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Montag, 18.12.2017

Lesart | Beitrag vom 20.11.2017

Tübinger Poetik-Dozentur für Krimi-Autoren"Eine unglaublich ausdifferenzierte Literaturgattung"

Thomas Wörtche im Gespräch mit Andrea Gerk

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Studierende sitzen in einem Hörsaal. (dpa / picture alliance / Swen Pförtner)
Studierende in einem Hörsaal - die Tübinger Poetik-Dozentur widmet sich Kriminalromanen. (dpa / picture alliance / Swen Pförtner)

Die Tübinger Poetik-Dozentur befasst sich üblicherweise mit Literatur mit großen L. In diesem Jahr werden Friedrich Ani und Wolfgang Schorlau über Kriminalromane sprechen. Höchste Zeit, dass die Literaturwissenschaft das Genre entdeckt, sagt Krimiexperte Thomas Wörtche.

Andrea Gerk: Dass Kriminalromane auch literarisch höchst anspruchsvoll sein können, das dürfte inzwischen allgemein bekannt sein. Wenn aber die Tübinger Poetik-Dozentur sich diesem Genre widmet, dann ist man doch erst mal durchaus angenehm überrascht. Friedrich Ani, Arne Dahl, Wolfgang Schorlau und Hakan Nesser werden von morgen an über das Schreiben von Kriminalromanen sprechen. Bei mir ist jetzt unser Krimiexperte Thomas Wörtche. Er ist Mitglied verschiedener Jurys und er gibt bei Suhrkamp ein eigenes Krimiprogramm heraus. Guten Morgen, Herr Wörtche!

Thomas Wörtche: Einen schönen guten Morgen, Frau Gerk!

"Man freut sich"

Krimi-Experte Thomas Wörtche (Chrstine Fenzl)Krimi-Experte Thomas Wörtche (Chrstine Fenzl)Gerk: Warum wundert man sich eigentlich, wenn so eine Poetik-Dozentur dem Krimi gewidmet wird?

Wörtche: Ich weiß nicht, ob man sich wundert. Man freut sich sozusagen. Dass der Kriminalroman als Gegenstand akademischen Interesses inzwischen ein bisschen höher bewertet wird, das ist klar. Es gibt eine ganze Menge Promotionen, Magisterarbeiten und so weiter, und so fort, seit 15 Jahren ungefähr. Allerdings gibt es kaum Habil-Schriften dazu, das heißt also, der Kriminalroman ist für Unis immer noch ein exzentrisches Forschungsgebiet, das der akademischen Karriere nicht unbedingt förderlich ist.

Insofern freuen wir uns natürlich, dass die Uni Tübingen jetzt mit einer Poetikvorlesung kommt. Natürlich merkt man da sozusagen auch noch ein bisschen, dass der Kriminalroman zwar in der Academia angekommen ist, aber man möglicherweise noch, wenn man den Ankündigungstext dieser Poetikdozentur liest, halt immer noch ein bisschen restriktives Verständnis davon hat.

Gerk: Inwiefern?

Wörtche: Dieser Ankündigungstext kapriziert sich komischerweise auf den Ermittlerkrimi. Also die tun so, als ob der Kriminalroman sozusagen ein Art versprachlichter Tatort ist, wo man also einen Fall hat, wo man Ermittler hat, die hier ganz wichtig sind in diesem Ankündigungstext, und dann ist der Fall geklärt.

"Wahrscheinlich hätte ich andere Kandidaten ausgewählt"

Gerk: Aber da haben sie ja Leute eingeladen, die dafür gar nicht stehen. Friedrich Ani zum Beispiel, bei dem gibt es zwar einen Ermittler, aber das Auffinden der Leiche ist eigentlich das Uninteressanteste.

