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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 16.01.2017

Trump und Co.Der aufhaltsame Aufstieg der Propaganda

Von Hans Christoph Buch

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Donald Trump während seiner Rede in New York nach seinem Wahlsieg bei der US-Präsidentschaftswahl (AFP/ Mandel Ngan)
Donald Trump während seiner Rede in New York nach seinem Wahlsieg bei der US-Präsidentschaftswahl (AFP/ Mandel Ngan)

Wer sich selbst für immun gegen die plumpen Lügen von Populisten hält, irrt, schreibt der Schriftsteller Hans Christoph Buch im Politischen Feuilleton. Ihr Erfolg zeige, wie effektiv Propaganda bis heute wirke.

"Pacta sunt servanda", pflegte Franz Josef Strauß zu sagen, der kein Kind von Traurigkeit war, in Afrika Großwild und im New Yorker Central Park Nutten jagte, wobei ihm die Brieftasche abhanden kam. "Pacta sunt servanda" bedeutet, dass Verträge einzuhalten sind.

Donald Trump, der mit Strauß sonst manches gemein hat, der künftige Präsident der USA also, ist da anderer Meinung: Am liebsten würde er die von seinem Amtsvorgänger geschlossenen Verträge annullieren, allen voran das Pariser Klimaschutzabkommen, das die CO-2-Emissionen auf ein vertretbares Maß reduziert, den mühsam ausgehandelten Atomdeal mit Iran und NAFTA, den Freihandelsvertrag mit Kanada und Mexiko, noch dazu. Trumps Wahrzeichen ist nicht nur die blonde Haartolle, die er mit dem Brexit-Vorkämpfer Boris Johnson und mit Hollands Rechtspopulisten Geert Wilders gemein hat, sondern auch seine Körpersprache: der Trompetentöne ausstoßende Mund und der gestreckte Zeigefinger, den er auf Zwischenrufer richtet, bis der Jubel seiner Anhänger deren kritische Fragen überschreit.

Kennzeichen: der erhobene Zeigefinger

Der Zeigefinger hat eine stolze Tradition. Einst war er das Kennzeichen von Uncle Sam, der auf den Betrachter zeigte, um ihn zur US-Army einzuziehen; heute ist er bei Kommandeuren der Isis anzutreffen und dient der Rekrutierung von Selbstmordattentätern, denn nur wer sich selbst in die Luft sprengt, kommt ins muslimische Paradies, das normale Sterbliche nur auf Säbelklingen balancierend erreichen. Soweit, so gut, oder vielmehr so schlecht.

Aber gibt es nicht auch Populisten, die weder blond sind noch mit Fingern auf ihre Mitmenschen zeigen, sondern aussehen wie du und ich? Gewiss gibt es sie, und vielleicht sind sie noch gefährlicher als diejenigen, die durch ihre schrille Aufmachung und exzentrisches Gebaren zu erkennen geben, wes Geistes Kind sie sind. Hier ist an erster Stelle Frauke Petry zu nennen, die das Naziwort "völkisch", und Viktor Órban, der Grenzzäune wieder salonfähig macht, obwohl Ungarn als erstes Ostblockland den Stacheldraht zerschnitt.

Ihr aufhaltsamer Aufstieg markiert den Punkt, an dem die Waschmittelwerbung auf die Politik übergreift: Es genügt, eine Lüge oder Halbwahrheit oft genug zu wiederholen, dann wird sie von jedem oder fast jedem geglaubt.

Anzüge statt Uniformen

Schon Goebbels wusste das, aber auch Stalin, der auf dem Höhepunkt der Säuberungen, während er Hunderttausende im Gulag verschwinden ließ, verkündete, das Leben sei fröhlicher und leichter geworden. Oder Wladimir Putin, der die Bombardierung von Schulen und Hospitälern in Aleppo als humanitäre Rettungsaktion bezeichnet, ein Sachverhalt, den ein US-General im Vietnam-Krieg noch kürzer ausdrückte: "Um Hue zu retten, mussten wir Hue zerstören." Zwei Beispiele für das schon von Orwell beschriebene Newspeak, in dem der Krieg Frieden und das Folterzentrum Ministerium der Liebe heißt.

Doch anders als ihre Vorgänger tragen die Populisten von heute weder Uniformen noch dunkle Brillen, sondern Anzüge oder Pullover wie Hugo Chávez, der rote Fahnen durch rote Hemden ersetzte und mit der Fernsehshow "Alló Presidente!" Anhänger um sich scharte – Donald Trump hat einschlägige Erfahrungen auf diesem Gebiet.

Wer den Populismus belächelt und glaubt, gegen so billige Tricks immun zu sein, der irrt sich, weil Werbung und Propaganda nachweislich die Kauf- oder Wahlentscheidungen der Konsumenten und Bürger beeinflussen – andernfalls gäbe es sie nicht.

Hans Christoph Buch, 1944 in Wetzlar geboren, wuchs in Wiesbaden und Marseille auf und las bereits im Jahr seines Abiturs (1963) vor der "Gruppe 47". Mit 22 Jahren veröffentlichte er seine Geschichtensammlung "Unerhörte Begebenheiten". Ende der 60er-Jahre gab er theoretische Schriften, Dokumentationen und Anthologien heraus. Seit 1984 schreibt er Romane: "Die Hochzeit von Port au Prince", "In Kafkas Schloss", "Wie Karl May Adolf Hitler traf", "Blut im Schuh", "Tanzende Schatten"‚ "Reise um die Welt in acht Nächten"; zuletzt erschienen 2010 der Essay "Haiti - Nachruf auf einen gescheiterten Staat" und 2011 "Apokalypse Afrika".

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