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Montag, 22.01.2018

Thema / Archiv | Beitrag vom 26.03.2010

Transsexuell, jung und ohne bestimmbare Ethnie

Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho über frühere und gegenwärtige Schönheitsideale

Thomas Macho im Gespräch mit Susanne Führer

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Thomas Macho, Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Universität (Thomas Macho)
Thomas Macho, Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Universität (Thomas Macho)

Derzeit würden zunehmend Menschen für schön gehalten, die jung und "auf eine seltsame Art und Weise transsexuell, das heißt also nicht eindeutig dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zuordenbar" sind, sagt der Kulturwissenschaftler Thomas Macho anlässlich der Ausstellung "Was ist schön?" im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden.

Susanne Führer: Eine junge Frau blickt in den Spiegel und zupft sich die Augenbrauen. Mit diesem Bild wirbt das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden für seine neue Sonderausstellung "Was ist schön?", die morgen eröffnet wird. Zur Ausstellung gibt es einen Begleitband. Einer der Herausgeber und Autoren ist Thomas Macho, Professor für Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Tag, Herr Macho, schön, dass Sie da sind!

Thomas Macho: Guten Tag, Frau Führer!

Führer: Liefert dieses Ausstellungsplakat nicht schon zwei wichtige Hinweise für die Beantwortung der Frage "Was ist schön?", nämlich eine Frau, die jung ist?

Macho: Eine Frau, die jung ist und die etwas tut an sich. Schönheit als Projekt, das wird auch mit diesem Plakat schon zum Ausdruck gebracht, das trifft ganz gut auf unsere Schönheitsvorstellungen zu. Früher hat man das Schöne weit eher mit dem interesselosen Wohlgefallen assoziiert und heute ist Schönheit eine Norm, eine Regel, und der müssen wir vor allem Genüge tun.

Führer: War es nicht vielleicht immer so, dass als schön nur das gilt, was jung ist, also eine junge Frau?

Macho: Der Schönheitsbegriff variiert. Also es gibt in den vergangenen Kultur durchaus auch ältere Menschen, die für schön galten oder schön angesehen waren, und selbst, wenn man sich das, was im Klassizismus dann ja auch so besondere Bedeutung bekommen hat, nämlich das Statuen- und Figurenrepertoire aus der altgriechischen Antike anschaut, wird man da nicht nur junge Menschen und nicht nur junge weibliche Menschen finden. Wobei ja gerade die griechische Antike eine Zeitspanne war und eine Kultur war, in der man auch dem jungen Mann entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt und gewidmet hat.

Führer: Trotzdem denken wir ja heute im Allgemeinen, wenn man von einem schönen Menschen spricht, immer noch vor allem an Frauen, oder?

Macho: Heute ist das überwiegend so, weil sich hier auch neuerdings ein Trend durchzusetzen beginnt, in dem die Menschen, die für schön gehalten werden, nicht nur jung sind, sondern auch auf eine seltsame Art und Weise transsexuell, das heißt also nicht eindeutig dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zuordenbar. Das sind so Gesichter, die changieren können, das kann man auch manchmal mit digitalen Mitteln noch verstärken zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen. Und ich habe oft das Gefühl, dass unser Ideal eines Menschen eigentlich im Moment das Ideal eines nicht mehr einer bestimmten Ethnie zuordenbaren, nicht mehr einem Geschlecht zuordenbaren und sehr wohl aber einem bestimmten Alter zuordenbaren Menschen ist.

Führer: Nämlich einem jungen Alter. Lassen Sie uns noch mal ein bisschen, bevor wir auf das heutige Schönheitsideal kommen, noch mal gucken über die Mechanismen. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann ist Schönheit sozusagen nichts Ewiges, sondern wird immer kulturell geformt, ist immer abhängig von einer bestimmten Zeit und auch von einer bestimmten Gesellschaft.

Macho: So würde ich das behaupten. Das ist nicht ganz unumstritten, es gibt durchaus Evolutionstheoretiker und Neurobiologen und dergleichen, die versuchen, irgendwelche Universalien des Schönen herauszufinden, aber ich halte es eher mit der Kulturgeschichte und bin eher der Meinung, dass das, was entscheidend ist am Schönen, dass das kulturell variiert.

Führer: Wenn jetzt also variabel in der Geschichte ist, was wir als schön empfinden, dann kann ich mir vorstellen, ist auch nicht immer gleich, welchen Stellenwert die Schönheit oder ein schöner Mensch. Was wird denn einem schönen Menschen zugeschrieben?

Macho: In der Tat ist das ganz verschieden, was einem schönen Menschen zugeschrieben wird, und natürlich ist auch sehr verschieden, ob der schöne Mensch einen hohen oder nicht so hohen Wert hat. Ich fand darin immer sehr aufschlussreich die Diskussionen, die es sowohl in der griechischen Antike als auch im frühen Christentum gab darüber, dass ausgerechnet die Heroen, die Leitbilder dieser Kulturen, nämlich der Philosoph Sokrates und der Erlöser Christus, hässliche Menschen gewesen seien.

Führer: Und heute, was verspricht uns heute die Schönheit?

