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Weltzeit | Beitrag vom 12.02.2018

Türkische Offensive in NordsyrienFeindbild Kurden

Von Christian Buttkereit und Thomas Bormann

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Das Bild vom 22.1.2018 zeigt, wie türkische Soldaten in Sugedigi/Türkei ihre Panzer für die Syrien-Offensive vorbereiten. (dpa-Bildfunk / AP / Lefteris Pitarakis)
Das Bild vom 22.1.2018 zeigt, wie türkische Soldaten in Sugedigi/Türkei ihre Panzer für die Syrien-Offensive vorbereiten. (dpa-Bildfunk / AP / Lefteris Pitarakis)

Kaum ist der "IS" von den Kurdenmilizen vertrieben, dringt die Türkei nach Nordsyrien vor und vertreibt ihrerseits die Kurden. Weiten sich die Kämpfe Richtung Osten aus, dann droht eine Eskalation. Türkische Soldaten treffen dort auf US-amerikanische Nato-Partner.

Voraussichtlich am Freitag wird US-Außenminister Tillerson in die Türkei reisen, um mit Präsident Erdogan über den Umgang mit den Kurden in Nordsyrien zu sprechen. Im "Kampf gegen den Terror" startete die Türkei vor nunmehr vier Wochen eine Militäroffensive gegen die Kurdenmiliz YPG, die in der Region Afrin agiert. Die Begründung: es handele sich um Ableger der Kurdischen Arbeiterpartei PKK, die im Südosten der Türkei aktiv ist und als Terrororganisation eingestuft wird.

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USA unterstützt die Kurden, die Türkei bekämpft sie

Die USA unterstützen jedoch die Kurden in Nordsyrien im Kampf gegen den IS mit Waffen, Spezialkräften und Militärberatern. Ankara fordert die Einstellung dieser Militärhilfe und droht, die Offensive bis nach Manbidsch auszuweiten, wo US-Soldaten zur Unterstützung der Kurden stationiert sind.  

Die Zahl der "neutralisierten Terroristen"  - das heißt der getöteten, verwundeten oder festgenommenen Kurden - wird jeden Tag im türkischen Fernsehen bekannt gegeben. Auskunft über die Zahl der gefallenen türkischen Soldaten gibt es nur spärlich. Auch das Leiden der Zivilbevölkerung in Afrin wird in der türkischen Öffentlichkeit nicht thematisiert. 160 Zivilisten sollen getötet worden sein, darunter 26 Kinder, aber darüber wird nicht geredet. Die Moral an der Heimatfront soll keine Risse bekommen.

Türkische Polizisten nehmen einen Anhänger der pro-kurdischen Partei HDP fest, der an einer Demonstration gegen das türkische Vorgehen gegen die Kurden im Norden Syriens protestiert hatte  (AFP)Festnahme eines HDP-Anhängers (Bild vom 21. Januar 2018) (AFP)

Kritiker der Operation Olivenzweig werden verhaftet

Dabei ist der Einsatz in der türkischen Bevölkerung umstrittener als es scheint, vor allem unter Kurden. Doch kaum jemand wagt, den Mund aufzumachen, um nicht als Vaterlandsverräter zu gelten. Seit dem 20. Januar, der Beginn der Offensive, hat die türkische Polizei nach Angaben des Innenministeriums 573 Kritiker der Operation Olivenzweig festgenommen.

Wahrheit und Täuschung liegen auch bei der Afrin-Offensive viel weiter auseinander als Leben und Tod. An den Händen türkischer Soldaten klebe kein Blut von Kinder und Zivilisten, sagt Erdogan. Gefallene türkische Soldaten werden als Märtyrer gefeiert. Nach türkischer Lesart handelt es sich um einen "Heiligen Krieg", an dem sich als Verbündete auch islamistische Kräfte aus Syrien beteiligen.

Begleitet von einem großen Polizeiaufgebot protestieren in Köln kurdische Demonstranten gegen den Militäreinsatz der Türkei in Nord-Syrien (imago / C. Hardt / Future Image)In Köln protestieren kurdische Demonstranten gegen den Militäreinsatz der Türkei in Nord-Syrien (imago / C. Hardt / Future Image)

Leopard II Panzer aus Deutschland im Einsatz

Die Tatsache, dass die Türkei Nato-Partner ist und auch Leopard II Panzer aus Deutschland bei der Offensive eingesetzt werden, macht die Krise aus deutscher Sicht noch komplizierter und fragwürdiger. Aber bisher schweigt Deutschland weitestgehend zu dem Konflikt. Nicht so die USA, die nun ihren Außenminister schicken, weil sie fürchten müssen, dass sich bald türkische und US-amerikanische Soldaten in Nordsyrien gegenüber stehen.


Die Autoren: 

Thomas Bormann, Hörfunk-Korrespondent in Istanbul (SWR / Alexander Kluge)Thomas Bormann, Hörfunk-Korrespondent in Istanbul (SWR / Alexander Kluge)Thomas Bormann

Langjähriger ARD-Korrespondent in der Region, kennt die Siedlungsgebiete der Kurden in der Türkei, Syrien, Irak und Iran und blickt im Gespräch mit Redakteurin Ellen Häring über die Türkei hinaus auf die Perspektiven der Kurden in der Region und die eher begrenzten Chancen auf einen kurdischen Staat. 

(Buttkereit)Christian Buttkereit (Buttkereit)

Christian Buttkereit

Derzeitiger ARD-Korrespondent in Istanbul, klärt über die aktuelle Lage und die innertürkischen Debatten auf.


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