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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.01.2017

Twitter, Facebook & Co.Wie das Smartphone das Politikmachen verändert

Martin Fuchs im Gespräch mit Dieter Kassel

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CDU-Generalsekretär Peter Tauber macht am 06.12.2016 beim 29. Bundesparteitag der CDU in Essen (Nordrhein-Westfalen) ein Foto mit seinem Smartphone. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
CDU-Generalsekretär Peter Tauber könnte seine Partei in die digitale Ära führen, meint Martin Fuchs. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Social-Media-Kanäle wie Twitter ermöglichen Politikern, bekannt zu werden und direkt mit Meinungsführern zu kommunizieren, meint der Politikberater Martin Fuchs. Allerdings berge der direkte Kanal nach draußen auch Risiken.

Ohne Twitter wären einige Politiker nicht so weit gekommen, wie sie gekommen sind, meint der Politikberater und Socia-Media-Experte Martin Fuchs.

"Das wird natürlich keine Partei so zugeben, dass man nur durch die digitalen Aktivitäten eine gewisse Reichweite und Wahrnehmung erhalten hat", sagt Fuchs im Deutschlandradio Kultur. "Aber es gibt schon so ein paar Kollegen, Ralf Stegner zum Beispiel in Schleswig-Holstein (…), der hat natürlich bundespolitisch eine ganz, ganz andere Wirkung, weil er unter anderem natürlich auch jeden Morgen seinen Tweet absetzt."

Ein kleiner, aber wichtiger Ausschnitt der Gesellschaft

Ähnliches gelte für CDU-Generalsekretär Peter Tauber:

"Das ist natürlich eine strategische Entscheidung auch gewesen der CDU, neben einem natürlich tollen Nachwuchspolitiker, aber jemanden zu haben, der auch versteht, wie diese digitale Welt funktioniert, der weiß, wie man ein Smartphone bedient, weil das natürlich als Generalsekretär nicht unentscheidend und nicht unwichtig ist, um so eine Partei vielleicht auch in eine digitale Ära zu führen."

Zwar repräsentiere Twitter nicht "die" reale Welt, dennoch sei es für Politiker extrem wichtig, weil viele Journalisten und andere Meinungsführer und Entscheidungsträger dort vertreten seien. 

"Die führen in Deutschland klassischerweise Diskurs. Das heißt, die muss ich dann schon erreichen, auch wenn es nur ein kleiner Ausschnitt der Gesellschaft ist. Es ist aber ein verdammt wichtiger Ausschnitt der Gesellschaft."

Die Gefahr: Herausposaunen, ohne nachzudenken

Der direkte Kanal nach draußen, ohne Kontrolle durch die Mitarbeiter oder die Partei, birgt jedoch auch Risiken für Politiker, warnt Fuchs.

"Das sehen wir jetzt natürlich bei vielen, vielen Sachen, die wir in den letzten Wochen erlebt haben, beim Breitscheidplatz zum Beispiel oder bei anderen Krisen, dass man einfach schnell einem Impuls folgt, einer Emotion folgt und dann irgendetwas herausposaunt, ohne vielleicht mal nachgedacht zu haben."


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Wie wichtig Smartphones längst für Politiker geworden sind, daran konnten wir uns schon vor vielen Jahren gewöhnen, als man das erste Mal die Bundeskanzlerin immer so im Bundestag sitzen sah mit ihrem Handy in der Hand. Damals, vor Jahren, hat sie angeblich im Wesentlichen SMS bekommen und verschickt, heute wird auch sie wie viele andere wahrscheinlich nicht nur Nachrichten auf diesem Telefon lesen, sondern auch die sozialen Netzwerke beobachten. Und wir wollen heute über die Rolle des Smartphones in der Politik mit Martin Fuchs reden, er ist Politikberater, Lehrbeauftragter für Public Affairs und Gründer von pluragraph.de, einem Social-Media-Analyseportal. Schönen guten Morgen, Herr Fuchs!

Martin Fuchs: Moin, moin.

Kassel: Was bedeutet Ihnen persönlich eigentlich Ihr eigenes Smartphone?

Fuchs: Ich würde fast sagen: Wenn es verloren geht, dann ist mehr von mir verloren als vieles andere in meinem Leben. Alle wichtigen Kontakte sind da drauf, alle wichtigen Skizzen, Notizen, die ich mir täglich mache, meine komplette Lebensplanung eigentlich hängt von diesem Smartphone ab. Ich habe wirklich kein Büro mehr, weil ich sehr unterwegs bin. Also, im Grunde genommen wäre ich aufgeschmissen, wenn es nicht mehr da wäre.

Den richtigen Kanal für die Wählerkommunikation finden

Kassel: Was raten Sie einem Politiker, der Sie fragt: Wie komme ich am besten auf die Smartphones meiner Wähler?

