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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.05.2010

"Und uns ist es wichtig, mit anderen säkularen Verbänden in Dialog zu treten"

Vizepräsident Hajatpour über die Gründung des Verbandes Demokratisch-Europäischer Muslime

Reza Hajatpour im Gespräch mit Klaus Pokatzky

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Hände von betenden Muslimen  (AP)
Hände von betenden Muslimen (AP)

In Aachen hat sich der "Verband Demokratisch-Europäischer Muslime" gegründet - mit Islamwissenschaftlern wie Bassam Tibi. Der Verband wolle ermöglichen, dass die Muslime in Europa "keinen Widerspruch empfinden zwischen ihrer Herkunftskultur und der Kultur ihres Aufnahmelandes", sagte Vizepräsident Reza Hajatpour.

Klaus Pokatzky: Geht das zusammen - der Islam und das Europa der Aufklärung, das Europa der Gleichberechtigung von Mann und Frau, des Respekts gegenüber Schwulen? Ja, sagen die 15, die jetzt im Rathaus von Aachen den Verband Demokratisch-Europäischer Muslime gegründet haben.

Der Glaube an den einen Gott Allah auf der einen Seite sowie humanistische, emanzipatorische und freiheitliche Ziele auf der anderen Seite müssen kein Gegensatz sein. Ganz entschieden "Ja!" zu einem Islam in einem aufgeklärten Europa sagt also der Vizepräsident des Verbandes, Reza Hajatpour, Privatdozent am Lehrstuhl für Iranistik der Universität Bamberg, den ich nun am Telefon begrüße. Guten Tag, Herr Hajatpour!

Reza Hajatpour: Ja, guten Tag!

Pokatzky: Herr Hajatpour, es gibt eine unüberschaubare Zahl von muslimischen Verbänden, und die sind ja auch nicht alle fundamentalistisch und auch nicht alle religiös, da gibt es etwa die Türkische Gemeinde in Deutschland, TGD. Warum engagieren Sie und Ihre Mitstreiter sich nicht da, und warum bringen Sie stattdessen noch einen Verband dazu?

Hajatpour: Unser Verband hat eine ganz spezielle Eigenschaft, und es ist eine überregionale Verband ist, und der Mitglieder haben selbst einen sunnitischen, schiitischen, alevitischen und andererseits türkischen, arabischen, iranischen und deutschen Hintergrund gleichzeitig, gehören sie auch verschiedenen politischen Parteien an. Unter denen sind Frauen und Männer, Arbeiter, Ökonomen, Ingenieure, Mediziner, Theologen und Promovierte oder Professoren und andere. Auf diese Vielfalt und heterogene Sicht geben wir auch viel Wert, und das ist der Grund, dass wir auch versuchen, hier durch unseren Verband klarzumachen, dass wir für eine offene Gesellschaft stehen, dass wir keinen Widerspruch sehen zwischen der Herkunftskultur und der Kultur der Aufnahmeheimat.

Pokatzky: Also, Sie fühlen sich in keinem der bisherigen Verbände ganz offensichtlich vertreten. Gab es denn in der letzten Zeit einmal ein Schlüsselerlebnis, wo Sie sich gesagt haben: Ich fühle mich so wenig von anderen Verbänden vertreten, dass ich jetzt selber mal was tun muss, um einen Verband zu gründen? Wurde dann herumtelefoniert unter Gleichgesinnten? Gab es so ein Schlüsselerlebnis?

Hajatpour: Nein, das war nicht ... Ich meine, es gibt Verbände, die fundamentalistisch, traditionell orientiert sind, und es gibt Verbände, die säkular, demokratisch orientiert sind oder feministisch orientiert sind. Es gibt sehr viele.

Und uns ist es wichtig, mit anderen säkularen Verbänden in Dialog zu treten und wenn möglich auch mit ihnen zusammenzuarbeiten und vielleicht langfristig eine Art Große Koalition, in Anführungszeichen, zu bilden. Dafür müssen wir natürlich erst mal einander kennenlernen und sehen, auf welche Weise man zusammenarbeiten kann.

Pokatzky: Für welche Positionen stehen denn säkulare Muslime und damit Ihr Verband?

