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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.02.2012

Tugendhafte Menschen leben länger

Howard Friedman, Leslie Martin: "Die Long-Life-Formel", Verlagsgruppe Beltz, Weinheim 2012, 320 Seiten

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Rabbi Israel Salanter: "Eine kleine Abweichung von den Gleisen verursacht eine Katastrophe." (AP Archiv)
Rabbi Israel Salanter: "Eine kleine Abweichung von den Gleisen verursacht eine Katastrophe." (AP Archiv)

Wer wünscht sich nicht ein langes Leben? Was wir erstreben, ist allerdings nicht nur ein langes, sondern auch ein glückliches Leben. Zwei Psychologen haben dies zum Gegenstand ihrer Forschung gemacht: Leslie Martin und Howard Friedman. Ihr Buch trägt den Titel "Die Long-Life-Formel".

Rabbi Israel Salanter hinterließ viele Erkenntnisse, darunter diese: "Von einem Eisenbahnzug kann man drei Dinge lernen: A) Wenn man auch nur eine Minute zu spät kommt, kann man ihn verpassen. B) Auch eine kleine Abweichung von den Gleisen verursacht eine Katastrophe. C) Ohne Fahrschein wird man bestraft."

In ihrem Buch "Die Long-Life Formel" brechen Howard Friedman und Leslie Martin ganz im Sinne des weisen Mannes eine Lanze für die Braven dieser Welt. Dem gigantischen Datenkonvolut zufolge, über welchen die beiden Psychologieprofessoren verfügen, leben tugendhafte Menschen länger und glücklicher als ihre weniger disziplinierten Zeitgenossen. Welche Geheimnisse gehören noch zu einem langen Leben?

Die Forschungsarbeiten, über die Howard Friedman und Leslie Martin in ihrem Buch klug und unterhaltsam berichten, fußen auf einer Mammutstudie an eineinhalbtausend Amerikanern. Sie wurden von ihrer Kindheit im Jahr 1915 bis zu ihrem Tod in Hunderten von Parametern unter die Lupe genommen. Modernste statistische Verfahren erlauben nun genaue Einblicke in die Frage, welche Faktoren sich günstig auf die Lebensdauer eines Menschen auswirken. Ist es die gesunde Ernährung? Das Sportprogramm? Die Muße am Wochenende? Die Religion?

In fünfzehn Kapiteln räumen die Autoren mit vielen gängigen Vorstellungen auf. So spielt die Ernährung so gut wie keine Rolle für ein langes Leben, das Eheleben sehr wohl, vor allem Männer profitieren davon. Ehefrauen werden im statistischen Mittel nur dann alt, wenn der Gatte sich wohlfühlt; ansonsten fahren sie als Witwen besser. Positives Denken wirkt sich auf die Gesundheit gar nicht gut aus, denn die Naiven rappeln sich nach den unweigerlichen Tiefschlägen des Lebens langsamer wieder auf - in der Zwischenzeit rauchen und trinken sie zu viel und gehen nicht rechtzeitig zum Arzt. In der Tat kümmern sich Ängstliche besser um ihre Gesundheit. Und Männern wie Frauen tut es gut, ein bisschen feminin zu sein.

Plakativ kommt der Titel des Buches daher, und den Fans der Wellnessliteratur kommen die Autoren durchaus entgegen, indem sie jedes Kapitel mit einem "Test zur Selbstbeurteilung" garnieren. Substanz gewinnt ihr Text durch die vielschichtigen inhaltlichen und methodischen Überlegungen. Zudem zeigen sie sich als Meister des amerikanischen Storytelling, erzeugen wunderbare Spannungsbögen und verweben sachlichen Forschungsbericht mit herzerwärmenden Einzelschicksalen von Paul und James, Donna und Linda.

Am Ende des Buches steht ein Rat, der sich von gängigen Gesundheitsmerklisten weit entfernt. Das lange Leben, so erklären Howard Friedman und Leslie Martin, erwächst aus einer grundsätzlichen Haltung, die permanent kultiviert werden muss und - das ist die frohe Botschaft - auch kultiviert werden kann. Es geht darum sich zu kümmern, privat und beruflich, um andere und sich selbst, in jedem Lebensalter. Und wenn das Schicksal den Zug mal aus den Gleisen schiebt, schiebt man ihn am besten rasch wieder zurück.

Besprochen von Susanne Billig

Howard Friedman, Leslie Martin: Die Long-Life-Formel - Die wahren Gründe für ein langes und glückliches Leben
Aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl
Verlagsgruppe Beltz, Weinheim 2012
320 Seiten, 19,95 Euro

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