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Mittwoch, 22.11.2017

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 06.08.2014

TürkeiSorge um das friedliche Miteinander

Islamisten tragen die syrische Krise in die südtürkische Grenzstadt Antakya

Von Antje Bauer

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Blick über das türkische Antakya (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
Blick über das türkische Antakya (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

Ähnlich wie auf syrischer Seite leben auch im südtürkischen Grenzgebiet unterschiedliche Bevölkerungs- und Religionsgruppen. Jetzt stören syrische und andere ausländische Islamisten das Gleichgewicht zwischen den türkischen Sunniten, Alawiten und Christen.

Die Alawiten, nicht zu verwechseln mit den ähnlich ausgesprochenen türkischen Aleviten, sind eine schiitische Sekte. Die große Mehrheit der Alawiten lebt in Syrien, sie stellen dort zwölf Prozent der Bevölkerung.

Auch der syrische Machthaber Baschar al-Assad gehört dazu. Ihr Hauptsiedlungsgebiet zieht sich entlang des Küstenstreifens am Mittelmeer. Der nördliche Zipfel dieses Küstenstreifens gehört seit 1939 zur Türkei und bildet die Provinz Hatay mit Antakya als Hauptstadt. Hier leben die türkischen Alawiten, denen Ali Yeral vorsteht. Obwohl seit 70 Jahren durch eine Grenze getrennt, ist diese Region noch immer durch Verwandtschafts- und Handelsbeziehungen eng verbunden – und: beidseits der Grenze lebt dasselbe Völkergemisch.

"Für uns ist Antakya wie ein kleines Syrien, denn hier wie dort leben Sunniten, Alawiten, Türken, Araber, Kurden und Christen. Syrien war ein Bruderland für uns. Nicht nur wir Alawiten, sondern auch die Sunniten und die Christen haben in Syrien Verwandte."

Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Nahen Osten und Europa

Seit über zweitausend Jahren ist die Stadt am Orontes-Fluss ein Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Nahen Osten und Europa. Lange Zeit galt sie als Metropole wie Beirut und Konstantinopel. Auch wenn die Bedeutung der Stadt in den letzten Jahrhunderten abgenommen hat, nutzte sie doch immer noch ihre geografische Lage für Handel und Tourismus mit Syrien. Nur 50 Kilometer entfernt ist es von Antakya zur syrischen Grenze. In einer knappen Stunde ist man am Mittelmeer, einen Flughafen gibt es auch. In den letzten Jahrzehnten wurden breite Autostraßen, gesichtslose hohe Bürogebäude und Ladenzeilen in die schnell wachsende Stadt gebaut.

Den Kern Antakyas bildet jedoch die Altstadt. Ein Stadtzentrum, das den Charme der Provinz verströmt: Enge Gassen, die nach Katzenpisse riechen. Schiefe alte Holzfenster. Girlanden aus alten Strom- und Telefonleitungen an Häuserwänden, Männer, die auf Hockern auf dem schmalen Bürgersteig sitzen und die Passanten grüßen.

Hier liegen auf engem Raum die Gotteshäuser der verschiedenen Religionsgemeinschaften: Einige Kirchen gibt es, nur einen Steinwurf davon entfernt die kleine Synagoge, die alte Habib-Neccar- Moschee liegt ebenfalls um die Ecke.

Die ethnische und religiöse Vielfalt gehört seit jeher zur Identität von Antakya. Doch der Aufstand gegen das Regime von Baschar al-Assad, der vor drei Jahren in Syrien begann, hat die Bevölkerung in Unruhe versetzt. Nicht nur sind Scharen syrischer Flüchtlinge hier gestrandet und haben eine Wohnung und einen Lebensunterhalt gesucht. Auf einmal sahen die Bewohner von Antakya nun auch sunnitische Fundamentalisten aus aller Herren Länder mit Fusselbärten und langen weißen Gewändern in ihrer kosmopolitischen Stadt auftauchen.

Denn die türkische Regierung hat früh begonnen, die Widerstandskämpfer zu unterstützen und die Grenzen für sie geöffnet. Dabei hat sie sich nicht weiter daran gestört, wenn diese Kämpfer ausländische Salafisten waren. In Syrien machen diese muslimischen Radikalen auf alle Jagd, die nicht ihrer Glaubensauffassung anhängen, einschließlich der Alawiten. Auch in Antakya machten sie aus dieser Überzeugung offenbar kein Hehl.

