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Dienstag, 16.01.2018

Tonart | Beitrag vom 30.06.2016

Traditionell-moderne Musik aus FinnlandEin niemals endender Strom der Musik

Von Wolfgang Meyering

(Deutschlandradio / Brigitte Jünger)
Die finnische Kantele, so etwas wie das Nationalinstrument des Landes. Vilma Timonen spielt sie auf ihrem Album "Drops" (Deutschlandradio / Brigitte Jünger)

Karelien heißt die Region in Finnland, die an Russland grenzt. Von hier kommen die Gruppe Puhti und die Musikerin Vilma Timonen. Beide verbinden traditionelle finnische Musik mit modernen Einflüssen.

"Aus dem Blickwinkel des Tänzers hat die Karelische Musik für mich viel Ähnlichkeit mit elektronischer Musik. Es ist wie Trance Musik. Die gleichen Dinge wiederholen sich immer wieder. Sehr minimalistisch."

Für die beiden Finninnen Anne-Mari Kivimäki und Reetta-Kaisa Iles hat die Musik Kareliens - der Grenzregion zwischen Russland und Finnland - viel Ähnlichkeit mit elektronischer Trance Music. Sich wiederholende Figuren, ebenso wie kompositorischer Minimalismus zählen zu den Gemeinsamkeiten. Wie ein Chamäleon sich seiner Umwelt farblich anpasst, so passen sie die Musik Kareliens an die Klangfarben und die Hörgewohnheiten ihrer modernen Umwelt an. Und das mit reduzierten Mitteln. Nur zwei Frauenstimmen, ein Akkordeon und perkussive Tanzschritte. Inspiration holen sie sich dafür bei historischen Archivaufnahmen des finnischen Akkordeonisten, Tänzers und Geschichtenerzählers Ilja Kotikallio.

"Inspiriert durch ihn machen wir heute, in einer modernen Gesellschaft, das, was er in seiner Zeit getan hat. Denn die Menschen, für die wir spielen, leben heute."

Wie Ilja Kotikallio wollen auch sie ihr Publikum im besten Sinne unterhalten. Und das tun sie mit ausgefeilten Bühnenprogrammen bei denen sie Musik, Gesang, Theater und Tanz miteinander verbinden. Dabei kommen auch viel Stand-up-Comedy und Cabaret-Einflüsse zum tragen. Mit Igelfrisur und ihren farbenfrohen Kostümen wirken sie wie zwei Musikclowns. Aber die traditionellen finnischen Texte haben es oft in sich, wenn sie sich zum Beispiel im Titelsong ihrer CD "Komia" über männliche Klischees lustig machen. Beeindruckend ist dabei die Art wie sie ihre musikalischen Mittel einsetzen. Man glaubt manchmal eine ganze Band zu hören, wo nur die beiden Finninnen zu hören sind. Gekonnte Schlichtheit ist bei ihnen Programm.

Minimalistisch und rhythmusbetont

"Schlichtheit ist etwas, das wir beide lieben. Oft sind die einfachen Dinge wesentlich emotionaler als komplizierte Melodien oder komplexe Strukturen. Wir lieben es einfach, minimalistisch und rhythmusbetont."

Schlichtheit, Minimalismus und Beat das sind drei Säulen auf denen die Musik von Puhti aufbaut. Beim Vilma Timonen Quartet steht die Kantele im Mittelpunkt der Band Konzepts. Die traditionelle Kastenzither ist so etwas wie das finnische Nationalinstrument. Doch die historischen Instrumente waren sehr empfindlich und vor allem leise und eigneten sich nicht um sie mit lauten Instrumenten zusammen zu spielen. Das ist bei dem Instrument von Vilma Timonen anders.

"Die elektrische Kantele macht es möglich für den Spieler, das er in jeder Art von Ensemble oder Besetzung spielen kann."

Die elektrische Kantele ist ein Instrument, das es dem Spieler oder der Spielerin erlaubt, in jeder denkbaren Besetzung mitzuspielen. Auch sie setzt das Instrument in einem neuen, modernen Kontext ein und passt die Klangfarben der Kantele chamäleonartig den veränderten musikalischen Umweltbedingungen an. Und an diesem Prozess wirkt anscheinet auch das Instrument selbst aktiv mit.

"Manchmal habe ich das Gefühl wenn ich zum Beispiel spezielle Techniken auf der Kantele ausprobiere, das mein Instrument mir sagt was für eine Art Musik es spielen möchte."

Außerordentlich kreative Musikszene

Tradition ist für Vilma Timonen und ihr Quartet wie ein beständiger Strom, der durch die Zeiten fließt. Daher auch der Titel "Drops" des neuen Albums der Finnin. Denn jeder Fluss besteht aus unzähligen Tropfen und jede Musiktradition aus unzähligen Noten. Das verbindet, meint Vilma Timonen, alle Traditionen auf dieser Welt.

"Es gibt große Ähnlichkeiten in den traditionellen Musikstilen der Welt. Und ich hatte diese Idee im Kopf von einem niemals endenden Fluss der Musik. Und den gibt es überall."

Das trancehafte der musikalischen Strukturen ist - bei aller Unterschiedlichkeit im Klang - das was die beiden neuen finnischen CDs verbindet. Beide Ensemble schaffen es die finnischen Musiktraditionen in ihre modernen Konzepte, die sich an modernen Hörgewohnheiten orientieren, einzubinden. Zwei Alben die wieder einmal die außerordentliche Kreativität der finnischen Musikszene belegen.

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