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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.04.2016

"Tree of Codes" in KölnMusiktheater als Labor des Bewusstseins

Von Ulrike Gondorf

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Die Baustelle der Oper, fotografiert am 27.11.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen). (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Die Sanierung der Oper in Köln läuft noch, aber mit Stücken wie "Tree of Codes" wird Musiklieberhabern trotzdem einiges geboten. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Das an der Kölner Oper uraufgeführte Musiktheaterstück "Tree of Codes" der australischen Komponistin Liza Lim entführt die Zuschauer in in ein alchimistisches Labor des Bewusstseins. Es geht um Verwandlung, Musik und Handlung entfalten eine soghafte Wirkung.

Im dämmerigen Einlasslicht zeichnet sich auf der Bühne eine Art Laboratorium ab: Weiße Schutzkleidung hängt an Haken, auf Tischen stehen seltsame Objekte: ein präparierter Vogelkopf, eine Maske, eine Baumwurzel zwischen technischen Gerätschaften, Messapparaturen und Musikinstrumenten. Nach und nach erscheinen die Mitarbeiter zum Dienst, tauschen ihre Alltagskleidung gegen weiße Kittel und greifen zu den Instrumenten. Es sind die Mitglieder des Ensembles Musikfabrik, die im doppelten Sinne spielen an diesem Abend: als Instrumentalisten und als Darsteller im einem traum- und rätselhaften Drama.

Der Grundthema ist angeschlagen mit diesem Eröffnungsbild in der Uraufführung des Musiktheaterstücks "Tree of Codes" von der australischen Komponistin Liza Lim an der Kölner Oper: Es geht um Verwandlung, um das alchimistische Labor des Bewusstseins, in dessen labyrinthische Gänge die Komponistin und der Regisseur Massimo Furlan das Publikum immer tiefer hineinlocken werden in den folgenden 90 Minuten. Und dass die Musiker zugleich die Akteure sind, das kann gar nicht anders sein. Denn es geht um eine Geschichte, die nur in Musik erzählt werden kann: In der Gleichzeitigkeit der Klänge, mit der emotionalen Intensität und der schwebenden Ambivalenz der Töne. Eine lineare Nacherzählung in Sprache kann gar nicht abbilden, worum es hier geht. Liza Lim und das ganze Team dieser Uraufführung, die das Stück gemeinsam entwickelt haben in dreijähriger enger Zusammenarbeit, haben ein zwingendes Stück Musiktheater geschaffen.

Phantastische Bilderwelten

Es ist der dritte Aggregatzustand einer Geschichte, die der polnisch-jüdische Erzähler Bruno Schulz erfunden hat. "Die Zimtläden" heißt seine Sammlung kurzer Geschichten, in denen die phantastischen Bilderwelten ostjüdischer Poesie eine fragmentarische Familienchronik umspielen, im Mittelpunkt ein spannungsvolles Vater-Sohn-Verhältnis. Die "Zimtläden", in der englischen Übersetzung "Street of Crocodiles", ist das Lieblingsbuch des amerikanischen Erfolgsautors Jonathan Safran Foer. 2010 hat er ein aufsehenerregendes literarisch-künstlerisches Projekt daraus gemacht.

Auf der Folie der Geschichte von Bruno Schulz erzählt er seine eigene, indem er im wörtlichen Sinne Fragmente daraus herausschneidet. Entsprechend hat er das Buch gestaltet mit ausgestanzten Seiten, in denen nur die erhaltenen Wörter stehen geblieben sind und Leerräume und Wortbrücken im aufgeschlagenen Buch dreidimensional sichtbar werden wie die Sedimentschichten eines geologischen Schnitts. Auch der Titel "Tree of Codes" ist durch diese Methode der Fragmentierung herausgelesen worden aus dem kompletten englischen Buchtitel "Street of Crocodiles". Und so ist Safran Foer im ganzen Buch verfahren, das als Künstlerbuch sofort von Sammlern vergriffen war.

Begeisterter Einsatz

Dann kam Liza Lim und brachte das Buch auf die Bühne mit musikalischen Mitteln. Es beschreibt Leben, Altern und Sterben als eine große individuelle Erfahrung der Metamorphose in einer ständig sich wandelnden Welt. Und da man ja Musik definieren könnte als die permanente Verwandlung des Klanges in der Zeit, ist das natürlich ein sehr viel näher liegendes Thema für eine Oper als man auf den ersten Blick meinen könnte. Die Komponistin treibt ein variantenreiches Spiel mit diesem Prinzip. Sie beginnt zum Beispiel mit einer Klangfläche von Vogelstimmen, lässt die dann langsam in instrumentalen Klang übergehen. Sie verwandelt Instrumentalisten in Sänger (und das phänomenale Ensemble Musikfabrik verwandelt sich in einen vielstimmigen Chor), sie setzt phantastische hybride Instrumente ein wie Blechbläser mit zwei Schalltrichtern oder die Strohvioline, die vom Griffbrett den Schall in einen angeschraubten Grammophon-Trichter überträgt. Sie fordert vom Hauptdarsteller, dass er seine Baritonstimme wohllautend dahinströmen lässt und im nächsten Augenblick in die Counterlage wechselt, um wenig später dann als Sprecher polnische Originaltexte von Bruno Schulz zu deklamieren. Was Christian Miedl in der Hauptrolle des Sohns an diesem Abend leistet, ist sensationell.

Alles ist im Fluss in diesem Stück, keine Identität, keine feste Kontur bleibt bestehen. Man meint, einen Traum zu durchleben, in dem alles stimmig, aber nichts logisch ist und Raum und Zeit verschwimmen. "Tree of Codes" ist eine spannende Entdeckung für das Musiktheater, klug konzipiert und von eminenter Klangsinnlichkeit. In Köln erlebt das Publikum das neue Werk unter optimalen Bedingungen: in suggestiven Theaterbildern des Regisseurs Massimo Furlan, der eigentlich bildender Künstler ist. Und mit einem virtuosen Ensemble, dessen beeindruckende Kompetenz vielleicht noch überboten wird von seinem  jederzeit spürbaren, begeisterten Einsatz für das neue Werk. 

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