Wörtche: Ganz genau. Und dieser Ermittlerkrimi ist sozusagen nur ein kleiner Teil von Kriminalliteratur, und insofern bin ich sehr gespannt darauf, was man daraus machen kann. Und es ist auch interessant, dass das Autoren sind, die da eingeladen sind, die sozusagen auf ganz verschiedenen Reflexionsniveaus arbeiten. Wir haben einerseits Friedrich Ani und Hakan Nesser, die also für eine sehr bewusste und reflektierte Art des Kriminalroman-Schreibens stehen. Dann haben wir natürlich mit Arne Dahl und Wolfgang Schorlau eher Autoren, die sozusagen eher die Industrieformate bedienen, bei denen literarische und ästhetische Fragestellungen keine allzu große Rolle spielen. Also das ist ganz interessant zu sehen.

Mehr zu Kriminalromanen – in unserem Krimi-Themenportal.

Ich weiß jetzt nicht, ob das Absicht war, da sozusagen so eine Dialektik einzubauen - oder ob das einfach die Einschaltquote ist, die da gemeint ist sozusagen; weil ja gerade Wolfgang Schorlau ja eminent erfolgreich ist, auf dem Markt allerdings.

Friedrich Ani auf der Buchmesse Frankfurt.  (imago  /Hoffmann)Friedrich Ani auf der Buchmesse Frankfurt. (imago /Hoffmann)

Gerk: Aber ich höre da auch raus, wenn Sie jetzt da eingeladen hätten, um eine Poetik des Kriminalromans zu veranschaulichen, hätten Sie vielleicht andere Kandidaten ausgewählt? Zum Beispiel?

Wörtche: Ich hätte mir zum Beispiel Frauen ausgedacht, ich hätte sicher mal Zoë Beck eingeladen, auf jeden Fall. Ich hätte vielleicht auch Monika Geier eingeladen, ich hätte vielleicht Andreas Pflüger auch eingeladen, die eben für eine andere Art von Kriminalliteratur stehen, wo eben diese Ermittlersache keine große Rolle spielt.

Denn mit Poetiken ist das halt so eine Sache. Es gibt ja eine ganze Menge Ansätze für eine Poetik des Kriminalromans gerade von Autoren und Autorinnen, also Patricia Highsmith zum Beispiel mit ihrem Buch "Suspense", oder die Schreibregeln von Dennis Lehane. Da muss man natürlich ganz klar sagen, dass das Autopoetiken sind. Das sind also Selbstreflexionen von Autoren, die gültig sind für ihr eigenes Werk, aber darüber hinaus relativ schwer zu generalisieren.

"Es gibt verschiedene Funktionen von Kriminalliteratur"

Gerk: Gibt es denn heute so was, würden Sie sagen, gibt es jetzt, aktuell so etwas?

Der Krimiautor Wolfgang Schorlau, aufgenommen am 12.11.2014 bei einem dpa-Interview in Stuttgart (picture-alliance / dpa / Bernd Weißbrod)Der Krimiautor Wolfgang Schorlau bei einem Interview in Stuttgart (picture-alliance / dpa / Bernd Weißbrod)

Wörtche: Das ist genau das Interessante, denn es gibt nämlich weltweit sozusagen, soweit ich das überblicken kann - und ich lese schon ziemlich viel rum auch in anderen Sprachen -, es gibt keine Poetologie des Kriminalromans im Moment, die irgendwie verbindlich wäre. Es gibt natürlich schon gar keine Regelpoetik, klar. Wir sind ja nicht mehr im 17. oder 18. Jahrhundert. Aber es gibt kaum was, was diese unglaublich ausdifferenzierte Literaturgattung – man traut sich ja schon fast gar nicht mehr, von Genre zu sprechen, die ist ja unfasslich ausdifferenziert –, die sozusagen zusammendenken kann.

Also insofern muss man das wahrscheinlich so machen, wie die Tübinger das machen, sozusagen als Mosaikmodell. Denn wir haben ja auch nicht nur eine Ästhetik, die bedacht werden muss und soll – daran hapert es sowieso schon immer –, aber es gibt natürlich auch in verschiedenen Kulturräumen ganz verschiedene Funktionen von Kriminalliteratur. Wie sähe das bei uns zum Beispiel aus? Wo ist das mit der Unterhaltung, wo sind literarisch avanciertere Sachen, die sich mit Realitätsverarbeitung beschäftigen? Da gibt es sehr viele Themenfelder, die man eigentlich wirklich noch dringend bearbeiten muss.

