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Mittwoch, 22.11.2017

Interview | Beitrag vom 07.11.2017

UN-Konferenz in Bonn Neue Strategien gegen die Folgen des Klimawandels

Mojib Latif im Gespräch mit Dieter Kassel

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Ein Pkw fährt in Berlin nach einem Gewitter und starken Regenfällen durch die Wassermassen in der Breiten Straße. (dpa / Paul Zinken)
In den Städten ist die Kanalisation oft nicht ausreichend für Starkregen ausgelegt (dpa / Paul Zinken)

Mehr Anpassungsstrategien an die Folgen des Klimawandels fordert der Meteorologe Mojib Latif. Angesichts von Überschwemmungen und Starkregen sei man auch in Deutschland nicht ausreichend gewappnet.

"Wir sind ja mehr oder weniger hilflos, wenn solche Wetterextreme auftreten", sagte der Klimaforscher Mojib Latif im Deutschlandfunk Kultur. Der Meteorologe am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel beobachtet selbst in Deutschland eine gewisse Hilflosigkeit angesichts von Wetterphänomen wie Starkregen oder Überschwemmungen. Dabei würden sich solche Ereignisse in Zukunft noch intensivieren.

Gute Fortschritte am Rhein

"Es wird im Moment zu wenig gemacht", sagte er. Es gebe zwar an einigen Flüssen, wie dem Rhein gute Fortschritte, aber anderswo noch nicht. In Deutschland könne man sich noch einigermaßen anpassen und es stehe genug Geld zur Verfügung. "In anderen Ländern sieht das ganz anders aus."


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Fast 25.000 Wissenschaftler, Politiker, Aktivisten und andere beraten gerade in Bonn darüber, wie die Beschlüsse des Klimagipfels von Paris verbindlich umgesetzt werden können. Das ist zum Teil eine wirklich kleinteilige Arbeit, die da gemacht wird. Klar ist aber: Selbst wenn alles, was in Paris eigentlich schon beschlossen wurde beziehungsweise wovon gesagt wurde, dass wir es beschließen und umsetzen wollen, gemacht wird, wird eine Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad wahrscheinlich nicht mehr gelingen.

Aber selbst wenn wir das noch schaffen würden, hätte ja auch eine solche Erderwärmung bereits gravierende Folgen, die zum Teil schon zu beobachten sind. Das Jahr 2016 war das wärmste seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen, wir haben gravierende Wetterphänomene in fast allen Teilen der Welt gesehen im vergangenen und auch in diesem Jahr. Insofern wollen wir jetzt mal der Frage nachgehen, ob nicht neben dem berechtigten Kampf gegen die Erderwärmung auch viel mehr Maßnahmen notwendig sind, um mit der Erderwärmung und ihren Folgen bereits umzugehen. Darüber wollen wir mit Mojib Latif reden, er ist Klimaforscher am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und im Moment selbstverständlich schon in Bonn. Schönen guten Morgen, Herr Latif!

Mojib Latif: Guten Morgen!

Kassel: Ich habe es gesagt, bei allem Respekt gegen den Kampf gegen den Klimawandel: Tun wir nicht vielleicht zu wenig, um mit seinen Folgen umzugehen?

Latif: Ja, das sehen wir natürlich auch bei uns in Deutschland. Wir sind ja mehr oder weniger hilflos, wenn solche Wetterextreme uns heimsuchen. Das Beispiel, das ich hier nennen möchte, sind die Überschwemmungen, diese Starkregenereignisse, die uns ja immer öfter heimsuchen. Und ja, wir stehen praktisch hilflos davor und wir müssen viel mehr Anpassungsstrategien entwickeln. Denn es wird da nicht so stehenbleiben, sondern diese Ereignisse werden häufiger werden und sich wahrscheinlich noch weiter intensivieren.

Bedrohung der Marshallinseln

Kassel: Aber da muss ich doch sagen, wir werden ja gleich auf andere Regionen der Welt blicken, nicht so viel Bodenversiegelung, Rückhaltebecken, mehr Möglichkeiten, das Wasser – einfach gesagt – unterzubringen, was Stürme angeht, andere Bauweisen, mehr Sicherheit … Das kostet ja alles Geld, aber das ist ja fast noch zu machen?

Latif: Ja genau, das ist noch zu machen. Bloß, es wird im Moment zu wenig gemacht. An einigen Flüssen, zum Beispiel am Rhein hat man schon ganz gute Fortschritte gemacht, an anderen Flüssen eben nicht. Aber Sie haben es angesprochen, bei uns können wir uns noch einigermaßen anpassen. Wir haben auch die finanziellen Mittel. In anderen Ländern sieht das ganz anders aus. Ich habe gerade mit Kollegen aus den Marshallinseln gesprochen und da ist die Bedrohung schon extrem, denn der Meeresspiegel steigt dort im Moment viel schneller als im globalen Durchschnitt. Und ja, die sind dabei, ihre Heimat zu verlieren.

Das Bikini-Atoll, das zu den Marshall-Inseln gehört. (dpa/picture-alliance)Die Marshall-Inseln sind besonders vom Klimawandel betroffen. (dpa/picture-alliance)

Kassel: Da ist die Frage: Welche Maßnahmen kann man ergreifen? Ich habe von einer ziemlich ungewöhnlichen Geschichte jetzt gerade erst gehört, die betrifft den Inselstaat Kiribati: Der vorige Regierungschef, nicht der aktuelle, hat mit Geld des Landes Kiribati im Nachbarstaat – das ist Südsee, das ist sehr weit weg, aber es ist eine Art Nachbarstat – Fidschi Land gekauft – Fidschi ist auch bedroht, aber es ist hoch gelegenes Land –, um dort Einwohner seines Landes unterzubringen. Das klingt jetzt ganz extrem, aber sind auch solche Maßnahmen nicht inzwischen zum Teil erforderlich?