"Die al-Qaida-Terroristen aus Qatar, Libyen, Saudi-Arabien, Tschetschenien, Afghanistan oder dem Tschad drohen, wenn sie erst mal die ungläubigen Alawiten in Syrien entmachtet und umgebracht haben, dass wir dann dran sind. Dann werden sie uns die Kehle durchschneiden und uns von hier vertreiben. Meinen Neffen haben sie bedroht und einen Freund von mir auch."

Im letzten Jahr sei in sein Haus eingebrochen, berichtet Ali Yeral. Mobiliar sei zerschlagen und ein Drohbrief hinterlassen worden des Inhalts: Wir werden dich anzünden. Die Täter wurden nicht gefunden. Yeral steht seither unter Personenschutz.

Türkische Alawiten sympathisieren mit dem Baschar al-Assad-Regime

Der Krieg in der Nachbarschaft hat die Alawiten in Antakya politisiert. Der Aufstand gegen den syrischen Machthaber richtete sich zwar zunächst gegen ein diktatorisches Regime. Mittlerweile nimmt er jedoch immer mehr die Form eines Religionskriegs an, mit dem Alawiten Baschar al-Assad und den syrischen Alawiten und Christen auf der einen und Sunniten auf der anderen Seite. In diesem Konflikt schlagen sich auch die meisten türkischen Alawiten auf die Seite Baschar al-Assad.

"Wieso sollten wir Baschars Rücktritt wollen? Sind denn alle unterdrückerischen Regime der Welt  zurückgetreten, und nur Assad ist übrig? Ist Saudi -Arabien etwa freier? Ich behaupte nicht, dass in Syrien alles in Ordnung ist. Es gibt Probleme mit der Redefreiheit, mit der Demokratie, mit den Menschenrechten. Aber die gibt es in der Türkei, in Saudi-Arabien, in Qatar und Bahrain auch."

Die Spitze einer Moschee (r) und des Glockenturmes einer katholischen Kirche in Antakya. (picture alliance / dpa / Foto: Soeren Stache)Die Spitze einer Moschee (r) und des Glockenturmes einer katholischen Kirche in Antakya. (picture alliance / dpa / Foto: Soeren Stache)

Sonntagmorgen. Die Glocken der griechisch-orthodoxen Kirche in der Altstadt von Antakya rufen zum Gebet. Ein dünner Strom hagerer alter Frauen in knielangen schwarzen Röcken, mit Spitzenschleiern auf dem Haar tröpfelt durch die menschenleeren Gassen in Richtung Kirche.

Im Halbdunkel küssen sie die Ikonen, zünden lange, weiße Kerzen vor den matt schimmernden Heiligenbildern an, grüßen nach rechts und links und lassen sich dann in einer der Bankreihen nieder. Die Frauen auf der einen Seite, die wenigen Männer auf der anderen.

So eine orthodoxe Messe dauert. Fast vier Stunden sind es. Nach und nach füllt sich die Kirche. Die Christen in Antakya, dem biblischen Antiochia, blicken auf eine lange Geschichte zurück. In einer Höhle hier in der Nähe soll sich zum ersten Mal eine christliche Gemeinde versammelt haben, die Apostel Petrus und Paulus haben hier gelebt. Nach der Messe setzen sich die Kirchgänger zum Plaudern zusammen. Mittendrin Fadi Hurigil, Gemeindevorsteher und Vorsänger in einer Person.

"Antakya war zur Urzeit des Christentums die zweit- oder drittgrößte Stadt der Welt. Die Patriarchen der Ostkirchen saßen alle hier. Denn das Christentum ist hier entstanden und hat sich von hier aus ausgebreitet. Aber dies ist ein Erdbebengebiet, die Stadt wurde angeblich siebenmal dem Erdboden gleichgemacht. Da deshalb die Einwohnerzahl zurückging, hat Antakya im 14. Jahrhundert den Sitz des griechisch-orthodoxen Patriarchen an Damaskus verloren. Auch die Patriarchen der Katholiken,  der chaldäischen Kirche und der Maroniten haben Antakya verlassen."

