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Tonart | Beitrag vom 19.01.2016

Trip-Hop-Künstler TrickyDankbar auch für das Dunkle im Leben

Tricky im Gespräch mit Vivian Perkovic

Der britische Trip-Hop-Künstler Tricky bei einem Auftritt im Jahr 2013 (dpa / picture alliance / /Ncy)
Tricky bei einem Auftritt im Jahr 2013 (dpa / picture alliance / /Ncy)

Der britische Musiker Tricky gilt als einer der Pioniere des Trip-Hop. Seine aktuelle Platte heißt "Skilled Mechanics". Im Interview spricht er über seine stellenweise dunkle Biografie und warum er mittlerweile in Deutschland wohnt.

Mit Massive Attack gehörte Adrian Thaws alias Tricky Anfang der 90er-Jahre zu den Begründern des Trip-Hop, jenem elektronischen Musikstil, für den langsame, dem Hip-Hop entnommene Rhythmen stilprägend sind. Die Wiege des Trip-Hop, zum dem als zweite große Band Portishead zählt, war an einen bestimmten Ort gebunden: Bristol im Südwesten Großbritanniens.

Seine Herkunft als Leitmotiv

Hier ist Tricky aufgewachsen, in einem sogenannten Council Estate - einer Siedlung voller Sozialwohnungen. Sein Vater machte sich aus dem Staub, noch bevor Tricky auf die Welt kam. Die Mutter beging Selbstmord, da war er gerade mal vier Jahre alt. Immer wieder drehen sich die Songs von Tricky um seine Biografie. Heute empfindet er die Council Estates als sehr düster und abgeschottet - sie rauben ihm die Luft zum Atmen, ein immer wiederkehrendes Motiv auf seinen Platten. Das ist auf seiner aktuellen Platte "Skilled Mechanics" nicht anders.

Im Interview sprach Tricky darüber, warum er auch dankbar für die dunklen Teile seiner Biografie ist und weshalb er nun seit ein paar Monaten in Berlin lebt.

Der Musiker Tricky (Mitte) mit seinen Mitstreitern DJ Milo und Luke Harris. (Mike Hunt / Ballyhoo Media)Der Musiker Tricky (Mitte) mit seinen Mitstreitern DJ Milo und Luke Harris. (Mike Hunt / Ballyhoo Media)


Lesen Sie hier das Interview in voller Länge: 

Vivian Perkovic: Seit gut sieben Monaten wohnt Tricky in Berlin. Deshalb geht es in meiner ersten Frage auch um seinen neuen Wohnort. Ich glaube, für Tricky hat es auch damit zu tun, seinen Wohnort zu wählen, damit, wie gut der ihn atmen lässt. Also, buchstäblich körperlich und auch physisch. Weil Atmen auch ein paar Mal auf "Skilled Mechanics" erwähnt wird. Und lustigerweise gibt es ja gerade über Berlin dieses ganz alte Lied, diesen Schlager, "Die Berliner Luft", 1904 geschrieben, in dem es eigentlich darum geht, dass Berlin als lustige und frivole Stadt beschrieben wird, in der Amüsement nicht viel kostet. Und deswegen möchte ich jetzt von Tricky wissen, was Berlins Luft für ihn getan hat.

Tricky: Was ich an Berlin mag, ist, dass die Stadt noch nicht so affektiert ist wie London oder New York. Die Londoner haben diese schlechte Angewohnheit zu denken, dass sie alles wissen, nur weil sie eine Musikszene und eine Modeszene haben. Ich komme ja aus England. Und dann gibt es New York, wo im Moment alles so trendy ist. Ich habe da viele Jahre gelebt. In Berlin findest Du noch Individuen, den Leuten ist es egal, wie du aussiehst. Du kannst im Schlafanzug rausgehen, und den Leuten ist es egal. Ich denke, Berlin ist eine der letzten großen Städte, die ihre Kultur bewahrt haben und wo es nicht nur ums Geld geht.

Perkovic: Weil es da keine gibt? Es ist eine Stadt, die die ganze Nacht offen hat. Wie wichtig ist denn diese Nacht für Tricky?

Tricky: Überhaupt nicht. Ich bin seit sieben Monaten hier und bin nur einmal ausgegangen. Und das war, weil ein Freund, ein DJ, aufgelegt hat. Abgesehen davon war ich in Berlin gar nicht unterwegs. Aber mir ist aufgefallen, dass es viele Plätze gäbe, die ich aufsuchen könnte, wenn ich, sagen wir, um drei oder vier Uhr morgens aufwache würde und mich danach sehnte. Aber zu wissen, dass ich könnte, wenn ich nur wollte, hilft mir auch gleichzeitig, in meinen eigenen vier Wänden zu bleiben.

Perkovic: Ich dachte jedenfalls, die Berliner Luft war auch interessant für Sie, weil das Thema "Atmen", "Breathing" so oft auf "Skilled Mechanics" auftaucht.

