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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 24.05.2016

Umwelt- und Klimaschutz in Kolumbien Wenn der Klimawandel das Umweltbewusstsein schärft

Von Johannes Kulms

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Obed López Mansillo auf seiner Bananenplantage in der Region Urabá nahe der kolumbianischen Karibikküste. (Johannes Kulms)
Obed López Mansillo auf seiner Bananenplantage in der Region Urabá nahe der kolumbianischen Karibikküste. (Johannes Kulms)

Akuter Wassermangel, Waldbrände und sintflutartige Regenfälle: Extreme Wetterphänomene wie El Niño verstärken sich durch den Klimawandel. So entsteht nun auch in Kolumbien allmählich in breiteren Schichten der Bevölkerung ein Bewusstsein für den Schutz der Umwelt.

Obed López Mansillo hat es eilig: Bevor es in einer halben Stunde dunkel wird, will er dem Journalisten aus Deutschland zumindest noch einen Teil seiner Bananenplantage zeigen. Der Boden ist übersät mit vertrockneten Blättern und matschig. Immer wieder gilt, es auf schmalen Holzbohlen über Wassergräben zu balancieren. Links und rechts wachsen meterhohe Bananenstauden. Es ist schwülwarm hier im Norden Kolumbiens, nur wenige Kilometer entfernt von der Karibikküste.

López: "Die Region von Urabá ist bekannt für ihre sehr guten Kochbananen. In guten Erntezeiten werden aus dieser Region jede Woche 60-70.000 Bananenkisten exportiert. Die werden hier im Hafen auf die Schiffe verladen und dann nach Europa und in die USA transportiert."

Vier Hektar groß ist die Plantage von López im Departamento Antioquia. Vier Hektar - das ist eine eher kleine Fläche, meint der 51-Jährige. Doch er und seine Familie können davon ordentlich leben - genauso wie zuvor seine Eltern. In diesem Jahr lief es für López und die anderen Bananenbauern in der Region allerdings überhaupt nicht gut:

"Der Sommer hat die Ernte sehr verzögert. Es war sehr trocken und dadurch sind die Kochbananen sehr klein geblieben, sodass man sie nicht mehr exportieren kann. Klar lassen die sich noch verkaufen - aber wir haben dadurch Geld verloren. Die Pflanze braucht Wasser, um zu wachsen."

Regenknappheit mit Folgen

Von Dezember bis Ende April diesen Jahres sei hier im Norden Kolumbiens kein einziger Tropfen Regen gefallen, erzählt der Plantagenbesitzer. Zwar sind während dieser fünf Monate genauso viele Kochbananen wie sonst gewachsen - aber eben nicht in der Größe, wie sie in Europa und den USA gewünscht werden. Um den Unterschied zu verstehen, macht López eine Rechnung auf:

"In einen Bananenkarton passen ungefähr 70 Kochbananen. Letztes Jahr haben wir wöchentlich auf meiner Plantage 150 bis 160 Kartons gefüllt - weil die Bedingungen außergewöhnlich gut waren. Aber in diesem letzten Sommer haben wir gerade 30 bis 35 Kartons geschafft."

Nicht nur den Kochbananen und Bananen in der Region macht der ausbleibende Regen zu schaffen - ebenso den Mangos oder anderen Obstbäumen, meint López. Auch die Viehzüchter hätten in den letzten Monaten Probleme gehabt - weil das Gras viel zu trocken war. Eine Ursache ist für Bananenanbauer Lopez:

"Das Klima. Vor vier oder fünf Jahren hatten wir hier das Phänomen El Niño - also starke Trockenheit. Danach kam das Phänomen La Niña und brachte starke Regenfälle mit. Beides schadet den Kochbananen. Und die Situation jetzt ist auf den letzten Sommer zurückzuführen. Ich denke, dass diese extremen Wetterlagen in Zukunft noch häufiger passieren werden. Wegen des Klimawandels."