Hajatpour: Also, zum einen wollen wir ermöglichen, dass die Muslime in Europa keinen Widerspruch empfinden zwischen ihrer Herkunftskultur und der Kultur ihres Aufnahmelandes. Zum anderen geht es um eine freie, und nur eigenem Gewissen gegenüber verantwortliche Glaubenserfahrung.

Es gibt für uns sozusagen keine spezielle Institution, die den Anspruch erheben kann, die einzige legitime Institution zu sein, die den Glauben auslegen darf. Also, das gilt für Imame, Muftis und Mullahs und egal welche. Damit wollen wir eine facettenreiche Gestaltung der eigenen religiösen Erfahrung schaffen und eine sozusagen (…) sozusagen im Islam ermöglichen.

Pokatzky: Und das ist dann säkular? Sie sagen, wir wollen eine eigene religiöse Erfahrung schaffen?

Hajatpour: Frei von Autorität, Trennung der Religion von Politik – und säkularisiert bedeutet für mich auch, dass wir Tatsachen im Glaube von Dogmatik und Ideologie zu befreien und den Menschen selber überlassen, sich ihre eigene Erfahrung zu machen, ihr eigenes Bild von Glauben zu machen.

Pokatzky: Sie nennen sich ja auch Verband Demokratisch-Europäischer Muslime. Sie selber publizieren ja und schreiben über einen europäischen Islam. Was ist das?

Hajatpour: Europäischer Islam ist sozusagen ein Islam, meines Erachtens, der frei von Autorität ist, ein Islam, der aufgeklärt ist und sich von der Autorität und Orthodoxie befreit. Europäischer Islam verpflichtet sich den Menschenrechten und der Aufklärung, die Prinzipien der Aufklärung: Freiheit, sozusagen Solidarität und die Idee der Gerechtigkeit.

Pokatzky: Im "Radiofeuilleton" zu Gast: Reza Hajatpour, der Vizepräsident des Verbands Demokratisch-Europäischer Muslime, der jetzt in Aachen gegründet wurde. Herr Hajatpour, werden Sie sich denn auch in tagesaktuellen Streit einmischen, wird es irgendwann dann von Ihnen auch eine Stellungnahme geben, wenn das Thema Burkaverbot vielleicht wieder auf der politischen Tagesordnung steht?

Hajatpour: Wenn das so kommt, natürlich, werden wir Stellung nehmen.

Pokatzky: Was ist Ihre Stellung zu einem Burkaverbot?

Hajatpour: Also, ich würde sagen, wenn eine Frau sich total verschleiert und dass es überhaupt keine Sicht gibt, ist, dass man sie identifiziert, erkennt – ich sehe das nicht korrekt, und daher denke ich: Zumindest sollte man sich auf ein Mindestmaß einigen. Wenn eine Frau will ein Kopftuch tragen, meinetwegen, kann er ruhig tragen, aber das Gesicht muss man zumindest sehen. Also, das würde ich eher befürworten da.

Pokatzky: Haben Sie bei solchen Themen die Chance, als ein säkularer muslimischer Verband auch sozusagen zu vermitteln zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und religiösen Gruppierungen?

Hajatpour: Ja, vermitteln - das ist letztendlich auch unsere Aufgabe. Wir können vermitteln, das ist auch wichtig, dass wir das tun. Eine solche säkulare Kraft kann tatsächlich als eine große Herausforderung wahrgenommen werden, dass wir diese Prozesse der Integration des Dialoges beschleunigen.

Pokatzky: Sie sind ja bisher nur ein wirklich kleines Häuflein mit gut 15 Mitgliedern, darunter sind Prominente, aber dann ja auch umstrittene Namen wie etwa der Publizist Bassam Tibi, die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek. Die vertreten ja teilweise auch sehr radikal-islamkritische Positionen. Glauben Sie nicht, dass Sie damit auch gemäßigte Angehörige der Mitte in muslimischen Gruppierungen verschrecken?

Hajatpour: Verschrecken können wir viele, aber dieser Verband will ein offener Verband sein, kritisch und selbstkritisch. Daher wollen wir den Dialog zwischen den Muslimen fördern und die unterschiedlichen Positionen zur Debatte stellen. Dialog und Offenheit auf Augenhöhe gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden schaffen ein neues und innovatives Klima.

