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Weltzeit | Beitrag vom 01.02.2018

Uganda als Krebshilfe-ZentrumFünf Länder und ein Strahlengerät

Von Simone Schlindwein

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Junge Mütter vor einer Klinik in Uganda (Deutschlandradio Kultur / Leonie March)
Junge Mütter vor einer Klinik in Uganda (Deutschlandradio Kultur / Leonie March)

Das Krebsinstitut in Uganda hat das einzige Strahlentherapiegerät in dieser Region Ostafrikas. Als es kaputt ging, waren zehntausende Patienten ohne Behandlung. Zwei Jahre lang. Derweil haben Informatikerinnen Apps zur Früherkennung entwickelt.

Doktor Julius Lutwama ist auf Hausbesuch. Seine Patientin Ester Fereer, die Lutwama hat Krebs im Endstadium. Die 49-jährige Uganderin, Mutter von 6 Kindern, liegt im Bett, gestützt auf Kissen mit bunten Bezügen. An der Wand hinter ihr hängt ein Rosenkranz.

Fereer ist eingewickelt in Tücher, denn sie kann keine Hosen mehr tragen. Ihr linkes Bein ist auf Elefantengröße angeschwollen. Sie leidet an Gebärmutterhalskrebs, der ihr auf die Lymphknoten drückt, so dass sich Flüssigkeit im Bein staut.

Wenn die Schmerzen unerträglich werden, ruft sie im Hospiz an, in welches Totkranke zum Sterben eingewiesen werden oder auch wie Fereer von zu Hause betreut werden. Fereer hat wie so viele Krebspatienten in Afrika eine lange Leidensgeschichte hinter sich.

"Zuerst dachte ich, es war eine Verhütungsspritze, die bei mir den Gebärmutterhalskrebs ausgelöst hat. Aber die Ärzte sagen, ich habe mich infiziert mit einem Virus. Ich hatte damals kein Geld für eine Röntgenaufnahme. Deswegen hat man erst 2008 letztlich die Diagnose Krebs gestellt. Ich habe einige Strahlenbehandlungen bekommen, doch diese sind teuer. Sie haben sie mich dann zum Hospiz überstellt. So kann ich zumindest schmerzfrei sterben."

Krebspatientin mit geschwollenem Bein liegt auf Bett, Arzt hat ein Fläschchen mit Morphium in er Hand (Simone Schlindwein)Flüssiges Morphium, lizensiert in Uganda, für Krebspatienten im Endstadium (Simone Schlindwein)

Fast zwei Jahre kein Strahlentherapie-Gerät in der Region

Krebs zählt auf dem afrikanischen Kontinent zu den tödlichsten Krankheiten. Internationale Geber finanzieren Forschung und Behandlung von Malaria, Tuberkulose, Cholera, HIV/AIDS und Tropenkrankheiten. Für solche Infektionen gibt es Medikamente kostenlos. Krebs wird oft erst diagnostiziert, wenn es zu spät ist. 85 Prozent der Krebspatienten sterben in Uganda innerhalb eines Jahres nach der Diagnose. Ärzte wie Doktor Lutwama können nur noch eines tun: versuchen, das Leiden zu lindern.

Der Arzt hat für Fereer eine kleine Flasche dabei. Die Flüssigkeit darin ist grün eingefärbt. Es ist flüssiges Morphium, das das Hospiz an die Patienten verabreicht – gegen die Schmerzen. Fereer nimmt einen kleinen Schluck. Damit kann sie die Schmerzen für einige Stunden vergessen und lächelt sogar ein wenig, nachdem das Morphium wirkt.

"Die Strahlentherapie hat mir geholfen. Der Flüssigkeitsaustritt war fast ganz weg, die Schwellung am Bein ging so weit zurück, dass ich sogar wieder alleine auf die Toilette gehen konnte. Doch dann ging die Strahlentherapie-Maschine kaputt und selbst wenn ich das Geld gehabt hätte, hätte ich keine Therapie mehr bekommen. Als ich im Radio gehört habe, dass die Maschine kaputtgegangen ist, habe ich geweint und konnte nur noch beten."

Fast zwei Jahre lang gab es in Uganda keine einziges Strahlentherapie-Gerät. Nicht nur Ugander bekamen keine Hilfe mehr, sondern die ganze Region. Uganda verfügt über das einzige Krebsinstitut weit und breit, selbst aus Burundi, Ruanda, der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan kommen Patienten nach Kampala zur Strahlentherapie. 27.000 werden jedes Jahr hier behandelt.

50 Jahre ist das Krebsinstitut alt. Es wurde nach der Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft Großbritanniens errichtet. Das Mulago Krankenhaus, zu dem das Institut gehört, zählte einst zu den führenden medizinischen Einrichtungen auf dem Kontinent.