Tricky: Beim Atmen geht es nicht nur darum, dass ich selbst atme. Ich komme aus einer Gegend, die man als Council Estate bezeichnet, als eine Gegend voller Sozialwohnungen. Es ist sehr schlecht, wenn man da wohnen muss. Wenn ich jetzt dorthin zurückgehe, kommen mir die Leute da sehr düster vor, es ist irgendwie eine abgeschottete Gesellschaft für sich. Geld gibt es da keines.

Perkovic: In Bristol, Knowle West.

"Es geht darum, raus aus seiner Umgebung zu kommen"

Tricky: Ja. Nach Knowle West geht man einfach nicht. Als ich noch bei Massive Attack war, gab es nur ein Bandmitglied, das mal in Knowle West war. Die anderen waren nie dort und hatten auch keinen Grund dazu. Es ist schwierig, in dieser Umgebung zu atmen. Als ich 15 war, war mir bereits klar, dass ich da weg musste. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich anfing, mich mit einem Mädchen aus Clifton zu treffen, einem Vorort von Bristol. Als ich die Häuser dort gesehen habe, war ich sehr beeindruckt – obwohl das auch nicht gerade die Häuser von irgendwelchen Millionären waren. Es geht also nicht darum, dass ich atme. Es geht darum, raus aus seiner Umgebung zu kommen.

Perkovic: Zum aktuellen Album gibt es natürlich auch ein Video, das Sie veröffentlicht haben – für den Song "Diving Away". Da sitzen sie in einem sehr deutschen Mehrfamilien-Hauseingang, neben einer Gardine vor Pflanzenkübeln mit Dekoration. Typisch Deutschland. Wie haben Sie diesen Ort ausgesucht?

Tricky: Da lebe ich. Gegenüber von mir wohnt eine libanesische Familie, die wirklich cool ist. Im Sommer habe ich mit den Kindern Fußball und Badminton gespielt. Ich selbst lebe in einem kleinen Loft. In der Ecke wohnen noch andere Libanesen und ein paar Studenten. Ich bin nicht nach Berlin gekommen, um hier Kunst zu machen. Es ist eben einfach mein Leben. Die Orte, die man in dem Video sieht, sind die Orte, an denen ich mich aufhalte, die Cafés, in denen ich im Sommer meinen Kaffee trinke. Also alles ganz natürlich.

Perkovic: Sie sind schon 20 Jahre im Musikgeschäft und immer noch ein altmodischer Advokat für Künstler-Ethos geblieben, dem es nicht um sich selbst geht, sondern darum, Musik zu machen, die Menschen auch in schwierigen Zeiten begleiten kann. Wie allein fühlen Sie sich denn mit dieser Haltung im Jahr 2016?

Tricky: Ich habe es immer geliebt, Musik zu machen. Ich wollte nie ein Superstar sein. Berühmt zu sein, hat mich nie interessiert. Einmal kam ein Typ zu mir. Das war in den USA, ich stand im Publikum vor meiner Show, weil ich mir den Opener angucken wollte. Und da kam dieser junge Typ und erzählte mir, dass er zehn Tage im Koma lag. Und weil er immer meine Musik gehört hatte, spielten ihm seine Eltern meine Musik vor, als er im Koma lag. Und als wir in Philadelphia waren, haben zwei meiner Bandmitglieder nach dem Konzert eine Krankenschwester getroffen, die auf einer Station für Kinder arbeitet, die Opfer von Verbrennungen geworden sind. Denen spielt sie meine Musik vor. Dann habe ich auf einem Festival eine schwangere Frau getroffen, Mutter von zwei Kindern. Sie sagte zu mir: Du bist in meinem Leben, Du gehörst zu meinen Kindern. Ihrem ungeborenen Kind spielt sie meine Musik vor. In dem Moment... Da habe ich verstanden, warum ich hier bin. Vorher wollte ich mit meiner Musik die Welt verändern, das beste Album überhaupt aufnehmen. Ich verfolgte so einen Wettbewerbsgedanken. Denn ich komme vom Rap, wo es ja um den Wettstreit geht. Das trage ich in mir, genauso wie den Reggae, bei dem man auch miteinander wetteifert. Aber als diese drei Dinge passierten, merkte ich, dass das alles viel größer ist, als ich es bin.

Den Vater über das Telefonbuch gefunden

Perkovic: Sie benutzen für Ihre Musik auch immer Ihre eigene Biografie – wie im Song "Boy", den wir vorhin gehört haben, aber auch in anderen Liedern, früher schon. Dabei scheinen besonders Ihre Kindheitserinnerungen sehr schmerzhaft zu sein. Davon singen Sie ja auch in "Boy": Sie fühlen, Sie würden untergehen, in die Dunkelheit abgleiten. Aber warum verlassen Sie eigentlich diese Situation nicht? Warum bleiben Sie in der Dunkelheit?