Macho: Heute verspricht uns die Schönheit eben Makellosigkeit, Symmetrie. Heute ist die Schönheit eine Regel, der wir genügen müssen, heute ist die Schönheit etwas, was aus Modellen abgeleitet werden kann.

Führer: Also ein Synonym für Erfolg im Grunde?

Macho: Ein Synonym für Erfolg, ein Synonym für langes Leben und dergleichen mehr.

Führer: "Was ist schön?", so heißt eine Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum, und über diese Frage spreche ich im Deutschlandradio Kultur mit dem Kulturwissenschaftler Thomas Macho. Herr Macho, es ist ja so, wir haben es schon angedeutet, dass ja heute dank der ästhetischen Chirurgie Schönheit gemacht werden kann. Früher war das ja Schicksal oder ein Gottesgeschenk oder eben auch nicht Geschenk. Wie verändert das den Stellenwert der Schönheit?

Macho: Ganz enorm, weil das eine Anforderung wird, der ich mich unterwerfen muss. Die britische Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin Susie Orbach, die schon in den späten 70er-Jahren ein Buch geschrieben hat über Anti-Diets, die hat gerade ...

Führer: Das Anti-Diät-Buch.

Macho: Genau ... hat gerade ein Buch veröffentlicht, wo sie vom Schlachtfeld der Schönheit spricht und berichtet auch aus ihrer Praxis in den Frauentherapiezentren, in denen sie arbeitet, berichtet also von den Beschädigungen unserer Körperbilder, die damit zusammenhängen, dass wir von ganz früh auf das Gefühl haben, so, wie wir eigentlich aussehen, sind wir nicht richtig. Wir müssen also anders aussehen, wir müssen ganz viel tun, um anders auszusehen. Und das schließt jetzt ganz kleine Dinge ein, also dass man zum Beispiel ein bestimmtes Gewicht nicht überschreiten darf, und das kann natürlich dann bei entsprechender finanzieller Leistungsfähigkeit auch dazu führen, dass man eine Schönheitsoperation nach der anderen über sich ergehen lässt, um dann dieser Regel zu entsprechen und zu genügen, und was für Risiken man dann mit Botox, mit Facelifting, mit vergrößerten oder verkleinerten Brüsten, Nasen, Lippen und dergleichen mehr eingeht.

Führer: Ich finde das ja einen interessanten Widerspruch – man könnte ja auch annehmen, wenn die Schönheit so machbar geworden ist, dass sie eigentlich ja auch ihren Wert verloren hat?

Macho: Ja, das wäre ...

Führer: Also sie ist ja sozusagen nichts Singuläres mehr, dass man sagt, guck mal, diese schöne Frau. Heute sagen wir, na, ob das man echt ist.

Macho: Ja, das ist vollkommen richtig. Abgesehen davon ist diese Schönheit als Projekt, diese Anforderung, die mit der Schönheitsoperation uns gestellt wird, eben schon eine Anforderung, der zu genügen nicht jedermann in gleichem Umfang möglich ist, sodass also die Distinktionen, die mit Schönheit assoziiert werden, nicht ganz verschwunden sind.

Führer: Weil man dafür Geld braucht.

Macho: Weil man dafür Geld braucht, weil man dafür Kontakte braucht, weil man dafür auch Zeit braucht.

Führer: Was ja zu unserer Gesellschaft passt, ist zum einen Schönheit und zum anderen der Wettbewerb. Und Sie schreiben in Ihrem Artikel in dem Begleitband, Herr Macho, auch viel über Schönheitswettbewerbe. Wann ging denn das eigentlich los, war das nicht schon in der Antike, als Paris wählen sollte, welche Göttin die Schönste ist?

Macho: Ja, wobei man sagen kann, das war kein Schönheitswettbewerb, das hieße dann doch, die Göttinnen drastisch zu unterschätzen. Die Schönheitswettbewerbe in moderner Hinsicht beginnen Mitte des 19. Jahrhunderts, und nicht zufällig war einer der Ersten, der sich Gedanken gemacht hat über einen Schönheitswettbewerb der wahrscheinlich begnadetste Entertainer des 19. Jahrhunderts, nämlich Phineas Taylor Barnum. Der hat fast alles erfunden, was man heute auch in der Unterhaltungsindustrie noch kennt – nicht nur den Zirkus, sondern eben auch allerlei Arten von Freakshows, der hat auch die Hundeschönheitswettbewerbe und Vogelschönheitswettbewerbe und dann hat er es mit Babys versucht und dann mit Frauen. Das ist ihm zunächst misslungen, und dann kam er auf die Idee, dass man das irgendwie vermitteln muss, nämlich über die Fotografie. Und dann hat es irgendwann funktioniert. Die ersten richtigen Schönheitswettbewerbe waren demgemäß dann auch abhängig davon, dass man über Medien der Verbreitung von Fotografien ausreichend verfügte, und das ist dann tatsächlich erst so im 20. Jahrhundert, in den 20er-Jahren passiert. Und da gibt es viele sehr hübsche und schöne Beispiele. So um die beginnenden 20er-Jahre herum beginnt das Modell-Business, so um diese Zeit herum. Wir hatten aber auch die ersten Schönheitswettbewerbe ausgekämpft, und das oft mit einer großen Vielfalt an Varianten. Mein Lieblingsbeispiel ist Frankreich, damals hat man die Miss Frankreich – die hieß damals noch nicht Miss natürlich, in Frankreich schon überhaupt nicht ...