                                ('Simone Schlindwein)Krebsinstitut in Ugandas Hauptstadt Kampala ('Simone Schlindwein)

Doch aufgrund von Korruption war es lange Zeit so heruntergewirtschaftet, dass es kaum Verbandsmaterial oder Plastikhandschuhe gab. Der Tiefpunkt für Krebspatienten wie Fereer ereignete sich im April 2016, als das radioaktive Material ausging und das Strahlentherapiegerät nicht mehr funktionierte, erklärt Doktor Jackson Orem, Direktor von Ugandas Krebsinstitut.

 "Im Jahr 1995 spendierte die Internationale Atomenergiebehörde uns diese Maschine. Es war der Anfang unserer Strahlentherapie. Es war eine Cobalt-60-Maschine. Ein für damalige Zeiten ziemlich gutes Gerät. Aber es ist so, dass radioaktives Material verfällt und ausgeht. Im Jahr 2002 haben wir es ersetzt. Das Material hielt bis zum vergangenen Jahr. Als es wieder aufgebraucht war, hatten wir schon in der Planung, neue modernere Maschinen zu kaufen. Doch wir hatten dafür erst einmal gar kein Geld. Als jedoch die Maschine kaputt ging, mussten wir umdisponieren. Ich bin jetzt glücklich, verkünden zu können, dass das neue Gerät angekommen ist und wir die Strahlentherapiebehandlung wiederaufnehmen können".

Hoffnung auf neues Kapitel in der Krebsforschung in Afrika

Das Gelände des Krebsinstituts ist eine gewaltige Baustelle. Das Hauptgebäude wurde bereits fertiggestellt: Ein vierstöckiges, modernes Krankenhaus mit glänzend gebohnerten Fluren, einer gut ausgestatteten Aufnahmestation, Operationsräumen für plastische Chirurgie, um Tumore zu entfernen.

Jenseits des neuen Gebäudes wird eine Grube ausgehoben, Beton in meterdicke Stahlträger gegossen. Hier entstehen die Bunker für vier weitere Strahlentherapie-Maschinen, die radioaktive Strahlung absorbieren. Institutsdirektor Orem hofft, damit ein neues Kapitel in der Krebsforschung in Afrika eröffnen zu können.

"Erst jetzt wacht die Welt auf und realisiert: Krebs ist ein Problem in den Entwicklungsländern. Da wir nicht viel in die Behandlung bislang investiert haben, bedarf eine Krebsbehandlung nun ungemein vieler Ressourcen: von der Familie und von der Regierung. Es gibt nur wenige Familien, die das Geld aufbringen können, einen Angehörigen behandeln zu lassen. Krebs kann eine ganze Gemeinschaft in Armut stürzen, da wir ja keine  Krankenversicherung haben. Das sind unsere Probleme, die unsere westlichen Partner auch verstehen müssen, denn die Geber konzentrieren sich auf Malaria, HIV/AIDS, aber nicht auf Krebs."

 In der Klinik für Infektionskrankheiten im Mulago Krankenhaus in Kampala, Uganda, warten Patienten mit HIV-Erkrankung auf kostenlose Behandlung. (dpa - picture alliance / Yannick Tylle)Anti-AIDS-Medikamente werden, wie hier im Mulago Krankenhaus in Kampala, seit 2004 im ganzen Land kostenlos verteilt. (dpa - picture alliance / Yannick Tylle)

Die Ursachen der Krebserkrankungen in Afrika sind meistens andere als in der westlichen Welt, meint Orem.

"In diesem Teil der Erde geht ein Großteil der Krebserkrankungen auf Infektionskrankheiten zurück, sicher rund 40 Prozent. Wir haben zum Beispiel eine hohe Rate an Gebärmutterhalskrebs bei Frauen, der durch den HP-Virus ausgelöst wird. Auch die meisten Lymphkrebse sind durch Viren ausgelöst. Das ist anders als im Westen, wo viele Krebserkrankungen durch den Lebensstil hervorgerufen werden, also Tabakkonsum oder ähnliches."

Jüngst wird in Afrika viel über die maroden Gesundheitssysteme diskutiert. Aus aktuellem Anlass. Nigerias Präsident Muhammadu Buhari hatte sich 2017 auf Staatskosten teuer in London behandeln lassen. Auch in Uganda haben hohe Beamte das Recht, bei ernsten Erkrankungen ins Ausland zu reisen - auf Staatskosten. Dies ist ein gewaltiger Kostenfaktor. Gelder, die für die Behandlung der Armen fehlen.

Während HIV-positive Menschen aufgrund internationaler Hilfsgelder mittlerweile gute Überlebenschancen haben, sind die meisten Krebspatienten noch immer dem Tode geweiht. Sie werden vom Krebsinstitut dann an das Hospiz überstellt. Von hier aus versorgen Ärzte wie Doktor Lutwama im Sterben liegende Patienten wie Ester Fereer mit dem geschwollenen Bein, die zu Hause bei ihren Familien ihren Lebensabend fristen.