Fuchs: Da sage ich erst mal: Lieber Politiker, weißt du eigentlich, wer deine Wähler sind? Und das ist immer das Grundproblem auch schon, dass man immer natürlich möchte gerne 80 Millionen Leute erreichen und sagen, okay, ich bin ja für alle da, ich bin ja der Politiker für einen ganzen Wahlkreis. Und das ist schon die falsche Idee, sondern man muss wissen, wo genau meine Wähler wohnen, und dann muss man schauen, okay, wie nutzen die denn das Smartphone, also, für was nutzen die das Smartphone, auf welchen Kanälen tun sie das? Ist das Facebook vielleicht oder ist es WhatsApp oder andere Kanäle? Und dann muss man sich überlegen, wie man dafür dann Konzepte setzt, dass es auch spannend ist, was man dann auf diesen Kanälen für die Wähler aufbereitet.

Kassel: Mit anderen Worten, der alte Satz: "Es ist weniger schlimm, keine Facebook-Seite zu haben, als eine Facebook-Seite zu haben, um die man sich nicht kümmert", der gilt auch für das Smartphone?

Fuchs: Definitiv, auf jeden Fall, ja.

Ralf Stegner (SPD), SPD-Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein, verkündet am 13.04.2016 in Kiel (Schleswig-Holstein) seine Entscheidung, sich 2017 erneut um einen Sitz im schleswig-holsteinischen Landtag zu bewerben und nicht um eine Platz im Bundestag. (picture alliance / dpa - Markus Scholz)Ralf Stegner, stellvertretender SPD-Vorsitzender und einer der aktivsten Twitter-Nutzer in seiner Partei. (picture alliance / dpa - Markus Scholz)

Kassel: Würden Sie sagen, es gibt inzwischen Politiker in Deutschland, die wären ohne Twitter und Facebook und ohne das, was sie aufs Smartphone bringen, gar nicht so weit gekommen, wie sie gekommen sind?

Fuchs: Würde ich schon sagen. Also, das wird natürlich keine Partei so zugeben und das wird natürlich keiner in der Politik sagen, dass man nur durch digitale Aktivitäten gewisse Reichweite und Wahrnehmung erhalten hat. Aber es gibt schon so ein paar Kollegen, Ralf Stegner zum Beispiel in Schleswig-Holstein, wenn ich mir den anschaue, der hat natürlich bundespolitisch eine ganz, ganz andere Wirkung, weil er unter anderem natürlich jeden Morgen seinen Tweet absetzt, der da wahrgenommen wird. Ähnlich auch Peter Tauber als Generalsekretär jetzt der CDU zum Beispiel. Das ist natürlich eine strategische Entscheidung auch gewesen der CDU, neben einem natürlich tollen Nachwuchspolitiker aber jemanden zu haben, der auch versteht, wie diese digitale Welt funktioniert, der weiß, wie man ein Smartphone bedient, weil das natürlich als Generalsekretär nicht unentscheidend und nicht unwichtig ist, um so eine Partei vielleicht auch in eine digitale Ära zu führen.

Erst denken, dann twittern

Kassel: Was ist denn andererseits das Dümmste, was man als Politiker im Internet machen kann?

Fuchs: Da gibt es eine ganze Menge Sachen, die man falsch machen kann. Der Klassiker ist natürlich, unüberlegt, reflexhaft – und das sehen wir jetzt natürlich bei vielen, vielen Sachen, die wir in den letzten Wochen auch erlebt haben, beim Breitscheidplatz zum Beispiel oder auch bei anderen Krisen –, dass man einfach schnell einem Impuls folgt, einer Emotion folgt und dann irgendetwas rausposaunt, ohne vielleicht noch mal nachgedacht zu haben. Und das ist natürlich die große Gefahr, wenn man unabhängig, emanzipiert ist von seinem Büro, von der Partei, viel stärker quasi unabhängig auch agieren kann, als das vielleicht vor zehn Jahren noch möglich war, dass man dann vielleicht nicht mehr so viel nachdenkt, wo man denkt, okay, ich muss hier jetzt irgendwie präsent sein und jetzt habe ich die Möglichkeiten, ich habe den direkten Kanal nach draußen und kann, egal ob ich auf der Toilette sitze oder im Plenum sitze, kann das jetzt auch kommunizieren. Und da diesem Versuch zu widerstehen, mal nicht in jedes Mikro zu reden oder auch nicht jeden Tweet abzusenden, den man vielleicht im Kopf hat, das ist schon eine große Gefahr.

Simone Peter bei einer Rede (dpa / picture-alliance / Bernd von Jutrczenka)Hat sich mit einem Tweet zur "Nafri"-Debatte viel Ärger eingehandelt: Grünen Co-Chefin Simone Peter (dpa / picture-alliance / Bernd von Jutrczenka)

Kassel: Simone Peter schwebt irgendwie im Raum jetzt zwischen uns beiden. Und wir lassen sie im Großen und Ganzen schweben, aber wir können das ja mal aufgreifen: Man muss sich ja einerseits als Politiker, als Politikerin daran gewöhnen, dass das keine einseitige Kommunikation mehr ist, es ist nicht so wie ein Wahlplakat, es wird halt auch reagiert auf das, was man ablässt. Aber muss man nicht auch einen klaren Kopf behalten und sich klarmachen: Das, was ich als Reaktion auf meiner Facebook-Seite bekomme oder per Twitter oder auch von irgendwo anders her, das ist ja nicht ganz die wahre Welt, das ist auch kein repräsentativer Ausschnitt. Also, man darf doch nicht dann irgendwann so sehr nach den Twitter-Nachrichten gehen, dass man sagt, so richte ich meine Politik aus?

