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Dienstag, 12.12.2017

Religionen | Beitrag vom 06.08.2017

Übergriffe auf Christen in IndienWenn Nachbarn zu Feinden werden

Von Ulrich Pick

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Sisters of the Missionaries of Charity hold placards during a protest by Calcutta's Christian community, Thursday, 11 February 1999 against attacks on Christians and nuns by Hindu fundamentalists. Almost 100,000 people participated in the rally. dpa | (AFP/epa)
Nonnen protestieren gegen Angriffe auf Christen in Indien. (AFP/epa)

Seit die hindunationalistische BJP an der Macht ist, mehren sich die Übergriffe radikaler Hindus auf Christen. Die Partei übernimmt Gedankengut von Hitler und Mussolini. Bis zum Jahr 2021 will sie Indien frei von Muslimen und Christen machen.

Union-Church – Kirche des Zusammenschlusses – so haben sie ihr provisorisches Gotteshaus genannt. Rund 70 Personen, zumeist Frauen, feiern hier am Rande der Ortschaft Raikja in der Kandhamal-Region des ostindischen Bundesstaates Odisha regelmäßig Gottesdienst. Was sie vereint sind traumatische Erlebnisse als Mitglied einer religiösen Minderheit, sagt Pfarrer Nalin Kantenaik, der die Gemeinde betreut: "Hier wohnen ausschließlich Christen und zwar Christen, die ihre ursprünglichen Dörfer verlassen haben, deren Familienmitglieder und Verwandte attackiert und umgebracht wurden. Sie haben ihr Eigentum verloren und sind daher sehr verängstigt."

Immer wieder, so berichtet Pfarrer Kantenaik, hätten gewalttätige Hindus versucht, christliche Frauen und Mädchen zu vergewaltigen und somit zu entwürdigen. Die meisten Christen im Bundesstaat Odisha gehörten zu den Dalits, den sogenannten Unberührbaren, sowie den Adivasis, den indigenen Stämmen – und befänden sich somit außerhalb des indischen Kastensystems, was für strenge Hindus ein Ärgernis sei und ihre Opfer zu einer Art "Freiwild" mache. Zudem seien die Angreifer stets in großer Überzahl aufgetreten, so dass die Christen kaum Chancen hätten, sich erfolgreich zu wehren, schildert ein Gemeindemitglied:

"Es waren mehrere Hindus, die auf mich losstürmten. Sie prügelten auf mich ein. Ich wurde am Kopf getroffen, verlor das Bewusstsein und stürzte zu Boden. Da sie annahmen, ich sei tot, ließen sie mich liegen. Dann kamen sie zurück, brachen in mein Haus ein, überschütteten die Möbel mit Kerosin und zündeten alles an."

Ermittlungen verlaufen im Leeren

Immer wieder erzählen Mitglieder der Union-Church-Gemeinde, dass sie mit ansehen mussten, wie sich hinduistische Nachbarn, mit denen sie jahrelang konfliktfrei Tür an Tür lebten, ohne Zögern den anti-christlichen Übergriffen ihrer radikalen Glaubensgeschwister anschlossen. Zwar hätten sie später Anzeige erstattet, doch bis heute seien so gut wie keine Ermittlungen aufgenommen worden.

"Natürlich hoffen wir noch zu unserem Recht zu kommen. Aber wenn man sich die Situation anschaut, in der wir stecken, und dazu die politischen Umstände, dann bin ich letztlich nicht so sicher. Denn weder die Regierung noch die Mehrheit der Bevölkerung schenkt unserer Situation Aufmerksamkeit."

Galt Indien bislang als Land der religiösen Toleranz, so hat sich die Lage seit Mai 2014 deutlich verändert. Seitdem nämlich Ministerpräsident Narendra Modi und seine BJP an der Macht sind, haben Übergriffe von Hindus auf Mitglieder anderer Religionen deutlich zugenommen. Im ganzen Land würden immer wieder Kirchen und Moscheen in Brand gesetzt sowie Christen und Muslime gewalttätig angegriffen, berichtet Pater Dibakar Parichha, der auch als Rechtsanwalt am höchsten Gericht im Bundesstaat Odisha zugelassen ist.