Tricky: Die Leute nehmen das als traurig wahr. Aber wenn man selbst so was hinter sich hat, dann empfindet man das anders. Ich bin froh über alles, das ich durchmachen musste. Aber ich kann die Leute schon verstehen. Ich habe meinen Vater in einem Telefonbuch ausfindig gemacht, als ich zwölf war. Ich entdeckte dort meinen Nachnamen und fragte meine Tante: "Wer ist das?" Und sie sagte: "Das ist dein Vater."

Perkovic: Der Deinen Namen vergessen hatte, wie Du in "Boy" singst. 

Tricky: Manche Leute finden, dass das traurig ist. Aber ich finde das vor allem interessant. Wie viele Leute lernen ihren Vater schon über das Telefonbuch kennen? Ich empfinde das als eine großartige Geschichte. Ich sage auf dem Album auch, dass ich träume, dass ich ertrinke. Mein Asthma wurde erst dann richtig schlimm, als meine Mutter Selbstmord beging. Denn Asthma ist vor allem eine Sache der Psyche. Aber ich bin nicht traurig, dass mir das passiert ist. Tatsächlich bin ich froh, dass ich das alles so erlebt habe, weil es mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin.

Perkovic: Sie haben gesagt, Sie machen keine Musik, sondern Musik macht Sie. Wie denn?

Tricky: Wenn jemand als Talent oder als Genie bezeichnet wird, dann passt mir das nicht. Denn es ist die Musik, die dir sagst, was du zu tun hast. Du kannst dich noch so sehr anstrengen, und es passiert einfach nichts. Und wenn du dich dann mal entspannst, läuft es wie von selbst. Ich zum Beispiel mag es, in meiner Wohnung aufzunehmen. Manchmal fällt mir nicht ein, wohin sich ein Song oder der Sound entwickeln soll. Aber dann koche ich mir etwas, und beim Karotten-Schneiden oder Tomaten-Schälen fällt mir etwas ein. Ein Lied schreibt sich selbst. Wenn du ihm nur genau zuhörst, sagt dir der Song, worum es ihm geht.

"Ich habe ganz oft einfach keine Ahnung, was ich tue"

Perkovic: Sie haben ja auch Fans mit dieser Musik in der Generation, die erst geboren wurden, als sie in den 90ern mit Massive Attack anfingen. Warum glauben Sie, sind Sie und Ihre Musik so langlebig?

Tricky: Ich habe meinen eigenen Sound. Wahre Musiker wie Jimi Hendrix, Kurt Cobain, die Specials oder Billie Holiday – ich könnte noch ewig so weitermachen – hatten alle ihren eigenen Sound. Auf Festivals habe ich Bands gehört, deren Musik sehr nach meiner klang. Diese Musiker sind von mir beeinflusst, aber sie haben keine Ahnung, wer ich bin. Sie wissen nicht, wo die Quellen meiner Musik liegen. Meine Musik erkennt man, wenn man sie hört. Viele Leute haben versucht, sie zu kommerzialisieren. Einmal war ich in Japan und ein Typ sagte zu mir: Deine Songs klingen nach Timbaland. Dabei hat Timbaland mich kopiert. Aber dieser Typ in Japan hatte einfach dieses Wissen nicht. Mich gibt es schon so lange, weil ich einen eigenen Sound habe.

Perkovic: Aber wenn sich die Musik selbst macht, was tun Sie denn dann zu dieser Musik dazu?

Tricky: Keine Ahnung haben, naiv sein. Ich setze mich nicht hin und baue einen Beat im Dreivierteltakt. Das passiert einfach. Ich bin zwar ein Rechtshänder, aber ein Linksfuß. Ich schreibe mit meiner rechten Hand, Fußball spiele ich aber mit meinem linken Fuß. Meine Koordination funktioniert also nicht richtig. Ich habe außerdem kein Taktgefühl. Ich habe kein Wissen. Meine erste Single hieß "Aftermath". Ein Musiker sagte mir mal, dass darin zwei Blue Notes aufeinander folgten und dass das musikalisch nicht korrekt sei. Ich kann so was gar nicht raushören. Ein anderes Mal hat mir jemand gesagt, dass der Gesang meiner Sängerin Martina Topley Bird gar nicht in der selben Tonart ist wie der Rest des Songs. Ich wurde gefragt, warum das trotzdem funktioniert. Allerdings habe ich keine Ahnung, warum. Es ist eben so. Die Leute glauben, dass ich mich gerne clever geben will. Aber ganz oft habe ich einfach keine Ahnung, was ich tue. Ich habe keine musikalische Ausbildung, also auch keine musikalischen Regeln, die ich befolgen könnte. So kann meine eigene Musik entstehen. Ich kann mein eigenes Ding machen.

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