Führer: Natürlich nicht.

Macho: ... hat man die aus Fotografien, die eingesendet wurden, gewählt, und die haben zunächst durch eine Jury, die 2000 Fotografien vorsortieren lassen hat, 50 ausgesucht. Die wurden dann in allen Kinos landesweit gezeigt, und man konnte mit der Kinoeintrittskarte einen Stimmzettel erwerben und für die schönste Frau stimmen. Das hat dann eine junge Dame namens (…) (Anm. d. Redaktion: Schwer verständlich im Hörprotokoll)

Führer: Eine 17-Jährige.

Macho: ... gewonnen, die war damals 17. Das Foto, das sie eingeschickt hatte, war aber von ihrer Erstkommunion, das heißt, das war noch wesentlich früher. Und ja ...

Führer: Aber ich finde, man merkt ja diesen Schönheitswettbewerben heute auch noch die Herkunft an, was Sie gesagt haben, also Hundewettbewerbe, das hat ja doch, also meiner Meinung nach, etwas Entwürdigendes. Und ich finde, es steckt doch auch schon die Idee drin, Schönheit als Kapital, den Körper als Kapital zu nutzen, oder?

Macho: Ja. Und das ist natürlich eine Idee, die sich im Schlachtfeld Schönheit, wie Orbach das nennt, umfassend durchgesetzt hat. In der Tat wird heute höhere Intelligenz schöneren Menschen zugetraut, und das war vor wenigen Jahrzehnten noch nicht so, sondern da wären wir noch eher wie im Kreis um Sokrates oder im Frühchristentum der Ansicht gewesen, dass zum Beispiel hohe Intelligenz durchaus mit Hässlichkeit übereinkommen kann. Heute ist Schönheit tatsächlich ein Kriterium für Hochleistung in allen Bereichen geworden, ob das der Sport oder ob das die Bildung ist, ob das tatsächlich der Kapitalmarkt und die Ökonomie und die Wirtschaft ist, es ist ein ganz wichtiges Kapital, auf das sich unsere Unternehmungen dann gründen lassen müssen.

Führer: Und das erklärt auch, warum Models heutzutage zu Stars geworden sind.

Macho: Das erklärt, warum Models zu Stars geworden sind, wobei die Models eben tatsächlich schon in den 50er-, 60er-Jahren beginnen, Stars zu werden, aber noch national begrenzt. Und eben in dem Maße, in dem sich Globalisierungsprozess auch als Globalisierung von Kapital und Dienstleistungen und Waren durchgesetzt hat, sind die Models als Global Models eben auch Topmodels, Supermodels, große Stars geworden, denn sie müssen in der gesamten Welt wirken.

Führer: Sie haben von den Zurichtungen des Körpers gesprochen, Herr Macho, und den Preis, der dafür bezahlt werden muss, also was Susie Orbach geschrieben hat, die Frauen, die schön sein wollen. Nun wurde gerade in Zusammenhang mit den Models ja viel über die Magersucht junger Mädchen gesprochen, sozusagen, dass die Models dafür Vorbild sind. Man kann das ja vielleicht auch ein bisschen anders lesen, quasi als einen Widerstand gegen diese Kolonisierung des Körpers, die Magersucht, oder? Den Körper zum Verschwinden bringen zu wollen oder?

Macho: Das wäre eine spannende These, zu sagen, die Magersucht ist auch eine Widerstandsleistung. Sie ist es in gewisser Hinsicht auch, aber natürlich eine Widerstandsleistung, die mit so enormen Strategien und Techniken der Selbstauslöschung einhergeht, dass man das Widerstandspotenzial eben mit dem eines Selbstmordattentäters vergleichen könnte. Das heißt, man macht den eigenen Tod, die eigene Auslöschung, die eigene Annihilation noch zum Projekt für ein höheres Ziel. Und das ist natürlich etwas, wo man dann schon mit sehr ambivalenten und gespannten Gefühlen draufguckt. Man kann aber vielleicht sagen, die Diskussion um Models, um Magersucht, um Schönheitswahn, um Schönheit als Schlachtfeld, die bricht seit einigen Jahren mit großer Vehemenz auf, und es gibt schon einen Gestus, in dem diese Selbstverständlichkeit, mit der Körpernormen für die gesamte Menschheit verhängt werden, in dem dieser Gestus selber reflektiert und kritisch kommentiert werden kann.

Führer: Thomas Macho, Professor für Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Er ist einer der Herausgeber und Autoren des Begleitbands zur Ausstellung "Was ist schön?", die morgen im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden für das Publikum geöffnet wird. Und eine Ausstellungskritik können Sie heute Abend in unserem Kulturmagazin "Fazit" ab 23 Uhr hören. Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Besuch, Herr Macho!

Macho: Ich bedanke mich, Frau Führer!

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