Christen sind besorgt

In der ehemaligen christlichen Hochburg leben heute gut 200.000 Einwohner, darunter nur noch etwa 1.200 Christen. Die überwiegende Mehrzahl der Christen sind Griechisch-Orthodoxe. Araber auch sie, wie die Alawiten. Auch die Christen richten einen sorgenvollen Blick auf Syrien. Zu seiner Meinung über die muslimischen Fundamentalisten gefragt, die in Syrien sogenannte Ungläubige umbringen, sagt der griechisch-orthodoxe Gemeindevorstand:

"Diese Leute sind keine echten Muslime. Ein Muslim ist ein Mensch, der an Gott glaubt. Der begeht keine Massaker. Natürlich sind wir angespannt. Wenn ich mir im Internet ansehe, was dort geschieht, dreht sich mir der Magen um. Aber hier gibt es solche Probleme nicht und wird es, so Gott will, auch in Zukunft nicht geben."

Ein frommer Wunsch. Und warum hängt am Eingang zum Kirchenareal ein Zettel, die Kirche sei wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen, obwohl von Arbeiten nichts zu sehen ist?

"Wir haben Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Vor ein paar Monaten gab es ein paar politische Vorfälle im Zusammenhang mit den Gezi-Ereignissen, da fanden auch hier in der Straße vor der Kirche Demonstrationen statt. Die Polizei ist eingeschritten und hat Pfeffergas gesprüht. Daraufhin haben wir die Kirche geschlossen, denn dies hier ist ein Ort für Betende, wir wollen uns vom Lärm fernhalten."

Die Demonstrationen gegen die Bebauung des Geziparks in Istanbul im letzten Jahr, die sich zu Protesten gegen die Regierung Erdogan ausgeweitet hatten und die Türkei wochenlang in Atem hielten, hatten auch auf Antakya übergegriffen. Ein Protest wohl auch dagegen, dass die türkische Regierung diese kosmopolitische und religiös tolerante Stadt zum Aufmarschplatz für sunnitische Fundamentalisten hatte werden lassen. Drei Jugendliche waren bei den Demonstrationen getötet worden.

Das Herz des Stadtzentrums ist die Saraystraße: Eine belebte Fußgängerzone, in der sich ein Handyladen an den anderen reiht, dazwischen Kebabrestaurants und Konditoreien, in denen von morgens bis abends Künefe verzehrt wird, eine arabische Süßigkeit mit geschmolzenem Käse.  Ein paar Souvenirläden gibt es auch. Vor ihren Schaufenstern flattern bunte, handgewebte Seidenschals im Wind. Die Seidenweberei hat Tradition in Antakya.

Früher waren es Juden, die dieses Handwerk betrieben, inzwischen gibt es nur noch etwa zwei Dutzend Juden hier, das Gewerbe haben Alawiten übernommen. Doch die Geschäfte laufen schlecht. Im Halbdunkel eines Ladens, in dessen Regalen sich Schals aller Art bis zur Decke stapeln, sitzt Eser Baltacı und dreht Däumchen.

"Die Kunden bleiben aus. Das betrifft nicht nur die Seidenläden oder die Kebabrestaurants, sondern alle Aktivitäten. Und das liegt nur an Syrien. Früher haben die Touristen auf der Durchreise nach Syrien auch Hatay einen Besuch abgestattet, aber jetzt kommt niemand mehr."

Einst lebendige Grenzstadt

Vor dem Beginn des Kriegs in Syrien war Antakya eine Drehscheibe für den grenzüberschreitenden Handel und Tourismus. Täglich fuhren Dutzende Reisebusse zu Butterfahrten ins syrische Aleppo. Türken kauften dort billig Tee, Zucker, Gewürze und Kaffee ein. Syrer schleppten in riesigen Reisetaschen Elektronik, Sanitärbedarf und kleinere Maschinen über die Grenze nach Hause. Der nahegelegene  Grenzübergang Cilvegözü, in Syrien Bab al-Hava genannt, glich einem Ameisenhaufen. Das alles hat aufgehört. An die Stelle zahlungskräftiger Touristen sind in Antakya schwarz verschleierte Syrerinnen getreten, die sich an den Schaufenstern der Innenstadt die Nase platt drücken und mit ihren Kindern in den Grünanlagen sitzen, weil das nichts kostet.

Was die Saraystraße für das moderne Antakya, das ist der Bazar für die traditionsbewussten Einwohner. Im Uzun Çarsı, dem "Langen Markt", sieht es tatsächlich so aus wie in syrischen Städten. Enge, überdachte Gassen.  Unterschiedliche Sorten Schafskäse werden in Plastikschüsseln angeboten, aus Jutesäcken leuchten Reis, Nudeln und Linsen. Von Markisen baumeln an langen Schnüren getrocknete Paprika, Tomaten und Auberginen.