                                (Simone Schlindwein)Das Hospiz in Kampala behandeIt stationär und ambulant (Simone Schlindwein)

Uganda ist führend in der Lizensierung von flüssigem Morphium

In einem kleinen Labor steht ein großer silberner Tank. Laborassistenten tragen weiße Schutzkleidung, Handschuhe und Gummistiefel, denn sie hantieren mit flüssigem Morphium.

Sie füllen die flüssige Droge in kleine Plastikflaschen. Diese sind eingefärbt: Rot, Gelb und Grün – je nach Dosierung. Vom Hospiz aus werden Patienten wie Ester Fereer mit diesem flüssigen Morphium versorgt, das ihre Schmerzen lindern soll. Gründerin des Hospizes in Uganda ist die britische Ärztin Doktor Anne Merriman. Die mittlerweile 83-Jährige hat das Flüssigmorphium in den 1980er Jahren erfunden. Damals war Morphin fast unbezahlbar.

"Seitdem wir es hier herstellen in flüssiger Form und in verschiedenen Dosen verdünnen, kostet es ungefähr drei Dollar für einen halben Liter, das sind so viel wie zwei Laib Brot. Das reicht ungefähr zehn Tage, selbst bei starken Schmerzattacken. Da es flüssig ist, können Patienten die Dosis sehr gut messen in Milliliter. Das ist in ganz Afrika das einzige wirklich erschwingliche Morphin. Eine Tablette würde 60 Mal mehr kosten."

Uganda ist weltweit führend in der Lizenzierung von flüssigem Morphium, das nicht durch Spritzen vom Arzt verabreicht werden muss, sondern das Patienten zu Hause nach eigenem Bedarf zu sich nehmen können.

Neue App zur Diagnose von Gebürmutterhalskrebs

Auf der internationalen Krebskonferenz, zu welcher Ugandas Krebsinstitut geladen hat, stellen auch junge Mediziner und IT-Ingeniere ihre Innovationen vor. Eine davon ist die 27-jährige Margaret Nanyombi.

"So sieht die App auf deinem Smartphone aus – und wenn ich das hier jetzt mit Bluetooth verbinde, dann kann man hier Parameter auswählen, die man für seine Diagnose haben will. Ich kann hier den PH-Wert beispielsweise ermitteln."

Margaret Nanyomb klickt auf ihr Smartphone. Die Informatikstudentin hat eine App programmiert. Kombiniert mit einem Gerät, das in die Handtasche passt, kann sie Bakterien und Viren in einer Urinprobe diagnostizieren. Damit können sich Frauen zu Hause selbst auf sexuell übertragbare Krankheiten testen. Dies soll eine der weltweit verbreiteten Krebsarten auch in Uganda minimieren.

"Die Mutter meiner besten Freundin ist 2015 an Gebärmutterhalskrebs gestorben, das war sehr traurig. Damals hatte ich die Idee, die neuen Technologien zu nutzen, um besser auf uns aufzupassen. Ein großes Problem in Uganda in den Dörfern ist, dass die Gesundheitszentren mehr als zehn Kilometer entfernt sein können. Routineuntersuchungen – das macht kaum jemand. Dafür habe ich dieses BV-Kit erfunden. Das ist ein Selbsttest, den man als Frau zu Hause machen kann. Alles was man braucht, ist die App und dieses kleine Gerät hier, das man in eine Urinprobe taucht. Es sendet dann die Werte an die App im Smartphone und die erstellt dann eine Diagnose."

Margaret Nanyombi hat ein Stipendium erhalten, um ihre Erfindung zu fördern. Sie hofft, ihre App bald an Gesundheitsstationen verteilen zu können oder gar an Familien zuhause. Denn es besteht selbst unter jungen, aufgeklärten und mittelständischen Frauen immer noch eine gewisse Scheu, zur Routineuntersuchung zum Gynäkologen zu gehen.

Frauenklinik in Uganda (Deutschlandradio Kultur / Leonie March)Frauenklinik in Uganda (Deutschlandradio Kultur / Leonie March)

"Das passiert nur selten, dass Frauen zur Routineuntersuchung gehen. Das passiert nur in wohlhabenden Familien, die eine private Krankenversicherung haben oder Geld sparen für gesundheitliche Notfälle. Das Problem bei dem Virus, der Gebärmutterhalskrebs auslöst, ist: Es zeigt bei der Hälfte der Infizierten keine Symptome. Die Frauen wissen also gar nichts davon. Dabei ist es ein tödliches Virus, das die Frauen langsam aber sicher tötet."

Das Thema Krebs war in Afrika lange Zeit ein Tabu. Erst als die Strahlenmaschine in Uganda kaputtging, wurde darüber diskutiert. Vor wenigen Wochen wurde nun ein neues Strahlentherapiegerät in Betrieb genommen.

Es gibt Patienten wie Ester Fereer mit dem geschwollenen Bein neue Hoffnung – zwar nicht auf Heilung, aber wenigstens auf Linderung ihrer Schmerzen, um in Würde sterben zu können.

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