Der Verband ist offen gegenüber allen Gruppierungen, vorausgesetzt, sie sind nicht dogmatisch oder extremistisch veranlagt. Denn Glaube ohne Freiheit ist für mich ein Dogma und eine Ideologie, die ich nicht unterstützen kann.

Pokatzky: Wie konsensfähig ist Ihre offene, Ihre freundliche Haltung gegenüber dem Feminismus oder Ihre offene Haltung, was Respekt gegenüber Schwulen angeht?

Hajatpour: Sehr offen, und für mich ist es so: Es kann sein, dass einige religiöse Gruppen, wie Sie schon bereits angedeutet haben, verschreckt werden. Ich bin mir sogar sicher, dass wir mit dieser Offenheit gegenüber Homosexuellen und anderen religiösen Gruppen von konservativen Menschen aus anderen Glaubensrichtungen auch erschrecken könnten.

Wissen Sie, das genau ist die Herausforderung: Wir leben in einer offenen und aufgeklärten Gesellschaft in Deutschland und wollen auch die Möglichkeit nutzen, frei und offen unsere Meinung zu äußern. Wenn wir überlegen müssen, was wir sagen dürfen, was nicht, dann tun wir damit unserer gewonnenen, offenen Gesellschaft nichts Gutes. Das Mindeste ist, dass wir ein Klima schaffen, in dem jeder die Möglichkeit hat, authentisch zu sein und sich nicht verstellen zu müssen.

Pokatzky: Sie haben Ihren Verband ganz kurz ja vor der jüngsten Islamkonferenz gegründet, und Sie haben in Ihrer Gründungspressemitteilung auch am Ende Ihre Bereitschaft erklärt – das war quasi so eine Art Selbsteinladung schon fast –, an der Islamkonferenz teilzunehmen. Sie sind, es war ja auch sehr kurzfristig, nicht eingeladen worden. Hoffen Sie denn darauf, in Zukunft bei der Islamkonferenz dabei zu sein?

Hajatpour: Ja, das hoffen wir, gerne sogar.

Pokatzky: Ist Ihnen da schon was signalisiert worden aus der Politik, dass Sie eingeladen werden?

Hajatpour: Nein, das war sehr kurzfristig.

Pokatzky: Ihr Präsident, wenn ich das sagen darf, ist ja aktiver Kommunalpolitiker der CDU in Aachen. Gibt es da schon Signale?

Hajatpour: Ja, also, er bemüht sich. Wir wollen das machen, wie gesagt, wenn man uns einladen würde, werden wir dabei sein. Ich denke, es wäre eine Bereicherung für eine gelungene Islamkonferenz, wenn man dadurch einerseits zeigen würde, wie unterschiedlich Muslime sind, und andererseits diese Unterschiedlichkeit als Ausgangspunkt nehmen würde, einen kritischen und offenen Dialog zu fördern und zu führen, und zugleich die Möglichkeit schaffen würde, an einem vernünftigen Konsens der Muslime untereinander zu arbeiten.

Pokatzky: Da würden Sie dann auch an der Islamkonferenz mit jeder anderen Gruppe, die dort eingeladen wird, zusammenarbeiten, egal, wie fundamentalistisch sie von ihrer Grundstruktur sein mag?

Hajatpour: Nein. Wir werden unsere Position vertreten, wir werden mit den Extremisten und Dogmatikern und auch die auch verfassungsfeindlichen Gruppierungen, wir werden mit denen nicht zusammenarbeiten. Erst mal muss man wirklich tatsächlich hier einen Konsens treffen.

Wir leben in einem offenen, säkularen Rechtsstaat und da wollen wir hier erst mal einen Konsens schaffen, und danach können wir über die unterschiedliche Sichtweise, wie man eine Religionsausübung überprüft, wie man Religion versteht, welche Art wir auf der religiös unterrichtenden Schulen oder in den Universitäten führen wollen – da können wir dann überlegen, ob wir wirklich einen vernünftigen Konsens finden können.

Pokatzky: Danke, Reza Hajatpour, Vizepräsident des Verbands Demokratisch-Europäischer Muslime und Privatdozent an der Universität Bamberg.

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