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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.09.2016

Ungeahnte ChancenWirtschaft umwirbt Studienabbrecher

Von Frederik Rother

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Ein Auszubildender steht in einer Holzwerkstatt an einer Kreissäge.  (David Ebener / dpa)
Mit der Initative "Your Turn" hilft die Berliner Industrie- und Handelskammer seit gut drei Jahren Studienabbrechern, passende Ausbildungen zu finden. (David Ebener / dpa)

Hat man ein Studium erst einmal begonnen, fällt es schwer, es abzubrechen - auch wenn es sich als Fehlentscheidung herausstellt. Dabei gibt es auch für Studienabbrecher gute Chancen, in Ausbildung und später in Arbeit zu kommen.

Eine Gründerzeit-Villa in Berlin-Wilmersdorf. Rote Klinker und heller Sandstein dominieren die restaurierte Fassade. Hier arbeitet Felix Stankewitz. 

Stankewitz –32 Jahre alt, schwarze Hornbrille und Turnschuhe – hat einen langen Weg hinter sich, bis er hier bei der IT-Beratung Wycomco seine Ausbildung begonnen hat. Seit einem Jahr ist Stankewitz Fachinformatiker für Systemintegration und betreut Firmen-Netzwerke. Vorher hat er zehn Jahre lang Elektrotechnik und Informatik studiert – ohne Erfolg. Statt der Bücher hat ihn die praktische Arbeit überzeugt:

"Das waren im Prinzip die Sachen, wo ich wirklich Spaß empfunden habe. Nach dieser langen Zeit Studium war dieser Rahmen des Studiums tatsächlich von der Motivation her schwer noch, ja aufzubringen."

Aber: Mit Anfang 30 und ohne Abschluss eine Ausbildung zu finden, ist nicht leicht:

"Ich war dann an 'nem Punkt, wo ich mich entscheiden musste, ob ich das irgendwie noch weitermachen kann überhaupt und hab mich dann nach Alternativen umgesehen und hab zum Glück dieses Programm gefunden, Your Turn, von der IHK in Berlin."

Mit der Initative "Your Turn" hilft die Berliner Industrie- und Handelskammer seit gut drei Jahren Studienabbrechern. Ihnen soll die Möglichkeit gegeben werden, noch mal eine Ausbildung anzufangen: Immobilienkaufmann, Kaufmann im Groß- und Außenhandel, Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung oder eben für Systemintegration.

Studienleistungen können angerechnet werden

Im letzten Jahr wurden etwa 60 Menschen vermittelt, der Clou dabei: Erbrachte Studienleistungen können voll angerechnet werden, wie Nils Vogt erzählt. Er ist bei der IHK für Your Turn verantwortlich:

"Das bedeutet, dass die Berufsschule und die Ausbildungszeit im Betrieb, also der theoretische und der praktische Teil, um die Hälfte verkürzt werden kann, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt werden."

Das heißt konkret: Die Your Turn-Teilnehmer müssen mindestens zwei Semester erfolgreich studiert haben und eine Mindestanzahl an Kreditpunkten erworben haben. Dann können sie die reguläre Ausbildung – trotz der gleichen Inhalte – von drei Jahren auf 18 Monate verkürzen. Das hat mehrere Vorteile, meint Vogt: Berliner Unternehmen können ihre Lehrstellen schneller besetzen und Studienabbrecher lassen sich eher für eine Ausbildung gewinnen. Solche Anreize sind wichtig, denn:

"Viele Studenten halten sehr lange an ihrem Studium fest, obwohl sie für sich eigentlich schon längst die Erkenntnis gewonnen haben, dass sie mit ihrem Studium nicht erfolgreich abschließen werden. Oft dauert es auch 'ne ganze Weile, bis ein Student diese Entscheidung mit sich selbst auch akzeptiert."

Felix Stankewitz bestätigt das: Auch ihn hat es viel Kraft und Mut gekostet, die Uni zu verlassen.

Inzwischen ist er in seinem neuen Job angekommen. Gerade richtet er zusammen mit einem Kollegen einen neuen Laptop ein und installiert die notwendige Software. 

"Wenn er fertig ist, wird das ganze Gerät wieder zusammengepackt, an den Kunden geschickt und dann das passwortsicher übergeben. – Dann klappt er auf und freut sich im besten Fall, dass alles läuft? – Genau, er kriegt im Prinzip von seinem Chef dann das Passwort, und seinen Benutzernamen – Und einen neuen Computer? – Neuen Computer, kann auf seine Mails zugreifen, kann sofort loslegen, das ist das Ziel."

Lebenserfahrung spielt eine Rolle

Auch Daniel Zapf unterstützt das Ausbildungsprojekt. Der 41-Jährige ist einer der beiden Wycomco-Geschäftsführer und hat Stankewitz während seiner Ausbildung betreut. An dem Programm schätzt er vor allem den Uni-Hintergrund seiner Azubis.

"Man arbeitet hier richtig mit und ist dann auch entsprechend nicht, ich sag mal ein bisschen überspitzt vielleicht, so ein Küken aus der Schule. Da spielt Lebenserfahrung mit eine Rolle, da spielt die Qualifikation mit 'ne Rolle, eben sich mit komplexen Themen auseinanderzusetzen. Und das ist, finde ich, in so einem Beraterberuf den wir eben häufig machen, ein riesen Benefit. Lebenserfahrung ist eigentlich durch nichts zu ersetzen, wenn man es dann noch anreichert durch Berufserfahrung, umso besser." 

Zapf spricht aus eigener Erfahrung: auch er hat studiert und abgebrochen. In die IT-Branche ist er als Quereinsteiger gekommen – ohne Your Turn. Von dem Programm ist er absolut überzeugt, derzeit bildet er schon den dritten Azubi aus und bisher hat er alle übernommen.

Für den Ex-Lehrling Stankewitz ist klar: Er will jetzt erstmal einige Jahre arbeiten und Erfahrung sammeln. Aber das wichtigste ist vielleicht:

"Ich bin sehr zufrieden, ja. Zum Glück bin ich hier gelandet bei Wycomco und bin bisher sehr glücklich."

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