Das Wasser im Pazifik heizt sich auf

Das Phänomen El Niño ist schon länger bekannt. Alle paar Jahre, oft um die Weihnachtszeit, heizt sich das Wasser im Pazifik auf. In der Folge kommt es zu starken Dürren in Teilen Mittel- und Südamerikas aber auch in Asien und Ostafrika. Beim Phänomen La Niña wiederum kühlt sich das Wasser ab - und lässt starke Regenfälle entstehen, erklärt die Biologin Mónica Zambrano:

"In den letzten Jahren hat das Phänomen El Niño zugenommen. Das heißt, die Trockenperioden dauern länger und treten häufiger auf. Wir Länder aus der Dritten Welt sind auf diese drastischen Veränderungen nicht vorbereitet: Das Vieh stirbt, die Ernten gehen zurück, die ganze Dynamik verändert sich, es gibt Wassermangel und manche Flüsse drohen zu versiegen."

Zambrano ist Dozentin an der Universität von Antioquia. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Meerverschmutzung und die Wasserqualität.

Die Biologin Mónica Zambrano, Dozentin an der Universidad de Antioquia (Johannes Kulms)Die Biologin Mónica Zambrano, Dozentin an der Universidad de Antioquia (Johannes Kulms)

Neben dem globalen Phänomen El Niño, das sich in Folge der Klimaerwärmung verstärkt, kämpft Kolumbien auch mit hausgemachten Umweltproblemen, erklärt die Dozentin. Das hat vor allem mit den wirtschaftlichen Interessen zu tun:

"Wir haben bestimmte Gegenden in Kolumbien, wo die Ressourcen sehr stark ausgebeutet werden. Zum Beispiel im Amazonas. Im kolumbianischen Teil haben sich die wirtschaftlichen Interessen noch nicht so stark durchgesetzt, aber im brasilianischen schon. Und wir kämpfen mit Überfischung und versuchen die Wasserqualität zu erhalten. Die Landwirtschaft bringt Probleme. Sie setzt viele Pestizide ein, vor allem in den Gegenden, wo Nahrungsmittel produziert werden. Und im Süden Kolumbiens haben Sprengungen vor Kurzem zu Ölverschmutzungen geführt."

Illegaler Bergbau belastet die Umwelt

Ein Umweltthema, das wirtschaftlich aber auch politisch äußerst sensibel ist: der illegale Bergbau in Kolumbien. Er hat in den vergangenen Jahren zugenommen, beteiligt sind sowohl Guerilla wie auch Paramilitärs und kriminelle Banden.

Zambrano: "Beim illegalen Bergbau werden Chemikalien eingesetzt und es gelangen Schwermetalle in die Umwelt. Das lässt sich zum Beispiel im Cauca-Tal beobachten, wo wir beim Fluss Anchicayá sehr große Probleme mit den Rückständen haben. Die Gegend ist praktisch ungeschützt. Der illegale Bergbau betrifft sämtliche Ökosysteme."

Zudem kommt es in Kolumbien immer wieder zu Überschwemmungen. Aber auch Bodenerosionen durch Abholzung sind ein großes Problem - besonders gefährlich, weil sie nach Regenfällen gefährliche Erdrutsche auslösen können.

Biologin Zambrano ist der Ansicht: In ganz Lateinamerika stehen weiterhin wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Andererseits versuche die kolumbianische Bevölkerung seit einigen Jahren, in Umweltfragen mitzureden: in sozialen Medien, im Netz. Und so konnte schon manches Projekt gekippt werden:

"Die Gesellschaft wird immer stärker zur Wächterin, die entscheidet: 'Das machen wir und das nicht.' Das gilt ebenso für die Regierung, wo die Sensibilität in Umweltfragen langsam wächst. Allerdings heißt das jetzt auch nicht, dass man jetzt deswegen gleich ein Angebot von einer Firma aus Kanada oder Deutschland ablehnen würde."

Mónica Zambrano hat den Eindruck, dass das Umweltbewusstsein insgesamt in Kolumbien wachse, wobei es noch ein weiter Weg sei, so die Biologin. Gerade die Schulen hätten hierbei eine wichtige Rolle.