"Seit die hindunationalistische BJP an der Regierung ist, haben wir mehr als 500 gewalttätige Attacken gegenüber Minderheiten verzeichnet. Diese Tendenz hält in unterschiedlichen Formen an. Über manche Fälle ist berichtet worden - über manche aber auch nicht."

Der indische Ministerpräsident Narendra Modi von der Bharatiya Janata Partei (BJP) hält am 08.02.2016 auf einer Wahlveranstaltung in Ghaziabad im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh eine Rede. Am 11.02. beginnen die Wahlen für das Landesparlament im größten indischen Bundesstaat Uttar Pradesh (UP). Es ist ein wichtiger Test für die indische Regierung, die sich 2019 zur Wiederwahl stellt. Fast 140 Millionen Wahlberechtigte sind an insgesamt sieben Terminen aufgerufen, bis zum 8. März ihre Stimme abzugeben. (zu dpa "Wahlen im größten indischen Bundesstaat - Test für die Regierung" vom 11.02.2017) Foto: Siddhartha Kumar/dpa | Verwendung weltweit (dpa)Ministerpräsident Narendra Modi spricht vor Anhängern der Bharatiya Janata Partei. (dpa)

Gedankengut von Hitler und Mussolini

Um die zunehmenden Attacken gegen Christen und andere religiöse Minderheiten in Indien zu verstehen, lohnt es sich, die Person des indischen Ministerpräsidenten Modi sowie seinen politischen Hintergrund näher zu betrachten. Narendra Modis politische Karriere begann 1971. Damals trat der 20jährige in die radikale Kaderorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh ein. Der RSS ist das größte Freiwilligencorps der Welt und vertritt einen hinduistischen Nationalismus: die  Hindutva-Ideologie. Damit stellt er sich eindeutig gegen ein säkulares Staatsmodell für Indien, wie es von Mahatma Gandhi vertreten wurde, sagt die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Teesta Setalvat:

"Wenn Sie die Bewegung verstehen wollen, müssen Sie auf ihre Internetseite gehen. Dort finden Sie das Buch ‚A Bunch of thoughts‘, das ihr oberster Ideologe Golwalkar geschrieben hat. Und es gibt noch ein zweites Buch ‚We or Our Nationhood Defined‘, das Gedankengut von Hitler und Mussolini übernimmt. In diesen beiden Büchern kommt unmissverständlich ihre Weltsicht zum Ausdruck, sie setzen definitiv auf Diskriminierung. Die Hindus sind für sie Bürger erster Klasse. Muslime, Christen und Kommunisten hingegen werden zu Feinden erklärt und es heißt: Wenn sie hier bleiben wollen, sind sie Bürger zweiter Klasse."

Der RSS, dem auch der Mörder von Mahatma Gandhi angehörte, hat geschätzte fünf bis sechs Millionen Mitglieder. Diese treffen sich täglich zu paramilitärischen Übungen, bei denen körperliches Training ebenso auf dem Programm steht wie ideologische Unterweisung. Als der politische Arm des RSS gilt die Bharatiya Janata Party (BJP). In sie trat Modi 1985 ein. Bereits drei Jahre später war er ihr Generalsekretär im indischen Bundesstaat Gujarat.

2001 wurde er dann zum  Gouverneur von Gujarat gewählt. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt, Ende Februar 2002, kam es zu einem Ereignis, das das Image Modis als Politiker nachhaltig geprägt hat: Das Eisenbahnattentat von Godhra und die nachfolgenden Unruhen. Bettina Leibfritz, die Indienreferentin des katholischen Hilfswerks "Missio" erinnert sich.  

"Die Unruhen waren eine Reaktion auf einen Brandanschlag, verübt von Muslimen auf einen Zug, bei dem hinduistische Pilger ums Leben kamen. Ungefähr 50, 60. Das hatte zur Folge, dass drei Monate lang vom Februar bis April 2002 bis zu 2500 Muslime ermordet wurden in einem groß angelegten Pogrom im ganzen Bundesstaat. Hunderttausende mussten fliehen. Und das Schlimme ist, die Sachen sind bis heute nicht wirklich aufgearbeitet worden."