Fuchs: Ja, das ist eine zweigeteilte Antwort. Auf der einen Seite ist natürlich Twitter für die Politik in Deutschland ein extrem wichtiges Tool, das ist in der Tat nicht die reale Welt, aber es ist natürlich die entscheidende Welt für Politiker, weil dort natürlich sehr, sehr viele Journalisten und andere Meinungsführer und Entscheidungsträger sind. Und die führen in Deutschland klassischerweise Diskurs. Das heißt, die muss ich dann schon erreichen, auch wenn es natürlich ein kleiner Ausschnitt der Gesellschaft ist, es ist aber ein verdammt wichtiger Ausschnitt der Gesellschaft. Und das Zweite, auch das müssen natürlich Politiker lernen, dass natürlich überall, wo sie sind, ob das das Seniorenheim ist oder ob das die Jugendveranstaltung im Jugendclub ist oder halt Facebook, es ist immer nur ein Ausschnitt der Gesellschaft.

Also, wenn man natürlich jetzt schaut, knapp 30 Millionen Deutsche sind auf Facebook, dann ist das auch ein verdammt großer Ausschnitt der Gesellschaft, der dort ist. Nichtsdestotrotz kennt man das ja: Wenn sich jemand meldet, dann sind das meistens wenige, die sich dann dort zu Wort melden, aber das haben Politiker gelernt, dass sie aus dem, was sie als Feedback bekommen, dann auch quasi aktivieren können und entscheiden können, okay, wie wichtig ist das jetzt für mich oder kann ich gut zugeben, dass es da noch Lerneffekte geben muss für den digitalen Raum? Aber ich glaube, Politiker wissen ganz genau, wie sie so etwas werten müssen, was sie da vielleicht als Feedback kriegen, was vielleicht auch lautstark ist.

Social Bots als Follower

Kassel: Aber zum Beispiel nach dem Amoklauf von München im vergangenen Sommer ist die Zahl der Follower vieler Politiker in sozialen Medien sprunghaft gestiegen, also beispielsweise, das passiert auch sonst. Und unter anderem Sie haben damals auch darauf hingewiesen, dass es sich dabei zum nicht geringen Teil um sogenannte Fake Accounts handelte, also keine echten Menschen. Wie problematisch ist denn dieses Phänomen, wenn ein Politiker angibt und sagt, ich habe 60.000 Follower, und davon sind vielleicht 20.000 einfach nur Social Bots?

Fuchs: Zum einen ist es erst mal glaube ich sehr menschlich, dass man irgendwie versucht, sich wichtiger darzustellen oder beliebter darzustellen, als man ist. Das ist nicht nur bei Politikern so, das ist auch woanders. Und zum Zweiten ist das in der Tat an der Stelle eine fehlende Medienkompetenz gewesen, deswegen habe ich darauf hingewiesen, weil man nicht begriffen hat, dass es da ein neues Phänomen gibt, ein Phänomen, was in der Politik neu ist, das Thema Social Bots, dass es da automatisierte Accounts gibt, die durch die Welt twittern und auf die man auch achten sollte und das in der Entscheidungsfindung berücksichtigen sollte. Und deshalb habe ich das öffentlich gemacht.

Natürlich ist das problematisch, aber ich habe das Gefühl so nach den letzten Wochen des Diskurses, dass viele Politiker verstanden haben, dass man sich nicht über jeden neuen Follower freuen sollte und auch nicht viele Follower unbedingt ein Maßstab von Qualität sind, sondern die richtigen Follower sind das Entscheidende. Und wenn ich da 10.000 Roboter-Follower habe, die dann mich nicht wählen, das haben irgendwann Politiker auch begriffen, dass sie die gar nicht brauchen.

Kassel: Der Politikberater und Social-Media-Experte Martin Fuchs über die Rolle des Smartphones in der Politik. Herr Fuchs, vielen Dank und viel Spaß mit Ihrem Smartphone heute noch!

Fuchs: Vielen Dank, Ihnen auch, Gruß nach Berlin!

Kassel: Tschüs! Wir setzen unsere Reihe über den Einfluss des Smartphones auf unsere Gesellschaft natürlich fort, zum Beispiel heute Nachmittag zum einen in unserer Sendung "Kompressor", und später dann ab 15:30 Uhr in der "Tonart" gehen wir der für mich spannenden Frage nach, ob das Smartphone eigentlich schuld ist am schlechten Klang. Sie finden die ganze Serie auch unter deutschlandradiokultur.de im Netz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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