Die Sicht auf die Umwelt ändert sich

Gleich gegenüber, auf der anderen Straßenseite der Uni, liegt die Schule Colegio Normal Superior de Urabá. Einmal die Woche treffen sich hier rund 40 Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Klassen im Rahmen des Projekts Tierra de Niños zu deutsch "Erde der Kinder". Das Ziel: Das Bewusstsein stärken für Umweltprobleme. Das Projekt existiert seit 2008.

"Unsere Sicht auf die Umwelt hat sich nach und nach verändert. Der Blick ging zunächst auf unsere Schule und danach auch mehr auf das Viertel. Hier in der Gegend verläuft ein Abwasserkanal, der immer voller Müll ist. Einmal im Monat machen wir den sauber. Es sieht also insgesamt hier jetzt besser aus."

Sagt eine Schülerin. Im Rahmen des Projektes wird regelmäßig Müll auf dem Schulhof gesammelt. Zudem ist ein Gemüsebeet entstanden. Zu den wöchentlichen Projekttreffen kommen immer wieder auch Gesprächspartner von außen. Ihr Blick auf die Umweltprobleme habe sich verändert, sagt eine weitere Teilnehmerin des Projektes:

"Mir fällt es zum Beispiel jetzt schwer, einfach so Müll auf den Boden zu werfen. Ich habe durch das Projekt ein Bewusstsein für die Umwelt entwickelt und ich glaube, dass es den anderen ähnlich geht. Mit dem was wir machen, sind wir doch ein Vorbild für die Leute an unserer Schule aber auch in unserer Gemeinde."

Rund 800 Kilometer sind es von der Region Urabá in die kolumbianische Hauptstadt Bogotá. Der Lebensstandard ist in vielen Gegenden mit denen einer europäischen Metropole vergleichbar. Doch auch hier sind die Umweltprobleme zu spüren: In den Armenvierteln wird den Häusern, die sich die Berge hochziehen, teilweise sprichwörtlich der Boden weggegraben.

Auswirkungen auf die Stromversorgung in Bogotá

Zumal sich der ausbleibende Regen in den letzten Monaten auch auf die Energieversorgung Bogotás ausgewirkt hat: Weil die Wasserspeicher im Land nur dünn gefüllt waren, drohten in der Hauptstadt Stromausfälle - ähnlich wie sie in der venezolanischen Hauptstadt Caracas schon länger an der Tagesordnung sind.

Das Fahrrad als Zeichen eines wachsenden Umweltbewusstseins wird in Bogotá immer beliebter - hier ein abendlicher Ausflug des Fahrradkollektivs "teusacatubici". (Johannes Kulms)Das Fahrrad als Zeichen eines wachsenden Umweltbewusstseins wird in Bogotá immer beliebter. (Johannes Kulms)

All diese Entwicklungen dürften mit dazu beitragen, dass seit einigen Jahren ein Verkehrsmittel auf den Straßen Bogotás immer beliebter wird: das Fahrrad. In vielen Vierteln haben sich Rad-Fans zu Kollektiven zusammengeschlossen und fahren einmal pro Woche abends in einer Gruppe - wie hier im Stadtteil Soledad. Ein ungewöhnlicher Anblick im Straßenbild, das vor allem von Blechlawinen dominiert wird.

"Die Philosophie der Gruppe ist sehr interessant: Nämlich das Fahrrad als umweltfreundliches Fortbewegungsmittel zu nutzen. Und Leute zusammenzubringen, die sich für Räder begeistern. Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die Leute sind sehr herzlich. Da will man nicht fehlen."

Sagt Cristian Montaño. Zusammen mit rund 150 anderen radelt er an diesem Abend durch die kolumbianische Hauptstadt - einige von ihnen tragen kleine Lautsprecherboxen auf ihren Rücken. Allerdings müssten sich sowohl noch Radfahrer als auch Autofahrer mehr noch aneinander gewöhnen. Und ein paar mehr Signalschilder und Gesetze zugunsten der Radfahrer könnten auch nicht schaden, sagt Montaño, der von Beruf Pilot ist:

"Ich glaube, in der Luft ist es deutlich sicherer als hier unten, wo doch viele Verrückte unterwegs sind. Sowohl beim Fliegen als auch beim Radfahren geht es um Sicherheit. Ich genieße auf jeden Fall beides."

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