Latif: Ja, davon muss man ausgehen. Denn die Kehrseite der Medaille ist ja, dass trotz des Abkommens von Paris real wenig passiert. Das heißt, wir haben so etwas wie einen virtuellen Klimaschutz, aber einen realen Klimaschutz gibt es gar nicht. Und deswegen muss man einfach damit rechnen, dass die Entwicklung immer weitergeht, möglicherweise auch immer schneller, wenn gar nichts passiert. Und dann muss man sich eben überlegen: Was machen wir denn, wenn unsere Heimat verlorengegangen ist?

Und das ist eine Möglichkeit, die Sie gerade beschrieben haben, aber das wird dann eben auch Konflikte heraufbeschwören, denn die Menschen in Fidschi wollen möglicherweise auch nicht unbedingt diese Menschen dann haben. Ich möchte nur an unsere Flüchtlingsproblematik erinnern, und dann wird es andernorts auch so etwas geben. Aber die Menschen werden dort nicht Halt machen, sondern längerfristig werden die auch dann weiter nach Norden drängen. Und damit werden dann weltweit die Flüchtlingsströme weiter zunehmen.

Menschengemachte Erderwärmung

Kassel: Aber haben wir nicht auch beim Umgang mit Folgen der Erderwärmung das Problem mit Ländern und Menschen, die einfach den Klimawandel noch immer nicht recht ernst nehmen? Ihn entweder leugnen oder sagen, der ist nun doch nicht durch Menschen gemacht? Blicken wir in die USA, was wir da in diesem Sommer in Texas gesehen haben in der Millionenstadt Houston, wo wir erfahren haben, dass vor einigen Jahrzehnten ein solcher Regen, eine solche Flut noch weniger Folgen gehabt hätte, weil da es noch mehr Platz für das Wasser gab, als es heute gibt in der Stadt. Was sagen die Menschen da: Ja, Wetter ist Wetter, ach, wir bauen das alles wieder auf und gucken mal, wie es weitergeht!

Latif: Ja, die amerikanischen Kollegen haben ja gerade ihren eigenen Klimareport veröffentlicht. Der wurde zwar noch mal gegengecheckt durch die Trump-Administration, aber zum Glück ist er unverändert dann publiziert worden vor ein paar Tagen. Und da steht ja genau das drin, was wir schon seit Jahrzehnten sagen: Der Hauptteil der Erderwärmung ist menschengemacht, es wird eine weitere Zunahme von Wetterextremen geben, der Meeresspiegel wird weiter steigen, all das steht da drin.

Insofern ist die Bedrohung in der Tat vielleicht nicht so unmittelbar für viele Menschen, das ist das eigentliche Problem, viele Dinge passieren andernorts. Wir haben die Südseeinseln angesprochen, viele Dinge passieren mit Zeitverzögerung, auch das ist natürlich Gift für schnelles Handeln. Und das erklärt irgendwo, warum wir eigentlich so langsam sind bei der Bekämpfung der Erderwärmung.

Sorge um die Glaubwürdigkeit

Kassel: Wenn Sie schnelles Handeln sagen, dann habe ich jetzt das Bedürfnis, mit Ihnen kurz unser Thema mal ein bisschen zu erweitern und über die aktuelle Lage in Deutschland zu reden. Es zeichnet sich ab seit gestern Abend bei den Koalitionsgesprächen, dass auch die Grünen bereit sind, auf die anderen Parteien einzugehen und zu sagen: Ein bestimmtes Datum für einen Kohleausstieg, was die Energieerzeugung angeht, ein bestimmtes Datum für ein Ende von Diesel- und Benzinmotoren in Fahrzeugen legen wir nicht fest im Koalitionsvertrag. Und ich glaube, wir können uns beide einigen, wenn da steht, wir streben im Prinzip an … Das bedeutet nicht viel. Haben Sie nicht immer mehr den Eindruck, der Klimaschutz wird auch in Deutschland in Worten und Reden etwas ernster genommen als in Taten?

Latif: Ja genau. Und das kann man ja auch anhand der Zahlen belegen. Seit acht Jahren sind die Treibhausgasemissionen in Deutschland gar nicht mehr gesunken, wir verharren auf hohem Niveau. Deutschland wird sein selbst gestecktes Klimaschutzziel verfehlen, das heißt also, die ursprüngliche Marke war 40 Prozent Reduktion gegenüber 1990 bis 2020, das wird Deutschland mit Sicherheit nicht mehr schaffen, wir werden wahrscheinlich gerade mal bei so gut 30 Prozent landen.

Das ist natürlich auch hier in Bonn eine Katastrophe. Wir verlieren ja den Rest der Glaubwürdigkeit. Und insofern ist Deutschland schon längst nicht mehr der Vorreiter, und es wäre so wichtig, dass es Vorreiter gibt, dass es Länder gibt, die zeigen, dass Ökonomie und Ökologie, also Umwelt und Wohlstand zusammengehören. Und gerade der Streit und die Probleme um die deutsche Automobilindustrie zeigen ja, dass es hier wirklich um auch den langfristigen Wohlstand der Deutschen geht, wenn man hier nicht mal sich bewegt und in die neuen Technologien einsteigt.

Kassel: Der Klimaforscher Mojib Latif über Maßnahmen, die uns schützen vor dem, was der Klimawandel schon verursacht hat, aber natürlich auch mit der klaren Botschaft, dass solche Maßnahmen kein Ersatz sind für einen wirklich konsequenten und ernsthaften Kampf gegen den Klimawandel. Herr Latif, vielen Dank und viel Erfolg auf der Konferenz!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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