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Studio 9 | Beitrag vom 25.02.2016

Unbekannte Mozart-KantateSensationsfund in Prag

Von Stefan Heinlein

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Undatiertes Bild von Wolfgang Amadeus Mozart (Attribut Joseph Hickel um 1783). (picture-alliance / dpa / epa Christie's / Ho)
Undatiertes Bild von Wolfgang Amadeus Mozart (Attribut Joseph Hickel um 1783). (picture-alliance / dpa / epa Christie's / Ho)

Es ist eine Sensation für alle Mozart-Liebhaber: Jahrzehntelange verstaubte die Partitur eines Gemeinschaftswerkes von Wolfgang Amadeus Mozart und Antonio Salieri unerkannt in den Archiven des tschechischen Nationalmuseums. Erst ein deutscher Wissenschaftler entdeckte jetzt in Prag die prominente Urheberschaft der Kantate "Per la Ricuperata Salute di Offelia".

Stolz präsentiert das Tschechische Nationalmuseum die musikalische Weltsensation vor kleinem Publikum. Ein Cembalist spielt die Kantate aus der Feder von Wolfgang Amadeus Mozart und dem Wiener Hofkapellmeister Antonio Salieri. 1785 komponiert und seit über zwei Jahrhunderten vermutlich nicht mehr öffentlich aufgeführt.

Seit 1949 schlummerte die Partitur in den Archiven am Prager Wenzelsplatz. Nach der kommunistischen Machtübernahme wurde der Druck aus dem Privatbesitz eines böhmischen Adeligen konfisziert, so Museumsdirektor Michal Lukes. Doch niemand erkannte den Wert der Notenblätter:

"Die 50er-Jahre waren bei uns eine sehr wilde Zeit. Riesige Vermögen reicher Familien wurden aufgrund der Benes-Dekrete verstaatlicht. Die meisten Dinge wurden damals einfach völlig ungeordnet den Archiven übergeben."

Ein Zufallsfund

Erst vor einigen Jahren begannen Prager Wissenschaftler die umfangreichen Bestände mit modernen Methoden zu katalogisieren. Die Archivare konnten zwar nun die Chiffren der Autoren entziffern, erkannten jedoch nicht die Dimension ihrer Entdeckung. Erst der deutsche Salieri-Forscher Timo Jouko Herrmann machte die tschechischen Kollegen auf die Einzigartigkeit der Notenblätter aufmerksam:

"Es war eher ein Zufall. Ohne ihn hätte man es weiter nicht entdeckt. Er hat online unsere Kataloge studiert und ihm ist aufgefallen, um welche Komposition es sich handelt und dass dieser einzigartige Druck bei uns vorhanden ist."

Nicht nur in Prag ist man mittlerweile von der Echtheit der Entdeckung überzeugt. Führende Mozart-Experten haben die Partitur überprüft. Es gibt keine Zweifel, so Museumsdirektor Lukes:

"Alle Spezialisten - auch die Kollegen aus Salzburg und Wien haben uns bestätigt, das die Partitur mit Sicherheit echt ist."

Salieri und Mozart galten bislang als Feinde

Die Prager Entdeckung wirft auch ein neues Licht auf das Verhältnis der beiden Zeitgenossen Mozart und Salieri. Lange hielt man die beiden Komponisten für erbitterte Feinde. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, der eifersüchtige Hofkapellmeister Salieri habe das Salzburger Wunderkind vergiftet. Nun muss die Mozart-Geschichte endgültig neu geschrieben werden:

"Sie waren auf der Wiener Musikszene zwar durchaus Konkurrenten aber es gab zwischen ihnen keinen Hass. Der Mozart-Film von Milos Forman hat nur eine Legende gestrickt. Diese gemeinsame Komposition zeigt jetzt, sie haben sogar zusammen gearbeitet. Salieri ist also nun rehabilitiert."

Ende Februar werden die Notenblätter für wenige Wochen im tschechischen Musikmuseum der Öffentlichkeit präsentiert. Danach verschwindet die Partitur vorerst wieder in den Archiven. Mozart-Liebhaber können sich jedoch bereits im kommenden Monat auf eine professionelle Aufnahme der Kantate freuen.

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