizin zu Künstlern wie Duane Hanson oder Ron Mueck. Dass die medizinische Moulage irgendwann digital, also mit dem 3D-Drucker produziert werde, steht für ihn außer Frage.

"Das wäre vielleicht das Ende der klassischen Moulage, aber vielleicht der Beginn einer neuen Zeit."

Einzigartig aber vernachlässigt
Klavier-Tanzrollen, Dissidenten-Nachlässe, Herbarien, Moulagen: In deutschen Universitäten lagern unglaubliche Schätze, von denen wir nichts oder kaum etwas wissen. Denn oft sind die wertvollen Sammlungen in Abstellräumen oder Kellern versteckt. Unsere Fazit-Reihe "Universitäre Sammlungen" hebt diese verborgenen Schätze wieder ins Bewusstsein.

Die nächsten Beiträge:
Samstag, 25.7.: Wachswalzen und Edison-Phonograph: Die phonetische Sammlung der Uni Halle/Wittenberg
Sonntag, 26.7.: Weltweit bedeutendste Herbarien-Sammlung - Die Botanische Staatssammlung, Ludwig-Maximilians-Universität München
Montag, 27.7.: Nordische Helden: Die Edda-Sammlung – Institut für Skandinavistik, Goethe-Universität Frankfurt a. M.
Dienstag, 28.7.: Sammlung "Religiöser und weltanschaulicher Pluralismus in Deutschland" an der Universität Leipzig 

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