An anderen Ecken stehen Kinderkleidchen made in China zum Verkauf, schwarze Plastikschuhe zum Ramschpreis, dazwischen überall Teeküchen und kleine Restaurants, die nur ein, zwei preiswerte Gerichte anbieten.  Es herrscht gedämpfte Geschäftigkeit. Mütter ziehen ihre Kinder hinter sich her, Laufburschen tragen Tee aus, Ladeninhaber grüßen Passanten. Behäbige Friedlichkeit der Provinz. Doch auch hier hat der Syrienkonflikt seine Spuren hinterlassen. Nicht nur bleiben die türkischen und ausländischen Touristen aus, weil sie denken, der Krieg habe auf Antakya übergegriffen. Den Geschäftsleuten hier ist in den syrischen Flüchtlingen Konkurrenz erwachsen.

Sibel Mum besitzt eine Art traditioneller Apotheke im Bazar. Sie  verkauft Olivenseife, getrocknete Kräuter, medizinische Öle, Massagehandschuhe. Es duftet nach allen Gewürzen des Orients. Aber der Laden ist leer.

"Unsere Geschäfte gehen schlecht, denn die Syrer bringen von zuhause billige Ware herüber. Wenn wir den Kreuzkümmel zum Beispiel zu zehn Lira verkaufen, dann sagen die, für drei Lira kannst du ihn haben."

Ablehnung gegenüber den Fremden 

Mit ihren Dumpingpreisen verärgern sie die türkischen Ladeninhaber. Aber es ist nicht nur das. Die schwarzverhüllten, verschleierten Frauen und ihre schlecht angezogenen Männer mit den dörflichen Manieren stoßen bei vielen Einwohnern Antakyas auf Ablehnung. In einem DVD-Laden am Nobelboulevard Atatürk-Straße steht ein Grüppchen Frauen und unterhält sich. Auf die Syrer angesprochen, die in der Stadt leben, machen sie ihrem Ärger Luft. Iris Yılmazoğlu ist die Inhaberin des Geschäfts.

"Im Bazar und seiner Umgebung laufen viele Männer rum, die alle gleich aussehen: kahlköpfig, mit langen Bärten. Sie sind alle gleich angezogen, tragen keine Schnurrbärte und sind eklig."

Zeynep arbeitet im Öffentlichen Dienst und will deshalb ihren vollen Namen nicht sagen.

"Abends wagen wir uns nicht mehr vor die Tür.  Wenn wir was brauchen, trauen wir uns nicht mehr, einkaufen zu gehen. Wir haben Angst, belästigt oder entführt zu werden."

In der Stadt kursieren wilde Geschichten von syrischen Flüchtlingen, die Einheimischen die Kehle durchschneiden, weil diese eine syrische Frau angeguckt haben. Von Flüchtlingen, die einheimische Frauen vergewaltigt haben sollen. Oder von Syrern, die in Restaurants nicht zahlen.

Schwer, zu sagen, was davon stimmt. Dass der Ingrimm der Einwohner von Antakya gegenüber den Flüchtlingen und vor allem den fundamentalistischen Kämpfern immer mehr wuchs, ist den Behörden offenbar aufgefallen.

Syrische zivilgesellschaftliche Organisationen werden seit einiger Zeit angewiesen, woanders anzusiedeln. Von den berüchtigten Salafisten mit den Zottelbärten ist auch nicht mehr viel zu sehen. Doch das Misstrauen der Einwohner, dass die türkische Regierung auf ihrem Rücken Politik macht und dafür das friedliche Miteinander in ihrer geliebten Stadt aufs Spiel setzt, ist geblieben. Ali Yeral, der Alawit:

"Ich habe genauso viele sunnitische wie alawitische und christliche Freunde. Wir besuchen einander, auch an den Feiertagen, wir sind in guten wie in schlechten Tagen zusammen. Die Leute hier haben miteinander kein Problem. Sie haben nur ein Problem mit der Kriegspolitik unserer Regierung und mit den Terroristen von al-Qaida, die gegen den Willen der hiesigen Bevölkerung hierher gebracht werden. Was haben die hier zu suchen?"

Weiterführende Information

Türkisch-Syrische Grenze - "Diese Menschen rechnen mit gar nichts mehr" (DLF - Interview, 27.06.2014)

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