Gerk: Wenn Sie sagen, da gibt es heutzutage so viel, dass man gar nicht von einer Poetik sprechen kann – gab es denn das überhaupt mal?

Wörtche: Nein, das gab es nie. Es gab ja immer diese berühmten – redet man gern, das sind Redekonventionen, die berühmten Regeln des Genres, wo kein Mensch genau weiß, was das ist, normativ waren die sowieso nie. Also auch selbst in den 30er-Jahren, als man die aufgestellt hat, dem Golden Age, dass also, ich weiß nicht, der Mörder in der Tat nicht der Butler sein darf, sondern gesellschaftlich relevant sein muss. Oder was alles verboten sein soll – daran haben sich selbst diese Autoren natürlich nicht gehalten. Das war ein Spiel, ein ziemliches Nullsummenspiel. Das ist nie passiert.

Und es gab ja immer die Gegenläufigkeit. Es gab das Golden Age, aber gleichzeitig hatten wir in Frankreich eine Tradition, die aus dem Dadaismus kam. Und gleichzeitig hatten wir ja auch ab den 20er-Jahren schon die amerikanische Hardboiled-Tradition, die sich gar nichts mehr zu sagen hatten sozusagen. Also diese Diskurse sind schon immer nebeneinander her gelaufen. Und eine Gesamtpoetik oder eine Gesamtästhetik des Kriminalromans gab es immer noch nicht.

"Ich hoffe, dass Tübingen da nicht allein bleibt"

Gerk: Aber ist denn zum Beispiel so was, wie wenn – Chandler hat angeblich über Dashiell Hammett gesagt, er hätte ein neues Englisch erfunden. Ist das dann, wenn eben tatsächlich jemand auch so eine neue Sprache erfindet, so eine neue Art, etwas auszudrücken, ist dann von einer Poetik irgendwie die Rede?

Wörtche: Das wäre, wenn es stimmen würde, wäre das völlig richtig. Was Hammett natürlich gemacht hat und was man auch in Lateinamerika gemacht hat, ist zum Beispiel, Alltagssprache natürlich in Literatur zu integrieren. Das ist in der Tat passiert. Hammett hat es sozusagen, ähnlich wie Hemingway auch, im Sprachspiel abgelauscht, milieugerecht, und hat nicht stilisiert. Chandler selbst ist ja zum Beispiel ein sehr stilisierender Autor, da merkt man übrigens auch noch, der zwar amerikanischen Jargon schreibt, aber noch englischen, also britischen Stil hat. Ist auch ganz witzig, das sieht man natürlich eher im Original.

In Brasilien zum Beispiel hat man Alltagssprache erst eingeführt in den Kriminalroman mit Rubem Fonseca. Also in der Tat gibt es da die Verwendung des Sprachmaterials, das ist ein wichtiger Punkt von Ästhetik und Poetik überhaupt. Da sind noch viele Ansätze, die noch bedacht werden müssen.

Gerk: Aber an sich ist schon gut, dass überhaupt mal jetzt öffentlich über so etwas wie "Gibt es eine Poetik des Kriminalromans" gesprochen wird?

Wörtche: Grundsätzlich ist das wirklich sehr zu begrüßen, und ich hoffe, dass Tübingen da nicht allein bleibt. Es gibt jetzt, glaube ich, an der Uni Darmstadt eine kleine Forschungsstelle für Kriminalliteratur. Es wird Zeit, dass die Literaturwissenschaft sich endlich mal bequemt, die weltweit meistgelesene Literatur, was Kriminalliteratur ja ist, sich wirklich mal genauer analytisch anzuschauen.

Gerk: Thomas Wörtche, vielen Dank, dass Sie hier waren, und von der Poetikvorlesung aus Tübingen berichtet die Sendung "Fazit" dann morgen ab 23 Uhr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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