Freie Hand für rassistische Attacken

Menschenrechtsgruppen werfen Modi und seiner Regierung seither vor, eine doppelbödige Politik zu betreiben. Zwar hätten sie die schweren Unruhen formal bedauert, es aber nicht nur versäumt, die religiöse Minderheit der Muslime zu schützen, sondern durch Tatenlosigkeit den blutigen Ausschreitungen sogar noch Vorschub geleistet. Modi selbst wies stets alle Beschuldigungen von sich, und ein Untersuchungsausschuss des Obersten Verfassungsgerichts Indiens sprach ihn 2010 von jeglichem Fehlverhalten frei.

Seine Kritiker konnte dies nicht überzeugen. Denn Modi wurde aufgrund der Vorfälle in Gujarat in den USA und zahlreichen europäischen Ländern mit einem Einreiseverbot belegt. Nach Ansicht der Menschenrechtsaktivistin Teesta Setalvat haben seit Modis Wahl zum indischen Ministerpräsidenten im Mai 2014 dessen politische Methoden aus Gujarat Anwendung auf ganz Indien gefunden: So verhielten sich der Premier und seine hindunationalistische BJP offiziell zwar neutral, ja, sie sprächen sich sogar für Pluralismus aus. Gleichzeitig aber würden sie fanatische Hindus aus den Reihen des RSS decken und ihnen freie Hand bei ihren rassistischen Attacken lassen.

"Im Grunde ist es eine Ideologie, die auf Spaltung unter den Menschen setzt. Sie tritt nicht für den Austausch und das Verbindende ein, das gegenseitige Verstehen des Glaubens oder den interreligiösen Dialog. Sie möchte, dass die tonangebende Mehrheit diejenigen verfolgt, die nicht auf ihrer Linie sind."

epa05263973 Bharatiya Janata Party (BJP) activists react as Indian Prime Minister Narendra Modi (unseen) delivers speech during an election campaign ahead of Assembly election in Calcutta, eastern India, 17 April 2016. Thousands of BJP party activists and their leaders gathered during a campaign. It has been decided to conduct the West Bengal Elections 2016 in six phases, started on 04 April. EPA/PIYAL ADHIKARY | (EPA) Anhänger der radikal-hinduistischen Bharatiya Janata Partei. (EPA)

Indien frei von Muslimen und Christen 

Viele Anhänger der Hindutva-Ideologie fordern, Indien solle bis zum Jahr 2021 frei sein von Muslimen und Christen. Um dieses Ziel zu erreichen, sagt Bettina Leibfritz, griffen sie Mitglieder religiöser Minderheiten gezielt an und drängten sie, das Land zu verlassen. Zudem führe man öffentliche Zwangskonversionen zum Hinduismus durch:

"Das sind die sogenannten Ghar-Wapsi-Programme. Ghar-Wapsi heißt: Heimkehr, Zurückkommen ins Zuhause. Es geht darum, gemäß der Hindutva-Ideologie, dass eigentlich jeder Inder ein Hindu ist. Und fremde Religionen wie der Islam oder das Christentum übergestülpt wurden und die Leute sozusagen durch diese Zeremonien in ihr "wahres Zuhause" zurückgeführt werden. So werden Hunderte von Menschen mit falschen Versprechungen gelockt oder bedroht. Und in einer Reinigungszeremonie werden sie zum Hinduismus zurückgeführt."

Besonders gefährlich in diesem Zusammenhang ist für Teesta Setalvat, dass die radikalen Anhänger von Präsident Modi dabei einen Glauben propagieren, den es in dieser Reinform gar nicht gibt. Anders nämlich als die Fundamentalisten glauben machen wollten, zeichne sich der Hinduismus durch eine Vielfalt von spirituellen Wegen aus:

"Nicht nur die Muslime, die Christen und die sogenannten Unberührbaren - die Dalits - sind unter Druck. Es sind die Hindus selbst. Denn es wird gesagt, es gebe nur die eine richtige Form von Hindu-Glauben. Das stimmt aber nicht. Es existieren zahlreiche Wege, um das Göttliche zu erreichen. Es gibt kein definitives ‚richtig‘ oder ‚falsch‘. Mit dieser hindunationalistischen Politik, die die Regierung letztlich vertritt, gerät alles unter Druck: die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit, die Freiheit der Kultur und so weiter. Und die Muslims, die Christen und die Dalits geraten besonders stark unter Druck."

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